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8.557703 - KILAR: Bram Stoker's Dracula / Death and the Maiden / King of the Last Days
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Wojciech Kilar (b. 1932)
Filmmusik

Bram Stoker’s Dracula (1992)
König der letzen Tage (1993)
Der Tod und das Mädchen (1994)
Die Perlen eines Rosenkranzes (1980)
Perle in der Krone (1972)

Geboren am 17. Juli 1932 in Lwow (ehemals Lemberg), das heute zur Ukraine gehört, besuchte Woiciech Kilar die Staatliche Hochschule für Musik in Kattowitz, bevor er 1959 nach Paris ging, wo er am Conservatoire bei Nadia Boulanger studierte. Er erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen, u.a. 1960 den Lili Boulanger Memorial Fund Award sowie 1967 und 1976 Auszeichnungen vom polnischen Kultusministerium. 1960 schrieb Kilar seine erste Filmmusik und seither hat er mit führenden polnischen Filmregisseuren wie Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Zanussi, Kazimierz Kutz und Andrzej Wajda zusammengearbeitet.

Nach mehr als einhundert Soundtracks für polnische Produktionen schrieb Kilar für Francis Ford Coppolas Bram Stoker’s Dracula seine erste amerikanische Filmpartitur; es folgten so erfolgreiche Filmmusiken wie zu Roman Polanskis Death and the Maiden (Der Tod und das Mädchen) und The Ninth Gate (Die neun Pforten) sowie für Jane Campions Portrait of a Lady – einer Partitur mit charakteristischen Themen und minimalistischen Harmonien. Neben seiner Arbeit für den Film ist Kilar auch als Konzertkomponist tätig: Zu seinen Werken gehören eine Hornsonate, ein Bläserquintett, die Kantate Exodus [Naxos 8.554788], die als Trailer für Schindlers Liste verwendet wurde, sowie ein Klavierkonzert [Naxos 8.557183]. Kilars erste Filmmusik in den 1960er Jahren für die Produktion Der Debütant fiel in die Zeit der Blüte des Warschauer Herbstfestivals mit seinen radikalen Neuerungen, während der vereinfachten Musiksprache des Orchesterwerks Krzesany [Naxos 8.554788] von 1974 bereits eine Reihe von Partituren für Filme von Krzysztof Zanussi vorausgegangen war; insofern haben die beiden Hauptstränge von Kilars künstlerischer Arbeit einander von Anfang an durchdrungen und sich gegenseitig beeinflusst.

Kilars Musik für den Film bewegt sich in ihrer künstlerischen Freiheit zwangsläufig innerhalb der vorgegebenen Grenzen des Mediums. Filmmusik muss diskret sein und wird nur dort eingesetzt, wo sie in der Lage ist, die Psychologie der Charaktere zu vertiefen, die Dramaturgie des Augenblicks zu verstärken und somit die Wirkung des Handlungsablaufs zu unterstützen. Anders ausgedrückt: eine gute Filmmusik sollte nie der Versuchung erliegen, die Wahnehmung des Zuschauers subjektiv zu beeinflussen; sie darf sich nicht zu einer Art Parallelhandlung verselbständigen. Der Komponist ist daher gehalten, seine künstlerischen Ausdrucksmittel bewusst einzuschränken. In dieser Hinsicht ist die Stärke von Kilars Filmpartituren bewundernswert: Seine Musik verdeutlicht und vertieft diejenigen Szenen, in denen Bilder oder Worte allein nicht ausreichen und wo die Musik mit all ihrer Kraft wirken kann.

Nicht zuletzt Dank der hervorragenden Musik wurde Bram Stoker’s Dracula (1992) als eine der authentischsten Versionen des Dracula-Stoffs gewürdigt. Kilar erhielt für diese Arbeit den ASCAP-Preis. Die Musik unterstreicht nicht nur das Horrorelement, sondern auch den Charakter der Schauerromantik, z.B. im Prokofjew-ähnlichen ‚The Brides’ (Die Bräute), mit der die Suite beginnt, und wo leidenschaftliche Streicher gegen launige Klavier- und Paukenklänge geschleudert werden. In völligem Kontrast hierzu ist ‚The Party’ durchdrungen von einem feinen Klanggewebe aus Violinen und Glockenspiel, wodurch eine Aura der Fantastik vorgetäuscht wird. Die Darstellung der beiden Heroinen des Films, ‚Mina/Elisabeth’ ist ein hervorragendes Beispiel für das melodische Talent Kilars, dessen Passagen für Streicher und Harfe hier an so unterschiedliche Komponisten wie Khatchaturian und Arnold denken lassen. Über einem unerbittlichen, an Gustav Holsts „Mars“ (Die Planeten) gemahnenden rhythmischen Ostinato beschwört ‚Vampire Hunters’ (Vampirjäger) eine unheilvolle Aura herauf. ‚Mina/Dracula’ unterstreicht das Dénouement des Films: Aus der Tiefe steigen Streicher empor, während Englischhorn und Flöte die melancholische Wirkung in einer Atmosphäre stiller Unabwendbarkeit verstärken. Danach bricht ‚The Storm’ mit Violinstößen und einem beharrlichen Marschrhythmus herein, über dem der Chor die bedrohlichen, finsteren Kräfte heraufbeschwört.

