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8.557681 - GIBBONS, O.: Hymnes and Songs of the Church (Tonus Peregrinus, Pitts)
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Hymnen und Lieder der Kirche

 

„Seit meiner Kindheit weiß ich, dass die Musik, die mich am meisten bewegt, von Chorälen und Kirchenliedern abstammt,“ sagte Glenn Gould 1979 in einem Interview mit Bruno Monsaingeon: „Ich sage seit jeher, dass die schönste musikalische Miniatur der Hymnus Thus Angels Sang von Orlando Gibbons ist. Ich wüsste nicht zu zählen, wie oft ich mir diese Takte habe durch den Kopf gehen lassen, wie oft ich sie am Klavier gespielt habe oder vom Deller Consort habe singen hören – hunderte, möglicherweise tausende Mal.“ Unserer Meinung nach handelt es sich bei der vorliegenden CD um die erste Aufnahme mit sämtlichen Kirchenmelodien, die Orlando Gibbons zugeschrieben und in George Withers Hymnes and Songs of the Church von 1623 veröffentlicht sind.

In demselben Jahr schrieb John Donne in Meditation XVII von seinen Devotions upon Emergent Occasions (Andachtsübungen bei dringlichen Anlässen): „Die Kirche ist katholisch und universell, und so sind es all ihre Thaten; was immer sie thut, berührt alle. Wenn sie ein Kind taufet, betrifft diese Handlung auch mich; denn dieses Kind ist dadurch mit dem Haupte verbunden, das auch mein Haupt ist, und in den Leib eingepflanzet, deß Mitglied auch ich bin.“ Im Geiste von Donnes berühmter Meditation haben wir diese Aufnahme in Angriff genommen und Gibbons’ Melodien in acht kurzen Sequenzen angeordnet, die insgesamt den Verlauf des liturgischen Kirchenjahres überspannen: Jede Sequenz ist dabei mit einem neuen musikalischen Seitentrieb der englischen Hymnentradition verziert, der in direkter Beziehung zu den Interpreten dieser CD steht.

George Wither war ein schillernder Charakter. Wie Donne war er typisch englisch in seiner Hartnäckigkeit, aber auch in dem Spannungsverhältnis von weltlichem Streben und spiritueller Hingabe. Beide Männer saßen einige Zeit im Gefängnis – Donne einmal, weil er heimlich die sechzehnjährige Nichte seines Dienstherrn geheiratet hatte, und Wither zweimal, weil er mit seinen satirischen Schriften das Establishment empört hatte. Zwar hatte Wither weder die Reputation noch das Genie Donnes; dennoch verdient er Anerkennung wegen seines Hymnale, das zu den allerersten Prototypen auf diesem Gebiet gehört. Die Hymnes and Songs of the Church sowie die Songs of the Old Testament, translated into English Measures, die Withers 1621 herausgebracht hatte, entsprechen dem Interesse der Reformation an metrisierten Fassungen der Psalmen in der Landessprache: Als berühmtes englisches Beispiel entstand ein halbes Jahrhundert zuvor der Psalter des Erzbischofs Parker mit den anpassungsfähigen musikalischen Sätzen von Thomas Tallis.

