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8.557670 - HEIFETZ: Transcriptions for Violin and Piano
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Jascha Heifetz (1901-1987)
Transkriptionen für Violine und Klavier

 

Jascha Heifetz wurde 1901 in Vilnius (Wilna) als Sohn eines Geigers geboren, von dem er als Dreijähriger bereits den ersten Violinunterricht erhielt. Heifetz’zweiter Lehrer war Elias Malkin, der seinen jungen Schüler so weit brachte, dass dieser im Alter von sechs Jahren mit Mendelssohns e-Moll-Konzert auftrat und als Neunjähriger ein Studium am Petersburger Konservatorium beginnen konnte, wo er später an der Meisterklasse des berühmten Leopold Auer teilnahm. International machte er erstmals 1912 auf sich aufmerksam, als er mit Tschaikowskis Violinkonzert unter Arthur Nikisch bei den Berliner Philharmonikern debütierte. 1917 emigrierte Heifetz in die Vereinigten Staaten, wo er nach seinem Debüt in der New Yorker Carnegie Hall auf Tournee ging und die erste seiner zahlreichen Schallplatteneinspielungen machte. 1925 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Im Rahmen einer Welttournee kehrte Heifetz 1934 noch einmal nach Russland zurück.

Eine großartige Karriere führte den Künstler an alle bedeutenden Musikzentren der Welt. Bald genoss er einen geradezu legendären Ruf nicht nur als Solovirtuose, sondern auch als Kammermusikpartner berühmter Kollegen wie dem Pianisten Artur Rubinstein, den Cellisten Emanuel Feuermann und Gregor Piatigorsky sowie dem Bratschisten William Primrose. In späteren Jahren lehrte Heifetz an der University of Southern California in Los Angeles, wo eigens für ihn ein Lehrstuhl eingerichtet wurde. Sein letztes Recital gab er 1972; im selben Jahr machte er auch seine letzte Schallplattenaufnahme. Jascha Heifetz starb 1987 in Los Angeles.

Mit seiner ausgereiften Spieltechnik wurde Heifetz zum Vorbild einer ganzen Generation junger Nachwuchsgeiger. Seine Virtuosität, die Reinheit der Intonation, die perfekte Bogentechnik, das klangintensive Vibratospiel und nicht zuletzt seine musikalische Vielseitigkeit setzten neue Maßstäbe. Zu seinem Repertoire an zeitgenössischen Werken, von denen mehrere eigens für ihn komponiert wurden, zählten Violinkonzerte von William Walton, Mario Castelnuovo- Tedesco, Erich Wolfgang Korngold und Miklós Rózsa. Große Erfolge feierte Heifetz nicht zuletzt mit einer Reihe von Transkriptionen, von denen nicht wenige Eingang in das Standardrepertoire gefunden haben.

1923 erwarb Heifetz das Instrument, auf dem er am liebsten spielte, die 1742 von Giuseppe Guarneri gebaute „Guarneri del Jesù“. Daneben besaß er eine Tononi- Violine und mehrere Stradivaris.

Das Programm dieser Einspielung beginnt mit einer Transkription von Chopins 1843 entstandenem Nocturne op. 55 Nr. 2, das der Komponist ursprünglich seiner schottischen Bewunderin Jane Wilhelmina Stirling gewidmet hatte. Die weit ausschwingenden Melodielinien dieses Nocturnes, in der Violintranskription nur durch sparsame Doppelgriffe erweitert, bildet einen starken Gegensatz zu der Energie, die dem Tanz Nr. 4 des russischen Komponisten Alexander Krein innewohnt. In diesem Stück klingen auch Elemente des sog. Klezmer- Stils an, der traditionellen Musik der Jiddisch sprechenden Juden Osteuropas.

Jeanie with the light brown hair, ein Stück des amerikanischen Komponisten Stephen Foster, der auch die Worte dieses Volkslieds schrieb, erlebt in der transkribierten Violinfassung eine idiomatisch perfekte Interpretation. Einen weiteren Kontrast bietet das berühmte Arrangement des vielfach bearbeiteten Hummelflugs aus Rimsky-Korsakows Oper Das Märchen vom Zaren Saltan, wo das Stück den Flug des in eine Hummel verwandelten Zarewitsch Guidon illustriert. Dem Tanz der seligen Geister aus Christoph Willibald Glucks Oper Orfeo ed Euridice eignet auch in der Violinfassung die harmonische Friedensstimmung der elysischen Gefilde, aus denen Orpheus seine Geliebte aus der Unterwelt zurück in das Reich der Lebenden führen will.

