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8.557588 - INCE, K.: Symphony No. 3, "Siege of Vienna" / Symphony No. 4, "Sardis" (Prague Symphony, Ince)
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Kamran Ince (geb.1960)
Symphony No. 3 ‘Siege of Vienna’ • Symphony No. 4 ‘Sardis’

Gewinner des Prix de Rome und des Lili Boulanger Preises, wurde Kamran Ince als Kind amerikanischtürkischer Eltern in Montana geboren. Aufgewachsen in der Türkei (1966–1980), studierte er an den Konservatorien von Ankara und Izmir Musiktheorie, Cello und Klavier, bevor er nach Amerika zurückging, um bei Samuel Adler, David Burge, Christopher Rouse und Joseph Schwantner am Oberlin und an der Eastman School of Music zu arbeiten und den Doktorgrad zu erwerben. Composer-in-Residence der California Symphony von 1991 bis 1993, ist Ince heute Professor für Komposition an der University of Memphis, Kodirektor des Dr Erol Üçer Center for Advanced Music Research (MIAM) an der Technischen Universität Istanbul und Gründer/Leiter des Istanbul Modern Music Ensemble.

Hauptsächlich im Auftrag entstanden, umfasst Inces überwiegend instrumentaler Werkkatalog Sinfonien, Konzerte, Kammermusik sowie Partituren für Ballett und Film. Seine Musik bringt die Topographie eines Landes zum Ausdruck, das sich vom Hohen Taurus bis zum Kaukasus, von der Ägäis bis zum Mittelmeer und zum Schwarzen Meer erstreckt – ein fantastisches Gemisch aus Gebirgen, Wüsten, Ebenen und Meeren, wie ein Kritiker den kraftvollen, ursprünglichen, neoromanti-schen Stil Inces beschreibt. Doch zugleich gibt es da etwas sehr Amerikanisches – das ungezähmte Amerika der wilden, offenen Räume Montanas der ersten sechs Jahren seiner Kindheit.

Als wichtigster binnenländischer Handelsplatz an der Straße in den Orient lag das Wien Ferdinands I. und Leopolds I. an der Grenze zwischen Europa und den Türken, Christentum und Islam. Die Osmanen belagerten Wien zwei Mal – 1529 unter Süleyman dem Prächtigen und 1683 unter Mehmet IV. Wider Erwarten schlugen beide Anläufe fehl. Erfolgreiche „Eroberer“ waren hingegen „türkische Musik“, Kaffee und Croissants, letztere symbolisch für die „Große Flagge des Mohammed“ (Halbmond) – sie sorgten dafür, dass der alte Löwe aus dem Osten nie vergessen werden konnte. Die Dritte Sinfonie – Belagerung Wiens, komponiert zwischen September 1994 und März 1995, ist ein Kompositionsauftrag des Albany Symphony Orchestra. Der Orchesterapparat ist riesig, darunter eine ausge-wachsene Schlagwerkbatterie, Klavier, Synthesizer und elektrische Bassgitarre. Ungewöhnlich sind einige Passagen für ein Quartett von Wagner- Tubas, die dank dem Tschechischen Philharmonischen Orchester in dieser Einspielung unter Verzicht auf die in der Partitur ansonsten angegebenen Hörner beibehalten wurden. Ince verwendet Material, das, wie er sagt, „eine Synthese von West und Ost bildet (...), ein Zusammentreffen der Charakteristika beider“. Das Werk zerfällt „lose“ in fünf Sätze, die wiederum in acht Szenen unterteilt sind; es wird jedoch ohne Pause durchgespielt.

I Langer Marsch (Einleitung). „König aller Erdenbewohner und des irdischen Paradieses (…), Herr aller Herrscher der Welt, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang, König aller Könige, Herr des Lebensbaumes (...) Ich will mich zu deinem Herrn machen, dich vom Osten bis zum Westen verfolgen und meine Herrschaft bis zum Ende der Erde ausdehnen“ (Die Große Türkische Kriegserklärung an den deutschen Kaiser, 20. Februar 1683).

II Belagerte Stadt (zweiter Satz, A). Der Angriff und seine Abwehr ... Feuersturm ... einzelne im Gebet ... das hämmernde Schlagwerk und der schrille, durchdringende Klang der türkischen Schlachtmusik.

III Krieg der Wälle (zweiter Satz, B). Mehmets Berater Evliya Çelebi bezeichnete Wiens Bollwerke, die er 1665 besichtigt hatte, als „bedrohliche Festung ... stark wie Alexanders Burgen“. Im Sommer 1683 waren die Osmanen, die keine Gefangenen machten, bis auf 450 Schritt herangekommen, die Elitetruppe des Sultans, die Janitscharen, sogar noch näher.

IV Vergessene Seelen (dritter Satz). Ein homerisches Requiem für die Verlassenen, Klage über „das blutige Tagwerk“.

Der dritte und der fünfte Teil fokussieren auf eine harmonisch statische „Wolke“ aus 86 rasch steigenden und fallenden äolischen Tonleitern, verbunden mit einer variierten Version der Melodie des Eröffnungsteils – bildhafter Hinweis auf die „Gebete und Tränen eines niedergeschlagenen und trauernden Volkes“ und das „Feuerwerk“ des Islam, das über den Horizont jagt wie Zephir über den Himmel.

