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8.557567 - SCHUBERT, F.: Lied Edition 28 - Friends, Vol. 3
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Franz Peter Schubert (1797–1828)
Lieder aus dem „Schubert-Kreis“, Folge 3

 

Die vorliegende CD stellt Lieder nach Texten aus Schuberts Freundeskreis vor. Im Mittelpunkt steht Johann Mayrhofer, der über einige Jahre Schuberts engster Freund und zeitweise sogar Zimmergenosse war. Seine Lyrik nimmt in Schuberts Lied-Oeuvre einen zentralen Platz ein: 47 Gedichte seines Freundes hat er vertont (siehe auch Mayrhofer-Lieder Vol.1. und 2), nur Goethe mit über 60 Vertonungen übertrifft diese Zahl. Daneben sind vertreten: Baron Franz von Schlechta, wie Schubert Schüler am Wiener Stadtkonvikt, später Mitglied des Freundeskreises und einer der größten Verehrer von Schuberts Kunst; Matthäus von Collin, ebenfalls Freund Schuberts und wie sein Bruder Heinrich nur „nebenberuflich“ Dichter und Dramatiker, beruflich Universitätsprofessor für Ästhetik und Philosophie in Krakau und Wien, Erzieher des Herzogs von Reichstadt (eines Sohnes von Napoleon), Begründer und Herausgeber der „Wiener Literaturzeitung“ und der „Jahrbücher der Literatur“; der politische Heißsporn Johann Chrysostomus Senn, der 1820 wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt verhaftet und verbannt wurde; schließlich Heinrich Hüttenbrenner, jüngerer Bruder der beiden Schubert- Vertrauten Anselm und Josef; zu guter Letzt Schubert selbst mit einem Lied auf ein selbst verfasstes Gedicht, das er in das Stammbuch des Freundes Schober schrieb.

Die drei einleitenden Lieder nach Schlechta sind Meisterwerke des reifen Schubert, alle drei von großer musikalischer Geschlossenheit und ungeheuer dichter inhaltlicher Prägnanz, wenn auch in sehr unterschiedlichen Ausdrucksbereichen.

In der Fischerweise D881 ist alles Vitalität, Optimismus, Vorwärtsdrang und Humor. Eine ununterbrochene motorische Achtelbewegung der rechten Klavierhand durchzieht das Lied. Ihr ist in den ritornellartigen Vor-, Zwischen- und Nachspielen ein einfaches Zweitakt-Motiv der linken Hand zugesellt, das wechselnd im Bass und im Diskant zu hören ist; es wird damit zum Symbol des in vielen Schubert’schen „Wasser-Liedern“ des so wichtigen Gegenübers von Oben und Unten, Himmel und tiefem Grund, ihrer gegenseitigen Spiegelung, Durchdringung und bisweilen sogar Umkehrung—der Liedzyklus Die schöne Müllerin hält zahlreiche Beispiele dafür parat. Hier heißt es: „Bald wird ein bunt Gewimmel/In allen Tiefen laut/Und plätschert durch den Himmel/Der sich im Wasser baut“. Die Singstimme ist entsprechend der einfachen Natur des Fischers volksliedartig gehalten. Sie nimmt das einleitende Zweitakt-Motiv am Ende einer jeden Strophe auf und tritt so in einen munteren Dialog mit dem Klavier. In der letzten Strophe, beim Erscheinen der Hirtin, versteht es Schubert meisterhaft, durch eine eintaktige Verzögerung des Gesangseinsatzes und darauf folgend einige kleine rhythmische Veränderungen das Unerwartete, Spielerisch- Spannende des Gegenübers von Fischer und Hirtin zu veranschaulichen.

Des Sängers Habe (D832) handelt vom „Kapital“ des Künstlers, seiner Kreativität, die hier in Anlehnung an die Orpheus-Sage allegorisch dargestellt wird durch die Zither (der Sänger Orpheus erscheint stets mit der „Kithara“). Die Musik bricht sich mit vehementer Attacke Bahn, anfangs mit zerklüfteter Struktur, sprunghaftem Wechsel zwischen kraftvoller Unisono- Führung, heftig seufzenden Vorhaltsbildungen („Schlagt mein ganzes Glück in Splitter…“) und fanfarenartig triumphierenden Ausbrüchen („Lasset mir nur meine Zither…“); des weiteren folgen überraschende, melodisch reiche Wendungen („Und aus ihrem Golde blühen…“), und im letzten Abschnitt mit seinen Todes-Visionen eine Wendung einerseits in geheimnisvoll düstere Farben („In den Grund des Tannenhaines…“), aber auch in helle, quasi himmlische Klangbereiche („…ihre Saiten rühren kann“). Offensichtlich ist das starke innere Engagement Schuberts in dieser Musik auch aus seiner persönlichen Lebenssituation zu erklären, die er in Schlechtas Gedicht gespiegelt fand: Nachdem seine syphilitische Erkrankung, die in den Jahren 1822/23 ausgebrochen war, zumindest vorübergehend geheilt schien und während seine Bekanntheit als Komponist stetig wuchs, muss eine Selbst-Bewusstseins-Entwicklung in ihm stattgefunden haben, die ihm jenseits aller freundschaftlichen Netzwerke und Unterstützungen seinen größten „Schatz“, seine stärkste und einzig verlässliche Kraft verdeutlichte, nämlich sein musikalisches Genie.

