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8.557693 - MAYUZUMI: Bugaku / Mandala Symphony / Rumba Rhapsody
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Toshiro Mayuzumi (1929-1997)
Symphonic Mood • Bugaku • Mandala Sinfonie • Rumba Rhapsodie

Toshiro Mayuzumi gilt als einer der international bedeutendsten japanischen Komponisten der Nachkriegszeit. Geboren wurde er 1929 in Yokohama, einer nach dem Ende des japanischen Isolationismus zu wirtschaftlicher Blüte gelangten und von heimischen Traditionen und Konventionen relativ freien Stadt. Mayuzumis Vater war Kapitän in der Handelsschiffahrt, und seine weiten Reisen ließen bei Sohn Toshiro eine Sehnsucht nach fernen Ländern in Südostasien, Amerika und Europa entstehen. Der Beruf des Vaters hatte einen weiteren Einfluss auf die Entwicklung des zukünftigen Komponisten, indem die langen Perioden der Abwesenheit ein Gefühl der eigenen Stärke und Unabhängigkeit ausprägten, das sich später in seiner Musik manifestieren sollte. Die Eltern waren nicht besonders musikalisch, aber wie die meisten Familien der wohlhabenden Gesellschaft besaßen auch die Mayuzumis ein Harmonium, auf dem der kleine Toshiro die ersten Spielversuche unternahm. Während der Grundschuljahre folgte intensiver Klavierunterricht, und es entstanden, angeregt durch die Lektüre von Musiktheoriebüchern, bereits Dutzende von kleinen Liedern und Klavierstücken.

1941 begann an der Daiichi-Juniorenschule Mayuzumis Gymnasialausbildung. Während der Kriegsjahre förderten japanische Schulen den Zusammenschluss von Arbeitern, Schülern und Studenten zu musikalischen Gemeinschaften – Chorvereinigungen, Blaskapellen oder Akkordeonorchestern –, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und die Menschen musikalisch zu unterhalten. Mayuzumi gehörte einer Akkordeongruppe an, sang im Schulchor und spielte Kontrabass in einem Amateurorchester. Daneben machte er große Fortschritte im Klavierspiel und bereitete sich mit Musiktheorieunterricht bei Taro Nakamura, einem Schüler von Kan’ichi Shimofusa, der in Berlin bei Hindemith studiert hatte, auf seinen späteren Beruf vor.

Im Frühjahr 1945 begann Mayuzumi sein Kompositionsstudium am renommiertesten Institut des Landes, der Tokioter Musikschule, die heute als Universität der schönen Künste und Musik Weltgeltung genießt. Zu seinen Kommilitonen gehörte Akio Yashiro, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Ihr erster Lehrer war der Ordinarius Qunihico Hashimoto, doch der Lehrbetrieb an der Fakultät litt unter den Auswirkungen der Kriegsereignisse und musste vor allem aufgrund der häufigen Luftangriffe wiederholt ausfallen. Hashimoto entschied sich dafür, Mayuzumi in sein Haus aufzunehmen und privat weiter zu unterrichten. Von ihm, der zu den zentralen Musikerpersönlichkeiten Japans gehörte und der in Kriegszeiten patriotische Musik komponierte, während er für sich selbst mit dodekaphonischen Techniken experimentierte, wurde Mayuzumi nicht nur an die Kompositionen eines Debussy, Ravel und Strawinsky herangeführt, sondern lernte bei ihm im Studium der verschiedensten Genres auch die Kunst der kompositorischen Vielseitigkeit.

