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8.557577 - ELGAR: Orchestral Miniatures
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Edward Elgar (1857-1934)
Orchesterminiaturen

 

Sir Edward Elgar nimmt in seinem Heimatland eine merkwürdige Position ein. Viele verbinden mit ihm den britischen, mehr noch den englischen Imperialismus, verkörpert in dem patriotischen Hymnus Land of Hope and Glory, der alljährlich in der Last Night of the Proms mit Begeisterung und Scherzhaftigkeit gesungen wird. Das Image eines edwardianischen Gutsherrn mit Hunden und Pferden ist in Bezug auf Elgar irreführend. Er war nämlich Sohn eines Ladenbesitzers in einer Zeit, als die Tätigkeit im Handel einem Mann lebenslang aufgeprägt blieb und das Ausbrechen aus diesem Umfeld die Bezeichnung Ladenschwengel einbrachte. Elgar heiratete die Tochter eines pensionierten indischen Armeegenerals, eines Schülers, der neun Jahre sein Senior war. Sie gab ihm die notwendige Unterstützung – moralisch und sozial –, so dass er den Weg in die edwardianische Gesellschaft bestehen konnte. Musikalisch indessen stand Elgar den deutschen Romantikern seiner Zeit sehr viel näher als dem sich entwickelnden Stil der englischen Musik mit ihrem pastoralen Bezug zu den seinerzeit gesammelten Folksongs.

Edward Elgar ist 1857 nahe Worcester im Westen Englands geboren. Sein Vater war Klavierstimmer, Organist, Violinist und schließlich Ladeninhaber; von ihm empfing er einen beträchtlichen Teil seiner musikalischen Ausbildung. Zunächst hielt sich Elgar als freiberuflicher Musiker über Wasser, unterrichtete, spielte Violine und Orgel und dirigierte lokale Laienorchester und -chöre. Der erste Erfolg außerhalb seines Heimatbezirks – nach mancherlei gescheiterten Versuchen – war 1897 der Imperial March, den er für die Feierlichkeiten zum sechzigsten Geburtstag Königin Viktorias geschrieben hatte. Die Enigma Variations von 1899 förderten sein Ansehen. Das Oratorium The Dream of Gerontius aus dem Jahr 1900 war bei seiner Uraufführung in Birmingham weniger erfolgreich, wurde jedoch später zu einem Grundpfeiler des britischen Chorrepertoires. Sein Verlag Novello behandelte ihn nicht immer nobel, doch konnte er sich auf die Unterstützung des gebürtigen Deutschen Augustus Johannes Jaeger verlassen; als Lektor des Hauses fand er in Elgars Musik etwas der Musik seines Heimatlandes Ähnliches.

Die öffentliche Anerkennung brachte Elgar viele Ehrungen ein; die Musik für die Krönung König Edwards VII. besiegelte seine Position. Er erhielt Ehrendoktorate verschiedener Universitäten, und 1904 wurde er in den Ritterstand erhoben. Zu den späteren Ehrungen gehört die Verleihung des Order of Merit (Verdienstorden) im Rahmen der Krönung 1911 und schließlich 1931 die Baronetswürde. Die Akzeptanz durch das musikalische Establishment des Landes fand ihren Ausdruck in der Verleihung der Goldmedaille der Royal Philharmonic Society im Jahr 1925; zuvor hatte Frederick Delius sie verliehen bekommen.

Elgars Werk hatte in den späteren Jahren des Ersten Weltkriegs bemerkenswerte Veränderungen durchlaufen – offenkundig wird das im Cellokonzert von 1919. Der Tod seiner Frau im Jahr 1920 nahm ihm eine Stütze, auf die er sich lange verlassen hatte. Die letzten vierzehn Jahre seines Lebens waren von nachlassender Inspiration und Energie in seiner Arbeit als Komponist gekennzeichnet; seine Verpflichtungen als Dirigent im Konzertsaal wie auch im Aufnahmestudio nahm er jedoch ungebrochen wahr. Edward Elgar starb 1934. Der Chronist Froissart wurde 1337 in Valenciennes im Hennegau (heute Belgien; franz. Hainaut) geboren. 1361 ging er nach England, wo er am Hof der Philippa von Hennegau, Gemahlin Königin Edwards III., Anklang fand; sie unterstützte sein Wirken als Geschichts- schreiber. Nach dem Tod der Königin 1369 ging er in den Hennegau zurück und fand in Wenzel von Luxemburg einen neuen Förderer. Bei einem späteren Besuch Englands 1395 kannte er niemanden mehr, vermochte aber schnell neue Kontakte zu knüpfen. Er starb wohl in Frankreich kurz nach 1400. Elgar interessierte sich für Froissarts Chroniques, richtete seine Aufmerksamkeit aber auch Hinweise bei Sir Walter Scott. In der Partitur der Froissart Overture [Track 1] – geschrieben 1890 in London und uraufgeführt auf dem Worcester Festival im September des Jahres – zitiert er Zeilen von Keates aus einem der Schwägerin des Dichters gewidmeten Gedicht: ... when chivalry / Lifted up her lance on high. Elgar war unsicher in Hinsicht auf die Aufnahme der Ouvertüre, aber sie wurde ein Erfolg. In Sonatenform gestaltet, beginnt sie mit einer charakteristischen Fanfare, einer ritterlichen Aufforderung; sodann werden weitere kontrastierende Themen ein- und durchgeführt, die Elemente der mittelalterlichen Romanze andeuten. Es folgt eine knappe Reprise.

