About this Recording
8.557470 - STEINER: Adventures of Mark Twain (The)
English  German 

Max Steiner (1888-1971)
The Adventures of Mark Twain
Ein musikalisches Amerika-Panorama

Die Entstehung des Warner Bros. Films The Adventures of Mark Twain wurde im Wesentlichen von zwei Faktoren bestimmt: von der Persönlichkeit Clara Clemens Gabrilowitschs, der willensstarken Tochter einer amerikanischen Ikone und selbsternannten Hüterin seines Image; andererseits vom Zweiten Weltkrieg, der die Direktion von Warner Brothers zunächst dazu zwang, den Film auf Eis zu legen und sie dann veranlasste, den Streifen zwei Jahre später – auf dem Höhepunkt der Kriegshandlungen – herauszubringen. Heute erregt der Film kaum noch Interesse, es sein denn bei Mark-Twain-Enthusiasten oder bei Fans von Max Steiner, der die Musik zu zahlreichen „Amerika-Filmen“ schrieb. Als der Film 1944 schließlich in die Kinos kam, wurde er von einer wahren Publicity-Kampagne begleitet, einschließlich regionaler Springfrosch-Wettbewerbe (getreu Mark Twains Erzählung The Celebrated Jumping Frog of Calaveras County), der Unterstützung durch das Cigar Institute of America (das den Schauspieler Fredric March, der Twain spielte, ob seiner Fähigkeit lobte, Zigarren „so fachmännisch zu rauchen, dass selbst der schärfste Gegner des Zigarrenrauchens Gefallen daran findet“, und einem elfseitigen Artikel in der Life-Ausgabe vom 8. Mai 1944 mit dem Titel „Mark Twain: Entgegen Meldungen von seinem Tod ist er in neuem Film lebendig wie eh und je.“ Angesichts der Eskalation der Kriegsereignisse (die D-Day-Invasion stand kurz bevor) geriet der Film jedoch bald in Vergessenheit.

Clara Clemens’ Einfluss auf The Adventures of Mark Twain erschließt sich beim Betrachten des Films heute vielleicht nur noch Twain-Spezialisten, die sich an den erbitterten Kampf erinnern, den die Tochter des Schriftstellers gegen Wissenschaftler wie den berühmten US-Historiker Bernard DeVoto führte. Als Herausgeber des literarischen Twain-Nachlasses drängte er Clara, die dunkleren, bis dahin unveröffentlichten Werke ihres Vaters freizugeben, in denen er u.a. Religion und Kapitalismus anprangert, die er als Grundübel der „verdammten menschlichen Rasse“ erkannt zu haben glaubte. Selbst wenn Clara bereit gewesen wäre, die Werke zu veröffentlichen, so wäre das für die amerikanische Heimatfront genau zum falschen Zeitpunkt gekommen, sich mit der zynischen Seite eines nationalen Idols auseinanderzusetzen, das man bisher als Meistererzähler und großartigen Humoristen bewundert hatte. Genau diesen gutmütigen, volksnahen Charakter betont die Filmbiographie des Regisseurs Jesse L. Lasky, der Clemens’ Einfluss deutlich anzumerken ist.

Studio-Dokumente belegen die akribischen Recherchen, die der Entstehung der Adventures of Mark Twain vorausgingen: von der Form der Nase Mark Twains bis zur Art des Springfroschs, den man in Calaveras County beim Wettspringen einsetzte. Sollten diese gewissenhaften Untersuchungen Twain-Forscher und Clara Clemens zufriedenstellen, oder waren sie nur ein Publicity-Gag? Bei Warner Bros. zögerte man jedenfalls nicht, die akribischen Anstrengungen herauszuposaunen, die man in die Geschichtstreue des Films und der Figur des Protagonisten investiert hatte. Was dabei herauskam, ist ein gefälliger, aber bei aller Detailtreue und Ausführlichkeit oberflächlicher, seichter Streifen. Was ihn rettet, ist seine Musik.

