About this Recording
8.557518-19 - SCHOENBERG: Gurre-Lieder (Schoenberg, Vol. 1)
English  German 

Arnold Schoenberg (1874-1951)
Gurre-Lieder

Arnold Schönberg hat zwar schon seit seinem siebten Lebensjahr komponiert, doch bis 1897 waren ihm kaum wirklich bedeutende Werke gelungen. Dann erlebte sein frühes Streichquartett D-dur unter der Schirmherrschaft des Wiener Tonkünstlervereins eine erfolgreiche Aufführung – ein Werk, für das sich sowohl der gefürchtete Kritiker Eduard Hanslick als auch der schwerkranke Johannes Brahms erwärmten. Als derselbe Tonkünstlerverein, der zwei Jahre später das Streichsextett Verklärte Nacht aufgrund seiner fortschrittlichen harmonischen Sprache ablehnte, einen Wettbewerb für einen neuen Liederzyklus ausschrieb, nahm Schönberg die Herausforderung an: Er vertonte verschiedene Gedichte aus dem Zyklus Gurresange, den der dänische Botaniker und Schriftsteller Jens Peter Jacobsen (1847–1885) im Jahre 1869 verfasst hatte.

Jacobsen war in seiner biologischen Arbeit ein überzeugter Darwinist. Seine dichterischen Werke sind von gesellschaftlicher Entfremdung und religiöser Skepsis geprägt und drängten sich aus diesem Grunde wohl dem jungen Schönberg auf – einem Künstler, der sich aus finanzieller Not vor allem autodidaktisch hatte bilden müssen und der, als er 1898 vom Judentum zum Protestantismus übertrat, diesen Schritt weniger aus Gründen des sozialen Voran-kommens als vielmehr aus dem Bedürfnis heraus unternahm, seine „Weltanschauung“ neu zu bestimmen. Das zeigte sich auch an seiner Entscheidung, den Liederzyklus nach Jacobsen für Sprecher, fünf Gesangssolisten, drei vierstimmige Männerchöre, einen achtstimmigen gemischten Chor und ein Orchester zu setzen, das je zwei Dutzend Holz- und Blechbläser, eine große Schlagzeugsektion und das entsprechende Quantum an Streichern verlangt. Mitte des Jahres 1900 hatte er das Particell der ersten beiden Teile abgeschlossen, und ungeachtet seiner Brotarbeiten – Kopiaturen und Operettenorchestration – beendete er im nächsten Jahr auch den dritten Teil. Doch trotz allen Zuspruchs, der ihm von Persönlichkeiten wie Richard Strauss zuteil wurde, ließ sich die Arbeit an der Partitur nicht mit seinem Broterwerb vereinbaren. Schönberg brach die Instrumentation seines Werkes nach kaum einem Jahr ab.

Damit waren die Gurre-Lieder allerdings nicht vergessen. 1907 stellte Alban Berg einen Klavierauszug her, und 1909 arrangierte Anton Webern, der zweite bedeutende Schönberg-Schüler der damaligen Jahre, das Vorspiel und die Zwischenspiele des ersten Teils für zwei Klaviere zu acht Händen, und diese Fassung wurde am 14. Januar 1910 öffentlich in Wien aufgeführt. Arnold Schönbergs musikalische Sprache hatte sich inzwischen erheblich verändert; eben erst hatte er das Monodrama Erwartung abgeschlossen, und schon bald sollte der „Liederzyklus“ Pierrot Lunaire folgen. Dennoch fühlte sich der Komponist bemüßigt, die Arbeit an der Kantate wieder aufzunehmen. Am 8. November 1911 beendete er die Orchestrierung. Die Premiere der Gurre-Lieder fand am 23. Februar 1913 unter der Leitung von Franz Schreker statt, und diese Aufführung sollte Arnold Schönberg einen seiner größten öffentlichen Triumphe überhaupt bescheren.

RW

Noch vor seiner ersten Prosa schrieb der 21 jährige Jens Peter Jacobsen die Gurresange (Gurre-Lieder), ein Gedicht der Leidenschaft, des Verlustes und der Verzweiflung. Veröffentlicht wurde dieses sein bewegendstes Werk erst nach seinem Tod. Die Dichtung geht auf eine große Legende aus dem mittelalterlichen Dänemark zurück – die Liebe König Waldemars des Großen (1131–1182) zu seiner Mätresse Tove. Bei Jacobsen heißt sie Tovelille, kleine Tove, und bei seinem Waldemar handelt es sich um den vierten König dieses Namens, der von etwa 1320 bis 1375 lebte. Die Abwesenheit Waldemars nutzt dessen eifersüchtige Gemahlin Helwig, ihren eigenen Geliebten Folkward zum Mord an Tove aufzustacheln. Dieser schließt sein Opfer in dessen Badehaus ein und lässt es im heißen Dampf sterben. Der trauernde Waldemar lädt ewige Verdammnis auf sich, als er Gott beschuldigt:

Herr, du solltest wohl erröten:
Bettlers einz’ges Lamm zu töten!

