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8.557493 - HEAR MY PRAYER - Hymns and Anthems
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HEAR MY PRAYER
Kirchenlieder und Anthems

Während Kirchenlieder und Lobgesänge der einen oder andern Art – ob als Teil der Liturgie oder in eher populärer Form – seit Jahrhunderten ihren Platz im christlichen Gottesdienst haben, erhielten Lied und Anthem1 während der religiösen Veränderungen des 16. Jahrhunderts ein neues Gesicht. In England spiegelten sich diese Veränderungen im Booke of the Common Prayer, das 1549, zu Beginn der Herrschaft Edwards VI. erschien, der deutlich unter dem Einfluss seiner protestantischen Lehrer und Erzieher stand. Wie in der katholischen Gegenreformation wollte man auch hier die Kirchenmusik vereinfachen, auf dass sie vom Volke besser verstanden würde; doch trotz aller verwirrenden Veränderungen blieb der Musik auch im Gottesdienst der neuen Church of England ein gewisser Platz reserviert. Unter der kurzen Herrschaft der Königin Mary lebte die alte Treue gegenüber Rom wieder auf, was erheblich zur Rettung der Kirchenmusik beitrug, die andernfalls unter einer zunehmend calvinistischen Regierung gelitten hätte. Nach Marys Tod gelang Königin Elisabeth, der protestantischen Tochter Heinrichs VIII. und seiner zweiten Frau Anne Boleyn, so etwas wie ein Kompromiss. Dieser erschien den Katholiken unmöglich und war den Puritanern nicht willkommen, bewahrte aber doch ein gewisses Maß an Zeremonien und dazu passender Musik. Damals entwickelte sich das englische Anthem in seinen beiden Gestalten als full anthem und – mit solistischen Elementen – als verse anthem. Nach der durch den Bürgerkrieg und die Republik verursachten Pause von 15 Jahren pflegte man „in Chören und Orten, allwo man singet“, wieder die anglikanische Chormusik. Die vorliegende Aufnahme enthält Anthems, die weitgehend der anglikanischen Tradition entstammen, und einige wenige Werke der katholischen Liturgie sowie weitere Stücke, die mit der letzteren im Zusammenhang stehen.

Charles Villiers Stanford wurde 1852 in Dublin geboren und spielte im britischen Musikleben bereits eine wichtige Rolle, als er noch in Cambridge studierte und am dortigen Trinity College die Orgel spielte. Nach seiner Ausbildung bei Carl Reinecke in Leipzig sowie in Berlin wurde er Professor für Musik in Cambridge sowie Kompositionsprofessor am neu gegründeten Royal College of Music. Er schuf frühe Stücke für den Morgen- und Abendgottesdienst der anglikanischen Liturgie, die nach wie vor im Repertoire der Kathedralen zu finden sind. In seinem Justorum animae (Die Seele der Gerechten), der ersten von drei 1905 gemeinsam veröffentlichten Motetten, vertonte Stanford einen lateinischen Text aus der Weisheit Salomos.

Nach seiner Ausbildung beim Organisten der Gloucester Cathedral kam Herbert Howells als Schüler von Stanford ans Royal College in London, wo er später selbst unterrichtete. 1950 wurde er Professor für Musik an der Londoner Universität. Seine Musik für die katholische und die anglikanische Liturgie verdankte sich oft der freundschaftlichen Beziehung zu Persönlichkeiten, die an den verschiedenen Einrichtungen wirkten, für die die Werke gedacht waren. Zusammen mit dem Nunc dimittis gehört sein 1945 entstandenes Magnificat zu den Cantica für den anglikanischen Abendgottesdienst. Es entstand für das King’s College Cambridge, wo sein Freund Boris Ord viele Jahre die musikalische Verantwortung trug.

