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8.557713 - STRAUSS, R: Piano Sonata / 5 Piano Pieces / Stimmungsbilder
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Richard Strauss (1864–1949)
Klavierwerke op. 3, 5 und 9

 

Der Komponist und Dirigent Richard Strauss wurde am 11. Juni 1864 in München geboren. Seine Eltern waren der berühmte Erste Waldhornist im Münchner Hoforchester, Franz Joseph Strauss, und dessen zweite Frau Josephine, eine Tochter des bekannten Münchner Brauereiunternehmers Pschorr. Der Knabe erhielt in seiner Heimatstadt eine profunde Allgemeinbildung, während er zugleich bei hervorragenden Lehrern musikalische Studien betrieb. Noch während seiner Schulzeit errang er erste kompositorische Erfolge, an die er nach dem Abitur 1882 und während der kurzen Studien an der Münchner Universität mit einem Violin- und einem Hornkonzert sowie einer Cellosonate anknüpfte. Am 1. Oktober 1885 wurde er Hans von Bülows Assistent an der Meininger Hofkapelle, und am Ende des Jahres stieg er nach dem Abschied seines Mentors zum alleinigen Dirigenten des berühmten Orchesters auf.

1886 ging auch Strauss von Meiningen weg, und er begann in der Nachfolge Liszts und Wagners mit einer Reihe von Tondichtungen, die den außermusikalischen Gehalt dieses Genres bis an die äußersten Grenzen erweiterten. Dem ersten dieser Werke, Aus Italien, folgten Macbeth, Don Juan sowie Tod und Verklärung. Nach einer mehrjährigen Pause entstanden dann Till Eulenspiegel, Also sprach Zarathustra, Don Quixote und Ein Heldenleben. Inzwischen hatte Strauss begonnen, sich als Dirigent einen Namen zu machen: In einer Saison leitete er das Berliner Philharmonische Orchester, ferner bekleidete er verschiedene Posten in München, und seit 1898 wirkte er an der Berliner Oper, deren Hofkomponist er später wurde.

Zu Beginn des neuen Jahrhunderts wandte er sich erneut der Oper zu, nachdem die ersten Projekte nicht sehr erfolgreich gewesen waren. Auf Salome, die 1905 in Dresden herauskam, folgte 1909 Elektra, die zugleich den Auftakt einer kontinuierlichen Zusammenarbeit mit Hugo von Hofmannsthal markierte. Nach dem romantischen, im Wien der Mozart-Zeit angesiedelten Rosenkavalier schuf Strauss zehn weitere Opern: Als letzte entstand Capriccio, die 1942 an der Münchner Staatsoper uraufgeführt wurde. Seine letzten Lebensjahre waren durch weitgehend unbegründete Vorwürfe getrübt, er habe in künstlerischer Hinsicht mit der Politik des Dritten Reiches kollaboriert. Nach 1945 zog er sich zeitweilig in die Schweiz zurück, bevor er wieder seine Villa in Garmisch bezog – ganze vier Monate vor seinem Tod am 8. September 1949.

Während seiner Schulzeit war Richard Strauss ein tüchtiger Klavierspieler. Auch zeigte er ein offensichtliches Talent als Komponist. Seine ersten Klavierstunden hatte er mit vier Jahren bei dem Harfenisten August Tombo, einem Kollegen des Vaters am Münchner Hoforchester. Seine erste bekannte Komposition, die Schneider-Polka für Klavier, schrieb er zwei Jahre später (1870). Damals wurde er auch Schüler der Münchner Domschule. Seit 1872 erhielt er Geigenstunden bei Benno Walter, einem Vetter des Vaters, der als Konzertmeister am Hoforchester arbeitete und 1881 die erste Violine spielte, als das Streichquartett A-Dur op. 2 des jungen Strauss aufgeführt wurde. Am Ludwigsgymnasium, das der Knabe seit 1874 besuchte, gab es vielfältige musikalische Möglichkeiten. Seit 1875 erhielt er Klavierunterricht bei Carl Niest; des weiteren befasste er sich mit Musiktheorie und neuen Kompositionen. 1876 wurde ein Festmarsch von der Wilden Gung’l, einem Ensemble seines Vaters, aufgeführt, und in seinem letzten Schuljahr 1881 spielte das Hoforchester unter Hermann Levi seine erste Symphonie d-Moll.

