About this Recording
8.557638 - RIES, F.: Piano Concertos, Vol. 1 (Hinterhuber, Grodd) - Nos. 6 and 8, "Salut au Rhin"
English  German 

Ferdinand Ries (1784–1838)
Klavierkonzerte Folge 1: op. 123 und op. 151

Es ist erstaunlich, dass man den Namen Ferdinand Ries heute nicht besser kennt, obwohl er doch zu seiner Zeit einer der größten europäischen Pianisten und ein außerordentlich befähigter Komponist war. Bedenkt man seine lange Beziehung zu Ludwig van Beethoven, so vermag man noch weniger zu begreifen, warum die meisten seiner großen Werke missachtet werden. In jedem andern Fall hätte diese Tatsache ein erschöpfendes Studium seiner Musik nach sich gezogen. Bei Ries aber ist das nicht geschehen, was womöglich darin begründet sein könnte, dass er wichtige Erinnerungen an Beethoven verfasste, die für die Gelehrten so unwiderstehlich interessant waren, dass sie sich eher mit dieser Publikation als mit seinen Werken befassten. Über seinen eigenen Lebensweg wurde vergleichsweise wenig geschrieben. Im Laufe der Zeit wurden gelegentlich einige seiner Kammermusiken aufgeführt und aufgenommen, in den letzten Jahren kamen auch Einspielungen seiner höchst eindrucksvollen Symphonien heraus. Seine Konzerte hingegen blieben bis heute eigenartigerweise unerforscht. Die vorliegende Aufnahme ist die erste in einer Serie, die sämtliche Werke für Klavier und Orchester von Ferdinand Ries enthalten wird.

Ferdinand Ries’ Beziehung zu Beethoven begann bereits in Bonn. Sein Vater Franz, ein professioneller Geiger und Pianist, war einer der Lehrer Beethovens und unterrichtete auch seinen Sohn, der zudem Cellostunden bei Bernhard Romberg erhielt, für den Beethoven später seine Cellosonaten op. 5 komponierte. Bei der Auflösung des kurfürstlichen Hofes im Jahre 1794 fand sich Ries ohne Aussicht auf eine sichere Anstellung. Während der nächsten sieben Jahre blieb er daheim, um bei seinem Vater zu lernen. 1801 ging er dann nach München, wo er als Kopist ein kümmerliches Dasein fristete, indessen er bei Peter von Winter Stunden nahm. Im Oktober desselben Jahres brach er nach Wien auf, wo sich der inzwischen als Pianist und Komponist etablierte Beethoven bereit erklärte, ihn als Schüler anzunehmen.

Während seiner dreijährigen Ausbildungszeit bei Beethoven war Ries häufig als Sekretär und Kopist seines Lehrers tätig, was seinen späteren Schriften natürlich eine große Glaubwürdigkeit verlieh. Beethoven gab Ries zwar keinen Kompositionsunterricht (den erhielt er bei Johann Georg Albrechtsberger, dem Kapellmeister am Stefansdom), übte auf seine kompositorische Entwicklung aber einen nachhaltigen Einfluss aus. Überdies erleichterte er ihm seine Aufnahme in die Wiener Musikkreise: Zunächst einmal verhalf er ihm zu einer Anstellung als Pianist bei seinem eigenen Gönner Graf Browne, und dann organisierte er Ries’ Debüt, der am 1. August 1804 seinen Einstand als Beethoven-Schüler mit dem dritten Klavierkonzert c-moll op. 37 seines Lehrers gab, bei dessen Aufführung er Kadenzen von seiner eigenen Komposition benutzte. Als er Gefahr lief, in die Reihen der französischen Armee gepresst zu werden, machte sich Ries über Prag, Dresden und Leipzig nach Bonn davon. Nachdem man ihn als untauglich für den Militärdienst befunden hatte, reiste er nach Paris, wo er zwei Jahre schmachtete, bevor er im August 1808 wieder nach Wien zurückkehrte, wo er noch einmal knapp ein Jahr blieb.

