About this Recording
8.557540 - BAX: Violin Sonatas, Vol. 1 (Nos. 1, 3)
English  German 

Arnold Bax (1883-1953)
Violinsonaten

Als Teenager und junge Männer lebten Arnold Bax und sein Bruder Clifford im elterlichen Herrenhaus zu Hampstead. Eine Reihe zeitgenössischer Künstler kam dorthin zu Besuch, um zu musizieren, im weitläufigen Garten zu faulenzen und unmögliche Träume zu träumen – „von mehr, als einem das Leben geben kann“, wie Clifford formulierte. Da es ihnen gut ging, brauchten sie nach Ab-schluss ihrer Ausbildung keine Brotarbeit aufzunehmen. So konnte Arnold, nachdem er 1905 die Royal Academy of Music nach fünfjähriger Studienzeit verlassen hatte, auf Reisen gehen, seine Musik entwickeln und sich einer Reihe von Liebesaffären hingeben, die von seiner Musik reflektiert werden.

Obwohl Arnold Bax derart gesegnet war, entwickelte sich der reife Stil des Komponisten nur langsam, und so kam es, dass erst einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg die ersten Werke erschienen, denen Bax eine nachhal-tigere Reputation verdankte. Bekanntlich war Bax vom Westen Irlands, seinen Legenden und seinen Menschen fasziniert, so dass er – besonders in seinen romantischen Zwanzigern – viele Monate dort verbrachte. Nachdem er zunächst der Dichtung von Willliam Butler Yeats erlegen war, besuchte er seit 1902 regelmäßig das Dorf Glencolumcille im nordwestlichen County Donegal, dessen Geographie und stürmisches Klima durchaus als Katalysator für die Entwicklung seines reifen Stils angesehen werden können.

Obwohl Bax nur vier Violinsonaten veröffentlichte, hat er tatsächlich fünf geschrieben. Die früheste ist ein einsätziges Stück in g-moll, das er 1901 noch während seiner Studentenzeit schrieb; aus der zweisätzigen letzten Sonate, die er zurückhielt, wurde 1931 das Nonett. All diese Stücke sind jeweils durch einen bestimmten Musiker charakterisiert: Die frühe g-moll- Sonate entstand für Gladys Lee, mit der er während der Hochschulzeit liiert war; aufgeführt wurde das Stück später von Ivy Angove, einer weiteren Kommilitonin aus der Zeit an der Royal Academy. Die Sonate Nr. 1, die spä-ter Paul Kochaƒski spielte, hat mit der sehr jungen Wini-fred Smith zu tun. Die Sonate Nr. 2 ist möglicherweise durch das Spiel von May Harrison angeregt worden, wur-de aber von Bessie Rawlins aufgeführt. Und die 1927 verfasste Sonate Nr. 3 steht im Zusammenhang mit Emil Telmányi und dann mit May Harrison.

Lange hat Bax an der Revision der Sonate Nr. 1 gearbeitet. Der kreative Ausgangspunkt war allerdings seine Leidenschaft für eine junge Ukrainerin, die im Herbst 1909 plötzlich in seinem Hampsteader Kreis auftauchte. Auf dem Manuskript nennt Bax sie „M’selle Natalia Skarginski“ (richtiger: Natalie Skarginska). Den ersten Satz be-endete er am 2. Februar 1910, den ursprünglichen langsa-men Satz (slow and sombre) am 8. Februar, und das (nicht datierte) Finale vermutlich kurz danach. Wenn man weiß, wie schnell Bax arbeitete, ist anzunehmen, dass er den Kopfsatz in den ersten Wochen des Jahres 1910 komponiert hat. In seiner Autobiographie hat Bax Natalie hinter dem Namen „Loubya Korolenko“ versteckt. Er schreibt: Oh! Loubya war in ihrer Schönheit wie eine Najade – eine goldene Rusalka mit eisblauen Augen! Angezogen von der Faszination ihrer Nationalität und Historie – wie leicht verlor ich mich da nicht in einer verzehrenden Liebe zu ihr! – ein zerstörerisches und erniedrigendes Abenteuer, das ich aber nie bedauert habe … Zumindest der erste Satz ist eine leidenschaftliche Liebeserklärung. Jahre später schrieb Natalie an Bax, er lebe weit mehr in der Begeisterung [s]einer eigenen Phantasie als in der wirklichen Welt.

