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8.557590 - ALWYN: Piano Concertos Nos. 1 and 2 / Sonata alla toccata
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William Alwyn (1905–1985)
Klavierkonzerte Nr. 1 und 2 • Sonata alla Toccata • Derby Day

Der einhundertste Geburtstag von William Alwyn wird im selben Jahr gefeiert wie der seiner Kollegen Tippett, Rawsthorne, Lambert und Seiber. Als Instrumentalist, Komponist, Dirigent, Lehrer und Komitee-Mitglied dürfte er allerdings einen größeren Einfluss auf das britische Musikleben des 20. Jahrhunderts ausgeübt haben als alle anderen. Alwyn stammte aus Northampton, zeigte schon früh musikalisches Interesse und lernte als Kind zunächst Piccoloflöte. Mit fünfzehn Jahren kam er als Flötenschüler an die Royal Academy of Music in London. Später erhielt er Stipendien, die es ihm erlaubten, seine Instrumentalausbildung fortzusetzen, indessen er Komposition studierte. Während er als Flötenvirtuose Karriere machte, schrieb er eine Vielzahl von Werken, und 1926 übertrug ihm die Academy eine Professur für Komposition. Ein Jahr darauf kam er als dritter Flötist und Piccoloflötist ans London Symphony Orchestra (erstmals wurde er engagiert, um beim Three Choirs Festival an einer von Elgar geleiteten Aufführung des Dream of Gerontius mitzuspielen). Außerdem wurde damals bei einem Londoner Promenade Concert sein erstes größeres Orchesterwerk, die Five Preludes for Orchestra, aufgeführt. 1938 zog er in einem radikalen Schritt all seine Kompositionen zurück, da ihm sein bisheriges Schaffen technisch nicht genügte und ihm stilistisch als zu unpersönlich erschien. Nach einer zweiten musikalischen Studienphase – jetzt mit Werken von Komponisten, die er verehrte – entstand allmählich ein Katalog „reifer” Werke, in dem sich fünf Symphonien, Konzerte, Opern, mehr als zweihundert Filmmusiken sowie vieles an Instrumental-, Kammer- und Vokalmusik finden.

Alwyn empfand zeitlebens eine tiefe Zuneigung zum Klavier (viele Menschen kennen seinen Namen aufgrund der Lehrwerke, die er für dieses Instrument verfasst hat). „Es ist schon ein Vergnügen an sich, wenn ich mit meinen Fingern die Tasten anschlage,” schrieb er, „und die Möglichkeiten und Klänge sind unendlich.” Seine großangelegten Klavierwerke werden allerdings selten aufgeführt, nicht zuletzt, weil sie technische Virtuosität verlangen.

Das erste Klavierkonzert entstand 1930 und verdankte seine Anregung dem großen Musiker Clifford Curzon (1907-1982), der mit Alwyn an der Royal Academy studiert hatte und zeitlebens mit ihm befreundet war. Curzon war auch der Solist der Uraufführung, die im Dezember 1931 mit dem Bournemouth Symphony Orchestra unter Leitung des Komponisten stattfand. Von allen frühen Werken Alwyns ist dieses eines der neuartigsten. Es besteht aus einem Satz, der allerdings erkennbar in vier Abschnitte gegliedert ist. Der erste Teil (Allegro deciso) beginnt mit einer toccatenartigen Introduktion, an die sich bald ein Adagio tranquillo anschließt, das de facto den langsamen Satz des Konzertes darstellt – eine leicht rhapsodische Durchführung musikalischer Ideen, die zuvor exponiert worden waren. Stimmung und Tempo des Anfangs werden wieder aufgegriffen, und die Reprise des ersten Hauptthemas steigert sich zu einem orchestralen Höhepunkt. Dieser kommt in einem Epilogue, Adagio molto e tranquillo zur Ruhe, dessen nach innen gewandte Schönheit ein Echo des Adagio tranquillo darstellt und das Konzert zu einem friedlichen Abschluss bringt.

Als Alwyn fünfzehn Jahre später seine Sonata alla Toccata komponierte, da organisierte er seinen reifen Stil mit den Mitteln des Neoklassizismus, ohne dabei aber, wie es für ihn typisch war, seine natürliche Gesanglichkeit in eine Zwangsjacke zu pferchen. Diese Komposition, die er als „virtuoses Stück für flinke Finger” bezeichnet, beginnt demzufolge mit einer stolzen Exposition des thematischen Materials in C-dur, auf die eine Variationsfolge in Toccatenform folgt. Am Ende durchbricht Alwyn alle stilistischen Zwänge, um mit einer „hemmungslos romantischen Stimmung” aufzuhören. Die Sonate ist für Denis Matthews (1919- 1988) geschrieben, der sie 1953 beim Cheltenham Festival uraufführte.