Hymnen und geistliche Lieder gehören bereits in der Zeit des Neuen Testaments zum christlichen Gottesdienst, wie Paulus in seinem Brief an die Kolosser (3:16) die zwei schöpferischen Möglichkeiten [„Lobgesänge und geistliche liebliche Lieder“] beschrieben hat, die neben der damals bereits eintausend Jahre alten Tradition des jüdischen Psalmgesangs bestanden. Berühmte Heilige – Ambrosius im vierten, Bernard von Clairvaux im zwölften und Thomas von Aquin im dreizehnten Jahrhundert – haben Hymnen verfasst, die noch heute (oft in englischen Übersetzungen von emsigen Gelehrten und Hymnen- Schreibern des 19. Jahrhunderts) verwendet werden. Völlig neue Texte, wie etwa der mitsamt musikalischer Notation auf einem Papyrus in Oxyrhynchus entdeckte Hymnus an die Heilige Dreifaltigkeit, erschienen seit den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung, indessen die hauptsächliche Quelle vieler neuer Gedichte weiterhin die Psalmen und andere biblische Texte waren. George Withers Sammlung von 1623 verbindet diese beiden Stränge der Hymnendichtung miteinander, wie der vollständige Titel der Veröffentlichung auseinandersetzt: „Die Hymnen und Lieder der Kirche in zween Theilen getheilet. Der erste Theil enthält die kanonischen Hymnen und solche Parthien der Heiligen Schrifften, wie sie gehörig zu singen sind, darzu einige andere alte Lieder und Glaubensbekenntnisse. Der ander Theil besteht in geistlichen Liedern, welchselbichte den verschiedenen Zeiten und Gelegenheiten angemessen sind, die in der Kirche von England beachtet seyn müssen.“ Die Verbindung mit den Psalmen war sowohl eine historische wie auch eine wörtlich zu nehmende: Wither erhielt zunächst ein königliches Monopol, wonach jedes Exemplar, das von den authorisierten metrischen Psalmen (in verschiedenen Druckformaten) verkauft wurde, mit seiner Publikation zusammengebunden werden sollte und somit die drei Kategorien der musikalischen Anbetung, wie sie der Apostel Paulus aufgeführt hatte, in einem Band zusammenkamen.

Die Termini Hymn und Song sorgten allerdings für einige Verwirrung: Gibbons’ Melodien kennt man zwar als Songs (Song 1, 2 usw.); wir halten sie jedoch für Hymns. Wither trifft Unterscheidungen zwischen öffentlichem und privatem Gottesdienst, doch war die Praxis in den seither vergangenen Jahrhunderten so verschwommen, dass für uns heute kaum noch Unterschiede bestehen, weshalb die beiden Begriffe im weiteren Verlauf dieses Booklets miteinander auszutauschen sind.

Orlando Gibbons wurde 1583 in Oxford getauft. Er starb 1625 in Canterbury als Mitglied der Chapel Royal und Organist der Westminster Abbey. Er war nicht nur Glenn Goulds Lieblingskomponist schlechthin, sondern auch ein sehr guter Organist (die „besten Finger seiner Zeit“). Seine musikalischen Beiträge zu den Hymnes and Songs of the Church sind freilich denkbar einfach: Es handelt sich dabei (je nach Zählweise) um rund fünfzehn Melodien, die aus verschiedenen überlappenden Formeln hergestellt und von einfachen Basslinien unterstützt sind. Die Innenstimmen, wofern überhaupt vorhanden, sind der Fantasie der Sänger und Instrumentalisten überlassen. In dieser Aufnahme haben wir die verschiedensten Verfahren benutzt – von der unverzierten Melodie über das Pasticcio bis zum überschwenglichen Kontrapunkt der Postmoderne. Fernerhin haben wir sowohl den Gebrauch des Basses als auch der Orgel variiert (eine der ältesten englischen heute noch benutzbaren Kammerorgeln) und die Akustik verändert: Zum Teil entstand die Aufnahme in einer Pfarrkirche, zum Teil in der intimeren Umgebung eines allerdings recht großen Hauses. Die neuen Hymnen von Alexander L’Estrange, von mir selbst und zweien meiner jüngeren Brüder sollen die Palette erweitern und den fortdauernden Einfluss der Hymnes and Songs of the Church auf die heutige Hymnenkomposition zeigen.