Auch die Totengräber-Weise (D869) ist ein erstaunliches Gebilde. Es entwickelt sich aus einem zweitaktigen motivischen Kern. Dieser breitet sich in einer strikt symmetrischen Struktur aus jeweils viertaktigen Vorder- und Nachsätzen über die ganze Komposition aus. Das in regelmäßigen Viertelnoten- Akkorden schreitende, an eine Begräbnis-Prozession erinnernde Motiv lässt in seinem Diskant jeweils vier Glockenschläge ertönen, die in ständiger Wiederholung das ganze Lied durchziehen. Analog der Hell-Dunkel- Struktur des Gedichts zwischen Trauer und Trost, Tod und Auferstehung, vernichtendem oder erhebendem Urteil des „Gerichts“ über das Leben des Verstorbenen wechselt die Musik zwischen hoher und tiefer Lage, Dur und Moll, diatonischer und chromatischer Harmonik, und erreicht am Ende des Gesangsparts, wenn „…die Leiber sich der Gruft jugendlich entheben“ ihren höchsten Punkt, um im Nachspiel des Klaviers den Toten in einer sanften, aber weit ausholenden Abwärtsbewegung endgültig in’s Grab zu senken.

Über Johann Mayrhofer und sein Verhältnis zu Schubert ist in den Begleittexten zu „Mayrhofer- Lieder“ Vol.1 und 2 bereits ausführlich berichtet worden. Die auf dieser CD vorliegenden Lieder entstammen der Blütezeit ihrer Künstlerfreundschaft zwischen 1816 und 1820.

Geheimnis (D491), komponiert 1816, ist Dokument dieser Verbindung, und erzählt gleichzeitig davon, dass die Freundschaft wohl nicht immer unkompliziert und ungetrübt war. Mayrhofers Gedicht trägt den Untertitel „An Franz Schubert“, ist also dezidiert an ihn geschrieben. Schuberts Vertonung, zu der er sich sicherlich verpflichtet fühlte, muss allerdings in ihrer Qualität als zwiespältig beurteilt werden. Der Anfang der Komposition ist nicht genial, aber doch originell, und Modulation und melodischer Aufschwung zu den Worten „Du singst, und Sonnen leuchten…“ klingen mitreißend und inspiriert. Die zweite Strophe Mayrhofers mit ihrem klassizistischen Motiv des „schilfbekränzten Alten“ scheint Schubert allerdings wenig angesprochen zu haben, die Musik tritt buchstäblich auf der Stelle, und pflichtbewusst, aber uninspiriert wird die Komposition zu Ende geführt. War Mayrhofer ihm mit diesem „Kompliment“ zu nahe getreten? Witterte er Lobhudelei? Oder reagierte er einfach unverblümt auf die literarisch ungeschickt ausgeführte zweite Hälfte des Gedichts? Wir wissen es nicht.

Im August 1818 schrieb Schubert aus Zseliz, wo er als Musiklehrer der Töchter des Grafen Esterházy engagiert war, an die Freunde in Wien: „Mayrhofers Einsamkeit (D620) ist fertig, und wie ich glaube, so ist’s mein Bestes, was ich gemacht habe.“ Tatsächlich scheint die Vertonung der umfangreichen, in Anlehnung an die antike Ode in sechs Strophen und Gegenstrophen gegliederten Gedicht-Erzählung ein länger geplantes Projekt gewesen zu sein, zu dem möglicherweise Mayrhofer eigens den Text schrieb Doch anders als seine frühen, umfangreichen „Kantatenlieder“ und Balladen nach Schiller, Ossian und anderen Dichtern, die, in Anlehnung an die Lieder seines Jugendidols Johann Rudolf Zumsteeg, abschnittweise und ohne übergeordnete musikalische Zusammenhänge komponiert waren, ist der „Einsamkeit“ eine zyklische Form eigen, in der die musikalische Gestaltung den Lebenskreislauf des Protagonisten in vielen Details nachzeichnet. Verwiesen sei besonders auf die rhythmische und melodische Wiederaufnahme des anfänglichen „Gib mir die Fülle der Einsamkeit“ beim abschließenden „Gib mir die Weihe der Einsamkeit“. Die Lebensabschnitte werden mit jeweils kurzen, überschrift-artigen Rezitativen eingeleitet, die folgenden Arioso-Teile mit dem jeweils nächsten Rezitativ verknüpft und so ein durchlaufender, dennoch klar gegliederter musikalischer Fluss geschaffen, der an Beethovens (ebenfalls sechsteilige!) „An die ferne Geliebte“ erinnert; tatsächlich könnte dieses Werk für Schuberts große und bis dahin einzigartige Komposition, in gewisser Weise seinen ersten „Liederzyklus“, Modell gestanden haben.

