About this Recording
8.557388 - RUSSIAN AND SLAVONIC MINIATURES
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Fritz Kreisler (1875–1962)
Transkriptionen für Violine und Klavier

Fritz Kreisler wurde 1875 als Sohn eines Arztes geboren. Dieser, ein eifriger Amateur-Violinist, gab seinem Sohn vom vierten Lebensjahr an ersten Unterricht auf diesem Instrument. Es folgten Stunden bei Jacques Auber, und im Alter von sieben Jahren war er reif für das Wiener Konservatorium. Dort studierte er Violine beim jüngeren Joseph Hellmesberger (1855– 1907) und Musiktheorie bei Anton Bruckner. Mit zehn Jahren erhielt er die Goldmedaille des Konservatoriums. Danach studierte er am Pariser Konservatorium als Schüler von Massart und besuchte Theoriestunden bei Léo Delibes (1836–1891). Zwei Jahre später gewann er den Premier Grand Pris, den er sich mit vier anderen Musikern teilte, die alle gut zehn Jahre älter waren als er. Dieser Erfolg markiert das Ende seiner professionellen Ausbildung als Violinist.

Bereits im Alter von vierzehn Jahren begann Kreisler eine internationale Karriere als Virtuose, indem er sich 1888 zusammen mit dem Pianisten Moritz Rosenthal (1862–1946) auf eine Konzerttournee in die Vereinigten Staaten begab. Im Folgejahr kehrte er nach Wien zurück, um vor dem Militärdienst seine Ausbildung fortzusetzen und ein Medizinstudium aufzunehmen. 1896 beschloss er jedoch, zur Musik zurückzukehren. Obwohl er das Vorspiel beim Wiener Hofopernorchester nicht bestand, konnte er 1898 mit diesen Musikern als Solist auftreten und mit noch größerem Erfolg seine internationale Karriere fortsetzen – mit Konzerten in Berlin, in den Vereinigten Staaten, in London und anderswo. 1910 gab Kreisler in London die Uraufführung von Elgars Violinkonzert, das ihm gewidmet ist.

Während des Kriegsdienstes in der österreichischen Armee in den ersten Kriegsmonaten verwundet, gelang es ihm, Zeit für das Komponieren zu finden, besonders für die kurzen Violinstücke, die ihn bekannt machten. Kreislers Rückkehr in die Vereinigten Staaten wurde vom Publikum zunächst nicht gut aufgenommen, so ging er 1924 nach Berlin, wo er bis zum sog. Anschluss Österreichs 1938 blieb. Trotz des Angebots der französischen Staatsbürgerschaft ging er in die Vereinigten Staaten zurück, wo er seine Karriere fortsetzte, bis ein Unfall ihn nötigte, seine Auftritte zu reduzieren. Er starb 1962 in New York, nachdem er 1950 sein letztes öffentliches Konzert gegeben hatte.

Zu Kreislers Stil gehörte ein ausgeprägtes Vibrato, angewandt bei kürzeren wie auch längeren Noten. Seine ganz eigene Methode des Fingersatzes ist in vielen seiner Editionen von Hauptwerken des Violinrepertoires festgehalten, während seine Bogenführung eine Süße des Tons bewirkte, die exzessiven Druck oder forcierte Lautstärke verhinderte. Als Komponist schuf er sowohl Transkriptionen als auch eine Reihe kleiner Stücke, die er weniger bekannten Komponisten der Vergangenheit zuschrieb. Als er schließlich die wahre Autorschaft dieser Stücke offen legte, zog er sich die Gegnerschaft von Kritikern zu, die die ursprünglichen Zuschreibungen ironischerweise akzeptiert hatten. Diese populären Kompositionen sind alle ins Standardrepertoire eingegangen.

Die vorliegende Einspielung präsentiert Transkriptionen von Kreisler im Unterschied zu seinen ursprünglich so genannten Klassischen Manuskripten und den Editionen unter dem Titel Meisterwerke. Die CD enthält Transkriptionen insbesondere von Werken Rimsky-Korsakovs, Tschaikovskys und Dvofiáks. Ersterer ist vertreten mit der Hymne an die Sonne 1 aus Le Coq d’or (Der goldene Hahn), seiner letzten Oper, vollendet 1907. Das Libretto von Vladimir Belsky nach Puschkin geht auf das Werk von Washington Irving zurück. In der Geschichte, die mit ihrer Beschreibung amtlicher Inkompetenz die Behörden zu verspotten scheint, wird die Hymne an die Sonne von der bösen Königin von Shemakha gesungen, die sich aufmacht, den ineffektiven König Dodon zu erobern.