Trotz seiner spöttischen Bemerkungen über Richard Wagner und die deutsche Oper hätte Mark Twain vermutlich Gefallen an der ausladenden Partitur gefunden, die der aus Wien stammende Max Steiner für The Adventures of Mark Twain komponierte. Der amerikanische Humorist, dem fälschlicherweise das Zitat „Wagners Musik ist nicht so schlecht, wie sie klingt“) zugeschrieben wird, hätte wahrscheinlich die Art und Weise anerkannt, wie Steiners Musik aus dem reichen Schatz der deutschen Musiktradition schöpft. Auch hätte er wohl das musikalisch-dramaturgische Leitmotivsystem wahrgenommen, das Wagner in seinen gewaltigen Bühnenwerken verwendete. Gleichzeitig hätte Twain jedoch auch die spezifisch amerikanischen Qualitäten in Steiners Partitur bewundert – vor allem ihre Vitalität und ihren Humor. Gewiss: das amerikanische Filmpublikum der 1940er Jahre erkannte diese Elemente als Teil der eigenen nationalen Psyche, und keineswegs nur weil deutsche Impulse die amerikanische Sinfonik seit Jahrzehnten geprägt hatten. Einige Jahre zuvor hatte Steiner den „American spirit“ bereits in seinen Filmmusiken zu Dodge City und The Oklahoma Kid (beide 1939) eingefangen, und seine Riesenpartitur für den Klassiker Gone With the Wind (ebenfalls 1939) war ein überwältigender Erfolg. Taras Thema aus diesem Film drang wie keine andere Steiner-Melodie ins amerikanische Bewusstsein ein.

Steiners Partitur zu The Adventures of Mark Twain ist nicht nur eine ideale Untermalung der Filmhandlung, sie ist auch als reine Musik hervorragend gearbeitet. Während sie weit von der Konzertsaal-Musik eines Aaron Copland, Roy Harris oder Virgil Thompson entfernt ist, spricht Steiners Musik eine amerikanische Sprache, wie sie anderen Filmmusikkomponisten der Zeit, insbesondere dem von Warner Bros. hochgelobten Erich Wolfgang Korngold, niemals gelang. Die Arbeit vieler Jahre am Broadway als Arrangeur und Dirigent neben in Amerika geborenen Größen wie Jerome Kern und George Gershwin hatte dafür gesorgt. Seiner Bewunderung für Wagner hat diese Arbeit gleichwohl keinen Abbruch getan.

Steiners grelle amerikanische Melodien, vergleichbar etwa den frühen Sinfonien und orchestralen Kreationen eines Charles Ives, seine erfrischende Yankee-Energie nebst Wagner-Logik machten aus der Twain-Musik eine der besten, sogar mit einer Academy Award-Nominierung ausgezeichneten Partituren der 1940er Jahre. Der Musikwissenschaftler und Filmmusikspezialist Christopher Palmer überhäufte Steiner mit Lob, vor allem aufgrund seines spielerischen Umgangs mit typisch amerikanischen Aspekten. Das optimistische Twain-Thema gleich zu Beginn des Titelvorspanns, unmittelbar nach der bekannten Warner Bros.-Fanfare (einer weiteren Steiner-Kreation) zieht sich durch den gesamten Film. Das damit eng verwandte Zweitonmotiv, das ebenfalls im Titelvorspann und noch einmal am Schluss der Partitur auftaucht, spielt auf das Geheimnis des Halleyschen Kometen an, dessen Erscheinen wie durch Zufall in Twains Geburts- und Sterbejahr (1835 und 1910) fiel. Das starke Muster, das The River Pilot und Riverboat in Fog dominiert, beschwört den magischen Zauber, den der Mississippi- Strom auf Twain ausübte. Weite Teile der Partitur geben sich zutiefst amerikanisch, einschließlich der schwungvollen Holzbläsermusik, die in Pirates Sam Clemens’ Kindheitsabenteuer auf dem Mississippi beschreibt; die komischen orchestralen Effekte, die die Schreie eines Maulesels nachahmen; das unermüdliche Graben bei der Suche nach Gold; und die umwerfende instrumentale Komik, die in Frogs einen Nachmittag des Froschfangs illustriert (einschließlich eines drolligen Zitats aus Lampes Misterioso Pizzicato). Und gibt es eine passendere musikalische Beschreibung des Gold- und Silberrauschs als das plötzliche Auftauchen von „My Darling Clementine“, das für die Hoffnung einer ganzen Ära steht?