Nach einem Gewitter (D561) ist ein kleines Strophenlied, das, weit entfernt von jeder Laut- und Textmalerei, in wenigen, wunderbaren melodischen Phrasen das Wiedererwachen und Sich-Erhellen der Natur besingt.

Abschied (D475) trägt den Untertitel „Nach einer Wallfahrtsarie“. Leider ist das Lied, auf welches er sich bezieht, nicht bekannt. Tatsächlich sind Anklänge an eine Wallfahrtsmusik in der langsamen, feierlichen Bewegung und den bläsertypischen Terz- und Hornquinten-Figuren zu finden; doch ansonsten ist die Musik geprägt von stiller und berührender Trauer über einen Abschied.

In stärkstem Kontrast dazu bietet Der zürnenden Diana (D707) enorme Kraftentfaltung im Klavierpart, und in weit ausgreifenden, schier endlosen, hochexpressiven melodischen Bögen stellt es sängerische Höchstanforderungen. Dabei gerät die Komposition durchaus an die Grenze des „Zuviel- Wollens“, dies vor allem im langen zweiten Teil („Den Sterbenden wird noch dein Bild erfreuen“) mit seiner unverhüllt erotischen Thematik und den vielfältigen musikalischen Ausmalungen des lustvollen Hinsterbens des Protagonisten, den die rachsüchtige Diana mit ihrem Pfeil durchbohrt hat, nachdem dieser sie heimlich beim Baden beobachtete.

Das Nachtstück (D672) beginnt mit einer polyphonen Einleitung in „pathetischem“ Stil, wie ein geheimnisvolles Nocturno. Der chromatische Abwärtsgang der Basslinie in der Tradition des barocken „passus duriusculus“ (= der etwas harte Schritt), dort Ausdruck von Schmerz und Trauer, spricht hier wie in manchen anderen Schubert-Liedern eher ein „Willkommen an den Tod“ aus. Der zweite Teil mit seinen harfenartigen Begleitfiguren und weit gespannten Gesangsphrasen bringt den Gesang des Alten, der Schlussteil lässt eine meisterliche musikalische Deutung des Sterbens hören: Die Harmonik sinkt langsam abwärts, ohne (dominantischen) Halt, wie ein Körper, dem jegliche Lebensenergie entweicht, um schließlich in einer berührenden Wendung nach Dur aufgefangen zu werden – in den Armen des Todes.

Josef von Spaun, zentrale Figur des Schubert’schen Freundeskreises, verließ 1821 Wien und trat eine Stelle im öffentlichen Dienst seiner Heimatstadt Linz an. Nachdem er wohl auf Briefe der Freunde nicht geantwortet hatte, schrieb ihm sein Vetter Matthäus von Collin unter dem Titel Herrn Josef Spaun, Assessor in Linz (D749) eine humoristische Anklageschrift, die Schubert im musikalischen Stil-Mix zwischen großer heroischer Oper eines Christoph Willibald Gluck und italienischer Bravour-Arie nach Rossini mit persiflierend-dramatischer Überzeichnung ausstattet. Über den Erfolg des Unternehmens gibt ein danach geschriebener Brief Spauns nach Wien Auskunft, in dem er fordert, man möge ihm, „dem treuen Fernen“, doch das Neueste nicht vorenthalten – die Klage wurde also mit einer Gegenklage beantwortet.

Das Lied Der Jüngling auf dem Hügel (D702) könnte man wegen des melodisch kargen, mit einfachsten Begleitakkorden unterlegten Anfangsteils, sowie der wenig überzeugenden Schlusswendung zu den Worten „da las er in den Sternen/der Hoffnung hohe Schrift“ als wenig gelungen bezeichnen. Interessanterweise finden sich in Schuberts Liedern immer wieder Beispiele dafür, dass ihm die musikalische Gestaltung eines unerreichbaren Paradieses weitaus genialer und inspirierter geriet als die Komposition eines realen Gelingens (exemplarisch etwa in „Sehnsucht“/Schiller, (D636), Schiller-Lieder Vol.2), dass ihm Sehnsuchts-Komposition näher lag als Hoffnungs-Musik. In diesem Lied nun gibt es einen Moment großer musikalischer Inspiration, und es ist bezeichnenderweise derjenige der größten Trauer: zu den Worten „weil man sein – Röschen trug“ verleiht eine einzige Modulation, vielmehr ein abgrundtiefer harmonischer Bruch, dem fassungslosen Schmerz des Jünglings über den Tod seines Mädchens ergreifenden klanglichen Ausdruck.