Freudengesänge [Tracks 1-6]

Die Sammlung beginnt mit einem lebhaften Präludium, das auf einer der bekanntesten Melodien von Gibbons basiert, dem Song 1 [Track 1]. Das erste große Fest des Kirchenjahres wird mit den Songs 47 und 46 [2] gefeiert, die eng miteinander verwandt sind: David Wulstan, der die Clerkes of Oxenford in der bahnbrechenden Aufnahme der Hymnen von Gibbons dirigierte, äußert die überzeugende Vermutung, dass es sich bei dem Song 46 (Weihnachten) um Withers eigene, unpassende Erweiterung des originalen Songs 47 (Ein Lied der Freude) von Gibbons handelt; im Refrain sind hier beide zusammen zu hören. Das Thema Weihnachten findet in dem Song of Angels [3] seine Fortsetzung; diese Fassung unterscheidet sich von derjenigen, die im Naxos Book of Carols (8.557330) enthalten ist. Ein kurzer instrumentaler Extrakt [4] zeigt die Beziehung zwischen dem Schluss des Song 13 und dem Song 34 und führt zu Thine for ever, einem heiteren modernen Gegenstück mit verzierten Innenstimmen [5].

Liebesgesänge [Tracks 7-12]

Das Lied der Lieder bietet Dichtern und Komponisten seit langem eine reiche Bilderwelt, da sich hier die schlichte Leidenschaft der menschlichen Liebe mit intensiven Blicken auf das Göttliche verbindet, das die Liebe an sich ist. Gibbons entsprach dieser Folge von Lobgesängen mit den erhabenen Songs 9 „Come kiss me“ [7], 13 „Oh my love“ [8] und 18 „Who’s this“ [10]; dazwischen steht Song 14 [9], dessen Urheberschaft von den seriösesten Gelehrten bezweifelt wird: Hier werden die dramatischen Möglichkeiten des Stückes allerdings durch den Wechsel von Soli und Chor beleuchtet. Nach der Verzweiflung des offenbar verlassenen Liebhabers am Ende des Song 14 verrät der Song 18 [10] einen eindringlicheren Tonfall – es ist der erste Satz in Moll auf dieser CD. Die bewusst dichten, widersprüchlichen Innenstimmen führen zu John Pitts Satz des Thy way, not mine [11], in dem die chromatische Hymnenkomposition an ihre Grenzen geführt wird.

Opfergesänge [Tracks 13-16]

Die Abfolge von Alt und Neu wird in dieser Sequenz umgekehrt. Sie beginnt mit einem alternativen Satz [13]-[14] des berühmten Hymnus There is a green hill far away, den C. F. Alexander komponierte, kurz bevor er zum New College von Oxford ging. Darauf folgt Take my life / Song 13 [15], eine der zwei auf dieser CD enthaltenen Weisen von Gibbons, auf die sich jüngere Texte singen lassen.

Klagegesänge [Tracks 17-21]

Die tatsächliche Kreuzigung und ihre metaphysischen Konsequenzen sind in Lord, who by Thy perfect offering mit Musik verbunden, die bewusst die englische Tradition des 16. und 17. Jahrhunderts reflektiert [17]. Die zwei verblüffenden Lamentations von Gibbons sprechen von der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar [18] bzw. von David, der während des turbulenten, hitzigen Bürgerkriegs in Israel seinen besten Freund Jonathan verliert [19]. Alexander L’Estrange verhilft der ersten Hälfte dieser CD mit seinem äußerst nostalgischen Hymnus [20] zu einem passenden Abschluss.

Triumphgesänge [Tracks 22-27]

Der Tag der Auferstehung wird mit den äußerst emotionsgeladenen Worten des Song of Moses [22] und der Melodie des Song 1 gefeiert. Ein weiteres musikalisches Echo ist in Lord, who by Thy Resurrection [23] zu hören. Danach werden die Lieder zweier entschlossener, wenn nicht gar angriffslustiger Heldinnen des Alten Testaments – Hannah [24] und Deborah [25] – gesungen. Diese österliche Sequenz endet mit einem im 19. Jahrhundert aus dem Lateinischen übersetzten mittelalterlichen (womöglich ambrosianischen) Himmelfahrtshymnus, zu dem James Pitt eine neue Musik geschrieben hat, die die traditionellen Harmonien und einen exotischeren rhythmischen Schwung verbindet [26].