Zu seinem Glück erblickte Henry Purcell das Licht der Welt unmittelbar vor der Restauration der Chapel Royal durch Karl II. Diese hatte vor dem Bürgerkrieg eine wichtige Rolle in der englischen Kirchenmusik gespielt, und das sollte sie nach 1660 wieder tun. Als Knabe war Purcell Chorist in der Chapel. Später wirkte er als fester Komponist der königlichen Violinen sowie als Organist an der Westminster Abbey und in der Chapel Royal. Bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1695 erfreute er sich der Gunst mehrerer Herrscher. Seine Vertonung des Psalms 63 O God, thou art my God (Gott, du bist mein Gott) in Form eines full anthem wird auf etwa 1680-1682 datiert. Aus derselben Zeit stammt die fünfstimmige Vertonung der Litanei Remember not, O Lord, our offences (Gedenke nicht unserer Sünden, o Herr).

Mendelssohn schrieb in Deutschland eine Reihe protestantischer Werke. Zu seinen größeren Chorkompositionen gehören die beiden deutlich von der Händel-Tradition beeinflussten Oratorien Paulus und Elias. Aufgrund seiner Beziehungen zu England entstanden auch einige Werke zum Gebrauch im anglikanischen Gottesdienst. Der Hymnus Hear my prayer (Höre mein Gebet) für Soli, Chor und Orgel aus dem Jahre 1844 ist seit langem Bestandteil im Repertoire eines jeden ambitionierten Chorsängers. William Bartholomew schrieb den englischen Text des Werkes, das es auch in einer deutschen Fassung gibt.

Den Cantique de Jean Racine schrieb Gabriel Fauré zunächst für Chor und Orgel. Dann erlebte das Werk (wie später auch das Requiem) verschiedene Umarbeitungen. 1865 brachte es seinem Verfasser den Ersten Preis für Komposition der Ecole Niedermeyer ein, an der er elf Jahre studiert hatte – zuletzt unter der Anleitung von Camille Saint-Saëns, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Der Text entstammt den Cantica, die Racine auf Befehl Ludwigs XIV. zum Besten der Schülerinnen geschrieben hatte, die Madame de Maintenon, die heimliche Gemahlin des Königs, in ihrer Erziehungsanstalt St. Cyr unterrichten ließ. Faurés Komposition markiert den Höhepunkt seiner Laufbahn an der Ecole Niedermeyer, von der er abging, um an St. Sauveur in Rennes Organist zu werden. Hier wurde das Stück auch ein Jahr nach seinem Entstehen mit einer revidierten Begleitung uraufgeführt.

Maurice Duruflé gehört zu jener Gruppe katholischer Komponisten in Frankreich, deren Karriere im engen Zusammenhang mit der Orgel stand. Er war zunächst Schüler von Charles Tournemire und Louis Vierne, dann studierte er bei Eugène Gigout. Seit 1930 wirkte er als Organist an der Pariser Kirche St. Etienne du Mont. Seine Vier Motetten über gregorianische Themen für Chor a capella stammen aus dem Jahre 1960. Im ersten dieser Stücke, Ubi caritas et amor (Wo die Güte und die Liebe) aus der Gründonnerstagsliturgie, verwendet er die entsprechende gregorianische Melodie.

Der jüdischstämmige Gerald Finzi wird mit jener Form der englischen Nationalmusik identifiziert, die durch Vaughan Williams und Gustav Holst ihre Blüte erlebte. In seinen Vokalsätzen zeigt er stets ein Gefühl für die vertonten Dichterworte. Obwohl er selbst Agnostiker war, schuf er dennoch Beiträge zum anglikanischen Repertoire. Dazu gehören ein Magnificat sowie verschiedene poetische Sätze wie das 1951 entstandene God is gone up (Gott ist aufgefahren) auf Worte des Puritaners Edward Taylor. Das Stück wurde in London während der bedeutenden Morgenfeier zum St Cecilia’s Day an der Kirche St Sepulchre, Holborn Viaduct, uraufgeführt. Es sangen die Kathedralchöre von St. Paul’s und Canterbury sowie der Westminster Abbey und die Chapel Royal.

