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8.557390 - CARISSIMI: Jephte / Jonas
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Giacomo Carissimi (1605–1674)
Jephte • Jonas • Dai più riposti abissi

Der Stadt Marino (Rom) zu Giacomo Carissimis 400. Geburtstag gewidmet (1605–2005).

Giacomo Carissimi begann seine berufliche Laufbahn als Kantor, Organist und maestro di cappella an kirchlichen Institutionen in der Nähe von Rom. Unter anderem war er an der Kathedrale von Tivoli und der Kirche S. Ruffino zu Assisi tätig. Gegen Ende des Jahres 1629 kam es zu einem wichtigen Karrieresprung, als er im Zentrum Roms das Amt des maestro di cappella an dem jesuitischen Collegio Germanico Ungarico und damit die musikalische Verantwortung für die dem Deutschen Seminar gehörende Kirche Sant’Apollinare übernahm. Dieses Amt erfüllte er bis zu seinem Tod im Jahre 1674, und es war diese äußerst angesehene Position, dank derer Carissimi schon früh in ganz Europa berühmt und zu einer der führenden Figuren in der Musik des 17. Jahrhunderts wurde.

Die Pflichten des maestro di cappella an dem genannten Kollegium bestanden im Unterrichten, im Komponieren und in der Leitung sämtlicher musikalischer Aktivitäten. Viele Musiker wie der Franzose Marc Antoine Charpentier oder die Deutschen Christoph Bernhard und Johann Kaspar Kerll ließen sich bei ihm ausbilden, andere lernten den neuen Kompositionsstil auf indirektem Wege über seine Musik kennen. Carissimi ist es zu verdanken, dass während des gesamten 17. Jahrhunderts auf dem europäischen Festland ein Großteil dieses traditionellen italienischen Stils weitergeführt wurde.

Carissimi wirkte nicht nur innerhalb des Collegiums, sondern bekleidete überdies wichtige Ämter außerhalb der Kirche. Unter anderem war er maestro della musica da camera im Dienste der schwedischen Königin Christina; ferner arbeitete er für die römischen Kongregationen, namentlich das Oratorio del Santissimo Crocifisso an San Marcello, für das er wahrscheinlich viele seiner Oratorien schrieb.

Über die Aufführungen am Collegium und am Santissimo Crocifisso gibt es nur wenige direkte Informationen; doch es sind schriftliche Zeugnisse erhalten, die uns eine gewisse Vorstellung geben und verdeutlichen, dass beide Institutionen über reiche musikalische Mittel verfügten. Francis Mortopf, der auf seinen Reisen irgendwann in den 1650er Jahren auch durch Rom kam, beschrieb die Musik am Santissimo Crocifisso nach H.E. Smither (The Oratorio in the Baroque Era) als „eine Musique von dermaßener Süße und Harmonie, wie man sie, wenn man einmal von Rom geschieden, auf Erden nicht ein zweites Mal zu hören erhoffen kann. Sie war mit wenigstens zwanzig Stimmen sowie Orgeln, Laute, Viola und zwo Violinen, die allesamt die Musik so melodisch und kostbar spielten, daß Cicero selber mit seiner Sprachgewalt sie nie und nimmer hätte zu beschreiben vermocht.”

Jephte dürfte heute Carissimis bekannteste Komposition sein. Neben Jonas handelt es sich um eines der wenigen Werke, deren Entstehungszeit sich bestimmen läßt, und zwar auf die Jahre vor 1649. Der Text ist eine freie Bearbeitung der alttestamentarischen Erzählung (Richter 11: 28-38) und viel ausführlicher als die originalen Bibelstellen. Die Erzählung ist dem Historicus anvertraut, der an verschiedenen Stellen von verschiedenen Stimmen gesungen wird. Neben paraphrasierten Passagen aus der Vulgata liefern völlig neue Texte dramatische Momente.

