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8.557683 - KABALEVSKY: Piano Concertos Nos. 1 and 2
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Dmitri Borisowitsch Kabalewski (1904–1987)
Klavierkonzerte Nr. 1 und 2

Dmitri Borisowitsch Kabalewski war eine umstrittene Gestalt in der russischen Musik der Sowjetzeit. Der am 30. Dezember 1904 in St. Petersburg Geborene war Schüler von Nikolai Mjaskowsky und Alexander Goldenweiser am Moskauer Konservatorium. Nachdem er 1929 in Komposition und 1930 im Fach Klavier graduiert hatte, wurde er 1932 Dozent und 1939 ordentlicher Professor an seiner ehemaligen Ausbildungsstätte. Die ideologischen Auseinandersetzungen der zwanziger Jahre überstand er als Mitglied sowohl der fortschrittlichen Assoziation sowjetischer Musiker als auch der „konservativen“ Assoziation proletarischer Musiker. Seinen reifen Stil fand er in der nächsten Dekade, und das besonders in zwei Werken, die international erfolgreich waren: Seine zweite Symphonie von 1934, die in Dirigenten wie Arturo Toscanini und Malcolm Sargent Fürsprecher fand, verrät dieselbe Dramatik und Lyrik, die Prokofieff nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion in den Mittelpunkt seines Schaffens stellte; und in der Oper Colas Breugnon (1938) nach dem Roman von Romain Rolland verbindet sich der westeuropäische Neoklassizismus mit einer stilisierten russischen Folklore zu mächtigen dramatischen Wirkungen.

Seine Suite Die Komödianten (1940) erfreute sich dauerhafter Popularität, und sein Schaffen für Theater und Film fand offizielle Anerkennung – und das in solchem Maße, dass er zu den ganz wenigen Sowjetkomponisten gehörte, die 1948 nicht von dem berüchtigten Schdanow-Beschluss gemaßregelt wurden.1 Obwohl Kabalewski also ungeschoren blieb, vermochte er mit seiner Nachkriegsmusik nicht mehr in vergleichbarer Weise zu reüssieren. Die späteren Opern konnten sich nicht auf den sowjetischen Bühnen halten. An Klavierwerken spielten besonders die zweite und dritte Klaviersonate (1945 und 1946) sowie die 24 Préludes von 1944 eine gewisse Rolle im Repertoire. Seine größten Erfolge feierte er allerdings mit Werken wie der Cellosonate (1962) und dem zweiten Cellokonzert (1964), das mit seiner brütenden, in sich gekehrten Haltung grundlegend der Rolle des pflichtbewussten Bürgers widerspricht, die Kabalewski als Sowjetkünstler zu spielen trachtete und derentwegen er offen jüngere Kollegen kritisierte, die in den sechziger und siebziger Jahren einen eher experimentellen Weg einschlugen.

So gesehen, vollbrachte Kabalewski seine nachhaltigsten Leistungen auf dem Gebiet der Musikpädagogik. Besonders ist hier ein Programm für Musik in Schulen zu nennen, das er in späteren Jahren entwickelte und das – neben seinem Klavier- und Chorschaffen für Kinder und Jugendliche – Ähnlichkeiten mit den didaktischen Aktivitäten älterer Zeitgenossen wie Zoltán Kodály und Carl Orff aufweist. Während seiner letzten zehn Lebensjahre schuf er außer einigen elegischen Liederzyklen und dem vierten Klavierkonzert nur noch wenige signifikante Werke. Er starb am 14. Februar 1987 in Moskau.

Trotz seiner vier Symphonien, seiner Ouvertüren, Tondichtungen und Suiten hat Kabalewski mit der Reihe seiner Konzerte (er schrieb deren vier für Klavier und zwei für Violoncello sowie eines für Violine) seine bedeutendsten Orchesterwerke geschaffen. Dabei handelt es sich um klare, unmittelbar zugängliche Musik, die über die Jahrzehnte hin das Reglement der sowjetischen Vorschriften respektiert, ohne dabei allzu simpel oder platt zu sein. Die Trilogie der „Jugendkonzerte“ – es sind dies das Violinkonzert (1948), das erste Cellokonzert (1949) und das dritte Klavierkonzert (1952) – gehörte sogar zu der geringen Zahl abstrakter Orchesterkompositionen, die in der kulturell schwierigen Zeit vor Stalins Tod im Jahre 1953 offizielle Gunst erlangten. Die beiden ersten Klavierkonzerte entstanden, als der Sowjetführer an die Macht kam bzw. als er auf dem Höhepunkt seiner Schreckensherrschaft vorhatte, die sowjetische Gesellschaft von allen „unerwünschten“ Elementen zu reinigen. Beide Werke zeigen die gesamte Spannweite der Sprache, derer sich Kabalewski in der vermutlich ereignisreichsten Phase seiner Laufbahn befleißigte.

