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8.557482 - ORDONEZ: Symphonies
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Karl von Ordonez (1734-1786)
Symphonien

Karl von Ordonez spielte im Musikleben des 18. Jahrhunderts eine etwas ungewöhnliche Rolle, da er anders als seine wichtigen Zeitgenossen kein Berufsmusiker war. Den größten Teil seines Berufslebens verbrachte er bei den Niederösterreichischen Landrechten, indessen er seinen musikalischen Aktivitäten als ausübender Musiker wie auch als Komponist nur in seiner Freizeit nachging. Was ihn von einem Leben als Berufsmusiker weglockte, war nicht die Aussicht auf eine aufregende, glänzende Karriere in einer lokalen Behörde. Es waren vielmehr die Umstände seiner Geburt. Die Familie Ordonez gehörte zum niederen Adel, und ein Mann von solcher Herkunft und Position hätte kaum Berufsmusiker werden können. Mochte die Wiener Gesellschaft jede Begabung auch noch so bewundern – und Carl Ditters, einen Beinahe-Altersgenosse von Ordonez, hat Kaiserin Maria Theresia sogar in den Adelsstand erhoben –, so tat sich sogar schon zwischen dem Berufsmusiker niederen Standes und dem niederen Adel ein tiefer Abgrund auf. Mozart konnte das deutlich spüren, und Jahrzehnte später focht Beethoven trotz seines Gleichheitsdenkens eine erfolgreiche Schlacht vor Gericht, mit der er seinen eigenen Adelsanspruch hatte durchsetzen wollen. Da überrascht es kaum, dass Ordonez sich entschied, sich auf den Status eines musikalischen Amateurs zu beschränken, wobei dieser Status die Ernsthaftigkeit seiner kompositorischen Absichten in keiner Weise verminderte und seine Musik in neuerer Zeit große wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.

Über die allgemeine Erziehung des Karl von Ordonez ist nichts bekannt. Er dürfte eine Ritterakademie besucht haben, ein Internat für Adlige, und sich dann durch ein Jura-Studium an der Wiener Universität auf seine Beamtenkarriere vorbereitet haben. Auch von seiner musikalischen Ausbildung wissen wir nichts. Der Ruf, den er seinerzeit als Geiger genoss, lässt allerdings vermuten, dass er schon früh auf diesem Instrument unterrichtet wurde. Überdies wird er auch ein fertiger Klavierspieler gewesen sein. Hinsichtlich seiner Unterweisung in der Komposition können wir nicht einmal Vermutungen anstellen.

Als Musiker war Ordonez Mitglied zweier angesehener Institutionen: Er war Kammermusikus in der k.k. Hof- und Kammermusik, und in der Tonkünstler- Societät wirkte er als Geiger und als Komponist. Der Societät, die durch Benefizkonzerte Musiker-Witwen und -Waisen versorgte, war Ordonez bereits in deren Gründungsjahr 1771 beigetreten, und er blieb ihr bis 1784 eng verbunden. Auch musizierte er regelmäßig in den Häusern des Adels. 1772 hörte ihn Dr. Charles Burney bei einem musikalischen Bankett in der Residenz von Lord Stormont, dem Britischen Gesandten in Wien. Er berichtete darüber:

Zwischen den Gesangsnummern dieses ergötzlichen Konzertes bekamen wir einige vorzügliche Quartette von Haydn, mit der äußersten Genauigkeit executirt; die erste Violin von M. Startzler [J. Starzer], der die Adagios mit ungewöhnlicher Empfindung und Expression spielte; die zweite Violin von M. Ordonetz; Graf Brühl spielte den Tenor, und M. Weigel [F.J. Weigl], ein vorzüglicher Musiker auf dem Violoncello, den Baß. Alle Teilnehmenden dieses Konzertes fanden die Gesellschaft voller Aufmerksamkeit und zur Unterhaltung gestimmt und wurden also zu jenem wahren, hohen Enthusiasmus angeregt, der die Glut des innern Feuers auf andere überträgt und alles umher in Flammen versetzet; so dass der Widerstreit zwischen den Ausführenden und den Hörern nur darum ging, wer da die größere Freude erfahren habe und den meisten Applaus erhalten sollte!

Der Beginn einer Lungentuberkulose zwang ihn 1783 zur Aufgabe dieser beiden quasi professionellen Anstellungen. Zudem musste er sich im selben Jahr als Beamter des Niederösterreichischen Landrechts bei halben Bezügen pensionieren lassen. Die letzten drei Jahre seines Lebens verbrachte er in Krankheit und Armut. Aufgrund seiner verzweifelten finanziellen Lage war er genötigt, sich mit andern die Wohnung zu teilen, und als er starb, besaß er nur wenige Kleidungsstücke, indessen seine gesamte Habe einschließlich der ausstehenden Pension nicht einmal die Beisetzungskosten deckte. Sein Schwiegersohn Joseph Niedlinger, ein kleinerer Regierungsbeamter in der Oberen Baubehörde des Hofes, zahlte den Fehlbetrag und ersparte dem Adligen so die Schande eines Armengrabes.