Der Orientalische Tanz 2 und das Arabische Lied 5 sind Rimsky-Korsakovs symphonischer Suite Scheherazade (1888) nach Motiven aus Tausendundeiner Nacht mit prominenter Solovioline entnommen. Das Indische Lied 12 entstammt seiner Oper Sadko von 1897, in der ein indischer Händler die Reichtümer seines Landes besingt, bevor er zu seinen langen und vielfältigen Abenteuern aufbricht. Das letzte Werk dieser Aufnahme ist eine Fantasie & über Themen von Rimsky-Korsakov, eines Komponisten, dessen nach und nach erworbene handwerkliche Kompetenz ihm eine führende Position als Überleben der unter den nationalrussischen Komponisten des 19. Jahrhunderts einbrachte.

Tschaikovsky hat im Unterschied zu Rimsky- Korsakov, der zunächst die Laufbahn eines Marineoffiziers absolviert hatte, am neu etablierten Konservatorium in St. Petersburg Musik studiert. Später lehrte er an der Paralleleinrichtung in Moskau, bis er auf Intervention eines generösen Wohltäters von seinen ihm lästigen Verpflichtungen entbunden wurde. Zwei der hier präsentierten Transkriptionen – Scherzo 4 und Chant sans paroles 8– sind seinem Souvenir de Hapsal entnommen, einer Folge von drei Klavierstücken, die er 1867 Vera Davidova als Erinnerung an gemeinsame Ferien mit den Davidovs widmete. Tschaikovskys Schwester Sasha heiratete in diese Familie ein. Die Humoresque 6 ist ebenfalls einem Klavierstück entnommen, einem von zweien solcher Stücke aus dem Jahr 1871. Tschaikovsky selbst arrangierte die Humoresque 1877 für Violine und Klavier, als seine Tätigkeit am Moskauer Konservatorium und seine kurze, unglückliche Ehe ihr Ende fanden. Das bekannte Andante cantabile ^ ist dem Streichquartett Nr. 1 in DDur von 1871 entnommen – ein langsamer Satz, den er später für Cello und Orchester arrangierte und dessen Aufführung durch ein Streichorchester er zustimmte.

Dvofiáks Werk ist eine reiche Quelle für mögliche Transkriptionen. Die CD enthält Versionen der bekanntesten seiner Zigeunermelodien: Lieder, die mich meine Mutter lehrte 3 und die allgegenwärtige Humoresque 9; ferner drei der Slawischen Tänze 7, 13 und 14, ursprünglich Werke für Klavierduo. Die so genannte Slawische Fantasie 10 beruht auf Lieder, die mich meine Mutter lehrte und auf Motiven aus Vier romantische Stücke. Dvofiáks Inspirationsquelle war vor allem sein heimatliches Böhmen, dessen nationale Musiktraditionen er so sehr förderte. 1892 wurde er eingeladen, Direktor des neu gegründeten Nationalkonservatoriums in New York zu werden – er behielt diese Position bis 1895. Der musikalische Ertrag seines Amerika-Aufent ist – obgleich immer noch böhmischen Charakters – in zwei von Kreislers Transkriptionen zu hören. Die so genannte Negrospiritual-Melodie 11 ist das Englischhorn-Thema aus dem langsamen Satz von Dvofiáks Sinfonie „Aus der neuen Welt“ – eine Melodie, die, wo auch immer sie ursprünglich herstammt – später kamen Worte hinzu – den Status eines Folksongs gewann. Die so genannte Indianische Klage 15, ebenfalls aus der amerikanischen Zeit, entstammt dem langsamen Satz der Sonatine für Violine und Klavier. Die Melodie soll vom Anblick der Minnehahafälle angeregt sein – ein weiterer möglicher Beleg für Dvofiaks Begeisterung für Longfellows Hiawatha.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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