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8.557695 - CLEMENTI, M.: Early Piano Sonatas, Vol. 2 (Alexander-Max)
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Muzio Clementi (1752–1832)
Klaviersonaten op. 11 • op. 1, Nr. 2 • op. 7, Nr. 3 • op. 9, Nr. 3 • op. 10, Nr. 1

 

Muzio Clementi war das älteste von sieben Kindern eines Silberschmieds. Nachdem er schon früh seinen ersten Musikunterricht erhalten hatte, wurde er mit dreizehn Jahren Organist seiner Hauskirche San Lorenzo in Damaso. Damals wurde Peter Beckford, der Vetter des englischen Schriftstellers und Dilettanten William Beckford, auf den talentierten Knaben aufmerksam und „kaufte“ denselben seinem Vater „auf sieben Jahre“ ab, wie er selbst erklärte. Ende 1766 brachte er Clementi in sein Heim nach Dorset, wo der junge Musiker die nächsten sieben Jahre damit verbrachte, sich autodidaktisch auf dem Cembalo zu üben und die entsprechende Literatur zu studieren. 1774 endete die „geschäftliche“ Beziehung zu Beckford, worauf Clementi nach London ging und sich als Cembalist zu profilieren begann. Seit 1779/80 erschien sein Name immer häufiger auf Konzertprogrammen – vermutlich aufgrund der Popularität, die er mit seinen 1779 veröffentlichten Sonaten op. 2 erlangt hatte.

Die Londoner Erfolge bewogen Clementi, im Sommer 1780 seine erste Festlandstournee zu unternehmen. In Paris löste er große Begeisterung aus, und nachdem er sich mit bedeutendem Erfolg vor Marie Antoinette hatte hören lassen, äußerte sich der Künstler erstaunt über die vergleichsweise „zurückhaltende und kühle Aufnahme“, die ihm in England zuteil wurde. Im weiteren Verlauf seiner Reise kam Muzio Clementi unter anderem nach Wien, wo er am Heiligen Abend 1781 vor Marie Antoinettes Bruder Joseph II. auftrat. Bei dieser Gelegenheit kam es zu dem berühmten Wettspiel gegen Mozart, das der Herrscher zur Erbauung seiner Gäste inszeniert hatte. Clementi wusste zwar zu glänzen, doch wurde er hinter Mozart zweiter Sieger. Man sollte freilich daran erinnern, dass er Autodidakt war, bislang nur Cembalo gespielt hatte und hier zum ersten Mal mit dem neuen Fortepiano in Berührung kam.

Obwohl Clementi also erst später zum Pianisten wurde, erwies er sich hinsichtlich der technischen und expressiven Möglichkeiten des Instruments als Pionier. Bei der Entwicklung seines expressiven Legatos, für das er und seine Nachfolger weithin bekannt wurden, mögen Mozarts Klavierspiel und seine eigene Organistenausbildung eine Rolle gespielt haben; auf jeden Fall war er eine vielseitige und äußerst einflussreiche Gestalt in der Geschichte der Klaviermusik. Neben seiner Tätigkeit als Komponist, Virtuose und gefragter Lehrer war er Dirigent, Musikverleger, erfolgreicher Klavierbauer und ein äußerst geriebener Geschäftsmann.

Im Mittelpunkt seiner künstlerischen Leistungen stand das Klavier, und am Ende der 1780er Jahre galt Muzio Clementi als Pianist von größtem internationalen Rang. Seine farbige Virtuosität überstieg alle damaligen Vorstellungen von der Klaviertechnik, und er zeigte seine Fertigkeiten gern bei seinen brillanten Vorstellungen mit Doppelgriffpassagen und Improvisationen. Erst im Laufe der Zeit kam er zu einem eher kantablen und feineren Stil. Diese Veränderung spricht aus zwei Kritiken in Cramers Magazin der Musik, die zwei Londoner Konzerten vom März 1784 galten: „Mr. Clementi spielte eine Sonate für das Pianoforte, und alle Welt musste zugeben, dass seine Exekution eine unvergleichliche Leichtigkeit und Expression zeigte.“ Zwei Wochen später heißt es, dass sein Spiel „feinen Geschmack, Delikatesse und große Behendigkeit“ gezeigt habe. „Clementi... wird als einer der größten Pianisten angesehen, die je gelebt haben … Er brilliert gleichermaßen im Adagio und Allegro … Er improvisierte in einer Weise, die einen glauben ließ, die Musik sei ausgeschrieben gewesen.“

Clementi hat einen großen Einfluss auf andere Komponisten ausgeübt, nicht zuletzt auf Beethoven, der zu seinen größten Bewunderern gehörte. Eine ganze Pianistengeneration verdankte ihm ein neues Interpretationsideal, das nicht nur das Legato-Spiel, sondern auch die Geschmeidigkeit bei der Wiedergabe völlig neuer technischer Herausforderungen unterstrich.

