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8.557494 - MARTINU: Songs for mezzo-soprano and piano
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Bohuslav MartinÛ (1890–1959)
Lieder

Bohuslav MartinÛ verdankte seine Bekanntheit unter anderem einer Reihe bedeutender Chorwerke, nicht zuletzt dem 1954 entstandenen magnum opus des Gilgamesch-Epos [Naxos 8.555138]. Dennoch fand seine Vokalmusik bisher nur geringe Aufmerksamkeit, und das, obwohl die Komposition von Liedern mit Klavierbegleitung (von denen bis heute viele noch nicht veröffentlicht oder erst neuerdings publiziert wurden) bis 1930 einen beträchtlichen Teil seines Schaffens darstellte und das gesamte Spektrum an Stilen und Gattungen umfasste, in denen sich MartinÛ damals artikulierte. Die vorliegende CD enthält eine Auswahl an Liedern, die in den dreißiger und frühen vierziger Jahren geschrieben wurden, als sich MartinÛ von seinem bisherigen, deutlich französisch beeinflussten Idiom abwandte und zu einer Sprache fand, in der die Folklore seiner böhmischen Heimat und die mitteleuropäische Volksmusik insgesamt eine bedeutende Rolle spielten. Einige der ausgewählten Stücke stammen aus zwei der wichtigsten Bühnenwerke, die er seinerzeit komponierte, und sämtliche Lieder sind entweder Antizipationen oder Reflexionen größerer vokaler oder instrumentaler Stücke, mit denen sich MartinÛ in jenen Jahren beschäftigte, als er eine seiner produktivsten Phasen seiner ohnehin arbeitsamen Komponistenkarriere erlebte.

Die Zwei Lieder von 1932 ergeben eine schöne komplementäre Ergänzung. Das Gedicht Pfirsichblüte von Jo Su Tschan, dessen lastend-sommerliche Schwere die ausgedehnte Einleitung des Klaviers einfängt, hat MartinÛ auf eine kunstvolle Weise vertont, in der sich Mattigkeit und Sorge überzeugend miteinander mischen. Automne malade entdeckt in Guillaume Apollinaires poetischem und doch ungewissem Bild vom Ende der Jahreszeit eine zarte Melancholie, ein tieferes, möglicherweise von Ravels berühmten Mallarmé-Vertonungen inspiriertes Pathos. Apollinaire, genauer gesagt seine 1913 veröffentlichte Sammlung Alcools, ist auch die Quelle des Liedes Saltimbanques aus den Trois Mélodies (1930): Die pittoreske Beschwörung der Akrobaten regte MartinÛ zu einem charaktervollen Satz mit leicht synkopierten Akzenten an. Die ebenfalls 1930 entstandene Vocalise-Etude hat zwar in Strawinskys früher Pastorale eine direkte Vorläuferin, ist aber ein ausgesprochen charakteristisches Gesangsstück, das sich auf demselben Niveau bewegt wie die jazzigen Harmonien und rhythmischen Gesten, die man in der Musik aus MartinÛs Pariser Jahren findet.

Von völlig anderer Art sind die Zwei Balladen (1932), die auf deutsche Volksquellen zurückgehen. Die Spielleute wollten wissen ist eine Variante der uralten Geschichte von der Menschenseele, die sich in einem leblosen Gegenstand verbirgt (hier ist es ein Ahornbaum) und den vorüberziehenden Musikern von ihrem Leid erzählt: MartinÛs Vertonung ist also von nachdenklichem, grübelnden Ausdruck und enthält einen imposanten Klavierpart. Die Waise ist eines jener echt „grimmigen“ Märchen, in denen es um Grausamkeit und Verlust geht; der Komponist verleiht dem Text einen traurigen Realismus, der nicht zuletzt in dem subtil ausgedünnten, am Ende schmerzlich verklingenden Klaviersatz oft an JanáÇek erinnert. Ihrem Sujet nach eng damit verwandt sind die Vier Lieder auf Volkstexte (1940). Bei diesen Werken griff MartinÛ auf eine Anthologie des Autors und Redakteurs Karel Jaromír Erben zurück, dessen Schriften Antonín Dvofiák zu der Serie seiner späten symphonischen Dichtungen inspiriert hatten. Einer der Texte -Pferdchen auf dem Brachfeld -spiegelt auf heitere Weise das wahre Eigentumsrecht an den Tieren, indessen Der verlorene Pantoffel eine fröhlich-parodistische Abhandlung über eine nicht eben bedeutende Sache darstellt. Geistliches Lied ist die schlichte strophische Vertonung eines liebevollen Gebetes, und die Einladung widmet sich den Themen des Getrenntseins und der Freundschaft mit wehmütigem Ton.

