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8.557644 - FINZI: I Said to Love / Let Us Garlands Bring / Before and After Summer (English Song, Vol. 12)
English  German 

Gerald Finzi (1901–1956)
I Said to Love, op. 19b
Let Us Garlands Bring, op. 18
Before and After Summer, op. 16

 

Gerald Finzi, 1901 in London geboren, studierte Musik bei Ernest Farrar, Edward Bairstow und Reginald Owen Morris. Frühe Bekanntheit erlangte er mit Werken wie der Orchesterminiatur A Severn Rhapsody (1923) und dem Liederzyklus By Footpath and Stile (1921–22) auf Gedichte von Thomas Hardy. Breitere Anerkennung folgte in den 1930er Jahren mit Aufführungen der beiden Hardy-Zyklen A Young Man’s Exhortation (1926–29) und Earth and Air and Rain (1928–32). Ein weiterer Erfolg war 1940 die Uraufführung seiner zwischen 1925 und 1939 entstandenen Kantate Dies natalis. Während des 2. Weltkriegs arbeitete Finzi neben seiner hauptberuflichen Beschäftigung im Kriegsverkehrsministerium mit dem von ihm gegründeten Kammermusikensemble, den Newbury String Players. Zwei seiner beliebtesten Werke, die Fünf Bagatellen für Klarinette (begonnen in den 1920er Jahren, vollendet 1941–43) und die fünf Shakespeare- Vertonungen mit dem Titel Let Us Garlands Bring (1938–40) wurden während der Kriegsjahre uraufgeführt.

Zu den in der Nachkriegszeit komponierten Stücken zählen das Festival-Anthem Lo, the full, final sacrifice (1946), die Ode For St. Cecilia (1947), eine weitere Liedergruppe auf Gedichte von Hardy mit dem Titel Before and After Summer (1932–49), das Klarinettenkonzert (1948–49) und die Intimations of Immortality für Chor und Orchester (1936–38, 1941– 43). Während seiner letzten Lebensjahre, die bereits von schwerer Krankheit überschattet waren, vollendete Finzi u.a. noch die Weihnachtsszene In terra pax (1951– 54) und das Violoncellokonzert (1951–55). Er starb 1956 in Oxford.

Das Liedschaffen stand im Mittelpunkt von Finzis kompositorischer Arbeit. In dieser Gattung leistete er einen bedeutenden Beitrag zum britischen Repertoire des 20. Jahrhunderts, insbesondere mit den Vertonungen von Texten seines Lieblingsdichters Thomas Hardy. Sein persönliches Exemplar der Collected Poems dieses englischen Spätromantikers gehörte, wie er einem Freund anvertraute, zu seinem wertvollsten Besitz: Wenn ich auf alle anderen Bücher verzichten müsste, dieses eine würde ich behalten. Was ihn an Hardy faszinierte, war dessen düsterer Fatalismus, die Idee der Vergänglichkeit und der Machtlosigkeit des Menschen gegen Veranlagung, Milieu und unerbittlich waltende Zufälle. Hardy habe ich immer besonders geliebt; von frühester Jugend an habe ich eine Seelenverwandtschaft mit ihm empfunden.

Finzi war ein langsamer Arbeiter. Bereits der Auswahlprozess der einzelnen Lieder, die er zu einem Zyklus zusammenzustellen gedachte, konnte sich über Jahre hinziehen. Zwei Dutzend vollendeter Lieder, die sich in seinem Nachlass fanden und denen er keine zyklische Bestimmung mehr geben konnte, wurden von seinem Freund, dem Pianisten Howard Ferguson, seiner Witwe Joy und seinem ältesten Sohn Christopher zu vier Gruppen gebündelt, von denen I Said to Love für Baritonstimme aus Hardy-Vertonungen besteht, nämlich aus vier Liedern, die Finzi in einem letzten schöpferischen Impuls 1956 komponierte oder vollendete. Ferguson war der Klavierbegleiter von John Carol Case bei der Uraufführung der Lieder am 27. Januar des folgendes Jahres.

Den ersten Versen von ‚I need not go’ eignet noch eine gewisse Aura der Nonchalance—erst in der letzten Strophe ändert sich die Stimmung der Musik bei der Erkenntnis, dass die Geliebte des Dichters bereits im Grabe liegt. In ‚At Middle-Field Gate in February’ lässt Finzi durch oszillierende Akkordfolgen unter der dunklen Vokallinie die nasskalte Atmosphäre eines trüben Wintertags entstehen. Später gewinnt die Stimmung an Wärme, wenn die Musik Hardys Erinnerung an Glück und Liebe längst vergangener sommerlicher Jugendtage nachzeichnet. ‚Two Lips’ spielt zunächst in leichtem Ton mit dem Bild eines in überschwänglicher Leidenschaft erdachten Kusses, doch mit dem abrupt sich verdunkelnden Ton von Text und Musik durchdringt die Realität die Welt der Phantasie: Die Lippen sind im Todeskuss erstarrt. ‚In five-score summers’ (bei Hardy trägt das Gedicht den Titel ‚1967’) wollte Finzi als „Meditation“ verstanden wissen. Das Lied behandelt Hardys utopistische Vorstellung einer besseren Welt nach hundert Jahren—aller menschlichen Torheit zum Trotz. Das in den ersten Versen beschworene poetische Bild fasst Finzi in eine lebhafte, chromatisch absteigende Phrase. ‚For life I had never cared greatly’ bedient sich ganz bewusst eines unsteten, das Bild eines Wanderers wie den Tanz der Zeiten suggerierenden Tempos. ‚I said to Love’, entstanden einen Monat vor seinem Tod, war Finzis letzte Hardy-Vertonung. Es handet sich hier um eine Miniaturszene mit zahlreichen melodischen Entsprechungen zur Gedichtvorlage. Den Höhepunkt bildet eine für Finzis Gesamtwerk absolut ungewöhnliche, dramatische Klavierkadenz an der Stelle, wo der Dichter das Ende der Menschheit (Mankind shall cease) voraussagt, bevor die Musik gewaltsam abstürzt.