Ordonez’ kompositorisches Schaffen lässt keinen Zweifel daran, dass er sich in jeder Hinsicht als Profi verstand, auch wenn er sich nicht so nannte. Neben seinen zwei Bühnenwerken, der Marionettenoper Musica della Parodie d’Alceste und dem Singspiel Diesmal hat der Mann den Willen hat er eine bedeutende Reihe geistlicher Werke geschrieben (die heute verschollen sind). Des weiteren hinterließ er eine große Kollektion an Kammermusik, von denen die 27 als echt befundenen Streichquartette von besonderer Bedeutung sind, sowie ein Violinkonzert und nicht weniger als 73 Symphonien. Letztere waren in Abschriften weit verbreitet, und der berühmte Polyhistor Abbé Stadler berichtete, sie seien mit vielem Applaus bedacht worden. Sieben dieser Symphonien fanden Eingang in die thematischen Kataloge und Supplemente, die Breitkopf zwischen 1766 und 1778 veröffentlicht, eine beachtliche Zahl, die freilich im Vergleich mit den zeitgenössischen Kollegen Hofmann, Wanhal und Dittersdorf dennoch gering ausfällt. Anscheinend war Karl von Ordonez als Komponist eher geachtet denn gefeiert, was vielleicht auf sein befremdliches Doppelleben als Künstler zurückzuführen ist.

Ordonez war zwar Teilzeitkomponist, doch weder Dilettant noch Sklave von Moden und Konventionen. Seine Vorliebe für kontrapunktische Texturen verleiht vielen seiner Werke ein sehr eigenes Gesicht, und die kunstvollen Experimente, die er insbesondere bei seinen Streichquartetten in Sachen zyklischer Einheit unternahm, offenbaren einen höchst originellen musikalischen Verstand. Die hier eingespielten fünf Symphonien legen für Ordonez’ kompositorische Begabung ein beredtes Zeugnis ab.

Wie bei vielen Komponisten des 18. Jahrhunderts kann man auch bei Ordonez’ Symphonien keine exakte Chronologie aufstellen oder etwas über die Umstände ihrer Entstehung erfahren. Von den hier vorliegenden Werken lassen sich nur zwei – die Sinfonia in A (Brown A4) und Sinfonia in G minor (Brown Gm8) – durch äußere Indizien ungefähr datieren: Beide sind in das berühmte Quartbuch eingetragen, und da man allgemein annimmt, dass dieser Katalog 1775 entstanden ist, kann Ordonez die bewussten Werke eben nicht später komponiert haben.

Wenn die Zahl zeitgenössischer Abschriften auf die Popularität eines Werkes schließen lässt, so war die Sinfonia in C (Brown C2) zweifellos eine der bekanntesten Symphonien, die Ordonez komponiert hat. Das mag unter anderem an ihrem herrlichen langsamen Satz liegen, in dem er auf faszinierende Weise zwei Obligat-Instrumente, eine Violine und ein Violoncello, verwendet. Nach allem, was man hört, war Ordonez ein guter Geiger, und so liegt die Vermutung nahe, dass er den solistischen Violinpart selbst gespielt hat. Ein wenig ungewöhnlich ist das Werk auch insofern, als es sich um eine dreisätzige Symphonie handelt, deren Kopfsatz mit einer langsamen Einleitung beginnt. Diese Adagio- Introduktion verleiht dem Werk noch ein wenig mehr Gewicht; zudem ist dieser Formteil mit dem nachfolgenden Allegro molto durch subtile thematische Beziehungen verbunden. Dass nicht konzentriert versucht wird, in dem Gesamtwerk eine tiefere zyklische Einheit zu erreichen, könnte ein Hinweis darauf sein, dass es sich hier um eines der frühesten diesbezüglichen Experimente des Komponisten handelt.

Eine Reihe von Forschern hat auf Ordonez’ Vorliebe für Molltonarten hingewiesen. Indessen ist der Anteil an Moll-Symphonien in seinem OEuvre nicht wesentlich anders als bei Haydn, Wanhal und Dittersdorf. Ungewöhnlich ist allerdings die Wahl von h-moll, aufgrund derer man auf einen Komponisten schließen kann, der über ein feines Gespür für die tonalen Nuancen der verschiedenen Tonarten verfügte. Von den beiden g-moll-Symphonien entstand eine (Gm8) nicht später als 1775 (da sie sich im Quartbuch findet). Damit ist sie etwa genauso alt wie Haydns sogenannte Sturm und Drang-Symphonien. Das Werk verlangt eine delikate Besetzung aus zwei Oboen und Streichern. Der Quartbuch-Eintrag nennt überdies Hörner, doch weder sind dafür Stimmen vorhanden noch sind sie auf dem Umschlag der einzig erhaltenen Quelle aufgeführt. In den Ecksätzen verwendet Ordonez die Oboen ebenso sparsam wie wirkungsvoll; im Mittelsatz führt er dann zwei Solobratschen ein, die eine warme, sinnliche Orchesterfarbe erzeugen. Das Entstehungsdatum der anderen g-moll-Symphonie ist unbekannt, ihre geschliffene Faktur und strukturelle Balance lassen jedoch vermuten, dass es sich dabei um eines seiner späteren Werke handeln könnte.

Ordonez besaß eine gute Kompositionstechnik, eine lebhafte musikalische Phantasie und einen hochentwickelten Sinn für Orchesterfarben. In seinen Symphonien gibt es vieles, das schön und auf eigene Weise originell ist. Die Werke erreichten zu seinen Lebzeiten einen bescheidenen Ruhm, gerieten dann aber, wie so viele musikalische Kreationen der Zeit, rasch in Vergessenheit.

Da man inzwischen mehr über das musikalische Milieu weiß, in dem Ordonez arbeitete, ist seine kompositorische Statur gewachsen, und seine einzigartige musikalische Stimme erfährt inzwischen ihre eigene Wertschätzung.

Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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