About this Recording
8.557613 - KLIEGEL, Maria: Virtuoso Cello Showpieces
English  German 

Musik für Violoncello und Klavier
Orr • Danzi • Castelnuovo-Tedesco • Dvorák

 

Buxton Orr stammte aus Glasgow und war Schüler von Benjamin Frankel an der Guildhall School of Music in London, wo er von 1965 bis 1990 selbst eine Professur innehatte. Sein Interesse am Jazz manifestierte sich in seiner Zusammenarbeit mit dem London Jazz Composers' Orchestra, das er von 1970 bis 1980 dirigierte. Orr war zudem der Gründer des Ensembles für Zeitgenössische Musik an der Guildhall School. Seine Kompositionen reflektieren verschiedene Einflüsse; in den früheren Jahren schrieb er auch einige Filmmusiken. A Carmen Fantasy für Violoncello und Klavier entstand im Oktober 1985 für den Cellisten Robert Cohen als Programmpunkt eines New Yorker Recitals. Das Werk wurde später für Violoncello und Orchester arrangiert. In seiner Einführung weist der Komponist darauf hin, dass Jascha Heifetz Franz Waxmans Carmen Fantasy als Zugabe benutzte und dass sein gleichnamiges eigenes Stück demselben Zweck zugedacht sei. Die Fantasie beginnt mit einer Kadenz des Violoncellos, die sich auf das Schicksalsmotiv aus Bizets Oper stützt. Daran schließt sich eine Variante des Polo an – eines Tanzes, den Bizet von Manuel García übernommen hat und der als Entr'acte zwischen dem dritten und vierten Aufzug der Oper dient. Andere bekannte Themen sind Carmens hartnäckige Weigerung, auf die Fragen des Leutnants Zuniga zu antworten, dann die Habanera, das Blumenlied des Don José sowie das Lied, mit dem Carmen ihren Liebhaber dazu bringt, ihr in die Berge zu folgen. Am Ende erklingt kurz das Lied des Stierkämpfers, das schließlich von dem in der Fantasie immer wieder auftretenden Schicksalsmotiv überlagert wird.

Franz Danzi war Cellist in dem berühmten Orchester von Mannheim. Er blieb in der Stadt, als der kurfürstliche Hof im Jahre 1778 nach München übersiedelte. Fünf Jahre später übernahm Danzi dann aber doch den Platz seines Vaters im Münchner Orchester, und mit seiner dritten deutschen Oper setzte er seine kompositorische Laufbahn fort. Nachdem er eine Sängerin geheiratet hatte, machte er mit seinen Opern Karriere, was 1798 dazu führte, dass er in München zum Stellvertretenden Kapellmeister aufstieg. Nachdem seine Frau gestorben war, ging Danzi wieder nach Mannheim, und 1807 wurde er Kapellmeister in Stuttgart, wo er Carl Maria von Weber begegnete. 1812 wandte er sich nach Karlsruhe, und auch hier konnte er Opern von Weber auf die Bühne bringen. Als Komponist hat er sich auf vielen Gebieten mit Fleiß betätigt. Seine Variationen über ein Thema aus Mozarts „Don Giovanni” entstanden zunächst als Werk für Violoncello und Orchester. Bei dem Thema handelt es sich um Don Giovannis Versuch, das Dorfmädchen Zerlina zu verführen, indem er sie bittet, ihm die Hand zu reichen und ihm auf sein Schloss zu folgen: Là ci darem la mano. Anschließend wird das Thema in Triolen variiert. Die zweite Veränderung bricht den Rhythmus der Melodie auf und enthält Zweiunddreißigstel-Passagen. Eine Variation in a-moll ( tranquillo ) führt zu einer A-dur-Wiederholung mit raschen Zweiunddreißigsteln, bevor sich das zusammengesetzte Metrum anschließt, mit dem das Duett zu Ende geht: Andiam, andiam, mio bene.

Mario Castelnuovo-Tedesco wurde 1895 als Sohn sephardischer Juden geboren. Er war Schüler von Ildebrando Pizzetti, dem er viel verdankte. In der Zeit zwischen den Kriegen etablierte er sich als Pianist und machte sich als Solist, Begleiter und Kammermusiker einen Namen. Außerdem war er für verschiedene Musikzeitschriften als Kritiker tätig. Seine Kompositionen wurden in Italien und im Ausland gespielt, insbesondere bei den Festivals der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik. Nachdem 1938 die italienischen Rassengesetze erlassen worden waren, ging Castelnuovo-Tedesco mit Hilfe von Heifetz, Toscanini und Albert Spalding sowie mit der festen Aussicht auf Arbeit nach Amerika. Von 1940 bis 1956 war er in Hollywood an rund 250 Produktionen verschiedener Filmstudios beteiligt. Doch schrieb er auch weiterhin Konzertwerke: Es entstand eine Reihe von etwa siebzig Kompositionen aller Art von Oratorium und Kantate über Lieder, Opern, Konzerte und Gitarrenmusik bis hin zu Klavierstücken. 1946 wurde er amerikanischer Staatsbürger, und bis zu seinem Tode 1968 unterrichtete er am damaligen Los Angeles Conservatory, wo Henry Mancini, Jerry Goldsmith, John Williams und André Previn zu seinen Schülern gehörten. Seine als „Konzerttranskription” bezeichneten Figaro-Variationen aus „Der Barbier von Sevilla” sind Gregor Piatigorsky gewidmet. Dem Stück liegt die Kavatine Largo al factotum zugrunde, mit der Figaro in seinem ersten Auftritt von seiner Bekanntheit singt. Mit der Hinzufügung pikanter Harmonien verleiht Castelnuovo-Tedesco der Musik verschiedene Färbungen, während das Thema in unterschiedlichen Gestalten und anspruchsvoller virtuoser Einkleidung erscheint. Eine Kadenz, in der die Worte Figaro, Figaro Figaro! widerhallen, wird bald von dem zunehmend geschwinderen Schlussabschnitt abgelöst.

