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8.557614 - GUILMANT: Organ Works
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Félix-Alexandre Guilmant (1837-1911): Orgelmusik

Félix-Alexandre Guilmant gilt neben Charles-Marie Widor als Mitbegründer der romantischen Orgelschule im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Als Komponist, Herausgeber, Musikwissenschaftler und Verleger hat er bedeutende Beiträge zum Orgelrepertoire geleistet. Sein Unterricht verhalf Organisten zu enorm verbesserten technischen Fähigkeiten und brachte eine insgesamt höhere Qualität des Orgelspiels. Als weltbekannter Interpret und Improvisator sorgte er dafür, dass die Orgel und die für sie geschriebene Musik in der breiten Öffentlichkeit eine größere Wertschätzung erfuhren.

Félix-Alexandre Guilmant wurde am 12. März 1837 in Boulogne-sur-mer geboren. Seine Eltern waren Jean- Baptiste Guilmant (1793-1890) und Marie-Thérèse Poulain (1798-1867). Seine ersten Orgelstunden erhielt er 1849 von seinem Vater, der in Boulogne als Organist an der Kirche St. Nicolas tätig war und gelegentlich auch Orgeln baute. Der Knabe machte so rasche Fortschritte, dass er schon als Zwölfjähriger seinen Vater in der Kirche vertreten konnte. 1853 erhielt er die Organistenstelle von St. Joseph in Boulogne, und 1857 – mit zwanzig Jahren – wurde er an St. Nicolas Chorleiter und zudem als Lehrer ans Konservatorium seiner Heimatstadt berufen. Er studierte auch Violine und Viola, und die Philharmonische Gesellschaft von Boulogne nahm ihn in ihre Reihen auf.

1860 hörte er in Rouen ein Recital des belgischen Virtuosen Jacques Lemmens (1823-1881), dem er bei dieser Gelegenheit vorspielte. Dieser riet ihm, zur weiteren Ausbildung nach Brüssel zu kommen und brachte ihm dort die Bach-Tradition, die Kunst der Improvisation und eine flüssige, makellose Technik bei. 1862 wurde Guilmant eingeladen, neben César Franck, Camille Saint-Saëns und anderen bei der Einweihung der neuen Cavaillé-Coll- Orgel in der Pariser Kirche St. Sulpice mitzuwirken. Im selben Jahr begann er mit der Arbeit an seiner ersten Publikation für Orgel, dem Organiste liturgiste op. 65, der bei seiner Vollendung im Jahre 1899 zehn Bände umfasste. Als Vierunddreißigjähriger wurde er 1871 zum Organisten der Pariser Trinité berufen, wo er 31 Jahre bleiben sollte. 1874 wurde seine Sonate Nr. 1 d-moll op. 42 veröffentlicht, der bis 1906 in regelmäßigen Abständen sieben weitere Werke der Gattung folgen sollten. In der Zeit der ersten Sonate wurde Guilmant in Paris auch als Lehrer aktiv, und schließlich kamen Schüler aus aller Welt zu ihm.

Im Rahmen der Pariser Weltausstellung von 1878 wurde er zu mehreren Recitals auf der neuen, prächtigen Cavaillé-Coll-Orgel eingeladen, die man im Palais du Trocadéro installiert hatte. Diese Veranstaltungen waren äußerst beliebt und trugen in erheblichem Maße zu einer internationalen Anhängerschaft bei. Überdies erfuhr die Öffentlichkeit durch diese Konzertreihe, dass die Orgel auch ein eigenständiges Konzertinstrument sein konnte und nicht auf die Kirche beschränkt war. Nach der Weltausstellung sollte die Cavaillé-Coll-Orgel eigentlich wieder abgebaut werden, doch ließ man sie stehen, nachdem Guilmant mit seinen Recitals einen solchen Erfolg errungen und sich selbst auch nachdrücklich gegen die Demontage ausgesprochen hatte. Alsbald begann er mit einer Reihe historischer Konzerte, die von 1879 bis 1897 in jedem Jahr stattfanden. Damit steigerte Guilmant sowohl die Popularität der Orgel als auch das Interesse an der Orgelmusik aller Zeiten und Länder. Sein Ruf als Virtuose drang allmählich auch ins Ausland: Er war der erste französische Organist, der Großbritannien, Deutschland, Österreich, Spanien, Italien und Schweden, die Niederlande, Ungarn, Russland und Schottland bereiste. 1893 erhielt er die Einladung, bei der World’s Columbian Exposition von Chicago zu spielen. Im Anschluss daran unternahm er eine ausgedehnte Konzerttournee durch Amerika. 1894 gründete er mit Charles Bordes (1863-1909) und Vincent d’Indy (1851-1931) die Pariser Schola Cantorum für Kirchenmusiker. Hier unterrichtete er bis zu seinem Tode im Jahre 1911 einen Tag pro Woche. 1896 wurde er Widors Nachfolger als Professor am Pariser Konservatorium. Er feierte als Lehrer große Erfolge und entwickelte seine eigene, auf Lemmens zurückgehende Methode, mit der er eine größere Zahl an Premier Prix-Gewinnern hervorbrachte als all seine Vorgänger. Zu den also Ausgezeichneten gehörten unter anderen Louis Vierne, Charles Tournemire, Joseph Bonnet, Nadia Boulanger und Marcel Dupré.

