About this Recording
8.557404 - REINECKE: Flute Concerto / Harp Concerto / Ballade
English  French  German 

Carl Reinecke (1824-1910)
Harfenkonzert e-moll op. 182 • Flötenkonzert D-dur op. 283 • Ballade op. 288

 

Als Lehrer dürfte Carl Reinecke heute wohl bekannter sein denn als Komponist. Das Spektrum seiner Schüler reicht von Sullivan und Svendsen bis zu Grieg und Weingartner. Er stammte aus Altona, wo er 1824 als Sohn eines Musikers geboren wurde, der – seinerseits der Sohn eines Schusters – sich seine Profession weitgehend selbst beigebracht hatte, seinem Sprössling aber eine solide Grundlage für seine berufliche Laufbahn geben konnte. Carl Reinecke verriet früh musikalische Fähigkeiten. 1835 debütierte er als Pianist, und seit 1845 unternahm er weite Europa-Reisen. Konzerte gab er unter anderem mit dem Geiger H. W. Ernst. In Kopenhagen, wo er als Hofpianist angestellt wurde, kam er mit dem Komponisten Niels W. Gade zusammen. Auch verbrachte er einige Zeit in Leipzig, wo er von Mendelssohn und dem Ehepaar Schumann freundlich empfangen wurde. In seinen 1900 erschienenen Erinnerungen schreibt Reinecke von dem flinken, talentierten Mendelssohn als einem raschen, scharfen Kritiker, wohingegen Robert Schumann zwar weniger gesprächig, dafür aber insgesamt aufbauender gewesen sei. Letzterer fand in dem jungen Kollegen jemanden, der musikalisch „nach meinem Sinn“ war. Nach dem Tode Mendelssohns war Reinecke 1848 wieder in Leipzig, und im nächsten Jahr verbrachte er einige Tage in Weimar. In einem Brief an seinen Freund und ehemaligen Schüler Franz Kroll äußerte sich Liszt über Reinecke in den schmeichelhaftesten Worten, und zwar sowohl über den Komponisten wie über den charmant garçon. Er betraute ihn mit den Verhandlungen über einen Flügel, den ihm der Verleger Hermann Härtel zur Verfügung stellte, und half ihm mit Empfehlungen, als Reinecke 1851 nach Paris ging. Während seines mehrmonatigen Aufenthalts an der Seine gab Reinecke einer Tochter Liszts Unterricht.

Seit 1851 unterrichtete Reinecke in Köln, außerdem arbeitete er auf Empfehlung Ferdinand Hillers fünf Jahre als Dirigent und Musikdirektor in Barmen. Nach einem knappen Jahr als Universitätsmusikdirektor in Breslau kam er 1860 als Dirigent des Gewandhausorchesters und Professor des von Mendelssohn gegründeten Konservatoriums wieder nach Leipzig. 1869 leitete er die erste vollständige Aufführung des Deutschen Requiem von Johannes Brahms (mit dem zusätzlichen siebten Satz), und zwei Jahre später saß er am Klavier, als in Leipzig die erste Cellosonate op. 38 desselben Komponisten uraufgeführt wurde. Zur Erinnerung an den Kollegen schrieb er nach dessen Tode im Jahre 1897 selbst seine Sonate für Violoncello und Klavier op. 238. Insgesamt hatte er wenig für die Neudeutsche Schule und die Zukunftsmusik Wagners und Liszts übrig: Er war als Jünger und Nachfolger Schumanns mit sich zufrieden.

In den späteren Jahren setzte Reinecke seine Konzerttätigkeit fort. Er reiste nach England und Skandinavien, und er gab als Pianist und Dirigent Konzerte in Russland. 1895 gab er die Leitung des Gewandhausorchesters ab, und 1902 legte er seinen Direktorenposten am Leipziger Konservatorium nieder, den er 1897 übernommen hatte. Kompositorisch blieb er bis zu seinem Tode im Jahre 1910 aktiv: Im Geiste der deutschen Romantik, wie sie Schumann repräsentiert hatte, schuf er ein umfangreiches Oeuvre, das von Opern sowie Chor- und Sologesangswerken über drei Symphonien, verschiedene Konzertouvertüren, Konzerte für Klavier und andere Instrumente bis zur Kammer- und Klaviermusik, bis zu Werkausgaben und Unterrichtswerken reicht.

