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8.557641 - BLISS: Checkmate / Melee Fantasque
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Arthur Bliss (1891-1975)
Mêlée Fantasque • Checkmate: Ballett in einer Szene und einem Prolog

 

Arthur Bliss war Halbamerikaner. Er studierte in Cambridge und am Royal College of Music. Während des Ersten Weltkrieges diente er mit Auszeichnung, und nach dem Kriege begann er seine Karriere mit einer Reihe kühner Ensemblestücke wie Rout (1920), die ihm – wie auch sein erstes großes Orchesterwerk, A Colour Symphony (1921/22) – den Ruf eines avantgardistischen Experimentators einbrachten. In den späten zwanziger Jahren reifte seine musikalische Sprache, wie sein Oboenquintett (1927) und seine Pastorale (1928) verraten. Angeregt durch seine Kriegserinnerungen, schrieb er in den Dreißigern seine inhaltsschwere Chorsymphonie Morning Heroes (1930); mit seiner Music for Strings (1935) zeigte er hingegen eine meisterhafte Beherrschung musikalischer Strukturen.

Typisch für Bliss’ Karriere war die Kooperation mit großen Künstlern aus andern Bereichen. So schrieb er 1934/35 die Musik zu Alexander Kordas Film Things to Come nach dem Roman von H.G. Wells. Ein wichtiges Medium war ihm das Ballett: Er arbeitete mit Ninette de Valois in Checkmate (1937) sowie mit Robert Helpmann in Miracle in the Gorbals (1944) und Adam Zero (1946) zusammen. Ein weiterer Partner war J.B. Priestley, der das Libretto zu der Oper The Olympians (1948/49) verfasste.

Zu Bliss’ Orchesterwerken gehören Konzerte für Klavier (1939), Violine (1955) und Violoncello (1970) sowie die Meditationen über ein Thema von John Blow (1955) und die Metamorphic Variations (1972). Sein großartiges Organisationstalent kam während des Zweiten Weltkrieges zur Geltung, als er für die BBC als Musikalischer Direktor tätig war. Von 1953 bis zu seinem Tod war er Master of the Queen’s Music. 1950 wurde er in den Adelsstand erhoben; seine Autobiographie As I Remember ist ein faszinierendes Portrait seines Lebens und seiner Zeit.

In den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg erhielt Bliss’ Ballett-Begeisterung Nahrung, als Serge Diaghilews Ballets Russes gastierten. Besonders Strawinskys große Werke hinterließen einen gewaltigen Eindruck, und der Einfluss dieses Komponisten war in der Zeit nach dem Krieg bedeutend, wie deutlich an Mêlée Fantasque zu sehen ist. Das 1921 entstandene Stück war Bliss’ erstes Orchesterwerk, das eine öffentliche Aufführung erlebte: Henry Wood lud den Komponisten ein, seine Kreation bei den Promenade Concerts desselben Jahres zu dirigieren. Das Werk ist dem Andenken an den Künstler und Bühnenbildner Claude Lovat Fraser gewidmet, mit dem Bliss bei Inszenierungen von Shakespeares Wie es Euch gefällt und Der Sturm zusammengearbeitet hatte. In seinem Einführungstext äußerte Bliss, er betrachte Mêlée Fantasque als seine erste Ballettpartitur. Sie war demnach darauf angelegt, die „rhythmische Verve und die an Bakst erinnernden Farben in Lovat Frasers Bildern“ zu vermitteln. Diese beschwört er in „farbigen Episoden“, denen er als „ein Hinweis auf den Verlust des begabten Freundes“ elegische Passagen gegenüberstellte. Bliss hielt viel von dem Werk, das er zweimal revidierte.

Checkmate verdankte seine Inspiration einer anderen Leidenschaft des Komponisten – dem Schachspiel. Wie er 1938 in seinem Artikel Death on Squares (Tod auf Quadraten) erläuterte, entstand die Idee zu dem Ballett, als sich das Gespräch während einer Dinnerparty um die Frage zu drehen begann, welche Stoffe sich fürs Ballett eigneten. Man sprach von verschiedenen Spielen, und „irgend jemand kam auf den Gedanken mit der unbarmherzigen Dame beim Schach.“ Die Idee wurde seinerzeit nicht realisiert, doch als man Bliss um ein Werk für das Vic-Wells Ballet bat, kam er darauf zurück. Er schrieb sein eigenes Szenario, wobei ihm aber der Theaterregisseur W. Bridges Adams eine große Hilfe war. Checkmate wurde 1936/37 komponiert. Ninette de Valois schuf die Choreographie, und die Dekoration besorgte. E. McKnight Kauffer. In ihrer Choreographie verband de Valois klassische Schritte mit traditionellen englischen Tänzen wie dem Morris Dance und dem unheilvollen Gänsemarsch der Nazis, wodurch sie den Gegenstand des Balletts zwangsläufig mit der zunehmend sich verdüsternden Stimmung der damaligen Zeit verknüpfte.