Finzis fünf Shakespeare-Vertonungen Let Us Garlands Bring wurden am 12. Oktober 1942 von Robert Irvin und Howard Ferguson uraufgeführt. Gewidmet sind sie Ralph Vaughan Williams, der am Tag der Aufführung seinen siebzigsten Geburtstag beging und nach dessen eigener Aussage ‚Fear no more the heat o’ the sun’ eines der herrlichsten Lieder war, die er je gehört hatte. Die Stimmung der einzelnen Lieder reicht vom resignativen Totengeläut des ‚Come away, come away, death’ zum hellen Kontrast neu erstandener Liebe in ‚Who is Sylvia?’. Vaughan Williams’ Lieblingslied, Fear no more the heat o’ the sun, ist zweifellos das gelungenste der Sammlung. Wie so oft in Finzis Hardy-Vertonungen ist es auch hier die Thematik der Vergänglichkeit der Staub, zu dem die golden lads and girls sämtlich werden müssen, die den Komponisten zu eindringlichen, in ihrer Wehmut unvergesslichen Klangbildern inspiriert hat. Das lebhafte Metrum gerät nur bei der (dramaturgisch genial gewählten) Phrase No exorciser harm thee ins Stocken, die Finzi quasi rezitativisch anlegt, bevor ein geisterhaftes Echo der Hauptmelodie das Lied beschließt. Es folgen das herrliche O mistress mine—in Finzis Worten eine liebenswürdig-leichte Vertonung im Troubadour-Stil—und das unbeschwerte It was a lover and his lass.

1948–49 vertonte Finzi weitere Hardy-Gedichte; zusammen mit revidierten Fassungen älterer Kompositionen bündelte er sie unter dem Sammeltitel Before and After Summer. Am 17. Oktober 1949 wurden sie von Robert Irvin und Frederick Stone im Rahmen einer Sendung der BBC uraufgeführt. Das zentrale poetische Bild in ‚Childhood among the ferns’ ist die Einheit von Kind und Natur. Der Komponist unterstreicht diesen Gedanken mit dem Bild von plätschernden Regentropfen und fließenden Bächlein in der Begleitstimme der ersten beiden Strophen sowie mit einem überraschenden Tonartwechsel, wenn das Sonnenlicht am Ende des Regenschauers durch die Wolken bricht. Im Titellied der Sammlung fängt der Komponist die kontrastierenden Stimmungen des Dichters ein—zunächst beschwingt und erwartungsfroh, später erfüllt von herbstlicher Melancholie. Mit grabeskalten Glockenschlägen hebt ‚The self-unseeing’ an, bevor Hardys glückliche Kindheitserinnerungen in einen sanften Tanz einfließen, während in den ersten Takten von ‚Overlooking the river’ die sich emporschwingende Gesangstimme dem Flug der Schwalbe folgt.

Den Mittelpunkt des Zyklus bildet ‚Channel Firing’, Finzis wohl ehrgeizigste Hardy-Vertonung im Hinblick auf den weitgespannten Gefühlshorizont der Ge-dichtvorlage. Die quasi sinfonisch angelegte Struktur wird gerahmt von Geschützdonner auf offener See. Innerhalb dieser weiten Dimensionen kommt es zu einem wütenden Ausbruch, in dem der Schöpfer die Kriegslust der Menschheit beklagt, einem tröstenden Ruhepunkt bei den Worten For you are men, einem ironischen Scherzando, wenn die Skelette der erweckten Toten über die Torheiten der Menschen nachsinnen, und schließlich zu einer Coda, in der Finzi mit einer genialen melodischen Eingebung Hardys visionäre Bilder vergangener Dynastien herauf- beschwört.

Erinnerungen an eine verstorbene Geliebte geistern durch das Lied ‚In the mind’s eye’ mit seinem obsessiven, phantomartigen Refrain zwischen den Strophen. In den Eröffnungstakten von ‚The too short time’ (Hardys Titel lautet ‚The best she could’) evoziert Finzi mühelos das Fallen der Herbstblätter. ‚Epeisodia’ ist ein wahres Juwel von einem Lied, in dem die Strophen mittels einer eleganten, den Sprachduktus der Worte nachempfindenden Begleitung miteinander verbunden werden. Die sorglos-unbekümmerte Stimmung der ersten Strophe weicht einer dunkleren Atmosphäre in der zweiten, wo zu Mollklängen und unerbittlichen Rhythmen Bilder menschlicher Mühsal entstehen, um danach in einer Durwendung die Vision eines friedlichen Lebensendes anzudeuten. ‚Amabel’, eine schlichte, strophische Komposition in Volksliedmanier, ist eine ironisierende Betrachtung des Wütens der Zeit. Das letzte Lied der Sammlung kleidete Finzi in die Form einer dramatischen Szene und schrieb dazu eine Musik, die der fatalistischen Sicht des Dichters entspricht. Der düstere Orgelpunkt der Begleitstimme weicht schließlich einer Musik, die das Lied in trostlos-nihilistischer Stimmung ausklingen lässt.


Andrew Burn
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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