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8.557432 - SAMMARTINI: Pianto degli Angeli della Pace (Il) / Symphony in E-Flat Major
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Giovanni Battista Sammartini (c.1700/01-1775):
Il pianto degli Angeli della Pace • Symphonie J-C 26

Giovanni Battista Sammartini wurde als Sohn des französischen Oboisten Alexis Saint-Martin vermutlich 1700 oder 1701 in Mailand geboren, da der Eintrag im Sterberegister von 1775 festhält, dass er bei seinem Tode 74 Jahre alt gewesen sei. Über seine Kindheit ist kaum etwas bekannt. 1724 ist er bereits als maestro di cappella nachzuweisen; außerdem wissen wir, dass er ein aktiver Oboist und Organist war, wobei er auf dem letzteren Instrument wegen seiner ganz eigenen Spielweise besondere Bewunderung errang.

Während seines langen Lebens erfreute sich Sammartini einer beschäftigungsreichen, um nicht zu sagen wahnwitzig aktiven Karriere. Er war unter anderem maestro di cappella und Organist verschiedener Bruderschaften, die Seele des Königlich-Herzoglichen Theaters von Mailand – das nach seiner Zerstörung durch die Scala ersetzt wurde – als Dirigent sowohl bei aristokratischen Akademien als auch für seine Aufführungen geistlicher Werke vielbewundert; gleichermaßen berühmt war er für seine Opern, Kantaten und zahlreichen Symphonien, als maestro di cappella am Hofe des Herzogs und Mitbegründer der Accademia Filarmonica, einem vorzüglichen Amateurorchester. Ferner war er ein geachteter Lehrer an verschiedenen Kollegien, die der ortsansässige Adel besuchte. Heute gilt er vor allem als der Vater der Symphonie. Diese Bezeichnung ist vollkommen gerechtfertigt, denn er widmete sich dieser Gattung, die er als einer der ersten Komponisten wirklich ernstnahm, mit großer Aufmerksamkeit.

Von Sammartinis Ruhm und Erfolg sprechen unzählige zeitgenössische Dokumente, die – manchmal auf merkwürdige, oft widersprüchliche Weise – eine gewisse Bestürzung verraten, wenn sie von der überschwänglichen Persönlichkeit und unorthodoxen Musikalität dieses Künstlers sprechen. Haydn nannte ihn einen Schmierer, Leopold Mozart hingegen sprach in seinen Briefen so respektvoll von ihm, wie es einer Autorität gebührt, ohne freilich auf seine Musik einzugehen. Die Schriftsteller Laurence Sterne und Charles Burney, die Sammartini als Dirigent seiner eigenen Werke hören konnten, waren von seiner Persönlichkeit und seinem Charisma beeindruckt. Mit dieser Einstellung können sie nicht allein gewesen sein, denn auch Fürst Lobkowitz schickte den zwanzigjährigen Gluck, seinen Protegé, 1737 nach Mailand, wo dieser während der nächsten vier Jahre bei Sammartini fortgeschrittene Studien betrieb.

Sammartinis lange Karriere begann in der Reifezeit von Antonio Vivaldi und Johann Sebastian Bach, und sie endete in den frühen Jahren von Haydn und Mozart. So verraten vor allem seine älteren Kompositionen die typischen Übergangsphänomene zwischen Hochbarock und der voll ausgeprägten Klassik – und immer wieder finden wir, dass sich diese musikalischen Elemente auf unterschiedliche Weise mischen. Wir dürfen ihn heute als den wichtigsten Mailänder Musiker des 18. Jahrhunderts und als eine Schlüsselfigur der größeren musikalischen Entwicklungen jener Zeit betrachten.

