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8.557442 - TIAN, Hao Jiang: Operatic Arias for Bass
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Hao Jiang Tian singt Opernarien

 

Der in Peking geborene Bass Hao Jiang Tian ist seit langem an Herausforderungen gewöhnt. Zunächst einmal gibt es da eine ausgezeichnete Karriere als Opernsänger, die nicht nur in exotischen Kulissen wie Puccinis Turandot, sondern auch in den eindeutig europäischen Landschaften Verdis und Rossinis Gestalt annahm. Andererseits wurde er in der Kulturrevolution erzogen – eine Tatsache, die er weder verheimlicht noch herunterspielt, sondern als mitverantwortlich für seinen späteren Weg erachtet.

„Als ich aufwuchs, hasste ich Musik,“ gibt er zu. Das europäische Repertoire, so erklärt er, sei für ihn untrennbar mit den Klavierstunden verbunden gewesen, die er auf Geheiss seiner Eltern – eines Dirigenten und einer Komponistin der Volksbefreiungsarmee – über sich ergehen lassen musste. Auf den Straßen tönte Propaganda, keine Kunst – und als sämtliche westliche Musik verboten wurde, beteiligte sich der zwölfjährige Tian begeistert an den nationalen Bemühungen, indem er die kostbare Schallplattensammlung seiner Eltern zerstörte.

Als die Familie später zum Zwecke der politischen „Umerziehung“ Peking verlassen musste, entdeckte der Knabe eine Aufnahme, die seinem früheren Zorn entgangen war. Es war Beethovens sechste Symphonie, das letzte Stück, das sein Vater öffentlich dirigiert hatte. „Eine Minute schwieg er still,“ erinnert sich Tian. „Dann sagte er: ,Lass sie laufen’ – sehr leise natürlich, denn es war gefährlich. Zum ersten Male erklärte er mir, worum es in der Musik geht, und allmählich sah ich in den Augen dieses strengen Mannes eine natürliche Schönheit leuchten. Ich dachte, dass Musik, die meinen Vater auf diese Weise verändern könnte, sehr mächtig sein müsse.“

Während des nächsten Jahrzehnts war die Erziehung, die der bekehrte junge Mann auf dem Gebiete der westlichen Kultur erfuhr, bestenfalls sporadisch. Zwar lernte er auch, auf dem Klavier zu improvisieren – eine Fertigkeit mit der er sich in einer Bar in Denver etwas Geld verdiente, nachdem er Mitte der achtziger Jahre zum Studium in die USA gegangen war; sein Wissen über die westliche Kultur verdankte er jedoch dem heimlichen Studium gestohlener, verbotener Bücher. Tian wurde einer Maschinenfabrik zugeteilt, wo er in aller Stille leidenschaftlich mit ähnlich denkenden Kollegen diskutierte. „Ich weiß noch, dass ich beinahe einen Mann getötet hätte,“ sagt er mit einem verlegenen Lächeln. „Ich hielt die Geschichte von La Traviata für eines der schönsten Dinge die ich je gelesen hatte, und er nannte Violetta eine Hure.“

Nach der Kulturrevolution gelangte Tian durch zwei glückliche Umstände auf die Opernbühne: Erstens wurde er in die wiedergegründete Klasse des wiedereröffneten Pekinger Zentralkonservatoriums aufgenommen, und zum andern studierte er bei dem italienischen Bariton Gino Bechi, dem ersten westlichen Opernstar, den man zum Unterrichten nach China eingeladen hatte. Tian hatte noch keine westliche Oper gesehen und sang ein Schubert-Lied vor – sehr zu Bechis Bedauern: „Er sagte, ich hätte eine hübsche Stimme, doch er könne mir nur helfen, wenn ich Opern singen wollte. Ich hatte keine Idee, was er meinte, doch ich sagte: Ja, Maestro, ich möchte Opernsänger werden.“

