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8.557395 - BRUCH: Scottish Fantasy, Op. 46 / Serenade, Op. 75
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Max Bruch (1838-1920)
Schottische Fantasie op. 46 · Serenade op. 75

Max Bruch ist in erster Linie als Komponist von Violinwerken in Erinnerung geblieben. Neben dem g- Moll-Konzert, das sich bis heute bei Interpreten und Publikum unverminderter Beliebtheit erfreut – und zum großen Verdruss des Komponisten seine anderen Werke für Violine in den Hintergrund drängte –, begegnet man im modernen Konzertbetrieb gelegentlich noch der Schottischen Fantasie und dem d- Moll-Konzert; die anderen Werke schlummern zumeist in den Archiven. Dass sich Bruchs Ruhm zu Lebzeiten in erster Linie auf seine Chormusik gründete, allen voran die großen oratorischen Werke, ist inzwischen weitgehend vergessen. Zwischen 1870 und 1900 gehörten Odysseus, Frithjof oder Das Lied von der Glocke zu den Standardwerken der deutschen Chorvereinigungen; sie verhalfen ihrem Schöpfer zu einem Bekanntheitsgrad, der selbst den eines Johannes Brahms zeitweilig überstieg.

Am 6. Januar 1838 in Köln geboren, erhielt Max Bruch den ersten Musikunterricht von seiner Mutter und bei Heinrich Carl Breidenstein in Bonn. Als Vierzehnjähriger brachte er bereits seinen ersten sinfonischen Versuch zur Aufführung. Später war er Meisterschüler von Ferdinand Hiller und Carl Reinecke. Ausgedehnten Studienreisen schloss sich ein längerer Aufenthalt in Mannheim an, wo 1863 seine Oper Loreley uraufgeführt wurde, die ihm weite Anerkennung verschaffte. Feste Engagements in wechselnden Funktionen als Chordirektor und Kapellmeister erhielt er in Koblenz (1865), Sondershausen (1867), Berlin (1878), Liverpool (1881) und Breslau (1883). Den Höhepunkt erreichte seine Karriere mit der Berufung zum Professor und Leiter der Kompositionsklasse an der Berliner Akademie; zu seinen Schülern zählte dort u.a. Ottorino Respighi. 1911 beendete Bruch seine Lehrtätigkeit und widmete sich fortan ausschließlich kompositorischen Arbeiten. Er starb am 2. Oktober 1920 in Berlin. Zahlreiche akademische Ehrungen zeugen von der Anerkennung, die ihm als Komponist, Dirigent und Musikpädagoge im In- und Ausland gezollt wurde.

Seine Fantasie für Violine mit Orchester und Harfe unter freier Benutzung schottischer Volksmelodien Es- Dur op. 46, die sog. Schottische Fantasie, schrieb Bruch im Winter 1879/80. Sie ist nach seinen eigenen Worten „[Pablo de] Sarasate auf den Leib geschrieben”, der das Werk im September 1880 zur Uraufführung brachte. Das thematische Material entnahm Bruch der aus 600 Volksliedern bestehenden sechsbändigen Anthologie The Scots Musical Museum, die zwischen 1787 und 1803 im Edinburgher Musikverlag James Johnson erschienen war, und an deren letzten Bänden Robert Burns mitgearbeitet hatte. Die Anthologie stellte ein wichtiges Kompendium dar, wenngleich der Sammler- Rivale George Thomson, der ebenfalls mit Burns zusammenarbeitete und u.a. bei Haydn und Beethoven Volksliedbearbeitungen in Auftrag gab, sie als „ein Sammelsurium geschmackloser Lieder” abqualifizierte, „die zu veröffentlichen ich mich schämen würde”.