Obwohl die Werke, die am Anfang und am Ende des vorliegenden Programms stehen, in ihrem Umfang und ihrer Idiomatik recht unterschiedlich sind, so sind sie doch durch die Umstände ihrer Entstehung miteinander verbunden. 1960 erhielt Alwyn von der BBC den Auftrag zu einem zweiten Klavierkonzert, das bei den Promenade Concerts desselben Jahres von dem niederländischen Pianisten Cor de Groot (1914-1993) aus der Taufe gehoben werden sollte. Das Ergebnis war ein überschwengliches und bewusst publikumswirksames Werk, das weit größer als sein Vorgänger angelegt ist. Wenige Monate vor der Premiere litt de Groot dann allerdings plötzlich unter einer zeitweiligen Lähmung seines rechten Arms, die seine Konzertkarriere vorübergehend beendete. Die Uraufführung wurde abgesagt, und das Konzert geriet praktisch in Vergessenheit. Alwyn revidierte das Werk dergestalt, dass er den zweiten Satz entfernte und die Ecksätze durch eine kurze Orchesterpassage miteinander verband. Gleichwohl wurde das Konzert zu seinen Lebzeiten nie gespielt – tatsächlich wartet es noch heute auf eine öffentliche Aufführung.

Alwyns zweite Frau, die Komponistin Doreen Carwithen (1922-2003), war der festen Überzeugung, dass der schöne Andante-Mittelsatz wieder eingefügt werden sollte. Hier ist ihre Rekonstruktion des Konzertes aufgenommen und auch eine Revision vom Ende des Kopfsatzes berücksichtigt. Aufgrund seiner epischen Linienführung könnte man das Werk beinahe wie eine Hommage an Rachmaninoff interpretieren. Nach einem kurzen Crescendo der Blechbläser meldet sich das Klavier mit einem Sturm virtuoser Oktaven, die sogleich den heroischen Charakter des Konzertes befestigen, und die folgenden Melodien sind in ihrer Breite und Leidenschaft typischer Alwyn. Zugleich aber steckt dieser Satz auch voller überraschender Geschehnisse. Unerwartet ist beispielsweise der ruhige Schluss, der sich an die lange Solokadenz anschließt und direkt zum Mittelsatz hinleitet. Die Stimmung dieses Andante ist weitgehend ruhig und nachdenklich, und seine Orchestertexturen sind bisweilen auf beinahe kammermusikalische Proportionen reduziert. Wiederum kommt es – wie schon im Kopfsatz – zu einem friedlichen Ende, das hier von den sanften, choralartigen Fortschreitungen des unbegleiteten Klaviers markiert ist. Im Gegensatz dazu findet das Finale zur Brillanz des Anfangs zurück, liefert dazu auch Jazzsynkopen, die der Pianist mit dissonanter Ausgelassenheit ausführt, bevor sie das Orchester übernimmt. Ein ruhigerer Mittelteil führt plötzlich zu einer breiten, expressiven Melodie der Unisono-Streicher; dann werden die scharfen Blechbläserrhythmen vom Anfang des Satzes wieder aufgenommen – und nach einer langen, virtuosen Klavierkadenz führt das Orchester die Musik zu einem atemlosen Schluss, der am Ende eine unerwartete harmonische Wendung bringt.

Nachdem Alwyn von der Aufführung des Konzertes hatte Abstand nehmen müssen, bat man ihn um ein kurzes, lebhaftes Ersatzstück, mit dem das BBC Symphony Orchestra unter Sir Malcolm Sargent die aktuelle Saison der Proms eröffnen sollte. Dabei kam die Ouvertüre Derby Day heraus – ein brillantes, geschäftiges Werk, in dem der Komponist seine eigene Version der Zwölftontechnik benutzte. Diese ist nun nicht so trocken oder akademisch, wie das vielleicht klingen könnte, denn Alwyn war – wie sein Zeitgenosse Samuel Barber – ein Komponist, der sich seiner romantischen Haltung nicht schämte und die Dodekaphonie unter tonalen Gesichtspunkten übernahm. Alwyn war an der Klarstellung gelegen, dass diese Technik für ihn nur eine kompositorische Anregung und kein Selbstzweck gewesen sei: Ihm lag mehr daran, mit seiner Musik das Herz als den Kopf anzusprechen – durch melodischen und harmonischen Reichtum, weniger durch mathematisch präzise Strukturen. Derby Day dürfte von dem gleichnamigen Gemälde des viktorianischen Künstlers William Powell Frith inspiriert sein, der sich mit glänzenden Massenszenen hervortat. Seinen Titel erhielt das Werk allerdings erst nach der Vollendung der Partitur: „Er schien geeignet, um die Erregung und Vitalität des Stückes zu beschreiben,” bemerkte Alwyn, während er zugleich betonte, dass Komponisten wohl viel seltener von bildhaften Ideen angeregt werden als man gemeinhin annimmt.

Andrew Palmer
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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