Heute gehört Tian zu den Veteranen der international bekanntesten Opernbühnen. Besonders eng ist er der New Yorker Metropolitan Opera verbunden, wo er seit 1991 in jeder Spielzeit auftritt. Seit seinem dortigen Debüt als Billy Jackrabbit in La fanciulla del West („Die haben bestimmt gedacht, dass ich wie ein Indianer aussehe,“ lacht er) hat er sich an der Met bis zu so großen Partien wie Oroveso in Norma, Walter in Luisa Miller und Raimondo in Lucia di Lammermoor hochgearbeitet. An europäischen Häusern hingegen hat Tian praktisch seit dem Beginn seiner Karriere große Rollen gespielt.

„Es gibt in China viele gute Sänger. Doch die westliche Oper gehört nicht zu unserer Kultur, weshalb ihre Aufführung vielleicht das schwierigste ist, was wir unternehmen können,“ sagt er. Es spricht besonders für Tians Erfolg, dass er viele der beinahe 50 Partien, die er beherrscht, als erster Chinese überhaupt interpretiert hat. „Die Arien für diese Aufnahme habe ich ausgewählt, weil sie mir persönlich und beruflich sehr viel bedeuten,“ sagt er. „Sie sind mein Leben und mein Blut.“

Nabucco: Tu sul labbro dei veggenti
Wenn Tian diese Arie singt, in der Zaccaria um die Fähigkeit bittet, die Assyrer bekehren zu können, dann hat er nicht den Palast vor Augen in dem diese Szene spielt, sondern die Hinterbühne der Met („für junge Sänger ein luxuriöses Bühnenbild der anderen Art,“ sagt er), wo er diese Rolle erstmals studiert hat.

Les vêpres siciliennes: Et toi, Palerme
Tian singt Procidas Arie aus dem dritten Akt der Oper in französischer Sprache, um daran zu erinnern, dass das Werk an der Pariser Oper uraufgeführt und vom Komponisten in eben dieser Sprache melodisch und dramatisch konzipiert wurde. Mit dieser Partie debütierte Tian im Amsterdamer Concertgebouw.

Jérusalem: Grace mon Dieu!
Verdis frühe Oper Jérusalem erlebte in Paris ihre Premiere, konnte aber ihren Anfangserfolg nicht auf internationaler Ebene fortsetzen – nicht einmal in Italien, wo sie bis heute eine der am seltensten aufgeführten Verdi-Opern ist. Tian verhalf sie allerdings zu seinem Italiendebüt am Teatro Carlo Felice von Genua, wo die Zeitung Il Secolo XIX auf die „seltene musikalische Intelligenz“ und „das stimmliche Timbre von bezaubernder Solidität“ hinwies.

Macbeth: Come dal ciel precipita
In der Oper bekommt der Bass nur selten das Mädchen. Dafür erhält er bei Verdi im allgemeinen blutvolle Nebenrollen wie etwa die des Banquo, den Tian an so entlegenen Orten wie Hongkong und Malta aufgeführt hat. Die Arie aus dem zweiten Akt, in der Banquo seinen Sohn zur Wachsamkeit mahnt, erzeugt eine kunstvolle Atmosphäre der Ungewissheit, in der sich die Geheimnisse des Charakters selbst widerspiegeln.

Simon Boccanegra: Il lacerato spirito
Tian studierte diese Arie, in der der Patrizier Fiesco den Tod seiner Tochter betrauert, bei Carlo Bergonzi in Verdis Heimatstadt Busseto, nachdem er 1988 den Gesangswettbewerb der Bel Canto Stiftung gewonnen hatte. Dieses Eintauchen in die Welt des Komponisten war ein verheißungsvolles Vorzeichen für Tians musikalische Zukunft: „Wir hatten Unterricht in Verdis Arbeitszimmer; sein eigenes Klavier stand im Zimmer,“ erinnert er sich. „Musste ich da nicht das Gefühl haben, dass mir der Komponist über die Schulter schaut?“

Don Carlos: Ella giammai m’amo
In dieser Nummer aus dem vierten Akt erkennt Philipp, dass das Herz seiner jungen Braut einem andern gehört. Es war dies die erste Arie, die Tian bei Gino Bechi am Zentralen Konservatorium lernte. „Er wies mich darauf hin, dass die Rolle äußerst schwierig sei; dennoch hoffe er, dass ich sie eines Tages singen würde.“ Beinahe zwanzig Jahre später war Tian in Genua der erste asiatische Sänger, der diese Rolle in Italien aufführte.

