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8.557666 - GUARNIERI, M.C.: Piano Concertos Nos. 1-3 (Barros, Warsaw Philharmonic, Conlin)
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Mozart Camargo Guarnieri (1907-1993)
Klavierkonzerte Nrn. 1, 2 und 3

Mozart Camargo Guarnieri gilt weltweit als der bedeutendste brasilianische Komponist nach Villa-Lobos. Sein Einfluss als Komponist, Lehrer und Dirigent auf das Musikleben seines Landes kann kaum überschätzt werden. Guarnieri war das Vorbild für eine neue Generation brasilianischer Komponisten, die in der Folkloremusik nicht länger die alleinige Vorbedingung für ihr Musikschaffen erblickten, wie es noch im frühen 20. Jahrhundert der Fall gewesen war, sondern für die sie eine zusätzliche Inspirationsquelle darstellte, deren Material sich frei mit anderen musikalischen Traditionen kombinieren ließ. Diese neuartige Herangehensweise verlieh ihren Arbeiten eine Aura der Universalität, die gleichwohl ihren nationalen Ursprung nicht verleugnete. Niemand kombinierte – und balancierte – diese unterschiedlichen Materialien mit größerer Inspiration, Virtuosität und Empfindsamkeit als Guarnieri. Der erstaunlichste Aspekt seiner nationalmusikalischen Ästhetik ist jedoch – im Gegensatz zu Villa-Lobos und zahlreichen von Guarnieris Zeitgenossen - das Fehlen jeglicher traditioneller Melodien; vielmehr werden in seiner Musik spezielle, für die brasilianische Musik typische Rhythmen und Klänge durch vollkommen neu erfundenes Material erzeugt. Guarnieris Verständnis einer Nationalmusik lässt sich am besten innerhalb des breiteren Kontexts eines ästhetischen Pluralismus begreifen, der die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts prägte, als der Terminus Nationalismus nicht länger als Vehikel diente, um einige Musikkulturen als periphär oder exotisch zu etikettieren. Guarnieris Nationalismus war von derselben Art, die so unterschiedliche Komponisten wie Strawinsky, Bartók, Ginastera oder Copland zu ihren musikalischen Neuerungen inspirierte.

Dass Guarnieris Musiksprache von unmittelbarer Wirkung ist, bestätigte Aaron Copland, als er 1941 nach einer längeren Reise durch Länder des südamerikanischen Kontinents seine Eindrücke der dortigen Musikszene beschrieb. Besonders faszinierte ihn die Vielfalt der musikalischen Traditionen in Brasilien, wobei ihn die Entdeckung einer blühenden Kunstmusikkultur zweifellos überraschte. Zu den Komponisten, denen er dort begegnete, gehörte auch Guarnieri. Über ihn schrieb er:

Guarnieri ist unter den lateinamerikanischen Komponisten das größte Talent. Er besitzt alle notwendigen Voraussetzungen und verfügt über eine tadellose Kompositionstechnik, eine reiche Erfindungsgabe und eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Er ist der authentischste Musiker des Kontinents.

Das Prädikat der Authentizität wird Guarnieri auch von anderen Musikern, Wissenschaftlern und Kritikern verliehen, die in ihm den subtilsten Interpreten der brasilianischen Seele sehen.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere wandte sich Guarnieri in einem leidenschaftlichen Brief an die brasilianische Musiköffentlichkeit und appellierte an die junge Komponistengeneration, ihre Inspiration in der reichen Folkloretradition des Landes zu suchen. Sein „Offener Brief an die Musiker und Kritiker Brasiliens“, erschienen am 7. November 1950 in der Zeitschrift O Estado de São Paulo, war eine Reaktion auf die von ihm erkannte Bedrohung der Integrität der brasilianischen Musikkultur, die er auf eine Vernachlässigung des nationalen Erbes durch die Komponisten des Landes zurückführte. „Mit diesem Aufruf möchte ich Sie auf die große Bedrohung unserer brasilianischen Musikkultur aufmerksam machen, deren Ursachen in der irrationalen Begeisterung unserer Nachwuchskomponisten für so genannte progressive Musiktheorien liegt, die den wahren Interessen der brasilianischen Musik zuwiderlaufen […] Diese Komponisten ziehen es vor, die reichen musikalischen Traditionen Brasiliens zu ignorieren, und sie produzieren Musik auf der Grundlage falscher, steriler Prinzipien […] die Improvisation, Scharlatanerie und Pseudowissenschaft bevorzugen, anstatt auf echte Grundlagenforschung zu setzen. Sie verachten Talent und Kultur sowie den reichen Erfahrungsschatz der Vergangenheit, aus denen die Grundlagen eines wahren Kunstwerks bestehen.“

Ohne Zweifel war sich Guarnieri des persönlichen Charakters dieses Appells bewusst, den er mit patriotischer Überzeugung vorbrachte und in dem er andere dazu aufrief, sich ihm im Kampf gegen entfremdende künstlerische Einflüsse anzuschließen.