Traditionelle mährische Texte enthält der 1940 entstandene Zyklus Nov´y ·paliÇek (Neuer Almanach), eine der stattlichsten Liedersammlungen aus MartinÛs Feder. Er beginnt mit dem schlagfertigen Titel Die reiche Liebste, in dem „Er“ und „Sie“ ihre innige Liebe mit deutlichen Worten bekennen. Darauf die Empfindungen des Verlassenen Liebhabers. Eine lebhafte Betrachtung des unausweichlichen Todes bringt das Lied Sehnsucht, worauf Das glückliche Mädchen den Unterschied zwischen „Sonntag“ und „Heiligenfest“ verdeutlicht. Der trauernde Liebhaber widmet sich mit der ergreifender Melancholie der Vergänglichkeit von Liebe und Zufriedenheit. Das bittersüße Gebet wird von einem Mädchen gesprochen, das sich einen Freier wünscht, und Der hohe Turm ist ein Nonsens-Lied, das den Zyklus zu einem gewinnenden Abschluss bringt.

Eingerahmt wird dieser Zyklus von zwei Transkriptionen, die MartinÛ nach Tänzen seines Opern-Balletts ·paliÇek - im übertragenen Sinne ein kleines Lieder- und Märchenbuch -angefertigt hat. Dieses Werk entstand 1931/32 und wurde am 19. September 1933 in Prag uraufgeführt. Das Szenario ist die freie Adaption einer Anthologie tschechischer Märchen, Lieder und Kinderreime des Malers MikolበAle‰ -und von all den Balletten, die MartinÛ geschrieben hat, ist dieses das unmittelbar anziehendste, wie die stürmische Polka und der sorglose Walzer belegen, die beide die Farben der ursprünglichen Orchesterstücke in äußerst pianistische und virtuose Mittel übertragen.

In den umfänglichen Drei Liedern für die Weihnachtszeit (1929) hat MartinÛ pseudo-naive Texte französischer Autoren vertont. Das Huhn realisiert die Verse Thierry de Gramonts über ein widerspenstiges Federvieh mit bezaubernd kindlichen Mitteln. Dasselbe geschieht in dem Léon Xanrof zugeschriebenen Gedicht über Die kleine Katze, die gezwungen ist, das Leben auf die „harte Tour“ kennenzulernen. In seinen Vier Kinderliedern und Kinderreimen (1932) hat sich MartinÛ erstmals mit Texten Erbens auseinandergesetzt; das Ergebnis sind kurze Stücke, deren Spektrum von der Munterkeit des Abzählliedes über die Grillenhaftigkeit der Wildtaube und den Charme der Kleinen Schwalbe bis hin zu dem neckenden Kinderrätsel reicht. Ein wenig gehaltvoller ist das Liebeslied (1937), das einen in seiner schwärmerischen Sentimentalität echt volkstümlichen Text mit unfehlbarem Geschick umsetzt. Glückwunsch für die Mutte (1937) nach Jífií Muchas Reflexion über die Zeit und das Älterwerden hat MartinÛ in die geradlinige und doch liebevolle Sprache seines reifen Stils gekleidet.

Die verbleibenden Titel stammen aus den Spielen von Maria, einem Zyklus von Volksopern aus den Jahren 1933/34, die am 23. Februar 1935 in Brünn aufgeführt wurden und MartinÛ einen der größten Erfolge in der Heimat bescherten. Die Geburt Christi gehört in die dritte Oper über mährische Volksdichtung und ist eine gefühlvolle Pastorale über die Geburt Christi. Schwester Pascalina nach Julius Zeyer, dem tschechischen Dramatiker des 19. Jahrhunderts, ist der vierten und letzten Oper entnommen. Dabei handelt es sich um eine Meditation an der Schwelle zum Tode, deren Kunstlosigkeit und Glut charakteristisch für MartinÛs beste Werke sind - die Lieder nicht ausgenommen.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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