Eugene Onegin: Lyubvi vse vozrasty pokorny
Tians Affinität für Fürst Gremin geht auf Puschkin zurück, dessen dichterisches Meisterwerk während der Kulturrevolution ein kostbarer, wenngleich verbotener Besitz war. Als Tian rund dreißig Jahre später die Partie einstudierte, erlebte er einen Sturm der Erinnerungen. „Die Bildhaftigkeit war herrlich,“ ruft er aus. „Zu einer Zeit, als wir nur rot und grün sahen – ich meine die Farbe der Revolution und der Armee-Uniformen – öffnete Onegin eine ganz andere Farbenwelt.“

Il barbiere di Siviglia: La calunnia
Eine Sache ist es, seine ganze stimmliche Kraft aufzubieten, eine ganz andere hingegen, die Leichtigkeit des Komischen zu meistern. „Auf der Bühne bin ich immer alt und traurig, oder ich bringe jemanden um oder werde umgebracht,“ sagt Tian. „Es ist schön, zur Abwechslung eine komische Rolle zu singen.“ Die Darstellung des Don Basilio, die sprachliche und musikalische Gewandtheit fordert, kam ihm bei seinem Debüt im Florentiner Teatro Comunale besonders gelegen.

La sonnambula: Vi ravviso, o luoghi ameni
Die Tatsache, dass dieses Werk so selten aufgenommen wird, erklärt Tian damit, dass diese Arie eine der schwersten im gesamten Repertoire sei. Dass er sie hier dennoch singt, ist kein bloßer Bravourakt, sondern eine Hommage an Carlo Bergonzi und Gino Bechi, bei denen er das Stück studiert hat.

Faust: Vous qui faites l’endormie
Gounods Méphistophélès ist ein teuflisches Geschenk für jeden Bass. Dementsprechend großzügig war er auch zu Tian, der die Rolle oft gesungen hat – nicht zuletzt bei seinem Südamerika-Debüt am Teatro Colón von Buenos Aires. „Der Charakter ist überaus bezwingend,“ sagt er. „Er ist nicht menschlich, sondern steht abseits und sieht die Welt sehr klar. Wenn ich den Mephisto spiele, habe ich das Gefühl, ein bisschen mehr vom menschlichen Wesen zu verstehen.“

Le Cid: Il a fait noblement ce que l’honneur conseille
Ein besonderes Glanzlicht in Tians bisheriger Karriere war eine nationale Fernsehübertragung dieser Rarität von Massenet mit der Washington National Opera und dem Generaldirektor des Hauses, Placido Domingo. „Ich spiele Domingos Vater, doch im wirklichen Leben ist es genau umgekehrt,“ sagt Tian, bei dessen Metropolitan-Debüt der legendäre Tenor gleichfalls mitwirkte. „In allen gemeinsamen Produktionen war er ein überaus hilfreicher Kollege und Mentor.“

La Gioconda: Ombre di mia prosapia
Dass diese Arie kaum aufgenommen wird, ist angesichts der wenigen Live-Inszenierungen der Ponchielli-Oper kein Wunder. Tian jedoch hat sich von Domingos Engagement für vernachlässigte Werke anregen lassen und der Partie des Alvise seine Aufmerksamkeit geschenkt: „Wenn man mich fragt, welche Partien ich gerne spielen würde, dann antworte ich, dass ich diese auf die Bühne bringen möchte.“

Ken Smith
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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