Die ganze Eigenart von Prokofjews Musikprache ist eingefangen in der Bearbeitung des grell-grotesken Marschs aus der Oper Die Liebe zu den drei Orangen (nach einem Schauspiel von Carlo Gozzi), in der ein an Melancholie erkrankter Königssohn dem Zauberspruch der Hexe Fata Morgana erliegt und sich in drei Orangen verliebt. Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune, angeregt durch Mallarmés berühmt gewordenes Gedicht, eignet sich in seinem impressionistischen Stimmungsgehalt ganz besonders für eine Violintranskription. Die zartesten Nuancen sind in dieser Bearbeitung überzeugend eingefangen.

Mario Castelnuovo-Tedesco emigrierte 1939 in die Vereinigten Staaten, wo er – wie manch anderer vor den Nationalsozialisten nach Amerika geflüchtete Komponist – seinen Lebensunterhalt mit Werken für die Filmindustrie verdiente. Heifetz schätzte ihn so sehr, dass er ihn mit der Komposition eines Violinkonzerts beauftragte. Der hier eingespielte Tango ist eine von Castelnuovo- Tedesco selbst angefertigte Bearbeitung seiner Vertonung eines Gedichts aus Shakespeares Wintermärchen. Eine ruhige Stimmung verströmt sodann das traditionelle Negro-Spiritual Deep River.

Aus Prokofjews weltberühmtem Ballett Romeo und Julia stammt die Masken-Szene, in der sich die beiden Protagonisten zum ersten Mal begegnen. Auch hier ist die Tonsprache des Komponisten mit ihrer Überblendung von kantiger Rhythmik und melodischer Emphase evident. Richard Strauss’ frühen Stimmungsbildern op. 9 ist das atmosphärische Auf stillem Waldespfad entnommen; es ist das erste Stück der Sammlung und eignet sich in seiner Sanglichkeit vorzüglich für eine Violintranskription. Heifetz’ ganze Repertoire-Vielfalt zeigt sich in der Wahl eines Stücks des brasilianischen Komponisten und Violinisten Flausino Rodrigues Vale. Dieses Ao pé da fogueira ist die mit Doppelgriffen gespickte Bearbeitung eines Préludes.

Sevilla ist das Arrangement eines Klavierstücks aus Isaac Albéniz’ Suite española. Glänzend gelungen sind in der Violintranskription die angedeuteten Gitarrenklänge des Beginns und die Stimmungswechsel. Es folgt eine der berühmtesten Heifetz-Transkriptionen, seine Fassung des lebhaften Stücks Hora staccato des rumänischen Komponisten und Violinisten Grigoras Dinicu. Danach präsentiert sich Debussys Ragtime-Ausflug Golliwogg’s Cake-walk aus der Klaviersuite Children’s Corner, die der Komponist seiner kleinen Tochter widmete, als Bearbeitung für Violine und Klavier in einem neuen Gewand.

Ernst von Dohnányi's Serenade für Violine, Viola und Violoncello verdankt ihre Popularität nicht zuletzt der Einspielung durch Heifetz, Primrose und Feuermann. Weniger bekannt ist hingegen die hier vorgestellte Romanze aus der fis-Moll-Suite des ungarischen Komponisten. Als vorletzte Transkription folgt Estrellita, eines der beliebtesten Werke des Mexikaners Manuel Ponce. Anklänge an dieses Stück finden sich auch im Violinkonzert des Komponisten. Den Abschluss des vorliegenden Programms bildet die Bearbeitung des Songs A woman is a sometime thing aus George Gershwins Opernwelterfolg Porgy and Bess. Mit der Entwicklung und Variation der originalen Vokalfassung gelingt es Heifetz, den dramatischen Charakter auch in der Instrumentalversion zu wahren.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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