Steiner tischt ein Liebesthema für Livy auf, die Frau, in die sich Mark Twain verliebt; daneben verliert der Komponist nie das Faible der Filmemacher für ausgelassene Momente aus dem Auge, z.B. im letzten Takt von Cave In, einem ironischen Motiv für Kontrafagott und Bassklarinette, das Steiner „Glück“ taufte und das er geschickt aus dem Twain-Thema entwickelte. (Ein vollständigeres musikalisches Porträt von Livy zeichnet er in The Squirrel/Livy. Im weiteren Verlauf zitiert Steiner alles, was ihm über den Weg läuft, von Queen Lili’uokalinis „Aloha Oe“ über „Rule Britannia“ bis zum Spiritual „Nobody Knows the Trouble I’ve Seen“. In Bedtime Story beschäftigt sich Steiner mit Mark Twains dunkleren Gedanken, indem er mit „The Battle Hymn of the Republic“ und „Dixie“ Amerikas größte Tragödie beschwört, während er sich auf Ulysses S. Grants Rolle im Bürgerkrieg fokussiert. Auch bei sich selbst macht der Komponist Anleihen, einschließlich eines lustigen Menuetts aus dem Bette- Davis-Film The Old Maid, wenngleich mit einem neuen Schluss, der wiederum das allgegenwärtige „Glücksmotiv“ mit einbezieht. Von besonderem Interesse ist das musikalische Stichwort für Livys Tod. In einer lebensnahen Szene singt Twain, gespielt von Fredric March, das amerikanische Spiritual „Swing Low, Sweet Chariot“, während seine Geliebte im Sterben liegt. In seiner ansonsten originalgetreuen Rekonstruktion dieser „Amerika-Partitur“ hat sich der Filmmusikspezialist, Komponist und Steiner-Freund John Morgan dafür entschieden, die traurige Vokalmelodie in Sorrow durch ein schwermütiges Englischhorn zu ersetzen. Das Ergebnis all dieser musikalischen Stränge, Impulse und Zitate ist eine gewaltige, aber in sich geschlossene sinfonische Partitur, die geschickt das reiche Geflecht an Einflüssen symbolisiert, das Mark Twains Amerika seine Gestalt verliehen hat.

Bill Whitaker

Bemerkungen des Arrangeurs

The Adventures of Mark Twain war eine aufwändige Produktion mit einer Länge von 130 Minuten. Max Steiner komponierte eine Ouvertüre, die während des Titelvorspanns vor dem eigentlichen Beginn des Films lief. Die Partitur hatte eine Länge von fast 100 Minuten. Für diese Aufnahme habe ich auf die Ouvertüre verzichtet, da sie hauptsächlich aus Themen besteht, die während der Filmmusik wiederkehren. Außerdem habe ich in einigen Stücken Wiederholungen gekürzt, um die Partitur auf einer CD unterbringen zu können.

In orchestraler Hinsicht handelt es sich um eine extrem komplizierte Partitur. Neben dem erweiterten Studio-Orchester verwendete der Komponist Folkloreinstrumente wie Banjo, Gitarre und Hawaiianische Stahlgitarre. Hinzu kam ein Chor für das Finale. Steiners bevorzugter Orchestrierer Hugo Friedhofer stand für diese Produktion nicht zur Verfügung, und so engagierte man Bernhard Kaun. Kaun war mit Steiners Arbeitsmethoden vertraut; während der frühen 1930er Jahre war er sein Haupt-Orchestrierer beim RKO gewesen und hatte in den späten 1930ern mit ihm bei einigen David O. Selznick-Produktionen zusammengearbeitet.

Einer der musikalischen Höhepunkte der Partitur ist Frogs. Hier schrieb der Komponist ein veritables, schwer zu spielendes Mini-Konzert für Kontrafagott. Als unser Fagottist die Noten sah, bat er uns, die Sitzung um einen Tag zu verschieben: er wollte den Part erst einmal in Ruhe zuhause studieren. Bei der Aufnahme spielte er alles wie aus einem Guss und erhielt von seinen Kollegen eine verdiente Ovation.

Obwohl Film und Partitur heute so gut wie unbekannt sind, gehört die Musik zu Steiners besten Arbeiten. Sie fängt den „American spirit“ in einer Weise ein, die die Zeit der Komposition transzendiert. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf New York und Washington D.C. beschlossen wir, The Adventures of Mark Twain zum Gedächtnis an die Opfer aufzunehmen, als Zeichen unseres Danks für die Entschlossenheit der Amerikaner in Krisenzeiten und als Ode an das reiche Erbe einer Nation, die gelernt hat, sich den größten Herausforderungen zu stellen.

John Morgan

Deutsche Bearbeitung: Bernd Delfs


Close the window