About this Recording
8.557710 - ELGAR: Music Makers / Sea Pictures
English  German 

Edward Elgar (1857–1934)
The Music Makers, op. 69 • Sea Pictures, op. 37

 

Edward Elgar wurde in der Nähe von Worcester geboren. Mit zehn Jahren hatte er bereits die Musik zu einem Familienschauspiel geschrieben, die er 1907/08 in die Suiten The Wand of Youth [Naxos 8.557166] übernahm. Abgesehen von seinem Geigenunterricht genoss er keinerlei formelle musikalische Ausbildung, und doch begann er mit sechzehn Jahren, seinen Lebensunterhalt als selbständiger Geiger, Lehrer, Organist und Dirigent zu verdienen. Seine Heirat im Jahre 1889 brachte seiner Karriere einen bedeutenden Fortschritt, denn in Caroline Alice Roberts hatte er eine bemerkenswerte Partnerin gefunden, die sein Genie erkannte und seine Ambitionen unterstützte. Ein erster Versuch, sich in London als Komponist zu etablieren, scheiterte nach kurzer Zeit, und Elgar sah sich gezwungen, wieder nach Worcestershire zurückzukehren. In den 1890er Jahren wurde er dann durch seine Ouvertüre Froissart (1890) sowie durch eine Reihe von Chorwerken wie Caractacus (1897/98) in den Provinzen weithin bekannt.

Nationale Bekanntheit brachte ihm schließlich der Erfolg seiner Enigma-Variationen (1898/99). Die Uraufführung des 1899/1900 entstandenen Dream of Gerontius war zwar ein Desaster, doch bei nachfolgenden Aufführungen erkannte man, dass es sich bei dem Stück um ein Meisterwerk handelte. Vor dem Ersten Weltkrieg schuf Elgar weitere große Werke, darunter The Apostles (1902/03) und The Kingdom (1901-1906), die beiden Symphonien (1904-1908 bzw. 1905-1911), das Violinkonzert (1905-1910) und die symphonische Dichtung Falstaff (1913). Mit ihrer unterhaltsameren Art trugen die Pomp and Circumstance-Märsche (1901-1930) seinen Namen dann in alle Gesellschaftsschichten.

In den Kriegsjahren entstand das Chorstück The Spirit of England (1915-17), und die letzte Ernte brachte dann in der ländlichen Stille von Sussex die großen Kammermusiken, darunter das Klavierquintett (1918- 19), sowie das Cellokonzert (1918-19). Mit dem Tod seiner Frau im Jahre 1919 verschied auch Elgars schöpferischer Geist. Danach komponierte er nur noch sporadisch. 1930 entstanden beispielsweise die Nursery- Suite [Naxos 8.557166] und die Severn-Suite – nichts mehr von wirklicher großer Bedeutung.

Elgar identifizierte sich innig mit der Haltung, die Arthur O’ Shaughnessy in seiner Ode The Music Makers (Die Schöpfer der Musik) zum Ausdruck bringt: Die Künstler sind die wahren Schöpfer und die Inspiration der Menschheit, durch sie entstehen Geschichte und Gesellschaft. Skizzen zur Vertonung des Gedichtes reichen bis in die unmittelbare Zeit der Jahrhundertwende zurück; der letzte Impuls zur Vollendung des Werkes kam dann in Gestalt eines Auftrags vom Triennial Festival in Birmingham. Am 1. Oktober 1912 dirigierte Elgar die Uraufführung, bei der Muriel Foster als Solistin zu hören war. Ungeachtet des meisterhaften Orchester- und Chorsatzes reagierte die Kritik lauwarm. Man bemängelte sowohl die Qualität der Dichtung als auch die Tatsache, dass Elgar hauptsächlich aus seinen eigenen Werken zitiert habe.