V Rufe (vierter Satz, A). Kampfsignal. Gebetsruf – „wie Imame, die von nahen, aber unterschiedlichen Standorten rufen“, stellt sich Ince vor, „alles etwas asynchron“.

VI Letzter Angriff (vierter Satz, B). Sonntag, 12. September 1683, Sonnenaufgang, „heiße Gefechte“. Nachmittag, „heftige Erregung“. Kampfgetümmel „von Berg zu Tal (...), von Tal zu Berg“. Angriff der polnischen Kavallerie König Jan Sobieskis von den Höhen des Kahlenbergs.

VII Siegreiche Stadt (vierter Satz, C). Keine Glocken, sondern raues, triumphierendes lydisch- „polnisches“ Freudengeschrei im Wechsel mit fallenden „teutoni-schen“ Bassvierteln, als der Feind in die Flucht geschlagen wird, „den Plunder seines Lagers zurücklassend“.

VIII Der große Rückzug (Finale). Was besiegte Männer auf der Donau-Balkan-Straße „gefühlt haben müssen, als sie zurück nach Konstantinopel marschierten“, im Winter.

Domes (Kuppeln) – komponiert Februar bis April 1993 – für Flöte/Pikkolo, Klarinette, Bass-Klarinette/Es- Klarinette, Fagott, zwei Hörner, Trompete, Bass- Posaune, Harfe, Klavier und Streicher ist eine Auftragskomposition der California Symphony. Ein organisch zusammen-hängendes Nocturne nach dem Muster einer Hänge-brücke, ist die Stimmung durchweg, wie Ince schreibt, von „spiritueller Obsession, stets weiter hinabsteigend auf der Suche nach etwas, mit dem Versuch zu fühlen, wonach sie suchen, und ausfindig zu machen, was sie fühlen – fast wie rasende Sufi-Derwische.

Die Vierte Sinfonie – Sardis, komponiert von Juli 1999 bis Juli 2000, ist ein Kompositionsauftrag von Crawford H Greenewalt Jr, Leiter der Ausgrabungen in Sardis nordöstlich von Ephesus (Harvard-Cornell-Expedition). Das Werk verlangt ein Orchester mit drei Schlagzeugern, Klavier, Mandoline, elektrischer Gitarre und Bassgitarre. Sardis – das heutige Sart – datiert in die Bronzezeit und beherrschte den Korridor zur anatolischen Hochebene. Im ersten Jahrtausend v.Chr. Hauptstadt Lydiens, eroberten und plünderten es 546 v.Chr. die Perser. Dann wurde es die westliche Endstation auf der „Königlichen Straße“ nach Susa. Später gab sich Sardis Alexander dem Großen geschlagen. Als wichtiges Zentrum der frühen Christenheit – eine der „Sieben Kirchen Asiens“ im Buch der Offenbarung – mit einer privilegierten jüdischen Gemeinde kam es 716 unter die Araber, bis es wohl im elften Jahrhundert in türkische Hände überging.

I Fluss Hermus. Altsteinzeitliche Menschen waren hier unterwegs, auch Hethiter. Ince präsentiert langsame, zirkulierende, „sehr freie“, dynamisch anund abstei-gende modale Musik.

II Nekropole. Mehr als tausend lydische Felsengräber befinden sich in den Talhängen des goldreichen Flusses Paktolus und überblicken die Doppelsäulen des Tempels der Artemis, Muttergöttin des hellenistischen Kleinasiens.

III Akropolis. Eine schroffe, verwitterte Erhebung, welche die Silhouette der Stadt bestimmt. Der Satz enthält zwei groß angelegte Einbrüche, deren zweiter rituelle Repetitionen und donnernde Doppelattacken der Bass-Trommel verwendet, um ein überwältigendes Gefühl der mit Macht vorwärts drängenden Streitwagen und gepanzerten Fußsoldaten Lydiens zu erzeugen, die von Sappho zurückgerufen wurden.

IV Tausend Hügel. Im Norden liegt der Begräbnisplatz der lydischen Könige – eine „seltsame Mondlandschaft (...), in der hundert Erdkegel (tumuli), die natürliche Hügel simulieren, an die menschliche Eitelkeit gemahnen“ (Greenewalt Jr).

V Berg Tmolus. Der „Heilige Tmolus“ war der Cybele geweiht, der Göttin von Sardis. Zweimal nimmt Ince das Massiv in Angriff – schroffe, stechende tutti- Akkorde und die Dissonanzen der Gewitterblitze. Zweimal erklingt eine Oboe – „eine idée fixe zur Darstellung der Erhabenheit und Ewigkeit des Berges“. Der schnellere Mittelabschnitt, ein langes dynamisches Ansteigen mit zurückgesetzter Solovioline, ist ein Tumult à la Ives. In der Koda erinnern die hohen wiederholten A’s des letzten Abschnitts zum Ruf der Zikaden unter dem letzten Stern des Morgenhimmels an Nekropole.

Ates¸ Orga
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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