Die Klaviersonaten Clementis erschienen seinerzeit in vielen Drucken. Dabei erhielten dieselben Werke gelegentlich verschiedene Opuszahlen, dann wieder kam es vor, dass ein und dieselbe Opuszahl für unterschiedliche Werke stand – was zum einen mancherlei Verwirrungen verursachte, zum andern aber zeigte, wie populär der Komponist seit 1780 in Europa war. Fast durchweg wurde, was Clementi während seiner Festlandsreisen veröffentlichte, etwas später in England nachgedruckt, und fast immer nutzte Clementi dabei die Möglichkeit zu kleineren Ergänzungen und Änderungen. Diese sogenannten „Revisionen“ muss man grundsätzlich in Betracht ziehen, wenn man sich mit dem Schaffen des Komponisten auseinandersetzt.

Aus der Sonate op. 1 Nr. 3 wurde später Oeuvre 1 Sonata 2. Diese letztgenannte Sonate 2 bewahrt von dem ursprünglichen Werk aus dem Jahre 1771 nur wenig: In der revidierten Sonate B-dur (1780 oder 1781) beginnt der Kopfsatz zwar wie bei op. 1 Nr. 3, doch nach neun Takten weicht er völlig ab. Die Opera 5 bis 11 aus den Jahren 1780– 1784 entstanden allesamt bei der ersten Kontinentaltournee, die Clementi nach Paris, Wien, Straßburg, München, Lyon und vermutlich auch nach Zürich führte. Opp. 7, 9 und 10 können durch Annoncen in der Wiener Zeitung datiert werden, außerdem bedankte sich Haydn 1783 brieflich bei Artaria für die Zusendung von Clementis Sonaten, die er sehr lobte. In den Sonaten opp. 7 bis 10 gibt es Sätze, die gegenüber früheren Jahren große strukturelle Fortschritte und die gelungene Integration verschiedener technischer Elemente zeigen. Der Kopfsatz der ersten Sonate aus op. 10 ist ein Beispiel dafür. Eine der eindrucksvollsten Sonaten dieser Zeit ist die Sonate g-moll op. 7 Nr. 3. Der erste Satz stellt ganz unterschiedliche Materialien vor, die gleichwohl auf verschiedenen Ebenen eine komplexe motivische Einheit erzeugen. Der dramatische und harmonisch kraftvolle langsame Satz reflektiert die Experimente früherer Sonaten, und im Finale erzeugt Clementi mit seinen berühmten Oktaven einen Satz von der Gewandtheit und dem Humor eines Joseph Haydn.

Die Sonate op. 11 ist eines der Beispiele für die Gepflogenheit, Sonaten im Anschluss an ihre kontinentale Publikation auch in England herauszubringen. Dieses Werk wurde auf der Insel zusammen mit der berühmten Toccata annonciert, nachdem Clementi Ende 1782 dorthin zurückgekehrt war.

Die Toccata gehörte zu den Werken, die Kaiser Joseph II. bei dem berühmten Wettspiel gegen Mozart zu hören bekam. Anschließend wurde der Satz („voller Fehler“) umgearbeitet und dem Opus 24 anstelle des Opus 11 angehängt – ein weiteres Beispiel für Clementis „Revisionen“.

Durch den Einfluss Haydns und sein eigenes Können hinterließ Clementi bei der nächsten Generation einen Eindruck, den man beispielsweise deutlich in den frühen Beethoven-Sonaten spürt. Zwar ist Clementis Durchführungsarbeit nie so durchdacht wie bei Beethoven, doch lieferte er in seinen Sonaten alle Ingredienzien, die die jüngeren Kollegen benötigten, um weiterarbeiten und sich entwickeln zu können. Clementis Werk ist ein unvergleichlicher Markstein für den Klavierstil des 19. Jahrhunderts.

Das Kunststück besteht bei all diesen Sonaten und der damaligen Musik darin, größte dynamische Kontraste zu erzeugen, ein fortissimo also so laut wie möglich, ein pianissimo hingegen zu einem farbigen Flüstern zu machen. Dabei geht es immer darum, wirkliche musikalische Spannung hervorzubringen. In all diesen Sonaten soll das Klavier die äußersten Extreme erreichen, sollen die Grenzen des Instruments erweitert und emotionale Eindrücke vermittelt werden. Das alles lässt sich auf dem frühen Fortepiano bewerkstelligen. Um noch einmal auf Opus 7 zurückzukommen: Die beiden ersten Sätze sind aufgrund ihrer gesanglichen Legatolinien recht ungewöhnlich, der dritte mit seinem faszinierenden Arsenal an Oktaven ist erfüllt von fortissimi, sforzandi und überschwenglichen Gebärden. Die Musik klingt auf dem Fortepiano wirklich „grandios“, da sich die Farbenpalette und das dynamische Spektrum voll und ganz ausnutzen lassen, um den musikalischen Inhalt und die dramatische Rhetorik der frühen Clementi-Sonaten möglichst umfassend zu entfalten.

Susan Alexander-Max
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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