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8.557585 - Christmas Choral Spectacular (A) (arr. Peter Breiner)
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Weltberühmte Weihnachtslieder für Chor
(gesetzt von Peter Breiner)

Bei dem Carol handelt es sich um eines der wichtigsten Elemente der christlichen Chortradition. Es lässt sich als ein fröhliches, auf die Jahreszeit bezogenes Lied religiösen Inhalts definieren und wird von ganz normalen Menschen in ihrer jeweiligen Muttersprache gesungen. Gerade das altehrwürdige, alle Jahre wiederholte Ritual des Weihnachtssingens ist dem Herzen der einfachen Leute besonders nahe, denn es wurzelt eher in ländlichbäuerlichem denn in aristokratischem Boden. Einige der unvergänglichsten Carol-Melodien entstanden im Mittelalter oder sogar früher. Diese Weisen waren entweder geistlichen weltlichen, vor allem ländlichen Ursprungs, wobei letztere häufig aus Frankreich oder Deutschland stammten und in ihrer oft wiegenden Rhythmik alte Beziehungen zu nicht selten im Freien aufgeführten Tänzen verraten. Einige der Stücke gehen ebenso auf heidnische Bräuche zurück wie die in verschiedenen Ländern übliche weihnachtliche Stechpalme oder die Kerzen, mit denen man Weihnachtskuchen dekoriert. Dann wieder gibt es Weisen, die von der Krippe handeln, die man seit dem 13. Jahrhundert, der Zeit des heiligen Franz von Assisi, zu Weihnachten in den Kirchen aufstellt.

Das mittelalterliche Carol, das ebenso oft von irdischen Gegenständen handelt wie vom Christfest, von der Gesegneten Jungfrau oder vom Heiligen Nikolaus – diese Liedform gab üblicherweise lateinischen oder landessprachlichen Texten den Vorzug, die in leicht einprägsamen Strophen und Refrains (engl. = burdens) geformt waren. Viele dieser alten Carols sind handschriftlich überliefert. 1521 erschien dann die erste englische Druckausgabe in einer Sammlung des aus Frankreich stammenden Wynkyn de Worde, der in England von etwa 1480 bis 1535 nachgewiesen ist und Mitarbeiter des „englischen Gutenberg“ William Caxton (ca. 1422–1491) war. Nach der englischen Reformation wurde die Weihnachtsbotschaft und -stimmung der Carols moderner. 1833 erschien die wirkungsvolle Publikation Christmas Carols Ancient and Modern (Alte und neue Weihnachtslieder) von William Sandys, und in der viktorianischen Ära kamen weitere einflussreiche Sammlungen hinzu – darunter die Christmas Carols New and Old von Henry Ramsden Bramley (1833–1917) und Sir John Stainer (1840–1901) sowie Veröffentlichungen, die Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Erneuerungsbewegungen erschienen und ebenso wie die entsprechenden Unternehmungen auf den Gebieten des Volkslieds und des Volkstanzes für die Bewahrung mündlicher Traditionen sorgten. Dieser Trend setzte sich durch die verschiedenen Anthologien, die die Oxford University Press seit 1928 veröffentlichte, bis ins 20. Jahrhundert fort. Zu den jüngeren Sammlungen gehören unter anderem das The Penguin Book of Christmas Carols (1965) sowie verschiedene Oxford-Editionen, die David Willcocks, John Rutter und andere herausbrachten.

Ein weiterer, heute in England fast völlig vergessener Weihnachtsbrauch ist die Freiluft-Aufführung von Christmas Carols durch sogenannte waits (Straßenmusikanten). Das waren, wie der Musikschriftsteller Percy A. Scholes (1877–1958) bemerkte, „seit langem schon Hausbesuche von oft sehr pittoresker Art, die allmählich zu einer verächtlichen Bettelei verkamen: In jedem Bezirk zogen ab Ende November kleine Kinder von Tür zu Tür, um sich vor Weihnachten ein regelrechtes ‘Schweigegeld’ zu erpressen.“

Der charakteristisch wiegende Rhythmus des Ding dong! Merrily on high, den man heute mit den Worten des Engländers George Ratcliffe Woodward (1848–1934) kennt, offenbart die Geschichte des Liedes, das ursprünglich auf einem höfischen Tanzrhythmus basiert. Übernommen wurde das Thema aus der 1589 erschienenen Orchésographie, einem Lehrbuch über Musik und Choreographie, das der französische Kleriker Jehan Tabouort unter dem anagrammatischen Namen Thoinot Arbeau (1520–1595) veröffentlichte. Bekannt ist das Stück bislang vor allem in zwei Fassungen – in der Harmonisierung von Charles Wood (1866–1926), die erstmals in W. L. Reeds Treasury of Christmas Music (Hausschatz weihnachtlicher Musik) erschien, und in der jüngeren Einrichtung von David Willcocks.