Richtig begonnen hat Ferdinand Ries’ Laufbahn anscheinend im Jahre 1809, und während der nächsten vier Jahre unternahm er ausgedehnte Europa-Reisen. 1813 wurde er zum Mitglied der Königlich- Schwedischen Musikakademie ernannt, und im nächsten Jahr veröffentlichte er ein beeindruckendes Variationswerk für Klavier und Orchester über schwedische Nationalweisen. Die nächsten elf Jahre verbrachte Ries in London, wo er als gefeierter Virtuose, Lehrer und Komponist eine erfolgreiche Karriere machte. Der ehemalige Lehrer seines Vaters, Johann Peter Salomon, der unvergessliche Impresario, der Haydn nach London holte – dieser Salomon führte Ries bei den Philharmonischen Konzerten ein, wo dieser am 14. März 1814 sein Debüt gab. Seines Erfolges in London konnte sich Ries keineswegs sicher sein, denn er war nur einer von mehreren großen Virtuosen, die sich dort niedergelassen hatten. Dennoch: Sein Spiel war eindeutig von höchstem Kaliber und beeindruckte nicht nur das Publikum, sondern auch seine Kollegen. Camille Pleyel, der Sohn des Komponisten und Verlegers Ignaz Pleyel und selbst ein außergewöhnlich begabter Musiker, berichtete seinen Eltern brieflich von seinen jüngsten Londoner Erlebnissen:

‘Gestern [17. April 1815] hörte ich Ries bei demselben Philharmonischen. Er spielte ein Quintett von seiner eigenen Komposition. Im ersten Teil gibt es einige vergnügliche Dinge. Ich mag Ries’ Spiel sehr. Es ist weich und doch oft energisch. Ries spielte auf einem exzellenten Instrument von Broadwood, und obwohl der Saal recht groß ist, konnte ich jeden Ton des Klaviers hören.’

Einen Monat später modifizierte Pleyel in einem weiteren Brief seine Meinung ein wenig, als er nämlich beobachtete, dass es Ries, obwohl er als Pianist sehr schwierige Sachen spielt, an der Klarheit Kalkbrenners und dem Stil Cramers gebricht.

Während der nächsten zehn Jahre erschien Ries regelmäßig bei den Philharmonischen Konzerten. Dabei brachte er etliche wichtige Werke zur Uraufführung, unter anderem Klavierkonzerte und andere Stücke für Klavier und Orchester. Zwei dieser Einige dieser Werke haben einen sehr deutlichen Bezug zu England. Das gilt insbesondere für die 1817 in Hastings entstandenen Grand Variations on the National Air of ‘Rul Britannia’ op. 116.

1824 beschloss Ries, sich zur Ruhe zu setzen und in seine rheinische Heimat zurückzukehren. Als Geste des Abschieds exekutierte er ein brillantes neues Konzert, das er im Vorjahr geschrieben hatte und das 1824 unter dem Titel Abschieds-Concert von England mit der Opuszahl 132 veröffentlicht wurde. Ferdinand Ries hatte sich 1814 mit Harriet Mangean verheiratet, „einer englischen Dame von großen Vorzügen, die viel persönlichen Charme besaß,” und er war eine populäre Figur der Londoner Musikszene geworden. Ein Memoir of Ferdinand Ries, das zur Zeit seiner Abreise im Harmonicon abgedruckt wurde, konstatierte:

‘Herr Ries wird zu recht als einer der besten Klavier- Spieler dieser Tage gefeiert. Seine Hand ist kraftvoll, und seine Execution ist sicher – oft überraschend. Doch vor allem unterscheidet sich sein Spiel von dem aller andern durch seine romantische Wildheit ... Wer sich auf seinen Stil einlässt, erlebt einen Effekt, den man nur mit den unerwartetsten Kombinationen und Übergängen vergleichen kann, die eine Äolsharfe hervorbringt.’

Nachdem Ferdinand Ries wieder in Deutschland war, lebte er zunächst in Bad Godesberg, bevor er drei Jahre später nach Frankfurt am Main übersiedelte. Obwohl er offiziell im Ruhestand war, nahm er aktiv an den Niederrheinischen Musikfesten teil, und seine Werke bildeten in den 1830er Jahren einen großen Teil des Repertoires. 1834 ernannte man ihn überdies zum Leiter des Städtischen Orchesters und der Singakademie von Aachen. Während dieser letzten Jahre arbeitete er gemeinsam mit Fritz Wegeler an den bedeutenden Biographische(n) Notizen über Ludwig van Beethoven, die ein Jahr vor seinem Tod publiziert wurden.