Edgar Bainton wirkte nach seinem Studium bei Stanford am Royal College of Music zunächst in Newcastle upon Tyne. 1933 wurde er als Direktor ans Staatliche Konservatorium von Neu-Südwales nach Sydney berufen. Er schrieb viele erfolgreiche Werke und übte einen starken Einfluss auf die Entwicklung der australischen Musik aus. Aufgrund seiner Ausbildung und Neigung gehört er zu einer Komponistengeneration, die eine pastorale Tradition verband, bevor ernstere Einflüsse des Kontinents allmählich ihre Wirkung zeigten. Seine Vertonung von And I saw a new Heaven (Und ich sah einen neuen Himmel) gehört bis heute zu seinen bekanntesten Kompositionen und ist ein Standardstück des anglikanischen Chorrepertoires.

Wolfgang Amadeus Mozart und sein Vater Leopold dienten bei den Salzburger Fürsterzbischöfen – letzterer viele Jahre als Vize-Kapellmeister. Auch Wolfgang hatte in erheblichem Maße mit der Musik des Hofes und der Kapelle zu tun, und zwar sowohl als Geiger und Komponist wie schließlich auch als Organist. Es war dies seine letzte Anstellung in Salzburg, bevor er in Wien seine Freiheit fand. Er verfasste etliche kirchenmusikalische Werke, wobei er die liturgischen Reformen bedauerte, die sein letzter Salzburger Dienstherr durchgesetzt hatte. Sein erstes Kyrie schrieb er 1766 mit zehn Jahren, und sein letztes Werk war in Wien das Fragment des Requiem. Seine bekannte Komposition des Psalms 116 Laudate Dominum omnes gentes (Lobet den Herrn, alle Völker) gehört zu seinen 1780 in Salzburg entstandenen Vesperae solennes de Confessore. In diesem Satz ist der Psalmtext einem Solosopran übertragen; darauf folgt eine vierstimmige Vertonung des Gloria.

Der italienische Komponist Antonio Lotti studierte bei Legrenzi in Venedig und wirkte während seiner gesamten Laufbahn am dortigen Markusdom, wo er zuletzt als primo maestro di cappella fungierte. Er schrieb viele Opern und weltliche Kantaten, erweiterte aber auch das Kirchenrepertoire beträchtlich. Sein achtstimmiges Crucifixus nach dem entsprechenden Teil des Credo-Textes ist in seiner Verwendung von Dissonanzen und seinen dramatischen Effekten typisch für die Zeit und den Ort seiner Entstehung.

Eleanor Daley ist seit 1982 musikalische Direktorin der United Church von Fairlawn Heights. Sie wurde in Parry Sound, Ontario, geboren und studierte an der Queen’s University in Kingston. Sowohl als Komponistin wie auch als Dirigentin hat sie mit verschiedenen Chören und Chorvereinigungen zusammengearbeitet. Ihre Vertonung des Gedichtes In Remembrance (Zum Gedächtnis) von Mary Elizabeth Frye gehört zu ihrem Requiem, dessen Text sie aus verschiedenen Quellen zusammengestellt hat.

Stephen Chatman wurde 1950 geboren, studierte am Oberlin Conservatory sowie an der Universität von Michigan und unterrichtete lange Jahre Komposition an der Universität von British Columbia, wo er seit 1987 als Professor tätig ist. Er gehört zu den erfolgreichsten kanadischen Komponisten und hat sich eine eklektische Tonsprache anverwandelt. Sein Remember (Gedenke) entstand als Vertonung eines Gedichts von Christina Rossetti.

In seinen Enigma-Variationen hat Elgar eine Reihe von Freunden portraitiert, darunter seinen Berater August Johannes Jaeger, der hier Nimrod genannt wird. Diese Nimrod-Variation wurde durch ihre Bearbeitung zu einem feierlichen „in memoriam“ für Chor, das gelegentlich in Gedenkgottesdiensten zu hören ist. Nicht minder bekannt ist heute das Panis angelicus, das César Franck 1872 ursprünglich für Tenor, Orgel, Harfe, Violoncello und Kontrabass komponierte. Es wurde später in seine dreistimmige Messe aufgenommen und verschiedentlich arrangiert. Der Text ist Teil eines Corpus Christi-Hymnus des heiligen Thomas von Aquin.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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