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8.557490 - RAMEAU: Pigmalion, Platee and Dardanus Ballet Suites
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Jean-Philippe Rameau (1683-1764)
Ballettsuiten

Jean-Philippe Rameau wurde 1683 in Dijon geboren. Im Gegensatz zu seinen fast gleichaltrigen Zeitgenossen Bach, Händel und Telemann zeigte seine musikalische Karriere einen merkwürdig wechselhaften Verlauf. Nachdem er sich während der ersten Hälfte seines Berufslebens einen großen Namen mit Klavierkompositionen und musiktheoretischen Veröffentlichungen gemacht hatte, begann er mit fünfzig Jahren eine Laufbahn als Opernkomponist – in einem Alter, wo bei normalen Sterblichen der Verwesungsprozess einsetzt, wie einer seiner ersten Biographen spöttisch bemerkte. Während der nächsten drei Jahrzehnte entstanden an die dreißig Bühnenwerke, die das Repertoire der Pariser Opéra derart zu füllen begannen, dass die Direktion die Aufführungen seiner Werke ab 1749 auf zwei Inszenierungen pro Saison limitierte, um andere Komponisten nicht zu entmutigen.

Als Rameau 1764 starb, hatte sich der Geschmack des französischen Publikums jedoch dergestalt geändert, dass so gut wie keine seiner Opern mehr auf den Spielplänen der Theater standen. Und trotz der seit jüngster Zeit zu beobachtenden Tendenz, seine Werke wieder häufiger aufzuführen, bleiben sie bei aller Brillanz ihrer Musik im internationalen Opernrepertoire die Ausnahme – ganz im Gegensatz zu einem ‚zweiten Leben’, das sie seit geraumer Zeit auf CD-Veröffentlichungen führen, wobei sich besonders die Ballettmusiken großer Beliebtheit erfreuen. Zu Rameaus Lebzeiten war es gebräuchlich, die Ouvertüre und die besten Tänze zu einer Orchestersuite zusammenzustellen und sie konzertant aufzuführen. Drei solcher Suiten enthält die vorliegende Einspielung.

Platée wurde 1745 im Versailler Schloss aus Anlass der Vermählung des Dauphin mit der spanischen Infantin Maria Teresa uraufgeführt. Ungewöhnlich für Rameau, handelte es sich bei der Vorlage um eine Komödie mit einer so schlichten wie unmittelbar ansprechenden Handlung. Um Juno von ihrer Eifersucht zu heilen, täuscht Jupiter vor, Platée zu lieben und lässt zum Scherz im Olymp die Hochzeit vorbereiten. Platée jedoch ist eine hässliche, froschähnliche Nymphe, die sich für unwiderstehlich hält. Juno zeigt sich erst besänftigt, als sie der vermeintlichen Rivalin den Schleier vom Gesicht gerissen hat. Hinter der Komik der Handlung mit der sich zum Gespött machenden Platée verbirgt sich nicht zuletzt ein bewusster Seitenhieb auf die spanische Infantin, die angeblich selbst keine Schönheit war.

Tanzveranstaltungen standen im Mittelpunkt des französischen Hoflebens, und diese Vorliebe spiegelt sich auch in der Oper der Zeit wider, deren Dramaturgie ohne Balletteinlagen nachgerade undenkbar war; folglich bilden auch in Platée die zahlreichen Tanznummern einen festen Bestandteil des Handlungskonzepts. Zwar sind die Aufzeichungen der Originalchoreographie wie bei allen Rameau-Balletten verschollen, die Musik ist jedoch so lebendig, dass sich die Tanzschritte ganz von selbst ergeben. Orage mit den aufpeitschenden Streicherfiguren ist unschwer als ein von Götterhand heraufbeschworenes Unwetter erkennbar, vor dem sich die Personen des imaginären Theaters in höchster Aufregung in Sicherheit bringen. Für das fein gearbeitete, kultivierte Air pour des fous gais et des fous tristes (Air für die glücklichen und traurigen Narren) schreibt das gedruckte Libretto Kinderkleidung für die fröhlichen Charaktere und griechische Philosophengewänder für die traurigen vor. Rameaus Musik ist von einer derartig zupackenden Lebendigkeit, voll mitreißender Tempo- und Instrumentierungswechsel, dass sie die Tänzer in einen fast ekstatischen Rausch versetzt haben muss, weit entfernt von der traditionell mit dem französischen Hof assoziierten Aura der parfümierten Eleganz. Auch die Menuets erhalten bei Rameau einen neuartigen, eher wehmütigen Charakter, reich an rustikalen, basslastigen Harmonien und mit einer entzückenden Melodie in Menuet II. Ein abschließendes Rigaudon-Paar bildet den unwiderstehlich fröhlichen Abschluss.