Das erste Klavierkonzert a-moll op. 9 gehört zu Kabalewskis frühesten Werken. Es entstand im Jahre 1928, wurde am 11. Dezember 1931 mit dem Komponisten am Klavier in Moskau uraufgeführt und trug ihm für kurze Zeit den Ruf ein, er sei die Moskauer „Antwort“ auf den knapp zwei Jahre jüngeren Schostakowitsch. Während das melodische Profil und die Orchestrierung Rachmaninoff erkennen lassen, hat Prokofieffs drittes Klavierkonzert, das kaum zehn Jahre nach seiner Entstehung bereits ein internationales Erfolgsstück war, einen noch nachdrücklicheren Einfluss auf den musikalischen Inhalt des Werkes genommen.

Der Kopfsatz beginnt mit einer klagenden Holzbläsermelodie, die schon bald vom Solisten übernommen und anschließend von den Streichern verarbeitet wird. Kapriziöser ist das zweite Thema für Klavier und Streicher, dessen rhythmische Eindringlichkeit sich steigert, bevor die anfangs nachdenkliche Durchführung über geschicktes Passagenwerk zu einem kurzen Höhepunkt führt. Die nachfolgende Reprise widmet sich vor allem der weiteren Verarbeitung des ersten Themas und führt zu einer gefühlsmäßigen Wiederholung. Diese verklingt und weicht einer ruhig beginnenden Coda, die schließlich mit einer kurzen, mächtigen Geste endet. Das zögernde Thema, mit dem der zweite Satz beginnt, wird zwischen verschiedenen Bläsern hin- und hergereicht, bevor es der Solist aufgreift und expressiv ausführt. Es folgen mehrere Variationen – energisch, sehnsüchtig, leidenschaftlich, lebhaft, zurückgenommen (obwohl diese Veränderung die eigentliche Klimax erreicht) und fatalistisch. Darauf wird die Introduktion wiederholt, wodurch ein gelungenes formales Gleichgewicht entsteht. Ohne Pause schließt sich das Finale an, das mit einer neckischen Geste der Holzbläser beginnt, worauf der Solist mit einem eindringlichen Thema hereinstürzt, das durch einen poetischen, leicht orientalisch anmutenden Nebengedanken ergänzt wird. Die Durchführung wird durch eine kurze Kadenz in Gang gesetzt und verwendet auf rhapsodische Weise beide Themen, die die Reprise dann intensivierend verändert. Mit dem Solisten setzt nun eine geschmeidige Coda ein, die das Werk zu einem entschlossenen Abschluss bringt.

Das zweite Klavierkonzert in g-moll op. 23 entstand 1935 und wurde 1973 revidiert. Die Uraufführung fand am 12. Mai 1936 in Moskau statt. Hier ist die Gegenwart Prokofieffs noch durchdringender zu spüren, obwohl Kabalewski angesichts des damals herrschenden künstlerischen Klimas darauf achtet, die harmonischen Dissonanzen am kurzen, wenngleich flexiblen Zügel zu halten. Der erste Satz beginnt mit einem lebhaft hüpfenden Thema, wozu ein flinker Nebengedanke tritt, der hauptsächlich mit rhythmischen Kontrasten zu tun hat. Die Durchführung schlägt einen bemerkenswert sardonischen Ton an und landet plötzlich bei einer expressiven Transformation des zweiten Themas. Diese neue Stimmung findet ihre Fortsetzung in einer kunstvollen Solokadenz. Nachdem das Orchester wieder eingesetzt hat und auf einen Höhepunkt zugesteuert ist, endet der Satz mit einer neckischen Erinnerung an das erste Thema. Das Englischhorn und die Blechbläser entfalten ein einprägsames Thema, das den langsamen Satz beherrschen wird. Klavier und Streicher übernehmen den Gedanken, worauf das Blech einfällt und die Musik sich zu einer aus schweren Akkorden bestehenden Darstellung des Solisten steigert, die vom gesamten Orchester kraftvoll unterstrichen wird, bevor der Satz zu einem schmerzlichen Ende kommt. Es bleibt dem Finale vorbehalten, das Stück auf entschiedene Weise abzuschließen: Das stürmische Thema nimmt eine Reihe untergeordneter Ideen in Besitz, von denen keine die rhythmische Bewegung zu stören vermag, die zu einer martialischen Klimax und einem funkelnden Abschluss führt.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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