Die Uraufführung am 15. Juni 1937 am Pariser Théâtre des Champs-Elysées war eine glanzvolle Angelegenheit. Es tanzte ein Ensemble, dessen Namen heute Legende sind: Frederick Ashton (Der Tod), Robert Helpmann (Roter König), Harold Turner (Roter Springer), June Brae (Schwarze Dame), Pamela May (Rote Dame) und Margot Fonteyn als Anführerin der Schwarzen Bauern. Constant Lambert dirigierte das Orchester der Lamoureux-Konzerte. Die britische Premiere fand am 5. Oktober desselben Jahres in Sadler’s Wells Theatre in London statt, und aus dem Zusammenwirken der verschiedenen Talente entstand ein Meisterwerk des englischen Balletts, das bis heute im Repertoire ist.

Die Zitate in der nachfolgenden Inhaltsangabe stammen aus dem Szenario des Komponisten und den Regieanweisungen. Die düstere Musik des Prologs wird durch eine lastende Bratschenmelodie charakterisiert. Wenn der Vorhang aufgeht, sitzen zwei Spieler – der eine in goldener, der andere in schwarzer Rüstung – bewegungslos vor einem Schachbrett. Der goldene Spieler entfernt sein Visier: Er ist die Liebe. Der schwarze Spieler streift seinen eisernen Handschuh ab, und man sieht den skelettierten Arm des Todes. Die beiden wählen die roten bzw. die schwarzen Figuren, um im weiteren um das Leben ihrer Untertanen zu kämpfen. Der Vorhang fällt langsam.

Wenn der Tanz der roten Bauern beginnt, erscheint die Bühne wie ein Schachbrett, auf dem sich die roten Figuren sammeln. Die Bauern, „fröhliche Pagen“, tanzen zu einem sorglosen Holzbläserthema – es ist eine Musik, die das jugendliche Feuer der Novizen einfängt. Am Ende des Tanzes stellen sie sich in einer stilisierten Schachformation auf. Die beiden roten Springer – „ungestüme und kraftvolle Kämpfer“ – werden durch ein akzentuiertes, mutiges und männliches Thema aufs Brett gebracht, wenn sie mit dem Tanz der vier Springer beginnen. Die zwei schwarzen Springer folgen später mit einem „ritterlichen Kundschafterbesuch“. Zu springenden Rhythmen grüßen sie einander, um sich dann mit der Darstellung verschiedener Heldentaten gegenseitig herauszufordern. Dabei übertrifft der erste rote Springer alle andern. Am Ende des Tanzes fallen die schwarzen Ritter auf die Knie, da ihre Dame naht. Die Musik ist unheilvoll und bedrohlich: sie ist die „gefährlichste Figur auf dem Brett.“

Den Auftritt der schwarzen Dame symbolisiert eine durch Harfenarpeggien ergänzte, sinnliche Klarinettenmelodie – ein Zeichen sowohl für die sexuellen Reize als auch die tödliche Kaltherzigkeit des Charakters. Sie hypnotisiert die roten Figuren, insbesondere den roten Springer, dem sie zu einer schmelzenden Phrase der Solovioline eine Rose zuwirft. Sie umgarnt ihn mit ihrer Arglist. Er jubiliert, da er glaubt, ihre Liebe gewonnen zu haben: Die Mazurka des roten Springers zeigt seine Reaktion mit einem athletischen, überschwenglichen Solo, in dem das Hauptthema der Figur mit einem zarten Holzbläsergedanken kontrastiert. Gegen Ende wird die Musik unheimlich, als wolle sie seinen Untergang ankündigen.

