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8.557598 - PAGANINI: Guitar Music
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Nicolò Paganini (1782-1840): Gitarrenmusik

Nicolò Paganini war der erste Superstar der Musik. Seine geigerische Karriere ging mit überhöhten Konzertpreisen, begeisterten, ja hysterischen Massen, Gerüchten von übernatürlichen Kräften und einem Teufelspakt einher, und all das wurde von einer überragenden Technik, einer Fähigkeit zu wagemutigen Neuerungen und einer echten musikalischen Begabung getragen. Das ist etwas ganz anderes als das ruhige Leben eines klassischen Gitarristen.

Doch Paganini war auch Gitarrist, und zwar ein sehr guter: „Ich liebe die Gitarre wegen ihrer Harmonie“, schrieb er. „Sie ist mein ständiger Begleiter auf all meinen Reisen.” Bei anderer Gelegenheit hieß es: „Ich mag dieses Instrument nicht; es ist für mich einfach ein Mittel, das mir beim Denken hilft.” Das ist kein wirklicher Widerspruch: Selbst der treueste Gefährte kann einen bisweilen ärgern. Paganini beschloß, die Gitarre nicht ebenso auszubeuten wie die Geige. Hätte er das getan, dann wären die technischen Fortschritte, die die Gitarre während der letzten zwei oder drei Generationen erlebt hat, womöglich um einiges früher gekommen. Erst in jüngster Zeit hat man den ganzen Umfang dessen entdeckt, was Paganini für die Gitarre geschrieben hat. Weniges davon wurde publiziert, und als der italienischen Regierung die Sammlung angeboten wurde, lehnte sie ab. Die Gitarre war lange Zeit unmodern, und Paganinis Beziehung zu dem Instrument war fast völlig vergessen. In unserer modernen Zeit, die sich so umfassend mit der Entdeckung und Wiederbelebung beschäftigt, mußte Paganinis Werk früher oder später zwangsläufig ins Blickfeld geraten. Da die Gitarrenkompositionen nicht ebenso brillant sind wie die Caprices für Violine, könnte man sie leicht als „nicht so gute” Nebensachen abtun. Ebenso könnte man sagen, dass der Drachenfels weniger wert sei als der Mount Everest. Gewiss, der eine Berg ist nicht so hoch wie der andere, doch beide sind Berge, und ihr hauptsächlicher Unterschied besteht darin, dass man den einen bei einem netten Nachmittagsausflug erreichen kann und den andern nicht.

Paganini hinterließ eine Fülle an Kammermusik, in der die Gitarre mitspielt, und diese Werke müssen noch gründlich erforscht werden. Die Musik für Sologitarre ist indessen ohne Weiteres zugänglich, und die Gitarristen entdecken sie mit Vergnügen. Warum hat es fast zwei Jahrhunderte gedauert, um diese attraktive Musik ans Licht zu bringen? Einmal liegt es daran, dass die meisten der Gitarrenstücke nie publiziert wurden – wobei freilich bemerkt werden sollte, dass Paganini in sämtlichen seiner zu Lebzeiten veröffentlichten Kammerkompositionen außer den 24 Solocapricen die Gitarre heranzog. Ein zweiter Grund ist, dass sich Paganini einen überragenden Namen als innovativer Geiger von bislang unbekannter Brillanz gemacht hatte, und man hätte kaum geglaubt, dass er die Gitarre auf einem vergleichbar hohen Niveau zu spielen verstand. Überdies erlebte die Gitarre während des 19. Jahrhunderts einen Niedergang. Erst in jüngster Zeit ist unter dem Antrieb der Schallplattenindustrie und ihrem Verlangen nach immer neuer Musik eine Forschung entstanden, die unbekannte Werke älterer Komponisten dem Vergessen entreißt und entstaubt. Dabei musste man feststellen, dass es sich bei den Entdeckungen nicht nur um akzeptable, sondern oft sogar um sehr gute Musik handelt, die ihre Renaissance verdient.

Ein Aspekt, der an Paganini fasziniert, ist die Wechselwirkung zwischen seiner Violin- und seiner Gitarrentechnik. Bei den musikalischen Zusammenkünften mit seinen Freunden spielte er beide Instrumente, und das nach dem Bericht eines Augenzeugen sogar so, dass er die Geige zwischen den Knien hielt, damit er die Gitarre zur Hand nehmen und ohne Unterbrechung des Flusses weiterspielen konnte. Daraus ist zu schließen, dass sich seine linke Hand auf beiden Griffbrettern weitgehend gleich bewegte, und seine Gitarrenmusik stützt diese Annahme: Sie ist eher linear als vertikal-harmonisch, wobei arpeggierte Akkorde zur Vorwärtsbewegung der melodischen Linie beitragen.

