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8.557676 - DALLAPICCOLA, L.: Sonatina canonica / Tartiniana seconda / 2 Studi / Quaderno musicale di Annalibera (Ceccanti, Prosseda)
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Luigi Dallapiccola (1904-1975):
Sämtliche Werke für Violine und Klavier und für Klavier solo

Im Zuge der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Luigi Dallapiccola kam es zu einer gewissen Neubewertung des italienischen Komponisten, dessen Reputation in den drei Jahrzehnten, die seit seinem Tode vergangen sind, eher auf passivem Respekt als aktiver Verbreitung beruhte. Dem zahlenmäßig recht bescheidenen OEuvre von etwa vier Dutzend Werken widerspricht die Vielfalt des Ausdrucks, wenngleich Dallapiccolas Musik nach solch mächtigen Kreationen wie den im Krieg entstandenen Canti di prigionia (1941) und der Oper Il prigioniero (1948) zum Kontemplativen und Philosophischen tendierte – weswegen auch sein magnum opus, die Oper Ulisse, nach ihrer Berliner Uraufführung im Jahre 1968 rundweg kritisiert wurde. Seine ständige kompositorische Suche bedeutete allerdings, dass es, wenn überhaupt, nur ganz wenige unwichtige oder ungeordnete Stücke gibt. Seine Instrumentalmusik ist zwar zahlenmäßig recht gering und weder in ihrer Anlage noch ihren Ansprüchen sonderlich groß angelegt, liefert aber doch eine erhellende Darstellung seines musikalischen Denkens insgesamt.

Obwohl die frühesten erhaltenen Kompositionen aus Dallapiccolas achtzehntem Lebensjahr stammen, entwickelte er sich relativ langsam. Bis zu seiner Partita von 1932 erschienen keine wesentlichen Kompositionen. Dass die Vokalmusik sein Schaffen von Anfang an beherrschte, dürfte bei einem südeuropäischen Komponisten nicht überraschen. Seine prägenden Jahre wurden unmittelbar dadurch beeinflusst, dass er aus einer umstrittenen Region stammte, die zunächst noch zum österreichischen Kaiserreich gehörte, 1918 aber von Italien annektiert wurde. Als erstes seiner Instrumentalstücke wurde der dreiteilige Zyklus Inni von 1935 veröffentlicht. Das Werk trägt den Untertitel Musica per tre pianoforti, was auf eine äußerst ungewöhnliche Besetzung hinweist, wobei es die moderne Technik allerdings erlaubt, das Stück – wie hier geschehen – von einem einzigen Pianisten im Multi-Track- Verfahren einspielen zu lassen. Das Werk beginnt mit einem Satz, der Ähnlichkeit mit einem jener stilisierten Barockpräludien hat, wie sie Ravel versucht haben könnte. Es folgt ein düsteres Stück, dessen Trauer-Charakter von ständig wechselnden rhythmischen Akzenten und einer graduell sich steigernden Schwungkraft in Schach gehalten wird. Das Finale verläuft in Form eines intensiven, gleichwohl zurückgenommenen Gesprächs zwischen den drei Instrumenten, das in einer entschiedenen Schlussgeste gipfelt.

An einem Werk für Klavier allein versuchte sich Dallapiccola erst 1942/43, als er die Sonata canonica nach Niccolò Paganinis Capricen für Violine solo komponierte und damit sowohl einer früheren Epoche der italienischen Musik als auch den kontrapunktischen Techniken der Renaissance und des Barock, die auf sein späteres Schaffen einen tiefen Einfluss nehmen sollten, seine Reverenz erwies. Der erste Satz beginnt als dezent verwickelte Studie, bevor als Kontrast eine lebhaftere Musik entsteht, in der das Material des Anfangs kurz wiederholt wird. Der zweite Satz umrahmt eine tänzerische Idee mit unverkennbar rhetorischen Verzierungen, indessen im dritten eine der einnehmendsten Melodien Paganinis auf nachdenkliche, harmonisch subtile Weise behandelt wird. Der marschartige vierte Satz verleiht dem Werk einen gutgelaunten, gehörig kapriziösen Schluss.

Indessen Dallapiccola die Sonata canonica komponierte, war er zugleich damit beschäftigt, für Venedig ein Ballett zu schreiben. Marsia mit einem Szenario von Aurel Miloss benutzt die griechische Sage von dem flötespielenden Satyr Marsyas, der Apollo zu einem künstlerischen Wettstreit herausfordert. Er wird überlistet und dann von dem Gott lebendig gehäutet, während die Tränen der Trauernden sich in einen Fluss verwandeln, der des Marsyas Namen trägt. Das Werk wurde 1948 uraufgeführt und war so erfolgreich, dass der Komponist sich veranlasst sah, Teile der Musik zum Konzertgebrauch einzurichten. So entstanden 1948 die Frammenti sinfonici und 1949 die Tre episodi für Klavier. Die letzteren sind so zusammengestellt, dass sie ein wirkungsvolles langsam-schnell-langsam-Format bilden, das mit den direkt deskriptiven Aufgaben des Balletts nichts mehr zu tun hat. Die Episoden beginnen mit Angoscioso, einer träumerischen Studie, deren unaufdringliche Virtuosität den eher impressionistischen Klaviersatz von Debussy und Ravel voraussetzt und vor dem düsteren Schluss eine kurze, scharfe Klimax aufbaut. Das von raschen Tonwiederholungssequenzen beherrschte Ostinato erinnert in seiner funkelnden Brillanz und seinem dynamischen Spektrum an den frühen Prokofiew. Sereno ist mal kraftvoll, mal lyrisch, von einer heftigen Schärfe durchzogen und bringt die Suite zu einem leisen, wenngleich nicht unbedingt ruhigen Abschluss.