Das Schloss von Gurre am See von Gurresko ist nicht weit von Helsingör entfernt. Es wurde seit 1835 freigelegt und ist inzwischen restauriert. Erstmals erscheint es in den Hofchroniken des Jahres 1364, als nämlich Papst Urban V. der Schlosskapelle eine Reliquie schenkte. Weiterhin ist vermerkt, dass Waldemar IV. dort im Oktober 1375 verstarb (Könige des Namens regierten vom 12. bis 14. Jahrhundert). In den Balladen von Tove und Waldemar (Folkeviser), mit deren Aufzeichnung man im 15. Jahrhundert begann und auf die sich Jacobsens Gedicht gründete, entdeckt Waldemar der Große seine Tove in einem kleinen Schloss auf einer baltischen Insel und verliebt sich in sie. Jacobsen transponierte Menschen (Tove) und Geschehnisse (Toves Todesart) auf den vierten Waldemar: Ursprünglich hält Helwig eine Fackel, die bei Jacobsen den „rachbegierigen Sinn” der Königin symbolisiert. So folgt sie Folkward, der die Tür von Toves Bad versperrt. Waldemar rächt sich an Toves Mörder in einer Weise, die ebenso grausam wie die Verbrühung seiner Geliebten ist: Folkward wird in ein mit Nägeln gespicktes Fass gesteckt und darin umhergerollt. Dergestalt wurde tatsächlich ein dänischer Verbrecher namens Folkvard Lavmandsson hingerichtet. Das Element der Gewalttätigkeit lässt Jacobsen allerdings in beiden Fällen aus.

Im ersten Teil seines Gedichts lässt Jacobsen abwechselnd Waldemar und Tove zu Worte kommen. Nach dem Tod des Mädchens wird die Erzählung von der Stimme der Waldtaube („Tauben von Gurre! Sorge quält mich, vom Weg über die Insel her!”), der Stimme des Bauern, den Stimmen von Waldemars Mannen, der Stimme von Klaus-Narr und der Stimme des Dichters selbst fortgesetzt. Diese dramatische Gestaltung hat Jacobsen selbst erfunden – wie auch die Figur des Klaus, den er zum Zwecke einer gewissen heiteren Entspannung einführte.

Die Gleichsetzung von Tove und der Waldtaube spielt mit dem Gleichklang der Worte: Tove ist im Altnorwegischen Tofa (Taube), und „Gurre” (wie auch im Deutschen) ist das onomatopoetische Wort für den Ruf der Taube, die Reinheit, Treue und Glück symbolisiert und des von andern Vögeln attackiert wird: „Helwigs Taube war’s der grausam Gurres Taube zerriss!”, und „Steingepolter am Kirchhofrain, Sperber sausen vom Turm und schrei’n, auf und zu fliegt’s Kirchentor!” Diese Vögel repräsentieren dann auch Tag und Nacht, wenn man Rabe, Eule und Hahn mit in Betracht zieht. Wie Pelléas et Mélisande beginnen auch die Gurrelieder im Zwielicht eines Waldes am Rande des Meeres. Sie enden nach einer Nacht der Liebe und des Schreckens bei Sonnenaufgang.

Nach dem Mord sucht Waldemar seine geliebte Tove über ihren und seinen eigenen Tod hinaus:

Aber Tove ist hier und Tove ist da, Tove ist fern und Tove ist nah. Tove, bist du’s, die mit Zaubermacht gefesselt an Sees- und Waldespracht?

Er findet sie in der Natur wieder:

Mit Toves Stimme flüstert der Wald,
mit Toves Augen schaut der See ...

Es mag sein, dass der Entwurf der heroischen Haltung, der mittelalterlichen Atmosphäre und des regelrechten Fin-de-siècle-Symbolismus – die Dichtung stammt aus dem Jahre 1869 – größer sind als die poetische Realisation. Doch wer das beurteilen wollte, müsste wohl die dänische Sprache beherrschen. Die Jacobsen- Gemeinde sieht darin in jedem Fall den Höhepunkt der dänischen Dichtkunst.

Robert Craft
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window