Im April 1910 beschloss Natalie, in ihre Heimat zurückzukehren, und Bax begleitete sie. Diese Reise hatte bedeutenden Einfluss auf seinen späteren musikali-schen Stil, nicht aber auf sein Liebesleben. Es muss im Fe-bruar 1912 eine Privataufführung der Sonate gegeben ha-ben, denn einer andern Freundin – Rosalind Thornycroft, die kurz zuvor seinen berühmten Freund Godwyn Baynes geheiratet hatte – schrieb Bax damals: Sie klang ganz anders als alles andere, und ich erkannte zum ersten Mal, dass meine harmonische Gestaltung anders als die ande-rer moderner Komponisten ist … man kann das eigene Werk nicht kennen, wenn man nicht ganz aus ihm heraustritt; ich tat das, indem ich vom Nachbarzimmer aus zuhörte.

Bax muss damals bereits bemerkt haben, dass der zweite und dritte Satz nicht funktionierten, denn als Wini-fred Smith und Myra Hess im Juni 1914 in der Steinway Hall auftraten, spielten sie nur den ersten Satz des Werkes, zu dem Bax dann 1915 zwei neue Sätze hinzukompo-nierte. Diese wurden allerdings erst gespielt, als Bax den polnischen Geiger Paul Kochański kennen lernte, der an der Violinstimme verschiedene technische Änderungen vornahm. So brachten Bax und Kochański die Sonate im November 1920 im kleinen Kammermusiksaal der Queen’s Hall zur Aufführung. Sie wurde dann von Murdoch veröffentlicht – als das erste der Werke, die sein zu-künftiger Verleger herausbrachte. Ein Jahr später spielte Bax das Stück ein weiteres Mal – jetzt mit Bessie Raw-lins in der Wigmore Hall.

Die erneut bearbeitete und leicht gekürzte Fassung, die hier eingespielt wurde, hat der Verleger Chappell, der Murdoch im Zweiten Weltkrieg übernahm, im Jahre 1945 neu veröffentlicht.

Der erste Satz beschäftigt sich vornehmlich mit dem Motto, das gleich am Anfang zu hören ist und im dritten Satz wiederkehrt. Man könnte es eher als Liebesthema denn als Natalie-Thema bezeichnen, denn zu der Zeit, als Bax das neue Finale schrieb, war er bereits verheiratet, und er hatte die Affäre mit der neunzehnjährigen Harriet Cohen begonnen, die schließlich den Zusammenbruch seiner Ehe herbeiführte. Die Deutung des Mottos erhält weitere Nahrung durch zwei Zeilen von W. B. Yeats, die Bax am Anfang seines Manuskripts zitierte. A pity beyond all telling is / Hid in the heart of love (Ein unsagbares Bedauern / verbirgt sich im Herzen der Liebe).

In den letzten Takten ist das Motto schließlich von heiterer Gelassenheit.

Als zweiter neuer Satz steht vor dem Finale ein lebhaftes Scherzo, in dessen kontrastierendem langsamen Trio der Geist des Mottos wieder vorübergehend in Erschei-nung tritt.