May Song [2] entstand 1901 für Klavier sowie für Violine und Klavier und wurde 1928 orchestriert. Es handelt sich um ein Gelegenheitswerk von romantischem Charme. Carissima [3], basierend auf früheren Skizzen, entstand 1913 und war für die Aufnahme vorgesehen – damit markiert es den Beginn von Elgars praktischem Interesse an dieser neuen Technologie. Wiederum ein Stück von unmittelbarem Reiz in Elgars unverkennbarer Musiksprache.

Die Romanze für Fagott und Orchester op. 62 [4] wurde 1909/10 geschrieben und ist dem angesehenen Fagottisten Edwin James gewidmet, Gründungsmitglied des London Symphony Orchestra und später dessen Chairman. Elgar arrangierte das Werk für Fagott und Klavier sowie für Cello und Klavier. Die Komposition fällt mit der des Violinkonzerts zusammen, dem es in der Stimmung auch durchaus ähnlich ist. Das Werk erkundet die lyrischen Möglichkeiten des Soloinstruments und erweist sich als ein fein gestaltetes Juwel.

Sätze aus Elgars Suite in D waren erstmals 1882 in Manchester zu hören; die Uraufführung der gesamten Suite erfolgte im selben Jahr in Birmingham. Der Komponist revidierte das Werk 1899 für die Drucklegung bei Novello unter dem Titel Three Characteristic Pieces op. 10. Das erste Stück, Mazurka [5], entspricht in Stimmung und Rhythmus den Erwartungen, die der Titel weckt. Darauf folgt die Sérénade mauresque [7] – ursprünglich ein maurisches Intermezzo –, die vom maurischen Spanien nach England abzuschweifen scheint, bevor die charakteristischen Rhythmen und Intervalle wiederkehren. Das dritte Stück, Contrasts: The Gavotte A.D. 1700 and 1900 [8], beginnt in barocker Eleganz und wendet sich dann zum Zeitgenössischen, bevor das Pastiche des Anfangs wiederkehrt. Der ganze Satz scheint von einer Aufführung angeregt zu sein, die Elgar in Leipzig gesehen hatte. Darin boten zwei Tänzer einen ähnlichen Kontrast dar: altmodische und dann moderne Masken, als sie dem Publikum den Rücken zuwandten, jedoch als zeitgenössischer Auftritt.

Minuet op. 21 [6] war zunächst ein Klavierstück, geschrieben 1897 für Paul Kilburn, den Sohn eines Freundes. Im Jahr darauf schrieb Elgar eine Orchesterversion, die erstmals 1899 in Brighton unter Granville Bantock zu hören war. In dieser Form wurde das Stück so bekannt wie Chanson de Matin und Chanson de Nuit op. 15 Nr. 1 und 2 [9], [10]. Letztere waren ursprünglich Violinstücke; das zweite von 1897 und das erste als Gegenstück wurden 1899 an den Verleger geschickt, orchestriert von Elgar und in dieser Form erstmals 1901 in London aufgeführt. Die Stücke sind bis heute in beiden Versionen populär und bekannt.

Elgars Three Bavarian Dances [11]-[13] sind Orchesterfassungen dreier Sätze aus den Scenes from the Bavarian Highlands op. 27 für Chor von 1895. Sie rufen Orte in Erinnerung, die Elgar und seine Frau in Bayern besucht hatten. Der erste Tanz, ursprünglich mit dem Titel Dance, vergegenwärtigt ein Gasthaus auf dem Sonnenbichl. Der zweite, ursprünglich Lullaby (Wiegenlied), erinnert an das Bergdorf Hammersbach, und der dritte, zunächst The Marksmen (Die Schützen), an einen Schützenverein in Murnau.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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