Während der langwierigen Arbeit an Il prigioniero schrieb Dallapiccola einige kleinere Werke, zu denen nicht zuletzt die Due studi für Violine und Klavier gehören. Ihre Entstehung wurzelt in der Musik zu einem Dokumentarfilm von Luigi Magnani über das Leben von Piero della Francesca, der nicht realisiert wurde. Dallapiccola machte sich daraufhin sogleich an die Umgestaltung der Musik, um 1947 einem Auftrag der Basler Abteilung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik nachzukommen (die Stücke wurden im selben Jahr als Due pezzi für Orchester bearbeitet). Dabei wurde der ursprüngliche Gegenstand nicht beeinträchtigt: Die keusche, nachdenkliche Sarabanda spielt auf die weißen Schattierungen an, die das Bild von der Prozession der Königin von Saba beherrschen, wohingegen die leidenschaftliche und eckige Fanfara e Fuga die roten Farben evoziert, mit denen der Tod des Perserkönigs Chosroes dargestellt wird.

1952 schrieb Dallapiccola seinen Quaderno musicale di Annalibera, der sein unmittelbar anziehendstes Instrumentalwerk sein dürfte. Das zwei Jahre später unter dem Titel Variazioni orchestrierte Stück hat der Komponist seiner Tochter zum achten Geburtstag gewidmet: Sie verdankte ihren Namen der Tatsache, dass sie geboren wurde, nachdem Florenz von der deutschen Besatzung befreit worden war. Die entspannte, faszinierende Musik steht im Widerspruch zu ihrem strengen technischen System, das nicht nur eine Hommage an Bach ist, sondern auch das serielle Zwölftondenken repräsentiert, das der Komponist während der zurückliegenden Dekade absorbiert hatte. Der Name Bachs erklingt in der bekannten Weise (B-A-C-H) zu Beginn des ersten Satzes Simbolo, in dem serielle und tonale Elemente sich zu einem von nachdenklicher Erwartung erfüllten Präludium verbinden, in dem Dallapiccola dem sparsamen Spätstil Busonis am nächsten gekommen sein dürfte. Die brüsken Accenti führen direkt zu dem eleganten Kanon des Contrapunctus primus, worauf der durchsichtige Fluss der Linee in ähnlicherweise dem spielerischen Contrapunctus secundus vorangestellt ist. Fregi wirkt wie ein Nocturne, während die melodische Linie des Andantino amoroso e Contrapunctus tertius vor- und rückwärts gespielt wird. Den verspielten Ritmi folgen das sinnliche Colore und das kräftige Ombre, bevor Quartina die Suite so expressiv abrundet, wie sie begonnen hatte.

Das späteste der hier eingespielten Werke betont Dallapiccolas Auseinandersetzung mit dem italienischen Barock, insonderheit mit dem Komponisten Giuseppe Tartini, der – wie er – von solchen kontrapunktischen Techniken fasziniert war, die das vorliegende Stück in vollem Umfang darstellt. Nachdem Dallapiccola aus den Sätzen eines unveröffentlichten Violinkonzerts im Jahre 1951 das Divertissement Tartiniana herausgebracht hatte, entstand 1955/56 eine Tartiniana seconda. Sie war zunächst für Violine und Klavier geschrieben, wurde aber alsbald orchestriert und bei dieser Gelegenheit um ein kurzes Intermezzo erweitert. Beide Werke unterscheiden sich von den barocken und klassischen Vergegenwärtigungen der vorigen italienischen Generation dadurch, dass es hier keine Imitationen gibt: Dallapiccola ging es nicht um die Beschwörung einer vergangenen Zeit, sondern um die Bedeutung dieser Musik für die Gegenwart. Das Werk beginnt mit einer herrlich expressiven, von graziöser Sehnsucht erfüllten Pastorale, auf die ein rhythmisch kraftvolles Tempo di Bourrée und ein luftig virtuoses Presto leggerissimo folgen. Die abschließenden Variazioni, der längste Satz des Werkes, entstanden vor allen anderen Teilen (als Improvisation nach Tartini). Sie bestehen aus einer Folge kontrastierender Veränderungen über das eindrucksvolle Thema, das am Anfang vorgestellt wird.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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