Ries hat insgesamt neun Konzerte veröffentlicht – das erste für Violine, alle weiteren für Klavier. Die Werke wurden in der Reihenfolge ihrer Publikation numeriert, was einige Verwirrung nach sich zog. So ist das 1824 herausgekommene Konzert Nr. 6 C-dur für Pianoforte zwar das fünfte Klavierkonzert, das im Druck erschien, seiner Entstehung zufolge aber eines der frühesten, wenn nicht gar das erste: Das Autograph trägt das Datum Bonn 1806.

Die beiden hier eingespielten Werke entstanden im Abstand von zwanzig Jahren und eignen sich somit für einen Überblick über Ries’ künstlerische Entwicklung. Das Konzert C-dur entstand kurze Zeit nachdem Ries seine Lehrzeit bei Beethoven abgeschlossen hatte. In diesem Jahr komponierte er die Klaviersonate C-dur, die er 1804 – zusammen mit einer zwei Jahre älteren Sonate a-moll – als sein Opus 1 veröffentlichte und Beethoven widmete. Gegenüber dem früheren Schwesterwerk stellt die C-dur-Sonate einen beträchtlichen Fortschritt dar. Sie beginnt mit einem Thema, das demjenigen aus dem Kopfsatz des Konzertes nicht unähnlich ist. Es überrascht nicht, dass Beethoven beiden Werken seinen Stempel aufgedrückt hat: Man hört den Widerhall des Klavierkonzerts C-dur op. 15 und des c-moll-Konzerts, mit dem Ries in Wien debütiert hatte. Dessen ungeachtet ist das Werk in mancher Hinsicht ganz anders gearbeitet, und das gilt besonders für die Art des Klaviersatzes, der in vielen Details eher an Hummel als an Beethoven erinnert. Ries’ erweist sich als selbstbewusst im Umgang mit den großen musikalischen Strukturen, und obwohl er das thematische Material nicht mit der rigorosen Konzentration seines Lehrers durchführt, so weiß er seine Musik durch sensible Umgestaltungen, die häufige Einführung neuer melodischer Materialien und den feinen Instinkt des Virtuosen für brillante Dekorationen doch sehr interessant und abwechslungsreich zu gestalten. Der liebenswürdige langsame Satz ist von mozartischer Ausgeglichenheit, und der auffallende, von den Bläsern allein bestrittene Anfang ist ein hübsches Merkmal desselben. Das Finale beginnt recht überraschend mit einer Kadenz, die in ein fröhliches, energisches Rondo übergeht, das dem Finale aus Beethovens erstem Konzert einiges zu verdanken hat.

Das Klavierkonzert As-dur op. 151 komponierte Ries 1826 in Bad Godesberg, zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus London. Er gab dem Werk den Untertitel Gruß an den Rhein – ein liebevoller Tribut an die Gegend, in der er aufgewachsen war. Der breite, sanfte Schwung des Kopfsatzes ist eindeutig als eine Schilderung des Rheins gedacht. Zwar hält sich auch dieser Satz noch immer an die strukturellen Linien eines Beethoven-Konzerts, doch er lebt in einer völlig anderen Gefühlswelt. Auch der Klaviersatz ist sehr andersartig: Er schaut eher auf Chopin voraus als auf die großen Meisterwerke aus Beethovens mittlerer Schaffensepoche zurück. Die heitere Stimmung setzt sich auch in dem exquisiten Larghetto fort, das ein beinahe Beethovensches Gewicht verrät; wenn dann aber das wilde Finale beginnt, verliert sich diese Atmosphäre sofort. Wie in dem älteren Konzert stellt Ries auch hier dem brillanten, erfindungsreichen Rondo eine blendende Kadenz voran, die vom vollen Orchester eingeleitet wird. Der Satz verlangt seitens des Solisten nicht nur einen hohen Grad an Virtuosität und Schau=Spielkunst, sondern zudem die rechte musikalische Intelligenz, um Ferdinand Ries’ Klaviersatz alle seine Feinheiten und Schönheiten abzugewinnen.

Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window