Der Zwerg (D771) ist mit erzählerischer Dramatik, fesselnden Spannungsbögen von der unheilvollen Stille des Beginns über den Dialog zwischen Zwerg und Königin bis zum grausigen Höhepunkt des Mordes und dem abschließenden Verschwinden des Zwerges in den Weiten des Meeres ein absolutes Meisterwerk unter Schuberts Balladenkompositionen. Einige musikalische Aspekte sind bemerkenswert: Die Grundstruktur des Klavierparts mit seiner im Tremolo der rechten Hand eingebundenen Melodie und dem charakteristischen Bass-Rhythmus sind eng verwandt mit dem Eingangssatz der berühmten „Unvollendeten“ Sinfonie und mit dem großen ersten „Suleika“-Gesang, Die Führung des Klavierbasses markiert die dramatische Entwicklung deutlich in seinen Wechseln zwischen dem obsessiven Vier-Ton-Rhythmus (Zwerg) und kantableren, weichen Passagen (Königin), in den unheimlichen Unisoni mit der Gesangsstimme („Da tritt der Zwerg zur Königin“, „drauf alsobald vergehen ihr die Sinnen“) und schließlich durch die ungeheuer dramatischen Wendungen des Bass-Motivs in die Tiefe („Doch musst zum frühen Grab du nun erblassen“, „Der Zwerg schaut an die Frau vom Tod befangen“), welche es endgültig in die Nähe von Beethovens „Schicksalsmotiv“ aus der fünften Sinfonie stellen. Skurrilität, Dämonie und erotische Obsession finden so bezwingende musikalische Gestalt.

Gedicht und Komposition von Abschied (“Lebe wohl!...”) (D578) sind, gleichzeitig als Abschiedsgruß und Dankesgeschenk, adressiert an den engen Freund Franz von Schober, in dessen Hause Schubert lange Zeit als Gast gelebt hatte. Schober musste Wien verlassen, um sich um seinen in der österreichischen Armee dienenden, in Frankreich verwundeten Bruder zu kümmern. Das schlichte Lied ist in seinem direkten, trauernden Ausdruck durchaus überzeugend.

Zur bereits erwähnten Causa Johann Senn ist in einem Wiener Polizeiprotokoll vom März 1820 folgendes zu lesen: „Rapport… über das störrische und insultante (=beleidigende) Benehmen, welches der in dem burschenschaftlichen Studentenvereine mitbefangene Johann Senn ….bei der angeordnetermaßen in seiner Wohnung vorgenommenen Schriftenvisitation und Beschlagnahme seiner Papiere an den Tag legte… Dabei sollen seine bei ihm befindlichen Freunde, der Schulgehilfe aus der Rossau Schubert, und der Jurist Steinsberg,…in gleichem Tone eingestimmt, und gegen den amthandelnden Beamten mit Verbalinjurien und Beschimpfungen losgezogen sein.“ Im Zuge der sogenannten „Karlsbader Beschlüsse“ waren auch in Österreich-Ungarn Überwachung, Zensur und Bespitzelung an der Tagesordnung. Senn hatte sich verdächtig gemacht, seine Wohnung wurde durchsucht. Die Folge des beschriebenen Ereignisses waren eine vierzehnmonatige Haft und anschließende Verbannung nach Tirol, seine Karriere war zerstört, Schubert sah er niemals wieder.

Das mit „dem Mute der Verzweiflung“ herausgeschleuderte Lied Selige Welt (D743) mag durch Schuberts Musik einen Eindruck von Senns ungestümer Unbeugsamkeit und unbedingter Freiheitsliebe geben. Schubert wollte mit der Komposition wahrscheinlich auch ein öffentliches Zeichen seiner Verbundenheit mit dem Verbannten setzen. Demgegenüber ist Schwanengesang (D744) lyrisch, unendlich zart, im steten Wechsel zwischen Moll und Dur gleichzeitig melancholisch und tröstlich, in Schuberts daktylischem Todesrhythmus geschrieben, ein ergreifender Epilog, über die allgemeine Todes- Symbolik hinaus möglicherweise auch eine Metapher auf das erzwungene Verstummen des Freundes.

Ulrich Eisenlohr


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