Während des achtzehnten Jahrhunderts war Pygmalion eines von Rameaus populärsten und meistaufgeführten Bühnenwerken. Bei einer von ihm besuchten Aufführung wurde der Komponist vom Publikum erkannt und mit spontanem Applaus minutenlang gefeiert. „Er war außer sich vor Freude, weinte vor Rührung und war vom Empfang durch das Publikum dermaßen überwältigt, dass er sich schwor, seinen Anhängern den Rest seines Lebens zu widmen“, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. Pygmalion ist keine abendfüllende Oper, sondern ein etwa vierzigminütiges „Acte de ballet“ mit Gesangs- und Tanznummern. Grundlage der Handlung ist ein Mythos aus Ovids Metamorphosen: Pygmalion verliebt sich in eine von ihm selbst geschaffene Statue. Aphrodite belebt die Figur, worauf er sie zur Gattin nimmt. Das Werk wird mit einer von Rameaus brillantesten Ouvertüren eröffnet, in der die Meißelschläge des Bildhauers in den Tonrepetitionen des schnellen Abschnitts musikalisch festgehalten sind. Zu den Höhepunkten der Partitur gehört die Szene, in der die Statue zum Leben erwacht und das Tanzen lernt. In zehn kurzen Tänzen mit dem Titel Les différents caractères de la danse fasst Rameau die Grundlagen des französischen Tanzes gleichsam in einer einzigen Lektion zusammen, vom getragenen Air des Beginns bis zum geschwinden Kehraus des abschließenden Tambourin.

Dardanus war Rameaus fünfte Oper. Sie wurde 1739 uraufgeführt und 1744 sowie 1760 mit hinzukomponierter Musik in Neufassungen vorgestellt. Bei beiden Revisionen fügte Rameau so viel Instrumentalmusik hinzu, dass die Partitur, wie ein Kritiker bemerkte, derart mit Musik vollgepackt [ist], dass die Musiker während drei Stunden nicht einmal niesen können. Die Ballettmusik zeichnet sich durch besondere Farbenpracht aus, nicht nur aufgrund der vielfältig variierten Instrumentierung, sondern auch in ihren rhythmischen, melodischen und harmonischen Wendungen. Der Marche pour les différents nations, das Menuet und die Tambourins I & II sind der zweiten Szene des Prologs entnommen, in dem Sterbliche aller Schichten und Lebensalter Cupido in melodisch und metrisch charakteristischen Tänzen huldigen. Tambourin III gehört mit seinen temperamentvollungestümen Piccoloparts zu den bemerkenswertesten Nummern der Partitur. Das andere Ende der Farbskala bildet der Sommeil de Dardanus, eine für die französische Oper typische Schlummerszene in langsamem Zeitmaß und mit fein gesponnenen, gedämpften Streicherklängen. Eine farbig instrumentierte Chaconne bildet den großartigen Abschluss der Oper.

Die hier eingespielten Suiten unterstreichen in ihrer Großartigkeit das Urteil der Fachkritik, die in Rameau einen der originellsten Ballettmusikkomponisten der letzten drei Jahrhunderte erkannt hat. Bereits zu Lebzeiten des Komponisten fasste der berühmte Choreograph Gardel zusammen, was bis heute zutrifft: Rameau erfasst, was den Tänzern selbst noch nicht bewußt ist, und so sehen wir in ihm zu Recht unseren ersten Meister.

Simon Heighes
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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