Die Fantasie beginnt mit einer düster-verhangenen es-Moll-Einleitung, die der Solist rhapsodisch ausweitet. Nahtlos schließt sich der erste Satz an, ein Adagio cantabile, dessen Thema das Lied Der alte Robin Morris verwendet, wobei die Harfe als unverzichtbares Bardeninstrument in den Mittelpunkt rückt. Mit Doppelgriffen stellt der Solist die Melodie vor. Der zweite Satz ist ein in der Partitur ausdrücklich als Tanz bezeichnetes Allegro in dreiteiliger Scherzoform, dem das Lied vom staubigen Müller zugrunde liegt. Nach einer Orchesterintroduktion intoniert es der Solist, wiederum in Doppelgriffen, über einem charakteristischen Bordun. Mit virtuosem Aplomb erfolgt im Solopart die Behandlung des Materials, bevor gegen Ende des Satzes noch einmal reminiszenzartig das Adagio zitiert wird. Das folgende Andante sostenuto in Es-Dur, eine Mischung aus Variations- und Sonatensatz, basiert auf dem Lied Mir ist so leid, denn mir fehlt Johnny. Das zunächst im Horn erklingende Thema wird im Verlauf von der Violine variierend weiterentwickelt. Den Beschluss der Fantasie bildet ein Allegro guerriero, dessen Tempobezeichnung Bruch vermutlich aus Mendelssohns Schottischer Sinfonie übernommen hat. Der Satz verarbeitet ein Kriegslied, das der Überlieferung nach im Jahr 1314 bei der Schlacht von Bannokburn angestimmt wurde.

Die Serenade a-Moll op. 75 für Violine und Orchester aus dem Jahr 1900 ist ein weiterer Beweis für die Meisterschaft von Bruchs Violinwerken – für deren Soloparts er bei seinem Freund und Kollegen Joseph Joachim manchen geigerischen Rat einholte. Am Beginn des Werks steht ein Andante con moto in a- Moll. Gedämpften ersten Violinen antworten Klarinetten und Fagotte, bevor der Solist mit einer im Vergleich zum Eröffnungsmotiv volleren Ausprägung des Themas einsetzt. Das Orchester steuert neues, lebhaftes Material bei, dessen Behandlung zu einem Zentralabschnitt führt, auf den auch die abschließende Reprise zurückgreift. Der zweite Satz, ein Allegro moderato in C-Dur mit Scherzofunktion, beginnt in den Fagotten mit einem marschartigen Duktus, dem sich die anderen Holzbläser, das Blech und schließlich das gesamte Orchester anschließen. Ein mit Un poco meno vivo bezeichneter Abschnitt führt sanftere Klänge ein, denen die Rückkehr des Eröffnungsthemas folgt. Ein Animato-Abschnitt (G-Dur) kommt in der Solovioline mit Triolenfigurationen in Doppelgriffen daher; anschließend erklingt erneut das Hauptthema, das bald zu einer Reminiszenz des Un poco meno vivo führt. Nach einer weiteren, quasi trioartig eingebetteten Episode, meldet sich nachdrücklich das Eröffnungsthema zurück, gefolgt vom Nebengedanken und einer kadenzartigen Passage. Bei dem anschließenden, rezitativisch eingeleiteten Notturno-Satz mit seiner träumerisch entrückten E-Dur-Violinmelodie mag die große Agathen-Szene aus dem zweiten Freischütz-Akt Pate gestanden haben. Weitere thematische Elemente treten hinzu, bevor das Hauptthema mit verzierenden Begleitfiguren im Solopart zurückkehrt. Der unvermittelt hereinbrechende Finalsatz, Allegro energico e vivace, wird von einem auftrumpfenden Hauptthema dominiert, in das der Solist mit virtuoser Attacke einfällt. Überraschend endet die Serenade jedoch mit einem nostalgischen Rückgriff auf den lyrischen Beginn und unterstreicht damit ihren zyklischen Charakter. Über weiten Teilen dieses Werks, das Bruch ursprünglich als sein viertes Violinkonzert veröffentlichen lassen wollte, scheint der Geist Schumanns und Mendelssohns zu schweben.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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