Die Zeremonie der roten Läufer wird durch das Läuten einer Glocke und ein cantus-artiges Streicherfragment evoziert. Die Bauern senken langsam die Banner ihrer Ritter, „um der Bühne das Aussehen einer Kapelle zu verleihen“. Die Segnung wird allerdings durch den Auftritt der roten Türme unterbrochen: Krachende Beckenschläge begleiten ihre rohen Schritte, die daran erinnern, dass „am Ende die Gewalt die Herrschaft davonträgt.“ In diesem Abschnitt benutzt Bliss Material der Sequenz Der Aufbau der neuen Welt aus dem Film Things to Come: Seiner Meinung nach eignete sich diese Musik nicht nur zur Darstellung von Automaten und Robotern, sondern auch für die Türme, die der Komponist als „unmenschliche und bedrohliche Monster“ bezeichnete. Pompöse und brillante Fanfaren ertönen, während sich der rote König mit seiner Dame naht. Den Auftritt des roten Königs und seiner Dame markiert ein königliches, reich ornamentiertes Hornsolo; dazu wird der alte, gebrechliche König, die schwächste Figur auf dem Brett, in einer Sänfte hereingetragen. Beim letzten Akkord dieses Satzes nehmen die Bauern Schlachtenformation ein: „Das Publikum sieht also einen kompletten Satz roter Figuren in ihrer Schachaufstellung.“

„Das Spiel beginnt“ mit dem Angriff. Dazu intonieren Blech- und Holzbläser ein kraftvolles Thema, indessen sich die Bühne „mit den verwickelten Manövern der Schachschlacht belebt.“ Das Corps de Ballet wechselt mit Soli der schwarzen Dame ab, deren Sprünge von Kastagnetten begleitet werden. Die Musik wird langsamer. Massive dissonante Akkorde deuten an, dass „der rote König eindeutig ungedeckt ist; das bedrohliche Manöver der schwarzen Königin resultiert im SCHACH dem König“, zu dem zwei scharfe Akkorde erklingen. Der König ruft seine Läufer zu Hilfe; diese greifen mit ihrem Cantus ein, doch die grausame Königin schickt sie gebieterisch weg. Die Gemahlin des roten Königs bittet in einem flehentlichen Oboensolo um Gnade, wird aber von den beiden schwarzen Springern gewaltsam weggeschafft.

In dem Duell des roten Springers und der schwarzen Dame verknüpft Bliss thematische Fragmente aus früheren Abschnitten miteinander. Der Zweikampf wird zu einer Schlacht der Willenskraft. Schließlich ist die Dame dem Springer auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Zwischen Pflicht und Verblendung hinund hergerissen, zögert der Springer, den Hieb zu führen, indessen die Melodie aus dem Prolog im Orchester zu hören ist. Sie erreicht dumpf dröhnende Akkorde, zu denen der Springer sein Schwert fallen lässt. Wieder erklingt das betörende Thema der Dame; der Springer kehrt ihr den Rücken zu und nimmt – während die zarte Musik aus seiner Mazurka erklingt – die Rose von seiner Brust. Die Stimmung wird unheimlich, und die Dame ersticht ihn zu einer verzerrten Variante seines Themas. Die gigantischen Figuren der beiden Schachspieler erscheinen: Der Tod wirft seinen schwarzen Handschuh über den Leichnam, der zu schmerzlichen Soli des Englischhorns und der Flöte in einem Trauerzug hinfortgetragen wird.

In einem stählernen, kaltblütigen Tango tanzt die schwarze Dame, wobei sie den entsetzten roten Herrscher spöttisch herausfordert. Ihre Musik dreht und wendet sich, während sie zu einem Violinsolo anscheinend mit ihrem Opfer spielt. Am Ende verlässt sie die Bühne „mit einer Geste des grausamen Triumphs“. Zu Beginn des Finales hält der König nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau. Die Musik wechselt zwischen langsamen, nervösen Passagen und schnellen, heftigen Ausbrüchen hin und her, doch sämtliche Fluchtwege sind ihm versperrt. Zu einer unerbittlichen, grausamen Musik beginnt der letzte heftige Angriff. Zunächst hetzen die schwarzen Figuren ihre Beute. Der von seinen Feinden umzingelte König wird auf seinen Thron gezwungen, doch erinnert er sich an den Heldenmut seiner jungen Jahre – und für einen kurzen Moment erscheint er zum donnernden Schlagzeug herausfordernd und „majestätisch wie ein bedrängter Löwe.“ Einen Augenblick wanken die Schwarzen. Doch hinter dem König steht die schwarze Dame mit erhobenem Speer. Sie rammt ihm die Waffe in den Rücken, während die Musik lebhaft die tödlichen Hiebe schildert. „Es ist Schachmatt!“

Andrew Burn
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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