Gesänge der Einheit [Tracks 28-33]

Das dritte große Kirchenfest nach Weihnachten und Ostern ist Pfingsten. Wie die österlichen Ereignisse ist auch dieses eng mit einem jüdischen Fest verbunden, dabei aber mit einer neuen Bedeutung versehen: Es geht hier um den Heiligen Geist, der zehn Tage nach Himmelfahrt (ungefähr fünfzig Tage nach Ostern) auf die Kirche herabkommt. Gibbons’ Song 44 [28] & [30] ist eine erweiterte Fassung des Song 9 [17], und dieselbe Weise gibt es als Song 34 [3] auch in einer noch kürzeren Form. In der Mitte des Veni Creator steht der Song 67 [29], der mit der Wahl eines zwölften Apostels als Ersatz für Judas Ischarioth zu tun hat. Diese Melodie erschien bereits vor Withers Publikation von 1623; in der vorliegenden Aufnahme enthält sie einen alten Organistenspaß, außerdem gibt es in den neu komponierten Innenstimmen einige Wortmalereien. Um die Einheit des Geistes geht es auch in der zweiten Kombination einer Gibbons-Melodie hier Song 1 [31] – mit einem neuen Text; am Ende der Sequenz steht der jüngste aller Hymnen, Hark, my soul! [32], der erst ungefähr drei Wochen vor dieser Aufnahme komponiert wurde.

Gesänge des Glaubens [Tracks 34-39]

Wiederum spricht die „Stimme Jesu“ in Come unto Me [34] das Herz an. Darauf folgen ein Gebet und Lobgesang der alttestamentarischen Propheten Esaias [35] und Habakuk [36]. Des weiteren rufen die drei Jünglinge, denen Nebukadnezars Feuerofen nichts anhaben kann, die Engel, Heiligen und alle Geschöpfe auf, den Herrn zu segnen, anzubeten und zu verherrlichen [38]. Für die von Wither veröffentlichte, problematische Basspartie des Song 20 [35] haben wir eine neue Lösung gefunden; bei Song 41 [38] handelt es sich um ein weiteres Stück, dessen Autor in Frage gestellt wird, das aber seine Aufgabe zu erfüllen scheint.

Gesänge der Hoffnung [Tracks 40-42]

Das Fest Allerheiligen stellt die Hoffnungen und Ängste des Jüngsten Gerichts in scharfen Konturen heraus: Miserere Domine [40] entstand als Reaktion auf einen vorzeitigen Tod, König Hezekiah betet angesichts einer feindlichen Invasion zum Quell seiner irdischen Macht, dem König der Könige [41], und das liturgische Kirchenjahr erreicht wieder einmal die Adventszeit.

Amen [Tracks 6, 12, 16, 21, 27, 33, 39, 42]

Jede der acht Sequenzen endet mit einer mehr oder weniger kontrapunktischen Variation einer einfachen Melodie. Dieses Amen wurde und wird von meiner Familie noch immer mit ad hoc-Harmonien am Ende des Dankgebets vor den Mahlzeiten gesungen. Die Partituren dieser Versionen sowie aller Hymnen und Lieder sind mit sämtlichen Texten unter http://www.tonusperegrinus.co.uk erhältlich.

Hier könnte man füglich daran erinnern, dass Wither mit seiner Sammlung einen gewissen Skandal verursachte, und das sowohl bei der Buchhändlergilde, die sich erfolgreich dem Druckmonopol widersetzte, als auch bei allen, die jede Neuheit auf diesem Gebiet missbilligten. In Schollers Purgatory (1624) antwortete Wither als erstes: „Wenn sie mir irgend etwas vorzuwerfen haben, das ich fürwahr falsch getan; so werde ich gewiß und wahrhafftig Buße thun, für die Zeit, die da kommt, mich ändern; & durch die Schande dieses Lebens zum Ruhm des nächsten gelangen.“ Und weiter: „Wenn aber irgend eines Verbrechens beschuldigt werde, von dem ich unberührt bin, werde mich darauf besinnen, dass die Welt mich bisweilen mehr gepriesen als mir gebührte; lasse also ihr Lob & ihre Verachtung einander ausgleichen, vergebe ihr & habe mit ihr darnach so wenig als möglich zu schaffen.“

Antony Pitts
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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