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8.557596 - Guitar Recital: Pablo Sainz Villegas
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Pablo Sáinz - Gitarrenrecital

Pablo Sáinz - Gitarrenrecital

Turina · Moreno Torroba · Rodrigo · Segovia · Falla · Gerhard · Tárrega

 

Die hier vorgestellten Komponisten stehen für die Wechselwirkung von Modernismus und romantisch-nationalen Strömungen in der spanischen Musik während der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie spanische Komponisten die Integration des reichen musikalischen Volksmusikerbes ihres Landes mit zeitgenössischen europäischen Musikströmungen verwirklichten, ist bereits an sich aufschlussreich; gleichzeitig gab dieser Prozess ihrer Musik zusätzliche Kraft.

 

Joaquín Turina (1882-1949) lieferte einen zwar kleinen, aber bedeutsamen Beitrag zum Gitarrenrepertoire. Er war mit Manuel de Falla befreundet und studierte bei Vincent d’Indy. Seine Karriere begann er mit einem von seinen Pariser Studien inspirierten Klavierquintett (1907). Der Stil dieses Stücks sollte jedoch bald dem Erkunden der Möglichkeiten der spanischen Volksmusik, vor allem dem Flamenco, weichen. Harmonie und Rhythmik seiner Musik erhielten dadurch einen neuen Impuls trotz seiner parallelen Beschäftigung mit zyklischen und klassischen Formen. Die beiden hier eingespielten Werke Turinas sind die Sevillana (Fantasia) Op. 29 (1923) und Homenaje a Tárrega Op. 69 (1932). Es handelt sich dabei um seine ersten und letzten für Gitarre komponierten Stücke. Beide sind unmittelbar vom Flamenco inspiriert. Sevillana beginnt mit einem ausdrucksvollen dramatischen Gestus – ein wenig rauh und derb, als würde ein Feldarbeiter die Gitarre mit seinen schwieligen Händen spielen; seine von der Arbeit steifen Finger kann er nicht unabhängig voneinander bewegen und so gleitet er mit der Faust über das Griffbrett und erzeugt damit bemerkenswert expressive Dissonanzen. Bald evoziert die Musik den Gesang des Flamenco. Homenaje a Tárrega besteht aus zwei Sätzen, garrotin und soleares. Dem Titel nach ist das Stück eine Hommage an den großen spanischen Gitarristen Francisco Tárrega, aber eigentlich ist es eher eine unbeabsichtigte Würdigung von dessen Lehrer Julian Arcas.

 

Die Sonata-Fantasía von Federico Moreno Torroba (1891-1982) wurde im Mai 2001 unter Andrés Segovias Manuskripten vom italienischen Musiker Angelo Gilardino entdeckt; sie ist bei Berben Edizioni Musicali im Druck erschienen. Torrobas zahlreiche Werke für Sologitarre bestehen hauptsächlich aus kurzen deskriptiven Stücken, die oft in Form von Sammlungen veröffentlicht wurden. Das hier vorgestellte Stück, eine veritable Sonate, gehört zu Torrobas anspruchsvollsten und meisterhaftesten Werken. Es lässt sich nur vermuten, warum Segovia das Stück nie aufgeführt hat, da es zweifellos seinem musikalischem Geschmack entsprach. Es handelt sich hier um einen gewichtigen Beitrag zum Gitarrenrepertoire und zu den spanischen Gitarrensonaten des zwanzigsten Jahrhunderts im allgemeinen, einer Gattung, zu der Werke von Turina, José, Manén und Esplá gehören. Torrobas Musik ist fest im spanisch-nationalen Idiom verwurzelt, mit gelegentlich eingestreuten impressionistischen Elementen wie der Verwendung von Modaltonarten, Parallelharmonien, alterierten Akkorden und einem ausgeprägten Sinn für Klangfarben. Wer Torrobas Werke kennt, wird von den Klängen der Introduktion überrascht sein, die über einen arpeggierten alterierten Akkord zu einer Passage aus Quarten und Quinten führt, wobei gewissermaßen Hörner und Trompeten dem Hörer das erste Thema signalisieren. Während des gesamten Stücks spielt Pablo Sáinz Villegas zahlreiche Passagen mit einer campanelas-Fingertechnik als Imitation des Haltepedals beim Klavier, wodurch der verschwommene Klangeffekt des französischen Impressionismus erreicht wird. Dem zweiten Satz, einem kurzen Intermezzo, folgt das Finale, ein konventionelles Rondo. Weiterhin aufgenommen sind zwei Sätze aus Torrobas Castillos de España, das Wiegenlied Sigüenza (La infantina duerma) und Torija (Elegía). Die Suite Castellana besteht aus drei Sätzen, einem Fandanguillo, der Vertonung eines beliebten spanischen Lieds, der ausdrucksvollen Arada mit ihren farbigen Harmonien und unschlüssigen melodischen Wendungen, sowie dem Finalsatz, Danza. Dieser letzte Satz der Suite war 1920 das erste Stück, das Torroba für Gitarre schrieb.