Während des 2. Weltkriegs wurde der allseits populäre amerikanische Jazz staatlicherseits verboten und durch chinesische und indonesische Popmusik ersetzt. Lateinamerikanische Musik wurde jedoch weiterhin geduldet. Tango und Rumba entgingen so dem Verbot, das den Blues getroffen hatte. Mayuzumis Vorliebe für exotische Klänge musste sich in der Praxis auf asiatische und lateinamerikanische Musik beschränken. Das Kriegsende bedeutete auch für die Musikschule in Tokio einen Neuanfang: Hashimoto, der in Wien bei Egon Wellesz studiert und mit Schönberg und Krenek zusammengearbeitet hatte, wurde seines Amts enthoben, und Mayuzumi setzte sein Studium bei zwei neuen Lehrern fort – Tomojiro Ikenouchi, einem Schüler von Henri Busser und Paul Fauchet am Pariser Conservatoire, und Akiro Ifukube, einem Protégé des russischen Komponisten Alexander Tscherepnin. Ikenouchi, ein Bewunderer Ravels und beeinflusst vom französischen Akademismus, galt damals in Japan als einer der bedeutendsten Komponisten und Pädagogen. Von ihm wurde Mayuzumi in die Harmonielehre eingeführt, wie sie in Paris unterrichtet wurde, und bei ihm vertiefte er auch sein bereits unter Hashimoto begonnenes Studium der Musik Debussys und Ravels. Demgegenüber war Ifukube ein Bewunderer von Strawinskys Le sacre du printemps und ein Verfechter von Ostinato-Techniken und urwüchsigklanggewaltiger, nur mit großen Orchestern realisierbarer Musik. Mayuzumis frühe Beschäftigung mit der Musik Strawinsky fand unter Ifukube eine fruchtbare Fortsetzung.

Vom wirtschaftlichen Zusammenbruch Japans nach dem 2. Weltkrieg blieb auch Mayuzumi nicht verschont. Zur Finanzierung seiner weiteren Ausbildung bei Ikenouchi und Ifukube war er gezwungen, seinen Lebensunterhalt als Pianist einer Jazzband mit Musik zu verdienen, die nun allseits wieder gefragt war. 1951, sechs Jahre nach Kriegsende, legte er sein Examen ab und ging mit einem französischen Stipendium nach Paris, wo er am Conservatoire bei Tony Aubin sein Studium fortsetzte, aber bereits nach einem Jahr wieder nach Japan zurückkehrte. Mitgenommen aus Frankreich hatte er jedoch den Eindruck von Pierre Schaeffers Tonbandkompositionen, deren Material u.a. aus Eisenbahngeräuschen, Straßenlärm und elektronisch erzeugten Klängen bestand. Diese akustischen Erfahrungen verstärkten seine Überzeugung, dass die traditionelle europäische Musik durch ephemere Klänge wenn nicht ersetzt, so doch nachhaltig erneuert werden könne. Während seines Paris-Aufenthalts lernte Mayuzumi auch Varèse und Messiaen kennen.

All diese vor und während seiner Pariser Zeit verarbeiteten und in die eigene Musiksprache eingeflossenen Erfahrungen ließen Mayuzumi zu einem der führenden japanischen Komponisten avancieren. Das Divertimento für zehn Instrumente aus dem Jahr 1948 zeigt seine vollkommene Beherrschung der neoklassizistischen Techniken eines Strawinsky, Milhaud und Ibert, während das 1950 entstandene Sphenogramm für acht Spieler unter Verwendung von musikethnologischen Elementen aus Indien und Indonesien exotische Elemente in den Vordergrund stellt und sich stellenweise auch der von Ifukube übernommenen Ostinatotechnik bedient. 1951 wurde dieses Werk von der Internationalen Gesellschaft für zeitgenössische Musik mit einem Preis ausgezeichnet und in Frankfurt am Main aufgeführt. Symphonic Mood (Sinfonische Stimmung) von 1951 ist in der Verwendung von lateinamerikanischen und südostasiatischen Elementen eine Reminiszenz der während des Kriegs empfangenen musikalischen Eindrücke. Die neuartige, kraftvolle Instrumentierung verblüffte die japanische Musikwelt und brachte Mayuzumi in den Ruf eines Enfant terrible der musikalischen Nachkriegszeit.

In den Orchesterwerken Bacchanal (1954) und Tonepleromas ’55, vollendet nach Mayuzumis Rückkehr aus Paris, geht es dem Komponisten um urwüchsig-füllige „pleromartige” Klänge, eine Collage aus Jazzelementen, lateinamerikanischer Musik, Varèse und Strawinsky, erzielt durch eine vorwiegend von Bläsern dominierte, einzigartige Instrumentierung. Bacchanal wurde von Leonard Bernstein und dem New York Philharmonic Orchestra aufgeführt, und Mayuzumi glaubte, dass sich der Komponist Bernstein in seiner West Side Story von den hier verwendeten Rhythmen und Harmonien beeinflussen ließ.