Zwei der drei hier aufgenommenen Klavierwerke entstanden während der letzten Schuljahre des Gymnasiasten. Sie erschienen in dem von Joseph Aibl gegründeten Verlag, der damals von Eugen Spitzweg geführt wurde, der die Firma 1904 an die Universal Edition verkaufte. Spitzweg schickte ein Exemplar der Fünf Stücke für Klavier op. 3 an Hans von Bülow, der zwar viel für die Dirigentenkarriere von Richard Strauss tat, als er ihm die Möglichkeit gab, in München seine Suite op. 4 für dreizehn Bläser zu dirigieren, der sich aber über die fünf Stücke und ihren Komponisten nicht vorteilhaft äußerte: Talent fand er wohl, allein, es fehlte ihm das Genie. Annehmbarer erschien ihm Strauss’ Bläserserenade op. 7, weshalb er ihn auch mit der Komposition der erwähnten Suite beauftragte.

Das erste der Fünf Stücke, ein Andante in B-Dur, spricht für den Einfluss von Robert Schumann; ein lebhafterer Con moto-Abschnitt wird von dem Hauptteil umrahmt. Das zweite Stück, Allegro vivo e scherzando in es-Moll, beginnt mit einer an Hornrufe erinnernden Passage. Diese bildet den Rahmen für mehrere nach Tonart und Rhythmik unterschiedene Episoden, die im Schatten Mendelssohns stehen. Darauf folgt ein Largoin c-Moll, dessen von Trauer erfüllte Melancholie sich in gewisser Hinsicht Beethoven verdanken könnte. Im Zentrum des Stückes steht ein lebhafterer Con moto-Teil in Es-Dur. Anschließend gibt es ein Allegro molto in As-Dur mit der Bezeichnung grazioso, das Mendelssohn in koboldhaft verspielter Stimmung wiederkehren lässt. Hinweise auf diesen Komponisten und seinen Kollegen Schumann findet man im abschließenden Allegro marcatissimo in Des-Dur. Ein kontrapunktischer Abschnitt im enharmonischen cis-Moll liefert den Kontrast in diesem recht frühreifen Musikstück.

Die Sonate h-Moll op. 5 hat Richard Strauss seinem Freund Joseph Giehrl gewidmet. Auch dieses Werk stammt aus den Jahren 1880/81. Zwar hatte er schon zwei Sonaten geschrieben (1877 bzw. 1879), doch wurde nur das Opus 5 veröffentlicht. Das erste Thema des Kopfsatzes ist durch eine rhythmische Dreitonfigur charakterisiert. Das zweite, zartere Thema erscheint vorschriftsmäßig in D-Dur, worauf das Anfangsmotiv des Satzes am Ende der Exposition wiederkehrt und dann in der Durchführung eine große Rolle spielt. In der Reprise erscheint das Nebenthema in derselben Tonart H-Dur, mit der der Satz auch beschlossen wird. Das lyrische, charmante Adagio cantabile E-Dur spiegelt frühere Einflüsse und enthält im Zentrum einen e-Moll-Teil à la Mendelssohn. Weder im Scherzo fis-Moll noch seinem A-Dur-Trio – das in Fis-Dur wiederholt wird – lassen sich dann die Spuren dieses Komponisten überhören, und in der Coda des Satzes erklingen in der Ferne die Hörner des Elfenlandes. Die beiden Themen des Finales werden auf verschiedene Weise benutzt, und vor dem Ende der Sonate gibt es kurze, kadenzartige Passagen.

Die Stimmungsbilder entstanden zwischen 1882 und 1884. Damals verbrachte Strauss zwei Semester an der Universität, bevor er sich ganz auf die Musik verlegte. Der Titel und die Stücke verraten deutliche Beziehungen zu Schumann. Auf stillem Waldespfad, ein Andante in F-Dur, wendet sich nach d-Moll und B-Dur, bevor die originale Tonart wiederkehrt; der ganze Satz wird von charakteristisch fallenden Intervallen dominiert. An einsamer Quelle, ein Lento in As Dur, lässt in seinen unablässigen Begleitfiguren an rieselndes Wasser denken. Das dritte Stück, ein A-Dur-Intermezzo im 12/8-Takt mit der Bezeichnung Allegretto, enthält ein kontrastierendes Allegro molto agitato in E-Dur, und die Träumerei, ein Andantino in H-Dur, ist nun mehr Strauss als Schumann. Immer wieder wird man in diesen Stücken daran erinnert, dass Strauss ein bedeutender Komponist von Liedern mit Klavierbegleitung wurde. Der Zyklus der Stimmungsbilder endet Lento ma non troppo mit dem Heidebild in g-Moll. Leere Bass-Quinten unterstreichen das Bild der öden Einsamkeit, in die für einen Augenblick ein Sonnenstrahl fällt, ehe ein plötzlicher Ausbruch das Stück beendet.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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