König der letzten Tage lautet der deutsche Titel eines Films über Aufstieg und Fall des falschen Propheten Johann von Leiden, der als Anführer der Wiedertäufer im Jahre 1534 in Münster ein kurzlebiges Neu-Jerusalem errichtete. Die einleitende ‚Intrada’ mit ihren opulenten Streichern ist eine anschauliche Beschreibung biblischer Szenerie und religiöser Intrige. ‚Sanctus’ schildert in einem von Kilars charakteristischen Chorgesängen die Emotionen der Glaubensfanatiker. ‚Canzona’ ist das elegische Zwischenspiel des Dramas – ausdrucksvoll eingefangen von Streichern, Englischhorn und Cembalo. Mit hämmernden Pauken und krachendem Schlagzeug unterstreicht ‚Miserere’ den Konflikt zwischen Kirche und Rebellen. Im Agnus Dei erklingt Musik von andächtigem Charakter, unbegleitet gesungen in der Tradition mittelalterlicher Chormusik. Die Niederschlagung der Rebellion ist im Gloria eingefangen, in dem die verschiedenen Stimmungen des Films effektvoll zusammengeführt werden.

Death and the Maiden (Der Tod und das Mädchen), Roman Polanskis 1994 entstandener Film, ist ein Psycho-Thriller nach dem berühmten Schauspiel von Ariel Dorfman, in dem Paulina Escobar den Mann, der ihren Gatten in seinem Auto mitnimmt und ihn zu Hause absetzt, als die Person erkennt, von der sie vor fünfzehn Jahren vergewaltigt wurde. Das sich an einem einzigen Schauplatz abspielende Dreipersonenstück entwickelt sich zu einem nervenaufreibenden Drama. Von den drei hier vorgestellten Nummern beschreibt ‚The Confession’ (Die Beichte), in der Kilar die einzelnen Gruppen des Streichorchesters schlicht, aber eindrucksvoll übereinander schichtet, die Szene, in der sich Paulina und Roberto wiedererkennen. Mit der traurigen Englischhornmelodie, die mit dissonanten Elementen kontrastiert, evoziert ‚Paulina’s Theme’ die Seele einer Frau, die großes Leid ertragen musste. ‚Roberto’s Last Chance’ steuert mit an Schostakowitsch gemahnender Aggression auf den emotionalen Höhepunkt des Films zu.

Die Perlen eines Rosenkranzes (1980), ein Film von Kazimierz Kutz nach seinem eigenen Roman, spielt in einer polnischen Provinzstadt. Habryka ist ein alter, vielfach als Held der Arbeit ausgezeichneter Bergmann. In seiner Stadt sollen alte Häuser abgerissen werden und die Bewohner in anonyme Hochhaus-Siedlungen umziehen. Habryka glaubt jedoch, dass sein Haus zu viel Geschichte besitzt, um abgerissen zu werden und weigert sich, es zu verlassen. Erst als der aufgebrachte Bergwerksdirektor ihn mit einem anderen Haus besticht, gibt er nach. Das neue Haus liegt jedoch in einer abgelegenen Gegend, so dass das alte Ehepaar vereinsamt. Habryka stirbt im Schlaf und erhält – eine ergreifende Ironie – ein Heldenbegräbnis als Ehrenbezeigung an einen der ältesten Kumpel des Distrikts. Ein Großteil der Atmosphäre des Films ist in dem hier aufgenommenen kurzen Stimmungsbild eingefangen, in dem das Klavier ein Gefühl der verrinnenden Zeit vermittelt, während Trompete und hohe Holzbläser die Vergangenheit wehmütig in Erinnerung rufen.

Perle in der Krone (1972), ein weiterer Film von Kazimierz Kutz, gehört zu Kilars weniger bekannten Filmmusiken. Entstanden als Reaktion auf die Arbeiterunruhen in Polen im Jahre 1970 blickt der Streifen auf ähnliche Ereignisse in den 1930er Jahren zurück. Ein unrentables schlesisches Bergwerk soll durch Flutung geschlossen werden, worauf die Gewerkschaft der Bergleute die Besetzung der Grube anordnet. Was mit einem Hoffnungsschimmer und neuem Mut beginnt, scheitert schließlich an der Gleichgültigkeit der Regierung und endet in Hunger und Verzweiflung. Der Film reflektiert Vergangenheit und Gegenwart durch seine Gegenüberstellung von kollektiver Macht und persönlichem Engagement. Die hier eingespielten Stücke folgen der Original-Filmpartitur: die Tracknummern 26-27 beschreiben mit dem besonders wirkungsvollen Einsatz ungestimmter Schlaginstrumente die bevorstehende Ankündigung der Bergwerksschließung, während Tracknummer 28 ein weiteres Beispiel für den für Kilar typischen emotionsgeladenen Streichersatz darstellt.

Richard Whitehouse
mit Dank an Stanislaw Kosz und Eddie Stewart

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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