Als Guilmant 1898 von seiner zweiten Amerika- Tournee zurückkehrte, musste er sein Amt an der Trinité aufgeben, da man in seiner Abwesenheit und ohne seine Autorisation Änderungen an der dortigen Orgel vorgenommen hatte. Als Zeichen des Protestes gegen dieses bedauerliche Ereignis sorgte Louis Vierne – Guilmants früherer Schüler und Assistent an der Trinité – dafür, dass sein einstiger Lehrer 1902 zum Ehrenorganisten von Notre Dame berufen wurde. 1899 gründete William Carl, ein ehemaliger Schüler und langjähriger Freund, in New York City die Guilmant Organ School für Kirchenmusiker.

Guilmant erklärte sich bereit, die Präsidentschaft zu übernehmen, und die Studenten der Schule wurden nach der Guilmant-Methode ausgebildet. So stand fest, dass der Einfluss des Künstlers auch nach seinem Tod weit über Paris hinaus zu spüren war. 1908 unternahm Guilmant seine letzte Amerika-Tournee, in deren Verlauf er zunächst vierzig Recitals bei der Ausstellung von St. Louis gab. Das dortige Instrument war seinerzeit das größte der Welt; es wurde später von Rodman Wannamaker erworben, der es in seinem Warenhaus in Philadelphia aufbauen ließ, wo es noch heute steht. Nach der Ausstellung gab Guilmant in den USA noch vierundzwanzig weitere Konzerte.

In seinen späteren Lebensjahren kaufte sich Guilmant im Pariser Vorort Meudon ein Haus, das er Villa Guilmant nannte. Im Musikzimmer installierte Cavaillé-Coll eine dreimanualige Orgel mit 28 Registern, auf der Guilmant oft bei Soireen spielte und auch die zahlreichen Organisten unterrichtete, die aus ganz Europa und Amerika zu ihm kamen.

Etliche Ehrungen wurden ihm zuteil: Unter anderem wurde er Ritter der Ehrenlegion (1893) und Ehrendoktor der Universität von Manchester (1910); das Pariser Conservatoire stiftete einen Preis, der alljährlich dem besten Studenten der Orgelklasse zuerkannt wird. 1909 starb Guilmants Frau, und am 30. März 1911 verstarb auch er nach kurzer Krankheit in seiner Villa in Meudon. Die Trauerfeier fand im dortigen Musikzimmer statt, und auf dem Friedhof am Montparnasse wurde er beigesetzt.

Guilmant war während seines gesamten Berufslebens als Komponist, Herausgeber und Verleger von Orgelmusik tätig. Sein Schaffen für Orgel ist so gewaltig, dass man ihn als einen der fleißigsten Komponisten für das Instrument bezeichnen darf. Überdies interessierte er sich sein Leben lang für die Orgelmusik des 17. und 18. Jahrhunderts. Dieses Interesse resultierte in vier großen Veröffentlichungen früher Orgelmusik: École classique de l’Orgue (25 Bände 1893-1903), Répertoire des Concerts du Trocadéro (25 Bände 1892-1897), Concert historique d’Orgue (1892) und – gemeinsam mit dem Musikwisenschaftler André Pirro – Les Archives des Maître de l’Orgue des XVI, XVII, et XVIII siècles (zehn Bände 1892-1910). Guilmant veröffentlichte ursprünglich viele seiner Werke selbst, indessen sich vor allem seine Frau um den Vertrieb kümmerte. Schließlich gründete man in Meudon ein kleines Musikgeschäft.

Guilmants Orgelmusik gliedert sich in Werke fürs Konzert und für den liturgischen Gebrauch. Unter seinen Konzertwerken nehmen die acht Sonaten (1874-1907), die Pièces dans différents styles (25 Bände 1870-1881), L’organiste pratique (zwölf Bände 1870-1881), 18 Nouvelles Pièces op. 90 (um 1904) und Sept Morceaux (1894- 1899) einen herausragenden Platz ein. Die für die Kirche geschriebenen Stücke bedienen sich oft gregorianischer Melodien. Zu ihnen gehören unter anderem L’organiste liturgiste op. 65 (zehn Bände 1884-1889), Soixante interludes dans la tonalité grégorienne op. 68 (1884-1911) und Noëls op. 60 (vier Bände 1883-1896).