 

Joaquín Rodrigo (1901-1999) lebte ein langes, schöpferisch erfülltes Leben. Neben Manuel de Falla nimmt er einen Ehrenplatz in der Kulturgeschichte Spaniens ein. Seine Musik wurde von Strawinskys Neoklassizismus und der farbigen Instrumentation eines Maurice Ravel inspiriert. Darüber hinaus hatte Rodrigo eine Vorliebe für scharfe Dissonanzen, die man als „bitonal” bezeichnen könnte, aber dabei handelte es sich meist um ein Mittel der Klangfarbe zur Erzeugung von humoristischen Effekten. Die beiden hier eingespielten Stücke gehören zu seinen schönsten Werken für Sologitarre. Das erste ist das kurze En los trigales (In den Weizenfeldern), dessen Außenabschnitte mit einem ansteckenden Rhythmus daherkommen. Der mittlere Abschnitt ist ein eigentümlich schelmisch anmutender Marsch, unterbrochen von synkopierten Flageolett-Tönen und Quartenakkorden. Invocación y Danza, eine Hommage an Manuel de Falla, ist ein großartiges Werk. In den Eröffnungstakten verwendet Rodrigo ein Zitat aus El amor brujo, indem er einfach die Töne von Fallas Melodie über die erste und letzte Note jedes Takts legt und dazwischen vier Töne interpoliert. Dadurch wird die Melodie derart ausgeweitet, dass sie kaum noch erkennbar ist. Auch andere Werke von Falla zitiert Rodrigo als Hommage an seinen Mentor.

 

Neben Interpreten wie Artur Schnabel und Pablo Casals betätigte sich auch Andrés Segovia als Komponist, wenngleich vielleicht eher auf bescheidenere Art und Weise. Seine 5 Anecdotas, 1947 im Guitar Review in New York erschienen, ist so gut wie unbekannt, obwohl sich Gitarristen immer wieder der Stücke von Segovia annehmen, vor allem dem herrlichen Estudio sin luz. Diese Sammlung kleinerer Stücke ist höchst interessant. Wenn man den Titel so ernst nimmt, wie man alle Titel nehmen sollte, dann verbirgt sich hier mehr, als man zunächst vermuten würde. Segovia verwendet die Vortragsbezeichnung humoristico mehrere Male, und die Musik erinnert entfernt, zumindest in den Ohren des Verfassers dieser Zeilen, an Richard Strauss’ Till Eulenspiegels lustige Streiche. In der Quintessenz handelt es sich hier um die Musik eines großen Interpreten, der nebenbei auch komponiert – voller vertrauter, geschickt auf das Instrument übertragener musikalischer Techniken, aber auch vom inneren Gehalt her nicht ohne Originalität.

 

Homenaje, pour le tombeau de Claude Debussy von Manuel de Falla (1876-1946) gehört zweifellos zu den Meisterwerken des zwanzigsten Jahrhunderts. Die 1920 entstandene Komposition gehört zu Fallas neoklassizistischen Werken. Evoziert wird das von barocken Lautenisten und Gitarristen praktizierte Tombeau-Genre. Es ist ein kurzes, gerade einmal drei Minuten dauerndes Stück, geschrieben für die Paris Revue als Hommage an den kurz zuvor verstorbenen Claude Debussy (1863-1918). In diesem Stück kombiniert Falla den Tanzrhythmus der Habanera mit einem seufzend- klagenden F-E-Motiv, das für die Dualität von Körper und Seele steht. Am Ende des Stücks zitiert Falla Debussys Soirée dans Grenade, deren Klänge sich in die letzten Atemzüge des verehrten Komponisten verwandeln.

 

Geistige Spannung ist nirgendwo stärker anwesend als in der Person Robert Gerhards (1896-1970). Geboren in Spanien von elsässischer und deutsch-schweizerischer Abstammung, sah Gerhard sich vor allem als Katalane. Nachdem er zunächst bei Enrique Granados und Felipe Pedrell studiert hatte, wurde er später Arnold Schönbergs Schüler und Assistent. Zu seinen frühen Aktivitäten gehörten Volks-liedtranskriptionen von Grammophon-Aufnahmen nach dem Beispiel von Béla Bartók. Später wandte sich Gerhard der Zwölftontechnik zu und war ein Pionier der elektronischen Musik. Seine Fantasía (1957) ist ein kleines Meisterwerk, geschrieben als Zwischenspiel für seine Liedanthologie Cantares. In der Fantasía bedient sich Gerhard der symmetrischen Achttonskala unter Ausnutzung des gesamten Potentials dieser Tonleiter als Nachahmung der phrygischen, der spanischsten aller Kirchentonarten; darüber hinaus macht er sich deren bitonale Möglichkeiten zunutze. Die Musik stellt zwei kontrastierende Abschnitte nebeneinander, einen lyrisch-melodischen Teil mit arpeggierten Akkordbrechungen als Unterstützung hauchzarter Flageolett-Töne und einen von rhythmischem Vorwärtsdrall gekennzeichneten Teil. Die Übergänge zwischen den einzelnen Abschnitten gestaltet Gerhard mit äußerster Formvollendung.

 

Das letzte hier eingespielte Stück ist die Miniatur Maria – gavota von Francisco Tárrega (1852-1909), der oft als Vater der modernen klassischen Gitarre bezeichnet wird – und somit schließt sich der Kreis dieser kleinen Anthologie.

 

Mark Delpriora

Deutsche Fassung; Bernd Delfs


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