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8.557499 - STRAVINSKY, I.: Oedipus Rex / Les Noces (Craft) (Stravinsky, Vol. 1)
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Igor Strawinsky (1882-1971)
Oedipus Rex • Les Noces

Igor Strawinsky selbst dirigierte am 30. Mai 1927 im Pariser Théâtre Sarah Bernhardt die Uraufführung des Oedipus Rex (1925-1927). Auf dem Programm stand ferner Der Feuervogel mit George Balanchine als Kastschei. Komponisten wie Ravel, Poulenc und Roger Sessions waren die ersten, die den Oedipus als Strawinskys stärkstes dramatisches Werk und eine seiner größten Schöpfungen überhaupt erkannten. Der junge Benjamin Britten hörte das Werk am 12. Februar 1936 unter der Leitung von Ernest Ansermet in London. Danach schrieb er in sein Tagebuch:

Das ist ein Höhepunkt in Strawinskys Schaffen, ein Werk, das sowohl sein wunderbares stilistisches Gespür verrät als auch seine Fähigkeit, sich von jedem musikalischen Zeitalter inspirieren zu lassen und das in eine perfekte Form zu gießen, die jede ästhetische Forderung erfüllt ... die etablierten Vorstellungen von Originalität sterben nur langsam aus.

Leonard Bernstein dürfte der erste gewesen sein, der den für diese Musik wichtigsten Einfluss entdeckte:

des Oedipus herkommen ... Und die ganze Metapher von Mitleid und Macht wurde klar: die bedauernswerten Thebaner, die vor ihrem mächtigen König flehen, um Erlösung von der Pest bitten ... eine äthiopische Sklavin zu Füßen ihrer Herrin, der ägyptischen Prinzessin ... Amneris hat Aida gerade ihr schreckliches Geheimnis entlockt ... Verdi, der zur Entstehungszeit des Oedipus so unmodern war, einer, den die intellektuellen Musiker Mitte der zwanziger Jahre verhöhnten; ausgerechnet Aida, dieses billige, mindere, sentimentale Melodram. [Auf dem Höhepunkt der Indivia- Arie des Oedipus] spielt das Orchester einen verminderten Septakkord ... dieses beliebte Werkzeug, mit der sich in jeder romantischen Oper eine Mehrdeutigkeit von Überraschung und Verzweiflung erzeugen ließ ... Aida! … Hatte Strawinsky etwa in jenen geistig überspannten Mittzwanzigern eine heimliche Romanze mit Verdis Musik? Es scheint ganz so. [Charles Eliot Norton Lectures, 1973]

Bernstein hätte die Abhängigkeit von Verdi auch unter Hinweis auf die Arie der Jocaste und ihr Duett mit Oedipus darstellen können. Während der zwanziger Jahre hing in Strawinskys Pariser Studio an prominenter Stelle eine Verdi-Photographie, und während seiner Konzertreisen scheute er keine Mühe, um Opern von Verdi zu hören. Das ging so weit, dass er gelegentlich sogar seine eigenen Konzerte verschob – wie etwa im Dezember 1931 in Hannover, wo er eine Aufführung des Macbeth besuchen wollte. Zu Beginn der dreißiger Jahre schrieb er einem seiner Biographen: „Ich hätte an Nietzsches Stelle Verdi und nicht Bizet gesagt und den Maskenball gegen Wagner ins Feld geführt.” 1936 schockierte er einen Journalisten in Buenos Aires mit den Worten: „Niemals in meinem Leben könnte ich etwas komponieren, das sich mit dem köstlichen Walzer aus La Traviata vergleichen ließe.”

Offensichtlich gibt es neben Verdi auch andere Einflüsse. Der Gloria-Chor vom Ende des ersten Aktes, die Musik des Boten und der a cappella-Chor in der Boten-Szene sind entschieden russisch. Doch die Genialität des Werkes zeigt sich in der Einheit, die Strawinsky aus seinen scheinbar disparaten Materialien gewinnt.