Der Cellist Gaspar Cassadó wurde in Barcelona geboren. Nach erstem Unterricht bei seinem Vater kam er an die städtische Musikschule, bevor er 1904 debütierte. Er ging nach Paris, wurde Schüler von Pablo Casals und betätigte sich mit seinem Vater am Klavier und seinem Bruder Agustín an der Geige als Kammermusiker. Seine internationale Karriere begann 1918. Er arbeitete mit hervorragenden Kollegen zusammen und spielte einige Zeit im Trio mit Louis Kentner und Yehudi Menuhin. Sein Lamento de Boabdil aus dem Jahre 1931 ist Casals gewidmet: Der Titel und der elegische Inhalt des Stückes beziehen sich auf den letzten maurischen Herrscher von Granada, Mohammed XII., den die Spanier unter dem Namen Boabdil kennen. Die Rivalitäten innerhalb der herrschenden Familie hatten Granada erheblich geschwächt. 1482 löste Boabdil seinen Vater als Herrscher ab, doch er war mit seinem Onkel verfeindet. 1492 fiel die Stadt nach Belagerung an die katholischen Könige. Schmerzerfüllt soll Boabdil auf das besiegte Granada zurückgeschaut haben, worauf er von seiner Mutter gerügt wurde: „Du weinst wie eine Frau über etwas, das du nicht wie ein Mann zu verteidigen wusstest.” Auf diesen und ähnlichen Geschehnissen beruhen viele der spanischen Balladen aus der Zeit, die man als romances oder moriscos bezeichnet. In Cassadós kurzem Stück spiegelt sich dieser legendäre Schmerz des vertriebenen Monarchen.

Antonín Dvorák war am Anfang seiner musikalischen Laufbahn in Prag als Bratscher tätig. Erst 1871 verließ er das Orchester, um sich mehr der Komposition zu widmen, da seine Musik allmählich auf positive Resonanz stieß. Brahms half ihm, einen größeren Markt für seine Arbeiten zu finden, indem er den jüngeren Kollegen seinem Verleger empfahl, und im weiteren Verlauf seiner Karriere konnte sich Dvorák auch international einen großen Namen machen. Seine Musik ist vom Geist Böhmens durchtränkt – und das gilt sowohl für die offenkundig heimatlich geprägten Werke wie auch für jene Schöpfungen, die in den 1890er Jahren in den USA entstanden.

Das Rondo g-moll für Violoncello und Orchester op. 94 entstand im Oktober 1893 als Arrangement eines fast zwei Jahre alten Duos für Violoncello und Klavier. Es war für den Cellisten Hanuš Wihan gedacht, der seit 1887 als Lehrer am Prager Konservatorium wirkte und später auch der Widmungsträger des Cellokonzertes wurde, das Dvorák 1895 schrieb. Dvorák und Wihan hoben die Originalfassung des Rondos im März 1892 bei einem Konzert in Prag aus der Taufe. Es hat einem virtuosen Musiker viel zu bieten und spricht für Wihans technische Fähigkeiten.

Klid oder Waldesruhe ist eigentlich das fünfte der sechs Klavierstücke Ze Š umavy (Aus dem Böhmerwalde) für Klavier zu vier Händen, die im Januar 1884 vollendet wurden. Dvorák arrangierte den Satz für Violoncello und Orchester – in erster Linie für eine Konzerttournee mit Hanuš Wihan. Die Version für Violoncello und Klavier war ebenfalls in dem erwähnten Prager Konzert zu hören.

Die Sonatine G-dur für Violine und Klavier op. 100 schrieb Dvorák im November 1893 in Amerika. Er beendete sie zwei Wochen vor der Uraufführung seiner 9. Symphonie „Aus der Neuen Welt” in New York. Auch die Sonatine ist ein charakteristisches Werk jener Zeit, in der sich der Komponist über sein Heimweh hinwegtröstete, indem er tschechische Freunde in Spillville, Iowa, besuchte. Derweil sublimierte er die Einflüsse der neuen Welt, mochten sie nun aus Longfellows Hiawatha oder den Spirituals stammen, die er hörte. Der erste Satz der Sonatine verrät seinen Ursprung durch ein vornehmlich pentatonisch konturiertes Thema, das nach einer Anspielung auf das Lied „Darling Clementine” zu hören ist. Der zweite Satz in g-moll wird vielfach als Indianische Klage bezeichnet und wurde von Fritz Kreisler auch unter diesem Titel veröffentlicht; darin verwendet Dvorák ein Thema, das ihm beim Besuch der Minnehaha Falls in den Sinn gekommen war. Die erste Melodie des Scherzos hat dann wieder böhmische und amerikanische Züge, und im Finale hört man ständig den Nachklang der neuen Symphonie und des „amerikanischen” Streichquartetts. Auch in ihrer Bearbeitung für Violoncello und Klavier von Oscar Hartwieg ist die Sonatine ein wirkungsvolles Stück.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Prosslac

 


Close the window