Doch im Zusammenhang mit dem dichterischen Vorwurf war das für Elgar ein recht logischer Schritt. Überdies konnte er auf einen würdigen Vorgänger verweisen – auf Ein Heldenleben seines Freundes Richard Strauss, der sich in „Des Helden Friedenswerke“ gleichfalls selbst zitiert hatte. Bezeichnenderweise hatte Elgar im Dezember 1902 die britische Premiere dieses Werkes miterlebt, und gerade zu dieser Zeit entstanden auch die ersten Skizzen zu The Music Makers. In Wirklichkeit stellen die Zitate nur einen kleinen Teil des Werkes dar, und überdies sind sie auf brillante Weise eingearbeitet. Elgar schrieb zur Erläuterung, die Atmosphäre der Musik sei „vor allem traurig; doch es gibt begeisterte Augenblicke und Freudenausbrüche, die gelegentlich an Wahnsinn grenzen – Stimmungen, die ein schöpferischer Künstler erlebt, wenn er bei der Arbeit ist oder den endlosen Einfluss seiner Schöpfung betrachtet.“

Ein Orchestervorspiel stellt die beiden Hauptthemen des Werkes vor – zunächst eine leidenschaftlich-rastlose Melodie (die Elgar mit seinem charakteristischen nobilmente bezeichnet hat), dann eine ruhig aufsteigende Wendung der Bratschen und Celli. Kurz danach erscheint zweimal das Enigma-Thema. Elgar führte aus, er habe es an dieser Stelle verwandt, weil es für ihn jene Einsamkeit des Künstlers ausdrückte, die die ersten sechs Zeilen der Ode beschreiben. Der geheimnisvolle Chor, der die „Musik-Macher“ selbst personifiziert, setzt zu einer Phrase ein, die nach Elgars Worten den Künstler darstellt. Bei dem Wort „dreams“ (Träume) wird das Motiv des Strafgerichts aus dem Traum des Gerontius zitiert, während zu den „seabreakers“ (Brecher) ein entsprechender Hinweis aus den Sea Pictures erklingt, worauf zwei weitere Enigma- Zitate folgen. Die zweite Strophe schwingt sich in erregten Klängen empor, und bei „We fashion an empire’s glory“ (Wir gestalten eines Reiches Glorie) sind Rule Britannia und die Marseillaise eingeflochten. Weite Strecken der dritten Strophe wirken wie eine majestätische Prozession. Nach einer Klimax auf halber Wegstrecke, die einen Seitenblick auf die Dämonen des Gerontius wirft, sowie einer kräftigen Chorpassage endet der Abschnitt mit einer weiteren, ruhigen Wiederholung des „Künstler-Themas“. Die vierte Strophe wird in großer Ruhe von dem zweiten Hauptthema eingeleitet, steigert sich dann aber zu einem Höhepunkt, bei dem die unisono geführten Gesangsstimmen über einem donnernden Orgelpunkt im Bass geführt sind. Die Alt-Solistin setzt ein und widmet sich dem zweiten Hauptthema, bis bei den Worten „But on one man’s soul“ (Doch in die Seele eines Menschen fiel ein Licht) der Nimrod-Abschnitt aus den Enigma- Variationen zitiert wird. Hier erweist Elgar seinem inzwischen verstorbenen Freund August Johannes Jaeger seine Reverenz – dem Mitarbeiter des Verlages Novello, der stets unverbrüchlich an ihn geglaubt hatte. Die Nimrod-Melodie wird in ein strahlendes Chorstück verwandelt, über dem sich die Altstimme erhebt, und der Teil endet mit einem Zitat aus der zweiten Symphonie. Darauf stürzen sich Solistin und Chor in die drängende, dahineilende Musik der sechsten Strophe, die in der Wiederholung des beinahe ekstatisch herausgeschrieenen „Künstler-Motivs“ gipfelt und dann zu einem Fugato führt. Die siebte Strophe beginnt mit einer pastoral sich wiegenden Musik, gelangt aber rasch zu einem weiteren Höhepunkt, an den sich zartere Musik anschließt, in der ein weiteres Mal aus Enigma und gegen Ende schließlich aus dem Violinkonzert zitiert wird. In der vorletzten Strophe hören wir eine neuerliche Erinnerung an das „Künstler-Thema“, ehe sich die Musik zu dem Motto aus der ersten Symphonie steigert und es zu einem faszinierenden, strahlenden Ausbruch des Chores kommt. In der letzten Strophe führt der Alt zu einer weiteren Hommage an Jaeger, den „Sänger, der nicht mehr singt“, und man hört die Passage Novissima hora est aus Gerontius, bevor der Chor zum letzten Mal leise das „Künstler-Motiv“ bringt.