X-Y-Z (1953), eine Komposition, in die Mayuzumi „echte“ Geräusche wie Tierschreie oder Pistolenschüsse einarbeitete, war das erste japanische Werk im Stil der Musique concrète. Auch das erste elektronische Stück eines japanischen Komponisten, entstanden im Elektronik-Musikstudio des Rundfunksenders NHK, stammt von Mayuzumi. Das Sextett für Bläser und Klavier (1955) und Mikrokosmos für sieben Spieler (1957) ist ein Versuch, die oben erwähnten „pleromartigen“ Klänge mit post-Webernschen Kompositionstechniken zu verbinden.

1950 begann Mayuzumis Filmmusikschaffen, eine Tätigkeit, die im Laufe der Jahre in ca. 250 Soundtracks resultieren sollte. In diesen Arbeiten kam der Komponist dem Verlangen nach populärer Musik nach, ohne seine eigene Musiksprache zu verleugnen. Es entstanden zahlreiche faszinierende, besonders in Action-Filmen effektvolle Titelmusiken. Daneben arbeitete Mayuzumi für Theater, Rundfunk und Fernsehen und komponierte Jazz-Songs und französische Chansons für die Schallplatte.

Mitte der fünfziger Jahre folgte eine Phase, in der sich Mayuzumi von den Glockenklängen der Buddha- Tempel in der alten Kaiserstadt Kyoto inspirieren ließ. Für seine elektronischen Kompositionen zeichnete er der Klang dieser Glocken auf Tonband auf und analysierte mittels neuartiger Technologien die komplexen Strukturen ihrer Obertöne. Anschließend übertrug der die analysierten Klänge auf ein Sinfonieorchester mit sechsfacher Bläserbesetzung und ließ einen Männerchor mit dem Gesang des buddhistischen Shomyo-Priestergebets hinzutreten. 1958 vollendete er schließlich die Nirwana-Sinfonie, deren Klangstrukturen auch an Strawinsky, Messiaen und Webern gemahnen. Aufgeführt wurde das Werk außerhalb Japans in Berlin und New York. Die Glockenklänge sollten Toru Takemitsu später zu seiner Solitude Sonore inspirieren.

Mit Beginn der 1960er Jahren intensivierte Mayuzumi seine Beschäftigung mit japanischen Musiktraditionen, wobei er in deren Quellen nunmehr Elemente entdeckte, die ihn über das rein Exotische hinaus zu interessieren begannen. Dieser Prozess fand seinen Niederschlag in der Mandala-Sinfonie von 1960, der auf buddhistischem Gedankengut basierenden sinfonischen Dichtung Samsara (1962) sowie in den von der traditionellen japanischen Hofmusik (Gagaku) inspirierten Werken Bugaku und Showa Tenpyoraku (1970).

Am 25. November 1970 beging der international bekannte Schriftsteller Yukio Mashima, mit dem Mayuzumi vielfach bei Rundfunk-, Fernseh- und Theaterproduktionen zusammengearbeitet hatte, Selbstmord, nachdem sein Versuch gescheitert war, die 1945 von den USA für Japan ausgearbeitete Verfassung mittels eines Staatsstreichs abzuschaffen. Inspiriert von Mishimas Ideen, suchte Mayuzumi Kontakte zu rechtsgerichteten politischen Parteien und religiösen Gruppierungen und nahm an Bewegungen zur Wiederherstellung einer nationalen Solidarität teil, während er gleichzeitig seine musikalischen Aktivitäten fortsetzte. Von 1964 bis 1997 präsentierte er im Fernsehen ein sehr populäres wöchentliches Musikprogramm und bekleidete die Funktion des Vorsitzenden des Japanischen Komponistenverbands und der Japanischen Gesellschaft für Autorenrechte, Komponisten und Verleger. Daneben hatte er einen Lehrstuhl für Musik an seiner alten Universität; dort gehörten Satoshi Minami, Isao Matsushita, Yukikazu Suzuki, Yutaka Takahasi und Taro Iwashiro zu seinen Schülern. Nach 1970 reduzierte er als Folge des politischen Linksrucks bei jungen Musikern seine kompositorischen Aktivitäten. Bei seinen bedeutendsten Spätwerken, den Opern Kinkakuji (1976, uraufgeführt an der Deutschen Oper Berlin) und Kojiki (1993, Uraufführung in Linz) handelte es sich denn auch um Auftragskompositionen aus dem Ausland. Im eigenen Land ließen sich kaum noch Aufführungen seiner Werke realisieren; Kojiki wurde in Japan erst nach Mayuzumis Tod (er starb am 10. April 1997) inszeniert.