Die zwei Sätze, die Bax entfernte, sind von bemerkenswertem musikalischen Gehalt. Beide dauern länger als jene Stücke, die an ihre Stelle traten. Viel später bezeichnete Bax den alten langsamen Satz in einem Brief an May Harrison als zu jugendlich für öffentliche Auffüh-rungen. Allerdings sollten wir die Bemerkung des Komponisten, dieser Satz könne nicht für sich allein gespielt werden, nicht unbedingt wörtlich nehmen, denn die beiden gestrichenen Sätze stellen glänzende Zugaben dar. Der ursprüngliche Mittelsatz lässt keinen Zweifel an der Persönlichkeit des Komponisten, der hier aus seinen Ge-fühlen keinen Hehl macht; das frühere Finale hingegen liefert uns, obwohl es durchaus spannend ist und auf das Motto zurückblickt, weniger charakteristische Hinweise auf Bax’ spätere Werke und präsentiert uns einen weniger reifen Künstler. Die abschließende Anlage mit einem Scherzando als Mittelsatz bildet ein gelungenes Ganzes. Tatsächlich verriet Bax hinsichtlich seiner stilistischen Entwicklung eine bemerkenswerte Objektivität, als er die beiden ursprünglichen Sätze, die uns als Einzelstücke zweifellos gefallen, strich. Die populär gehaltene Melodie des walzerartigen Mittelteils aus dem ursprünglichen lang-samen Satz ist gewiss ein Vorläufer des „Grauen Tänzers im Zwielicht“ aus der zweiten Sonate. Die stürmischen Sechzehntel des ursprünglichen Finales haben eine pa-ckende Körperlichkeit, wenngleich man sie bei Bax sonst nirgends findet; weniger entwickelt ist allerdings der Rückgriff auf das thematische Motto, dessen Behandlung im Rahmen der Sonate weniger gelungen wirkt als in dem späteren Stück.

Diese zweisätzige Sonate wurde im Sommer 1927 skizziert und im Herbst des Jahres geschrieben. Die Uraufführung gaben der Violinist Emil Telmányi – der Schwiegersohn des Komponisten Carl Nielsen – und Bax am Klavier in einem Kammerkonzert der BBC aus dem Londoner Arts Theatre Club am 4. Februar 1929. Die Sonate wurde noch im gleichen Jahr publiziert mit einer Widmung an den Violinisten der ersten Aufführung.

Während der Stil sehr viel konzentrierter ist als jener der 1. Sonate, weniger sinnlich und ausgeschmückt, so ist der irische Faden, der sich gleichsam durch das ganze Werk zieht, unverkennbar: lyrisch im ersten Satz, rhythmisch im vorwärtsstürmenden zweiten mit dem nachdenklichen Zwischenspiel in Zentrum.

Der erste Satz beginnt im klassischen Bax-Stil in den dunklen tiefen Lagen des Klaviers. Die Violine der grüblerischen ersten Takte schafft eine introspektive Stimmung mit einem fallenden Motiv von etwas wehklagendem Ausdruck, das vieles von dem, was folgt, hervorbringt. Es erreicht einen Höhepunkt und leitet zu einer Melodie über, die zuerst im Klavier erklingt und wie ein irischer Folksong anmutet, obwohl sie höchstwahrscheinlich eines der von Bax geschaffenen Themen ist, die Folkelemente einschließen.

Die irischen Wurzeln dieser Musik werden von dem Volkstanz-Rhythmus im energischen zweiten Satz bekräftigt. Obwohl selbst kein Tänzer, gewann Bax vor dem Ersten Weltkrieg zehn Jahre lang im Westen Irlands Vertrautheit mit dem Tanzen, als er authentische lokale Bräuche miterlebte. Er verwendete selten echte Tanzmelodien in Form von Jigs oder Reels, doch hier erzeugt eine bestimmte Art von wildem fast allegro im 2/4-Takt, begleitet von einem stampfenden Rhythmus, eine berauschte Stimmung.

Nach drei Minuten heftig vorwärtseilenden Sechzehnteln kehrt Bax zum irischen Flair zurück, indem er ein neues rhythmisches Thema im 6/8-Takt einführt, das er mit „Planxty“ bezeichnet. Das Wort ist durch den Namen einer irischen Folkband bekannt geworden. Es bezeichnet ursprünglich eine lebhafte Harfenmelodie in Triolen, die der irische Dichter und Harfenist Turlough O’Carolan (1670–1738) für Colonel John Irwin (1680–1752) komponiert hat. Im zentralen Zwischenspiel träumt Bax von vergangenen Dingen – sein Tagtraum spielt auf den romantischen Höhepunkt des revidierten letzten Satzes seiner 1. Sonate an.

Bax fand seinen eigenen Klavierpart wahrhaft schweißtreibend, als er ihn für die BBC spielte. Gegenüber Harriet Cohen äußerte er: … der zweite Satz meiner Sonate ist unglaublich schwer, in jedem Takt scheint es eine Falle zu geben und keine Zeit zum Nachdenken!

© Lewis Foreman
Deutsche Fassung: Cris Posslac und Thomas Theise


Close the window