About this Recording
8.557398 - MAXWELL DAVIES, P.: Naxos Quartets Nos. 5 and 6 (Maggini Quartet)
English  German 

Peter Maxwell Davies (geb. 1934)
Naxos Quartets Nr. 5 und 6

Das Naxos Quartet Nr. 5 trägt den Untertitel „Leuchttürme von Orkney und Shetland“. Damit werden nicht nur die dramatische Bewegung des Leuchtfeuers auf den verschiedenen Strukturen der See und der Küste angedeutet, sondern auch die unterschiedlichen „Rufe“ der Leuchttürme, deren jeder durch den individuellen Rhythmus seiner Lichtblitze zu identifizieren ist.

Es gibt zwei Sätze. Das Werk beginnt mit einer langsamen Einleitung, worin der erste Ton – B – ganz unzweideutig die Tonika des gesamten Werkes ist. Hier bringt das Violoncello zunächst pizzicato, dann arco, das Hauptthema. Es folgt ein schneller Sonatenabschnitt, in dem ich versucht habe, das Ohr dergestalt durch recht komplexe und konstante Transformationen zu leiten, dass immer deutlich zu hören ist, wie sich die Erweiterungen und Kontraktionen der linearen Umrisse zueinander verhalten und wo wir uns während unserer Reise soeben in Relation zur Tonika, zu ihrer Dominante, Subdominante und ihren versetzten Nebenfunktionen befinden. Ich sah das als ein „Spiel“ (ludus – Schatten des vierten Quartetts) der ständig anders beleuchteten Wellenoberflächen und -formen und der recht kräftigen Leuchtfeuer-Bewegungen, die darüberhingehen. Auf den Orkneys und Shetlands kann man vom Meer aus normalerweise verschiedene Leuchttürme gleichzeitig sehen. Die Exposition der Sonate endet mit heftigen Aufwärtsskalen der beiden Violinen sowie vier großen tremolierenden Crescendi, deren letztes eine lange Pause hat. Die kurze, dramatische Durchführung dehnt und verdreht Gesten, anstatt das modale Spektrum zu erweitern oder das thematische Material auf neue Weise zu verändern. Die Reprise ist eine stark verkürzte Fassung sowohl der Introduktion als auch der Exposition, in der das Material der Einleitung jetzt presto gespielt wird. Eine kurze Coda bringt uns nach c-moll: Das ist zwar die „falsche“ Tonart für das Ende, jedoch der „richtige“ Ort für den voranschreitenden Prozess. Der Anfang des zweiten Satzes bringt die Auflösung, indem er nach B zurückkehrt. Dieser langsame Satz verwendet ganz und gar dasselbe Material in derselben Form. Auch diese Durchführung befasst sich mit intensivierten Gesten, und hier entsteht am Ende der Reprise der Höhepunkt des gesamten Werkes. Die Coda geht direkt auf die Reprise des ersten Satzes zurück, und bei ihrem abschließenden Verklingen dachte ich daran, wie sich das kreisende Leuchtfeuer des Lichtes von North Ronaldsay im ersten Licht des Morgengrauens auflöst – ein Phänomen, das ich fast jeden Tag sehe und genieße.

Das Quartett ist dem Komponisten, Administrator und Freund Thomas Daniel Schlee in Liebe und Dankbarkeit gewidmet.

Das Naxos Quartet Nr. 6 entstand im Dezember 2004 und Januar 2005. Es ist ein ambitioniertes Werk von sechs Sätzen – im Zyklus der zehn Quartette bildet es ein Gegengewicht zu den relativ kleinen Nummern 4 und 5. In jüngster Zeit habe ich wieder die späten Quartette von Beethoven studiert. Mir ist zwar bewusst, dass ich nie darauf hoffen kann, ein Werk zu schreiben, das solchen Vorbildern auch nur im entferntesten nahe käme; dennoch vertraue ich darauf, dass die Studien durch das vorliegende Werk positiv hindurchscheinen.

Der erste Satz ist ein Allegro, dessen Tonalität immer klarer wird – oder besser vielleicht: in dem immer deutlicher aufgedeckt wird, welche Beziehungen zwischen den Akkorden herrschen, die später ausführlicher erkundet und mit Substanz versehen werden. Der zweite Satz mit dem Titel Dominica Tertia Adventus, Antiphona gründet sich auf einen gregorianischen Choral zum Advent und ist ein kurzes Scherzo mit einem Pizzikato-Trio. Der dritte Satz ist ein zweites Scherzo mit Trio von kräftigerer Art, wenngleich wiederum noch recht kurz. Wenn der Scherzo-Teil wiederholt wird, ist das Material so verändert, dass der Hörer auf den vierten Satz vorbereitet wird. Bei diesem handelt es sich um ein Adagio, in dem lyrisch-warme Abschnitte einem dramatischeren und dissonanteren Mittelteil gegenüberstehen. Zum Ende hin spielt jedes Instrument ein Rezitativ, indessen die andern drei Musiker getragene Akkorde aushalten; die letzten Takte des Satzes haben als erste in einem Naxos-Quartett eine Tonartenvorzeichnung – und zwar vier bs für f-moll. Es war der Weihnachtstag, an dem ich den fünften Satz komponierte – vor den Sätzen drei und vier. Er beruht auf einem Weihnachts-Choral und wird zu einem einfachen Weihnachtslied. Das Finale ist schnell und greift wiederum Material des ersten Satzes auf, das erweitert und transformiert wird.

Das Quartett ist Alexander Goehr gewidmet.

© 2005 Peter Maxwell Davies
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window