Geige und Gitarre gehören unverzichtbar zu Paganinis einzigartiger Persönlichkeit. Man kann sich das eine nicht länger ohne das andere vorstellen. Die Zusammenhänge mögen auf den ersten Blick nicht offensichtlich sein, wenn man bedenkt, dass die Musik für die Violine mit all ihren oberflächlichen Showeffekten den Wünschen der Öffentlichkeit entsprach, während die Gitarre dem häuslichen Musizieren mit Freunden vorbehalten war. Was bleibt, ist Musik, die von ein und demselben Mann geschaffen wurde, und damit hat man einen guten Ausgangspunkt. Obwohl Hector Berlioz, der etwas von der Gitarre verstand, die Fähigkeiten seines Freundes auf diesem Instrument zu würdigen wusste, war es doch die Geige, die die Leute hören wollten, und der außerordentliche Erfolg, den er damit errang, machte ihn zu einer legendären Gestalt in der Musik des 19. Jahrhunderts. Hätten seine Gitarrenkompositionen das zahlende Publikum je in denselben Taumel versetzt wie sein brillantes Geigenspiel? Wir können nur vermuten, was passiert wäre, wenn Paganini nie seine geigerischen Fertigkeiten entdeckt, sondern seine Bemühungen ausschließlich auf die Gitarre konzentriert hätte: Es könnte sein, dass wir eine Kollektion von nicht minder schwierigen Caprices für Gitarre hätten. Deshalb mag seine Gitarrenmusik beim ersten Hören nicht in derselben feurigen Brillanz glühen wie jene extraordinären Violinstücke – doch es gibt auch darin genug gute Musik, wie Gitarristen und Zuhörer derzeit entdecken.

Zu der Großen Sonate gehört eigentlich eine äußerst simple Violinstimme. Am Ende der Recitals, die er mit Luigi Legnani gab, tauschten die beiden Musiker die Instrumente. Da nun aber Legnanis Fähigkeiten auf der Geige nicht das Niveau von Paganinis Gitarrenspiel erreichten, musste der Part entsprechend gestaltet werden. Aufgrund seines bescheidenen Anteils lassen ihn Gitarristen gern ganz weg, wobei sie allerdings, wenn nötig, einige der Violintöne übernehmen. Der Reichtum der Gitarrenstimme, die die virtuose Technik erfordert, über die Paganini auf beiden Instrumenten gebot, entschädigt mehr als genug für den Verlust der Violine. Dem ersten Satz, einem freien und fließenden Allegro risoluto in Sonatenform, folgt eine liebenswürdig melodische Romanze im langsamen Sechsachteltakt. Das Andantino variato besteht aus Thema und sechs Variationen, die technisch immer anspruchsvoller werden, während sich das Stück seinem aufregenden Schluss nähert.

Ghiribizzi (Grillen, Launen oder Capricen) entstand offenbar in der Zeit um 1819. Der Komponist schrieb 1824, es sei für ein „kleines Mädchen in Neapel“ gewesen, und dass er nichts Ernsthaftes habe komponieren, sondern einige populäre Melodien habe kritzeln wollen (scarabocchiare). Wie viele solcher impulsiven, ohne nähere Planung und Konstruktion geschriebenen Skizzen haben auch diese Stücke ihren eigenen Charme, ihre eigene Frische. Nr. 16 verwendet die Arie In cor più non mi sento (In meinem Herzen fühle ich nichts mehr) aus Paisiellos Oper La Molinara, Nr. 37 basiert auf einer Melodie aus La gazza ladra, wobei Rossinis Allegro kunstvoll in ein Adagietto umgewandelt ist. Weiterhin finden sich Titel von Mozart (Don Giovanni), Süßmayr und Paganini selbst in dieser aus 43 Stücken bestehenden unwiderstehlichen Kollektion, zu deren Ausführung nicht die höchste Gitarrentechnik erforderlich ist, die aber – wie immer – ein hohes Maß an musikalischem Verständnis verlangen. Die Ghiribizzi sind Paganinis Album für die Jugend.

Im Gegensatz zu der Großen Sonate sind die meisten Paganini-Sonaten zweisätzig, wobei üblicherweise auf ein Menuett ein Walzer, ein Allegretto oder sogar ein Allegretto scherzando folgt und beide Sätze in derselben Tonart stehen. Zwangsläufig beschwören die Menuette bisweilen das 18. Jahrhundert, und doch werden sie immer auch die grundlegend romantische Essenz von Paganinis Musik vermitteln.

Die 24 Caprices für Violine solo sind Paganinis berühmteste Komposition. Sie benutzen die Geige in wagemutigen, aufregenden und völlig neuen Methoden und änderten das Gesicht des Instruments für immer. Gleichwohl hat Paganini diese Stücke nie öffentlich gespielt, obwohl er sie den Künstlern (agli artisti) widmete. Vielleicht ist es seltsam, dass sich die Gitarristen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – noch immer lieber mit den extremen technischen Schwierigkeiten der Violin- Capricen als mit jener Musik auseinandersetzen, die Paganini tatsächlich für die Gitarre geschrieben hat. Das liegt zum Teil daran, dass die Gitarrenmusik heute praktisch ein Teil der „Alten Musik” ist. Die Capricen hingegen haben diesen Status nicht einmal im entferntesten erreicht. Sie sind echte Klassiker, weder alt noch modern, sondern von erhabener Zeitlosigkeit.

Colin Cooper
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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