Sein Harfenkonzert e-moll op. 182 schrieb Carl Reinecke im Jahre 1884. Das Orchester besteht aus je zwei Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotten und Trompeten sowie Pauken, vier Hörnern und Streichern. Der erste Satz beginnt mit Hörnern und Pauken, wozu sich bald Streicher und Holzbläser gesellen, während ein wichtiges rhythmisches Motiv eingeführt wird. Die Harfe setzt mit Akkordbrechungen und dem Hauptthema ein, das von dem genannten rhythmischen Motiv beherrscht wird. Ein Übergang führt in die parallele Dur-Tonart, in der nun ein optimistischeres Nebenthema erklingt. Das Material wird weiter durchgeführt, bevor die Reprise beginnt, die eine Solokadenz enthält. Das Adagio H-dur, in dem die Solostimme in der für den Harfenisten bequemeren Tonart Ces-dur notiert ist, gewährt dem Solisten die Exposition des ersten Themas – eines hymnischen Gedankens, der rhythmisch an Beethoven erinnert und die wichtigste Substanz des Satzes bildet. Das Scherzo- Finale ahmt mit dem Einsatz der Triangel und markanten Trompeten-Elementen Franz Liszt nach. Der Solist präsentiert Material, das deutlich in der Art eines Scherzos gehalten ist: Das Thema zeigt zunächst, dass Reinecke seinem früheren Mentor Mendelssohn verpflichtet ist, und in späteren Episoden offenbart es seine Beziehung zu Robert Schumann.

Die beiden andern Werke auf dieser CD gehören in Reineckes letzte Lebensjahre. Das Flötenkonzert D-dur op. 283 entstand 1908, und die Ballade für Flöte und Orchester erhielt die letzte Opuszahl 288. Das erste der beiden Werke ist für je zwei Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte und Trompeten, vier Hörner, Pauken und Schlagzeug sowie Streicher geschrieben. Der erste Satz beginnt mit Holzbläserakkorden, zu denen die Flöte eine kurze Einleitungsphrase spielt. Das Hauptthema erklingt dann in der ersten Klarinette und den Bratschen. Klarinette und erste Geigen erweitern den Gedanken, bevor sich schließlich der Solist meldet. Es folgt eine Soloversion des Hauptthemas in H-dur. Dieses wird durch einen virtuosen Solosatz weiterentwickelt, ehe sich die Flöte dem expressiven zweiten Thema zuwendet. Der Satz geht mit der Durchführung des thematischen Materials und den Ausführungen der Soloflöte in der erwarteten Weise weiter, bis das gesamte Orchester in die Reprise einfällt. Der langsame Satz in h-moll, Lento e mesto, beginnt mit gedämpften Paukentönen und unheilvollen Pizzikati der Celli und Bässe. Nach gehaltenen Hörner-Akkorden setzt der Solist zur Begleitung sordinierter Streicher ein. Einer dramatischeren Orchesterpassage folgt ein Flötenrezitativ, dann erklingt eine Variante des Hauptthemas, und der Satz endet in ruhigem H-dur. Pizzikati begleiten das erste Final-Thema, das die Klarinette vorträgt, bevor der Solist mit einer kunstvoller ausgeführten Version dieses Gedankens einsetzt. Es folgt ein äußerst virtuoses Schau=Spiel des Solisten; nach und nach steigert kontrastierendes Themenmaterial die Spannung in diesem Satz, den ein Einsatz der Orchestermittel nach Mendelssohnscher Art kennzeichnet.

Der Titel Ballade, den Reinecke seinem letzten Werk gab, lässt literarische Bezüge vermuten. Das Werk beginnt als Adagio in einem düster-narrativen d-moll, bevor die Soloflöte einsetzt. Das anschließende Allegro bewegt sich zunächst in a-moll und bietet dem Solisten mit seiner scherzando-Figuration die Möglichkeit, seine Agilität vorzuführen. Das Anfangstempo (Adagio) wird aufgenommen, und eine Modulation leitet rasch zur Ausgangstonart zurück. Das Stück endet in einem optimistischeren D-dur.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window