Wie bereits bemerkt, machte Sammartini als Kapellmeister eine großartige Karriere. Während der letzten zehn Jahre seines Lebens arbeitete er als Dirigent und Organist für sage und schreibe zehn Mailänder Kirchen und Kongregationen. Trotzdem sind aus seiner Feder nur etwa zwanzig geistliche Kompositionen erhalten – darunter eine Messe und insgesamt acht Kantaten zur Fastenzeit. Besonders zu erwähnen ist seine von 1724 bis 1773 währende, mithin beinahe fünfzigjährige Zusammenarbeit mit der Kongregation vom Heiligsten Grab unseres Herrn Jesus Christus und der Einsamkeit unserer Heiligsten Schmerzensreichen Jungfrau, deren Hauptsitz die Kirche San Fedele war. Es war dies eine Gründung des spanischen Gouverneurs von Mailand aus dem Jahre 1633, der im Laufe der Zeit hochgestellte Persönlichkeiten aus Italien, Spanien und Österreich angehörten. Alljährlich zur Fastenzeit entfaltete die Kongregation eine besonders große spirituelle Intensität, die sich jeden Freitag in nicht-liturgischen Abendandachten mit Predigt und Kantate mit Italienischem Text manifestierte. Die religiösen Laienvereinigungen übten im Italien des 17. und 18. Jahrhunderts ihre Frömmigkeit mit anderen Formen als jenen, die durch das Proprium festgelegt waren; ihre Aktivitäten wurden von den Beiträgen und Spenden ihrer Mitglieder finanziert. Bisweilen standen sie in Verbindung mit religiösen Orden oder kirchlichen Institutionen.

Die Kantate Il pianto degli Angeli della Pace wurde 1751 in der Mailänder Kirche San Fedele uraufgeführt. Es gibt darin drei Solopartien: den Engel des Bundes (Alt), den Engel des Testaments (Sopran) und den Engel der Gnade (Tenor). Nach einer ausgedehnten Orchestereinleitung beginnt die Handlung mit der Terzett Amare lagrime (Bittere Tränen). Letzteres ist eine Art von Refrain, der im Laufe des Stückes dreimal wiederkehrt und der insgesamt vorherrschenden Trauer Ausdruck verleiht – mal mit eher verzweifelten, mal mit melancholischen Akzenten. Jeder Engel singt eine da capo- Arie, der ein Rezitativ vorangestellt ist. Das Geschehen basiert nicht auf einer Episode des Evangeliums, sondern ist ein erbaulicher Dialog über die Heilsgeschichte und ihre Erfüllung durch Jesus Christus. Die Engel beweinen Leiden und Tod des Heilands, was eine Art von verbindendem Motiv für die einzelnen Episoden des Werkes darstellt. Die gesamte Schöpfung fällt in diese Beweinung Christi ein. Die für die damalige Zeit traditionelle Instrumentation besteht aus Streichern, Oboen, Hörnern und Basso continuo.

Die Symphonie J-C 26 ist eines von mehr als siebzig Werken, die Sammartini auf diesem Gebiet geschaffen hat. Die meisten dieser Kompositionen bestehen aus drei kontrastierenden Sätzen und waren gedacht, das begeisterte Mailänder Publikum entweder im Saal oder im Freien zu unterhalten. Aus heutiger Sicht bilden sie eine Art von Experimentierfeld, da sie eine stilistische Entwicklung zur modernen Symphonie und Sonatenform zeigen. Alle Symphonien verraten Sammartinis brillantes Temperament. Ein ständiger Fluss melodischer und rhythmischer Ideen, gelegentlich abrupte Wechsel in der Harmonie und äußerst verschiedenartige Strukturen offenbaren ein ständiges Streben nach einer immer wagemutigeren Instrumentalsprache.

Die nur oberflächlich betrachtet einfache musikalische Sprache dieser Werke kann man eigentlich nur als „Sammartinisch” bezeichnen. Wer mit dem Komponisten nicht recht vertraut ist, wird sich darunter kaum etwas vorstellen können: Die vokale Textur ist weithin von typisch italienischer Melodik und Virtuosität beherrscht, während sich in den mutigen, ungewöhnlichen Harmonien des Orchestersatzes der symphonische Stil Sammartinis zeigt – mit all seinen prägnanten, fließ-enden Rhythmen, seinen funkelnden Themen und einem raffinierten, nie versiegenden Ideenreichtum.

Maria Daniela Villa
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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