Die Sea Pictures folgten der triumphalen Uraufführung der Enigma Variations, mit der Elgar im Juni 1899 praktisch über Nacht zu einem Komponisten von nationalem Ansehen wurde. Die „Seebilder“ entstanden im Auftrag des Norwich Festival, wo sie von einer jungen Altistin gesungen werden sollten, die sich auch bald einen großen Namen machte – Clara Butt. Elgar dirigierte am 5. Oktober 1899 die Premiere und schrieb danach einem Freund, Fräulein Butt sei „wie eine Meerjungfrau gewandet“ gewesen. Jaeger ließ er wissen, sie habe „wirklich gut“ gesungen.

Ausgangspunkt des Zyklus war ein Lied von 1897, in dem Elgar ein Gedicht seiner Frau vertonte. Dieses erschien ein Jahr später als Lute Song. Für das neue Werk veränderte sie den Text, um einen stärkeren Bezug zum Ozean herzustellen, und dem neuem Titel In Haven fügte sie in Parenthese das Wort Caprihinzu. Diese Insel hatte sie besucht, bevor sie Elgar kennenlernte. Jetzt versammelte der Komponist um dieses Stück vier weitere „Meeres-Gedichte“, die er allesamt im Juli 1899 vertonte. Einen großen Teil ihres Erfolgs verdanken die Stücke ihrer vorzüglichen Orchestrierung, deren raffinierte Farben die Worte und Bilder der Poesie unterstreichen. Im dritten und fünften Lied greift Elgar Themen des ersten Titels auf, wodurch er dem gesamten Werk ein Gefühl der Einheit verleiht.

Sea Slumber-Song beginnt mit einer typischen Elgar-Phrase (eben diese wird er später in The Music Makers zitieren), die an das Auf und Ab der Wellen denken lässt, und zu den Worten „I, the mother mild“ (Ich, die sanfte Mutter) beschwört eine wogende Streicherfigur einen sanften Seegang. In Haven ziert eine zarte Melodie, die den typischen Charme der viktorianischen Salonmusik verbreitet. Sabbath Morning at Sea hingegen ist durch zwei Melodien charakterisiert: Die erste wird in den ersten Takten vom Orchester gespielt und ist deutlich von Wagner geprägt, die zweite jedoch, die bei „Love me, sweet friends this Sabbath day“ (Liebt mich, liebe Freunde, an diesem Ruhetag) beginnt, zeigt uns den echten Elgar. Die wiegende Figur des Sea Slumber-Song und die das Lied einleitende Phrase treten mehrfach in Erscheinung. Mit seiner sehnsüchtigen Melodie und seinen leichten, luftigen Orchestertexturen ist Where Corals Lie ein rundum entzückendes Stück, in dem es kurze Soli für Violine und für Cello gibt. Der anspruchsvollste Titel ist The Swimmer. Hier verbindet und vertauscht Elgar das Material von Vers zu Vers miteinander. Vertont ist der Text in einer Mischung von dramatischer, rezitativischer Erzählung und lyrischem Arioso. Das Hauptthema ist eine jener „noblen“ (nobilmente) Melodien, die für Elgar so typisch sind. Es erscheint in der Orchestereinleitung und dominiert auch weiterhin. Was sich sonst heraushören lässt, ist zunächst ein verstohlener Hinweis auf In Haven und dann ein letzter Blick zurück auf den Sea Slumber-Song nebst einer Variante seines kontrastierenden Mittelteils bei „The skies were fairer“ (Der Himmel war schöner). Eine lebhafte Coda bringt den Zyklus zu einem glänzenden Ende, das förmlich wie Gischt und Schaum sprüht.

Andrew Burn
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


Close the window