Die sechs Konzerte für Klavier und Orchester sind von großer Bedeutung für Guarnieris stilistische Entwicklung. Sie entstanden innerhalb eines Zeitraums von vierzig Jahren, wobei das erste Klavierkonzert sein allererstes Orchesterwerk überhaupt darstellt. Im Gegensatz zu Villa-Lobos, dessen Hauptinstrument das Violoncello war, hatte Guarnieri eine lebenslange Vorliebe für das Klavier, und in den Klavierkonzerten tritt seine gründliche Vertrautheit mit den technischen und ausdrucksmäßigen Möglichkeiten des Instruments zutage. In ihrer dreisätzigen Anlage sind alle Werke nach einem ähnlichen Muster konzipiert: Die Kopfsätze fallen durch eine innovative Behandlung klassischer Formmodelle auf, die zweiten Sätze bestechen durch wunderschöne lyrische Themen, während die Finale an traditionelle brasilianische Tanzgenres (z.B. embolada im ersten, frevo im zweiten und marcha-rancho bzw. ciranda im dritten Konzert) anknüpfen. Ein bemerkenswertes Kennzeichen von Guarnieris Musiksprache, das besonders in den brillanten Klangeffekten der Klavierkonzerte auffällt, ist die Vorliebe für eine Art rhythmischer Polyphonie. Durch einen Prozess der Individualisierung und des Nebeneinanderstellens erzeugen die Instrumentalstimmen nicht selten eine vielschichtige rhythmische Struktur, die sich innerhalb der Konzerte zu einer Quelle ständiger motivischer und dynamischer Aktivität entwickelt.

Das Klavierkonzert Nr. 1 (1931), das hier in einer Weltersteinspielung erklingt, ist von allen Guarnieri- Konzerten eindeutig das brasilianischste. Das thematische und rhythmische Material erinnert an verschiedene Gattungen der traditionellen brasilianischen Musik, und zwar überwiegend aus der nordöstlichen Region des Landes, während die Klangsprache eher urbanen Traditionen verpflichtet ist. Die Verwendung von traditionell mit dem Karneval assoziierten Instrumenten wie der cuíca (Trommel) oder dem chocalho (Rassel) tragen zu den opulenten Klängen bei, die diesem Konzert seinen besonderen Charakter verleihen. Die Partitur ist verschollen und musste für diese Einspielung anhand der Instrumentalstimmen rekonstruiert werden; als erschwerend erwies sich dabei die Existenz von zwei Klavierauszügen mit verschiedenen Schlüssen. Unsere Einspielung folgt der Fassung, die Guarnieri für eine Privateinspielung selbst dirigierte. In den 1960er Jahren überarbeitete er außerdem zwei Passagen des Soloklavierparts, wodurch dieser einen brillanteren und virtuoseren Charakter erhielt. Diese nur handschriftlich existierenden Revisionen wurden ebenfalls in der vorliegenden Einspielung berücksichtigt.

Das pulsierende Klavierkonzert Nr. 2 (1946) besitzt einen exponierteren, brillanteren Solopart, der sich aus dem ständigen Dialog zwischen Solo und Tutti ergibt, wobei der relativ sparsame Orchestersatz ein bewusst gewähltes Ausdrucksmittel darstellt. Es erlaubt Guarnieri die Erzeugung eines sorgfältig austarierten klanglichen Gleichgewichts zwischen Solist und Orchester. Das Konzert lebt von einer unablässigen Dynamik, die in der rhythmischen Apotheose des Finales kulminiert. Das Konzert wurde mit dem Alexandre-Levy-Preis der Stadt São Paulo ausgezeichnet.

Die Balance zwischen Solist und Orchester erfährt eine weitere Vervollkommnung im Klavierkonzert Nr. 3 (1964), das man als konzertante Sinfonie für Klavier und Orchester bezeichnen könnte. Der von allen drei hier vorgestellten Konzerten am weitesten entwickelte Orchesterpart wird durch eine einfallsreiche Verwendung von Instrumentalfarben und einen beständigen Dynamikwechsel bereichert. Das ausgedehnte Oboensolo im zweiten Satz erinnert an die schmachtende Melancholie der brasilianischen modinha, einen Salongesang, wie er im neunzehnten Jahrhundert beliebt war. Der dritte Satz verdankt seinen lebhaften Charakter der Vitalität der verwendeten Tanzrhythmen. Jedes der drei Hauptthemen enthält rhythmische Muster, die auf ländliche und urbane Tanzgenres zurückgehen. Im Verlauf des Satzes werden diese Muster zerlegt und auf geniale Weise neu zusammengefügt – ein weiteres Beispiel für Guarnieris einfallsreiche rhythmische Polyphonie.

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1993 wurde Guarnieri in Anerkennung seiner Verdienste von der Organisation amerikanischer Staaten (OAE) der Gabriela-Mistral- Preis verliehen – die würdige Auszeichnung für einen der bedeutendsten Komponisten des amerikanischen Kontinents.

James Melo
Deutsche Fassung: Bernd Delfs

Der Musikwissenschaftler James Melo wurde als Autor zahlreicher Artikel über brasilianische Komponisten und ihre Musik bekannt. Er schrieb Begleitartikel zu über 50 CD-Veröffentlichungen, u.a. für die Naxos- Einspielungen des vollständigen Klavierwerks von Heitor Villa-Lobos.


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