Les Noces (Svadebka) verdienen einen Platz unter den größten Meisterwerken des 20. Jahrhunderts, von denen es nicht eben übermäßig viele gibt. Dass uns das Werk nicht immer gleich als ein solches

in den Sinn kommt, liegt womöglich an den kulturellen und sprachlichen Barrieren sowie wohl auch daran, dass es sich aus eben diesen Gründen schwer aufführen lässt: Da nämlich der Klang der Worte selbst Teil der Musik ist und der sprachliche Rhythmus untrennbar mit der musikalischen Gestaltung verbunden ist, kann das Werk eigentlich nur in russischer Sprache gesungen werden. Wollte man eine Übersetzung herstellen, die die quantitativen und qualitativen Formeln des Originals (= rhythmische Längen und Akzente) einfinge, so wäre der Wortsinn auch nicht annähernd einzufangen. Deswegen verwarf Strawinsky – der eigentlich nie etwas dagegen einzuwenden hatte, wenn die klare Aussage dem Klang geopfert wurde – seine eigene englische Fassung, an der er im Herbst 1959 und dann noch einmal im Dezember 1965 gearbeitet hatte. Das ist bizarrerweise auch der Grund dafür, dass bei seiner ersten eigenen Aufnahme der Noces im Jahre 1934 auf Englisch gesungen wurde – denn es gab damals keinen russischen Chor in Paris. Was er aber gar nicht mochte, war die französische Fassung von C. F. Ramuz, die unzählige Veränderungen und Anpassungen der musikalischen Rhythmen erfordert hätte.

Die Aufführungen der Noces sind selten und meistens auch dem Werk nicht angemessen. Die vier Klaviere und siebzehn Schlaginstrumente des Ensembles gehören nicht zur Standardausrüstung normaler Symphonieorchester. Ferner ist das Stück gerade genug für ein halbes (und nicht eben langes) Programm. Und die wenigen Werke, die sich aufgrund ihrer jeweiligen Instrumentation mit Les Noces koppeln ließen – Varèses Ionisation, Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug oder Antheils raffiniertes Plagiat des Ballet mécanique – sind zu deutliche Abkömmlinge des instrumentalen Vorbilds.

Infolge der kulturellen und sprachlichen Hindernisse entgeht den Zuhörern einiges an Bedeutungen. Was man zumeist hört, ist ein Stück „purer” Musik, und das, so hätte Strawinsky gesagt, ist schließlich auch der ultimative Sinn der Komposition. Ungeachtet dessen ist Svadebka auch ein dramatisches Bühnenwerk, dessen Weg zu dem ultimativen Ziel mit mehr Bedeutungen gepflastert ist als jede andere Kreation des Komponisten. Überdies stammt das Drama von Strawinsky selbst, der auch für die Wahl des Sujets, die Form des Schauspiels und die Zusammenstellung der Texte verantwortlich zeichnet. Von dem wesentlich leichteren Renard abgesehen ist Svadebka sein einziges Theaterwerk, in dem er Texte seiner Muttersprache in Musik setzte – und das einzige, in dem jeder Ritus, jedes Symbol und jede Bedeutungsebene ganz direkt seinem kulturellen Erbe entstammen.

Les Noces ist von allen Schöpfungen Strawinskys auch diejenige, die die umfänglichsten Metamorphosen erlebte. Ein ganzes Jahrzehnt befasste sich der Komponist mit Svadebka, womit das Werk insgesamt mehr Zeit in Anspruch nahm als jede andere seiner Kompositionen von vergleichbarer Länge. Infolge dieser Entstehungsgeschichte gewähren die Skizzen einen einzigartigen Einblick in die Entwicklungs- und Gestaltungsprozesse seines Schaffens. Einer der Gründe für die lange Entstehungsphase ist, dass Strawinsky die Arbeit mehrfach unterbrach, um andere Werke zu schreiben, die jedes Mal seinen schöpferischen Blickwinkel veränderten. Des weiteren war er im Begriff, sowohl in musikalischer Hinsicht (durch den heterophon vokal-instrumentalen Stil) als auch hinsichtlich der theatralischen Gattung (eine Verschmelzung aus Ballett und dramatischer Kantate) etwas so völlig neues zu schaffen, dass er es selbst nicht in Worte zu kleiden wusste. „Choreographische Szenen aus Russland” lautete schließlich der Untertitel der definitiven Partitur, doch damit ist längst nicht alles gesagt. Die Bezeichnung unterschlägt die Tatsache, dass es darin um eine ländliche Hochzeit geht und sagt auch nichts über den Inhalt der vier rituellen Szenen: Zunächst werden der Braut die langen Haare in Flechten um den Kopf gewunden, dann salben die Freunde das Lockenhaar des Bräutigams; im Anschluss wird die Braut zur Kirche geleitet, und am Ende steht das ausgelassene Hochzeitsfest.

Robert Craft
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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