Das Oratorium lässt sich in zwei Hauptabschnitte unterteilen. Der erste beschreibt Jephthas Sieg über die Ammoniter, der zweite handelt von der Tragödie um seine Tochter, die zu opfern er geschworen hatte. Im ersten Teil werden neben vielen andern Mitteln die Einwürfe des Chores genutzt, um den eigentlichen Bibelstoff dramatisch zu verstärken. Bei der Beschreibung der bezwungenen Ammoniter ist das in der originalen Textstelle nicht vorkommende Wort ululantes („heulend, schreiend”) eingefügt, das es dem Komponisten ermöglicht, den dramatischen Topos des Lamento zu verwenden. Von noch größerer Wirkung als dieses Detail ist die Abtrennung der Siegesfeier von dem Gedanken an Jephthas Eid, den der Erzähler einbringt. Der letzte Teil ist mit dem Lamento von Jephthas Tochter und der Wiederholung des Chores besonders wirkungsvoll.

Jonas wird etwa zur selben Zeit wie Jephte entstanden sein. Hinsichtlich der Beziehung zwischen biblischem Original und Oratorientext ergibt sich dieselbe Lage wie dort. Der Wortlaut der Vulgata wird weitgehend ohne Paraphrasen befolgt, doch gibt es wiederum dramatische Einfügungen. Auch dieses Oratorium lässt sich in Abschnitte aufteilen. Der erste folgt den biblischen Abenteuern des Jonas (Jonas 1: 1- 4). Die erste Interpolierung des Chores ist das Et proeliabantur venti („Und die Winde kämpften”), das für zwei separate Chöre geschrieben ist und effektvoll den Sturm widerspiegelt, der das Schiff bedroht, auf dem Jonas schläft. In der Bibel wird diese Episode nur mit wenigen Worten erwähnt. Der zweite Teil ist dem Gespräch zwischen Jonas und den Matrosen gewidmet, das nahe am Originaltext in Dialogform gestaltet ist. Die Beiträge der Matrosen sind von verschiedener Art: Zunächst gibt es ein Duett, dann einen Chor, und dann singen mehrere Chor-Solisten im Wechsel. Die dritte Episode besteht einzig aus dem Gebet, das Jonas im Bauch des Wales an Gott den Herrn richtet (Jonas 2). Der durch instrumentale Ritornelle verstärkte Refrain Placare, Domine, ignosce, Domine, et miserere (Vergib, Herr, und erbarme dich) teilt das lange Rezitativ in drei verschiedene gleichlange Abschnitte. Der Schluss fasst in einigen wenigen Zeilen das ganze dritte biblische Kapitel zusammen. Der Schlusschor ist de facto ein mea culpa der Nineviten, wiederum eine freie Erfindung des Librettisten.

Carissimis enormer Werkkatalog enthält nicht nur geistliche Musik und Oratorien, sondern auch weltliche Kantaten für verschiedene Besetzungen. Das Consortium Carissimi präsentiert hier eine Transkription der Serenade Dai (trai) più riposti abissi, die im Original für zwei Soprane, Bass und Basso continuo geschrieben ist. Hier wird das Werk von zwei Tenorstimmen ausgeführt – einer üblichen Praxis der Zeit entsprechend, derzufolge höhere Stimmen durch Tenöre ersetzt werden konnten. Der Text stammt von Francesco Balducci (1579–1642), „einem höchst sinnreichen Manne, der aber hochmütig war und zu zerstreut für Wagnisse ... rasch der Liebe und Dichtung verloren; Strapazen liebte er nicht sonderlich, und er versuchte auf Kosten von Fürsten und Kardinälen zu leben” (Guido Pasquetti). Balducci wird für gewöhnlich eine wichtige Rolle bei der Kodifizierung des musikalischen Oratoriums zugebilligt. Er war auch Poet, verkehrte in hohen römischen Kirchen- und Adelskreisen und war besonders den Barberini verbunden. Dank ihrer Textwahl und vor dem Hintergrund der römischen „High Society” ist diese Serenade ein schönes Beispiel für die Tätigkeiten, denen Carissimi außerhalb der Kirchenmauern nachging. Unter musikalischen Gesichtspunkten zeigt das Stück eine für die frühbarocke Kantate typische Struktur. Den Versen des Textes entsprechen verschiedene musikalische Abschnitte und verschiedene Techniken und Stile: Rezitativ, Arie, dreiteilige Episoden und Soli, Dialoge, Tutti und instrumentale Ritornelli. All diese Aspekte tragen auf bezaubernde Weise zur Vermittlung der textlichen Details bei, während sie zur selben Zeit eine absolute technische und expressive Transparenz verraten.

Angela Romagnoli
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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