Das Coventry Carol (Lully, lulla, thow little tyné child = Schlafe, schlafe, du kleines, winziges Kind) handelt von der Ermordung der Neugeborenen, die Herodes angeordnet hatte. Es entstammt einem Schauspiel der Scherer und Schneider und gehört somit in einen Zyklus mittelalterlicher Mysterienspiele, die alljährlich zur Zeit des Festes Corpus Christi in den Straßen von Coventry aufgeführt wurden. Der Text findet sich in dem Manuskript von Robert Croo (1534); die Melodie wurde der Handschrift 1591 von Thomas Mawdycke hinzugefügt. Es ist als eins von nur zwei muttersprachlichen Liedern englischer Mysterienspiele erhalten und wurde in einer korrumpierten Fassung von Thomas Sharp in den Dissertations über die Schauspiele von Coventry (1825) überliefert. Neuerdings wird das Lied gern in den Arrangements von Martin Shaw (1875–1958) und David Willcocks aufgeführt.

Deck the hall ist eine rhythmische Melodie aus der walisischen Tradition des pennill oder penillion – ein harfenbegleiteter Gesang, wie er bei einem eisteddfodd, einem walisischen Sängerwettkampf, aufgeführt wurde – und damit ursprünglich kein festliches, sondern tänzerisches Stück. Wie Nos Galan (Silvesterabend) erschien es in den Musical and Poetical Relicks of the Welsh Bards (1784) des aus Merionethshire stammenden Harfenisten und Volksliedsammlers Edward Jones (1752–1824). Die walisischen Worte wurden später als Soon the hoar old year will leave us (Schon bald will uns das eisig-alte Jahr verlassen) übersetzt; die heute bekannte Fassung (Deck the Hall = Schmückt den Saal) geht wohl auf J. P. McCaskeys Franklin Square Song Collection von 1881 zurück. Das inzwischen populäre Arrangement von David Willcocks aus dem Jahre 1975 wurde 1978 von der Oxford University Press veröffentlicht.

In den heidnischen, namentlich den germanischen Traditionen Mitteleuropas war der Tannenbaum ein Symbol dafür, dass die Kraft des Lebens den langen kalten Winter übersteht. Erst viel später wurde daraus ein Sinnbild für die Geburt Christi. Schließlich wurde der Weihnachtsbaum in einem Atemzug mit dem Reformator Martin Luther genannt, da viele Deutsche früher glaubten, er sei es gewesen, der ihn im Zusammenhang mit dem Christfest verwendet habe. So entstand beispielsweise das Lied O Tannenbaum, das zum Teil auf ein (schlesisches?) Volkslied des 16. Jahrhunderts zurückgeht, das aber nichts mit dem christlichen Weihnachtsfest zu tun hat: 1820 schrieb August Zarnack dazu die berühmte erste Strophe, bevor vier Jahre später der Leipziger Lehrer Ernst Anschütz die nachfolgenden Verse reimte. Schon Ende des 18. Jahrhunderts sang man auf dieselbe Weise das alles andere als weihnachtliche Lied Lauriger Horatius, quam dixisti verum (Horazius im Lorbeerkranz, wie wahr sind deine Worte) sowie das festliche Es lebe hoch der Zimmermannsgeselle.

Das baskische Lied vom königlichen Kind (The Infant King) wird verschiedentlich unter den Originaltiteln Oi Betléem! und Oh, mi Belén aufgeführt. Es wurde erstmals im Jahre 1895 von dem Musikgelehrten und Komponisten Charles Bordes (1863–1909) transkribiert. Den englischen Text schrieb wenig später der bekannte englische Kleriker, Volksliedsammler und Schriftsteller Sabine Baring-Gould (1834–1924), der zeitweilig auch squire und Pfarrer von Lew-Trenchard in Devon war. Das Lied wurde später von Edgar Pettman (1865–1943) und dann noch einmal von David Willcocks (1970) arrangiert.

Die Ursprünge des O come, all ye faithful, eines der berühmtesten Weihnachtslieder, liegen im Dunkeln, doch sowohl der lateinische Text Adeste, fideles (Herbei, o ihr Gläubigen) als auch die wahrscheinlich im frühen 18. Jahrhundert entstandene Melodie finden sich in einem Manuskript, das der katholische Lehrer und Musikschriftsteller John Francis Wade (um 1711–1786) im englischen Kollegium des französischen Douay herstellte. 1910 hieß es, der erste Teil der Melodie sei die Adaption einer Opernarie von Händel; die jüngere Forschung hat die Weise allerdings Wades Freund Thomas Arne (1710–1778) zugeschrieben. Während man das lateinische Original dieses Carols in den USA seit etwa 1795 kannte, ist die heute geläufige englische Fassung eine Arbeit der Hymnenschreiber Frederick Oakeley, F. H. Murray und W.T. Brooke, die sich in der Mitte der viktorianischen Epoche damit befassten.