Symphonic Mood, Mayuzumis erstes Orchesterwerk, wurde am 1. November 1950 vollendet und bereits zwei Wochen darauf vom damaligen Nihon-Sinfonieorchester (dem heutigen NHKSinfonieorchester) unter der Leitung von Hisatada Odaka uraufgeführt. Der Komponist schrieb: In diesem Werk habe ich die Nostalgie auszudrücken versucht, die ein universeller Bestandteil des menschlichen Geistes ist und weit bis ins primitive Entwicklungsstadium des Menschen zurückreicht. Das Werk ist durchglüht von einer südlichen, tropischen Stimmung, da die Musik aus diesen Regionen mir am geeignetsten zur Beschreibung von nostalgischen Gefühlen geeignet erscheint. Diese Art von Musik ist gleichzeitig primitiv und künstlerisch.“

Bei Bugaku handelt es sich um eine vom New York City Ballet in Auftrag gegebene Ballettmusik. Mayuzumi vollendete die Partitur am 23. März 1962; die Uraufführung, in der Choreographie von George Balanchine, fand am 20. März 1963 in New York unter der musikalischen Leitung von Robert Irving statt. Das Werk enthält die für die japanische Gagaku-Musik typischen Formen des Samai (Linkstanz) und Umai (Rechtstanz), die sich denn auch in der Zweiteiligkeit der Komposition widerspiegeln.

Die Mandala-Sinfonie wurde 1960 vollendet und am 27. März desselben Jahres in Tokio von Hiroyuki Iwaki und dem NHK-Sinfonieorchester uraufgeführt. Inspiriert von seiner Beschäftigung mit dem Buddhismus, bezieht sich der Komponist hier auf die unendliche, alle Winkel der Welt erreichende Mahavairocana- Doktrin, die einst als Welt der Schmerzen bezeichnet wurde – eine Art Pantheismus, in der die gesamte Welt die Inkarnation der Maha vairocana ist. Nur fehlt es dem Menschen an der nötigen Intelligenz, sie zu verstehen. Um auf sie vorbereitet zu sein, bedarf es eines asketischen Lebenswandels, in dem Mandala eine zentrale Rolle spielt. Mandala ist ein zwei- bzw. dreidimensionales Bild, das die Wahrheit der Mahavairocana widerspiegelt, welche die Asketen auf der Suche nach spiritueller Erkenntnis verinnerlichen. Gelingt ihnen diese Verinnerlichung, so werden sie selbst lebende Buddhas mit grenzenlosen Kräften. In seiner Sinfonie versucht Mayuzumi eine akustische Bildfolge zu entwerfen, die in neun Stufen die real existierende Welt als Inkarnation der Maha-vairocana erklärt. Von oben nach unten betrachtet, zeigt sie, wie Buddha herabsteigt, um den Menschen die Wahrheit zu predigen; in umgekehrter Bewegung beschreibt sie den Aufstieg des Menschen auf der Suche nach der Wahrheit der Lehre Buddhas. Die musikalische Entsprechung dieser gegensätzlichen Bewegung ist eine zweisätzige Architektur, wobei zwei aus der Analyse der Obertonstruktur der buddhistischen Tempelglocken gewonnene Sechstonreihen die Integration der beiden Sätze gewährleisten.

Die Rumba-Rhapsodie vollendete Mayuzumi am 9. April 1948. Zunächst war das Werk als sein orchestrales Debüt vorgesehen, doch zuvor verwendete Mayuzumi das Hauptmaterial für den zweiten Teil von Symphonic Mood. Zu einer Aufführung der Rumba-Rhapsodie kam es danach nicht mehr, sodass die hier vorgelegte Einspielung den Anspruch einer veritablen Premiere erheben darf.

Gekürzte Bearbeitung eines Beitrags von
Morihide Katayama

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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