Der Grand Choeur g-moll op. 84 wurde 1898 veröffentlicht. Es ist eines jener typischen marschartigen Stücke, die Guilmant zu verschiedenen festlichen, zeremoniellen und liturgischen Anlässen geschrieben hat. Das erste Thema wechselt mit einem Trio und einem kurzen Fugato, bevor es mit einem dramatischen Aufschwung zu Ende geht.

Die Caprice B-dur op. 20 Nr. 3 stammt aus der Sammlung Pièces dans différents styles (Stücke in unterschiedlichen Stilen), die viele seiner beliebtesten Werke enthält. Das Stück lässt auf geistreiche Weise Manuale von gleicher Färbung miteinander abwechseln. Der Trio- Abschnitt koppelt die Manuale, im Schlussteil muss die rechte Hand zwischen Haupt- und Brustwerk abwechseln, während die linke Hand mit einem solistischen Zungenregister eine Gegenstimme spielt. Ein weiteres populäres Werk aus dieser Sammlung ist das Allegretto h-moll op. 19 Nr. 1, ein schmachtendes Stück, das das Oboenund Klarinettenregister dialogisieren lässt.

Die Lamentation d-moll op. 45 Nr. 1 hat Guilmant der Erinnerung an seinen Freund Abbé Henri Gros gewidmet, der nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 bei den Unruhen von Paris ums Leben kam. Das Stück ist eine großartige Elegie, die sich zu einem schmetternden Höhepunkt steigert und leise mit einem harmonisierten gregorianischen Hymnus endet.

Das Offertoire sur „O filii“ pour la Fête de Pâques op. 49 Nr. 2 ist eine Variationsfolge über den bekannten Osterhymnus. Guilmant verfährt mit dem Thema auf eine sehr originelle Weise, indem er eine zentrale Variationsfolge mit einer toccatenartigen Behandlung desselben Subjekts umrahmt.

Das Lento assai (Rêve) ist der vierte Satz der 1902 erschienenen Sonate Nr. 7 F-dur op. 87. Guilmant war ein leidenschaftlicher Bewunderer Claude Debussys und ließ keine Aufführung der Oper Pelléas et Mélisande aus. Ungewöhnlich und überraschend sind hier die Ganztonharmonien zu Beginn des Satzes, die möglicherweise seine Debussy-Bewunderung widerspiegeln.

Die Musik von Händel war in Guilmants Repertoire von großer Bedeutung. Er war der erste, der 1878 im Trocadéro dessen Orgelkonzerte spielte, und er benutzte in verschiedenen eigenen Werken Händelsche Themen. Das bekannteste dieser Stücke ist die Marche sur un Thème de Haendel, op. 15, Nr. 2 über den Chor Hebt euer Haupt aus dem Messias. Einem feierlichen Marsch folgt eine geistvolle Fugendurchführung, die sich zu einer letzten, massiven Wiederholung des Händelschen Themas steigert.

Die Sammlung L’organiste pratique enthält Stücke unterschiedlicher Art – Märsche zu verschiedenen Gelegenheiten, lyrische Stücke und virtuose Werke wie das Scherzo symphonique C-dur op. 55 Nr. 2. Dieses Werk bewegt sich in symphonischen Proportionen. Eine abgewandelte Rondoform mit zwei Trios steuert auf eine Durchführung zu, und eine virtuose Coda bringt das Hauptthema zu einer abschließenden Apotheose.

In Frankreich ist das Noël seit jeher eine beliebte Form des Weihnachtsliedes. Noëls sind normalerweise charmante, bildhafte Zeichnungen der Hirten und wurden oft während der Advents- und Weihnachtszeit zu Hause gesungen. Im 18. Jahrhundert bearbeiteten verschiedene Komponisten wie Lebègue, Daquin und Dandrieu solche Noëls für Orgel. Guilmant war durch seine Herausgabe alter Musik mit diesem Repertoire sehr vertraut, und in seinen Noëls op. 60 hat er zwanzig Bearbeitungen veröffentlicht, deren Melodien aus verschiedenen Ländern stammen. Diese Melodien werden in der Kollektion auf unterschiedliche Weise behandelt – unter anderem in der Form von Variationen, Märschen und Offertorien. Daneben gibt es auch Stücke wie das Noël languedocien, das ein zurückhaltenderer, ausdrucksvollerer Stil prägt.

Die Sonate Nr. 1 d-moll op. 42 wurde 1874 veröffentlicht und ist bis heute eines der beliebtesten Werke des Komponisten, der das Werk später zu seiner Symphonie Nr. 1 für Orgel und Orchester op. 42 umarbeitete. Das Finale Allegro assai gehorcht der Sonatenform und verwendet dementsprechend zwei Themen – zunächst eine toccatenartige Figur, dann ein choralartiges Thema, das mit der Toccata kontrastiert. Nach einer ausgedehnten Durchführung mit ihren graduellen Wechseln von Moll nach Dur steigert sich schließlich das Choralthema triumphierend zu einem massiven Schlussabschnitt.

Robert Delcamp
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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