Die Worte des amerikanischen Liedes O little town of Bethlehem soll Bischof Phillips Brooks (1835–1893) von der Heiligen Dreifaltigkeitskirche in Philadelphia nach einer Reise geschrieben haben, die ihn 1865 nach Jerusalem führte. Sein Organist Lewis Redner verfasste dazu 1868 die erste Melodie, und seither nimmt das Stück eine besondere Stellung im Repertoire der Carols ein. Es hat seine Beliebtheit behalten – auch in den schönen Vertonungen des englischen Organisten, Chorleiters und Musikerziehers Sir Thomas Armstrong (1898–1994) und einer unbegleiteten Fassung durch H. Walford Davies (1869–1941), der zeitweilig als Organist an der Londoner Temple Church tätig war und zu den Pionieren des britischen Rundfunks gehörte. Eine weitere berühmte Fassung hinterließ Ralph Vaughan Williams (1872–1958) unter dem Titel Forest Green (Waldesgrün). Diese Vertonung basiert auf der altenglischen Weise The Ploughboy’s Dream (Der Traum des Ackerknechts) und ist in den Kreisen englischer Chöre die beliebteste Fassung überhaupt.

Der Text des Puer nobis nascitur, rector angelorum (Uns ist ein Sohn geboren, der Beherrscher der Engel) entstammt einem alten deutschen Weihnachtslied. Dieses musikalische Dankopfer existiert in zwei Versionen, die das heute in der Münchner Universitätsbibliothek aufbewahrte Graduale von Moosburg (1355–1360) überliefert. Es ist einer der schönsten mittelalterlichen cantiones (Gesänge), und wurde seit dem 16. Jahrhundert auch in Frankreich als lateinisches cantique de noël (= Weihnachtslied) gesungen.

Der Österreicher Franz Xaver Gruber (1787–1863) schrieb die Melodie von Stille Nacht, heilige Nacht auf einen Text seines Landsmannes Joseph Mohr (1792–1848) im Stile eines schlichten Volksliedes. Seit den 1870er Jahren dieses Weihnachtslied dank einer Übersetzung von John F. Young (1820–1885) auch im englischsprachigen Raum bekannt. Angeblich sollen die beiden Autoren das Stück binnen kürzester Frist für die nächtliche Christmesse des Jahres 1818 in Oberndorf geschrieben haben; es wurde später durch Tiroler Sänger(innen) weit verbreitet und lag schon 1840 in verschiedenen Druckvarianten vor. Die älteste englische Publikation als Holy Night! Peaceful Night! von Jane Montgomery Campbell (London 1863) wurde Anfang der 1870er Jahre von dem Hymnenschreiber Lewis Hutchins in die USA gebracht.

Das wohl bekannteste tschechische „Weihnachts- Traditional “Hajej, nynej, JeÏí‰ku” (Kleiner Jesus, schlafe süß) lernte die englischsprachige Welt zunächst durch das Oxford Book of Carols aus dem Jahre 1928 kennen. Dieses Schlaflied kennt jeder Tscheche. Sein wogender Rhythmus geht auf die alte deutsche Gepflogenheit zurück, Kleinkinder in den Schlaf zu wiegen.

Die traditionelle Weise und der Text des Gloucester Wassail (Wassail, wassail, all over the town!) basieren auf einem Trinklied aus dem Gloucestershire des 18. Jahrhunderts, das in viktorianischer Zeit durch William Henry Husks Songs of the Nativity (1864) und ein Arrangement des bereits erwähnten Sir John Stainer neue Verbreitung fand. Eine Variante erschien in dem Oxford Book of Carols von 1928 – und zwar in einer Einrichtung, die hauptsächlich auf Vaughan Williams’ Gloucestershire- Anthologie beruht.

Quem pastores laudavere (Ihn, den die Hirten priesen) ist ein Lobgesang auf das „Christuskind, den König“, der auf Verse aus der Offenbarung zurückgeht. Dieses Weihnachtslied aus dem 15. Jahrhundert – man erinnert sich vielleicht des Quempas-Singens – wurde im Laufe der Zeit sowohl in die katholische als auch in die protestantische Liturgie übernommen. Der thüringische Komponist und Verleger Michael Praetorius (1571–1621) übernahm es 1607 in seine Publikation Musae Sioniae.

Zwar ist die kalypsoartige Adaption des traditionellen Weihnachtsliedes The Virgin Mary had a baby boy ein Hit unter den internationalen Carols, doch im englischen Repertoire gehört es zu den recht neuen Repertoirestücken. Es ist in der Collection of West Indian Spirituals and Folk Tunes erhalten, die der westindische Bariton und Sammler Edric Connor 1945 herausbrachte. Er will den Titel zwei Jahre zuvor in Trinidad von einem 94-jährigen Plantagenarbeiter erhalten haben.

Peter Dempsey
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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