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8.557612 - ALFVEN: Symphony No. 5
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Hugo Alfvén (1872–1960)
Symphonie Nr. 5 • Andante religioso

 

Auf internationaler Ebene hat die Musik von Hugo Alfvén zwar keine sonderliche Verbreitung gefunden, in. In seiner schwedischen Heimat jedoch rangiert er neben seinem kaum älteren Zeitgenossen Wilhelm Stenhammar als der bedeutendste Komponist, den das Land seit Berwald hervorgebracht hat. Alfvén wurde am 1. Mai 1872 in Stockholm geboren, studierte am dortigen Konservatorium und widmete sich, nachdem er zwei Jahre als Geiger im Opernorchester gearbeitet hatte, der Komposition. Im Gegensatz zu seinen unmittelbaren Vorläufern war er ambitioniert: 1897 und 1898 erschienen zwei bedeutende Symphonien, und die Stockholmer Uraufführung der letzteren bestätigte den Ruf, den er in der Heimat genoss.

Im Laufe der nächsten 25 Jahre erschien eine Reihe großer Werke. Dazu gehörten die Symphonien Nr. 3 und Nr. 4 [Naxos 8.553729 und Naxos 8.557284], das Oratorium Herrans bön (Das Gebet des Herrn), die Uppenbarelsekantat (Offenbarungskantate), die Ballettpantomime Bergakungen (Der Bergkönig) und drei Schwedische Rhapsodien, deren erste mit dem Titel Midsommarvaka (Mittsommer-Wache) [Naxos 8.553115], bis heute Alfvéns beliebtestes Stück ist. Nach 1923 konzentrierte sich sein Schaffen auf die Chormusik – eine Folge seiner Dirigententätigkeit bei dem Siljan-Chor und den Orpheus-Sängern, mit denen er häufig auf Reisen ging. In den vierziger und fünfziger Jahren war er mit seiner fünften Symphonie beschäftigt, und als 85jähriger präsentierte er sich mit seinem Ballett Den förlorade sonen (Der verlorene Sohn) im einfallsreichen Umgang mit der Volksmusik. Hugo Alfvén, der große alte Mann der schwedischen Musik, starb am 8. Mai 1960 in Falun.

Ihrer äußeren Erscheinung nach blickt die fünfte Symphonie auf die beiden Geschwister zurück, mit denen der Komponist Ende der 1890er Jahre seine Reputation begründet hatte. Zwei Jahrzehnte nach der Vollendung der vierten Symphonie begann Hugo Alfvén 1942 mit der Arbeit an diesem Werk, bei der er Teile seines ehrgeizigen Balletts Der Bergkönig (1923) verwendete. Es gelang ihm, den Kopfsatz rechtzeitig für ein Konzert zur Feier seines 70. Geburtstages abzuschließen. Danach rang er beträchtlich mit der Symphonie, die am 14. April 1953 schließlich in ihrer vollständigen Gestalt vom Göteborger Symphonieorchester unter Carl von Garaguly uraufgeführt wurde. Die zweideutige Resonanz war zwar weitgehend auf den retrospektiven Charakter der Symphonie zurückzuführen; sie bestätigte Alfvén jedoch, dass das Stück noch nicht fertig sei, und so überarbeitete er das Werk bis 1958 – und selbst dann räumte er noch ein, dass die beiden letzten Sätze nicht nach seiner Vorstellung geraten seien. In den 45 Jahren, die seit seinem Tod vergangen sind, wurde das Werk nur selten aufgeführt.

Bei etlichen Gelegenheiten wurde das erste Allegro – eine wertvolle, in sich schlüssige Einheit – unter dem Titel Erster Satz selbständig aufgeführt. Die Lento-Einleitung bringt eine rasch sich steigernde Erwartungshaltung mit sich, bevor mit einem geschmeidigen Thema der Hauptteil des Satzes beginnt. Dieser Gedanke weicht bald dem Nebenthema, einer sanfteren, rhapsodischen Äußerung. Interessanterweise wird jetzt der gesamte bisherige Satzverlauf – die langsame Einleitung und die Exposition – wiederholt; dieses Mal führt er zu einer aktiven Durchführung, die um das energische Thema kreist. Es folgt eine Reprise, die beide Hauptthemen in umgekehrter Reihenfolge enthält und deren Orchestrierung leicht verändert ist; daran schließt sich eine ausgedehnte Coda an, die eigentlich eine zweite Durchführung darstellt, in der die Einleitung verarbeitet wird. Damit würde der Satz sich zum vollen Kreis runden, fehlte nicht in der abrupten Schlussgebärde die Klammer einer entscheidenden Kadenz.

In ihrem weiteren Verlauf versucht die Symphonie den Eindruck eines formalen und expressiven Abschlusses zu erreichen, was ihr in den Augen des Komponisten nicht vollends überzeugend gelingt. Das Andante ist einer der elegantesten symphonischen Sätze, die Alfvén geschrieben hat. Er beginnt in einer verträumten Stimmung und gelangt zu einem lebhafteren Mittelteil, der von singenden Holzbläsern eingeleitet wird. Nach einem aufschäumenden Höhepunkt findet die Musik zu der heiteren Gelassenheit des Anfangs zurück. Es folgt ein geisterhaftes Intermezzo mit einem prominenten Xylophon und sardonischen Blechbläser- Gesten, das im weiteren Verlauf den Charakter eines „Danse macabre“ annimmt. Der Mittelteil ist zwar verbindlicher, doch auch nicht ohne unterschwellige Böswilligkeiten. Natürlicherweise wird danach der vorherige Teil des Satzes wiederholt. Dem ausgedehnten Finale bleibt es überlassen, die gesamte Struktur abzurunden. Der Satz beginnt mit einem gebieterischen Gedanken, der schon bald in eines jener suggestiven Themen übergeht, wie sie Alfvén zu schreiben verstand; darauf führt eine Überleitung zu dem Thema des Anfangs und einer kompletten Wiederholung der Exposition zurück. Es folgt eine gewandte Durchführung beider Themen, und dann – nach einem Augenblick der gespannten Erwartung – schließt sich eine veränderte Reprise an. Die Coda beginnt mit dem zweiten Thema und greift den gebieterischen Gedanken des Anfangs auf. Drei mächtige Schlussakkorde unterstreichen den triumphalen Effekt.

Aus einer sehr viel früheren Phase von Alfvéns Karriere stammt das Andante religioso, ein Intermezzo aus der im Frühjahr 1913 für die Konsekration einer Kirche in Saltsjöbaden geschriebenen Offenbarungskantate (Uppenbarelsekantat) op. 31. Obwohl das Originalstück einen Text vertont, der mit „Tröstet mein Volk“ beginnt, erfasst dieses Arrangement für Harfe, Celesta und Streicher die meditative Feierlichkeit der Musik voll und ganz.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

 


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