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8.557725 - PROKOFIEV: Alexander Nevsky / Lieutenant Kije Suite
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Sergej Prokofieff (1891-1953)
Alexander Newski op. 78 • Leutnant Kijé-Suite op. 60

 

Sergej Prokofieff wurde 1891 im ukrainischen Sonzowka als Sohn eines wohlhabenden Gutsverwalters geboren. Die Mutter, eine gebildete Amateurpianistin, förderte die musikalischen Fähigkeiten des Einzelkindes, das sich schon als Fünfjähriger an eigenen Kompositionen versuchte und später daheim privaten Unterricht von dem Komponisten Reinhold Glière erhielt. Dem Rate Alexander Glasunows folgend, ließen die Eltern ihren Sohn 1904 ans Konservatorium von St. Petersburg gehen, wo er bis 1914 Klavier und Komposition studierte. Dabei war der Einfluss älterer Kommilitonen wie Boris Assafjew und Nikolai Mjaskowski größer als derjenige der älteren Lehrergeneration, die Anatol Ljadow und Nikolai Rimsky- Korssakoff repräsentierten.

Schon als Student hatte Prokofieff erste kompositorische Eindrücke hinterlassen. Man reagierte gleichermaßen begeistert und empört – und Glasunow, der inzwischen Direktor des Konservatoriums geworden war, sah sich bei einer Aufführung der Skythischen Suite genötigt, den Saal zu verlassen, da er um sein Gehör fürchtete. Während des Krieges wurde Prokofieff vom Militärdienst freigestellt, da er sich als Orgelschüler eingeschrieben hatte, und nach der Revolution erlaubte man ihm, ins Ausland zu reisen. Die Fahrt ging zunächst nach Amerika, wobei der Komponist die Skythische Suite nach dem Ballett Ala und Lolli (einem Auftrag des Impresarios Serge Diaghilew), die Symphonie classique und sein erstes Violinkonzert im Gepäck hatte.

Anders als Igor Strawinsky und Sergej Rachmaninoff hatte Prokofieff seine Heimat mit offizieller Genehmigung und mit der Vorstellung verlassen, früher oder später wieder heimzukehren. Das Leben in Amerika erwies sich nicht gleich als lohnend, und so ging er 1920 nach Paris, wo er den Kontakt mit Diaghilew wiederherstellte. Für ihn revidierte er das Ballett Le Chout (Das Märchen vom Schelm) op. 21, das 1921 eine erfolgreiche Inszenierung erlebte. Einen großen Teil der nächsten sechzehn Jahre verbrachte er in Frankreich, indessen er von Zeit zu Zeit nach Russland ging, wo man seine Musik nach wie vor akzeptierte.

Im Jahre 1936 beschloss Prokofieff, auf Dauer in die Heimat zurückzukehren. Er ließ sich in Moskau nieder – und zwar gerade zur rechten Zeit, um die ersten heftigen Attacken auf alle musikalischen Werke mitzuerleben, die nicht zu den politischen und gesellschaftlichen Zielen des Regimes passten. „Wie ein Huhn in die Suppe“ sei er damals gefallen, soll Dmitri Schostakowitsch gesagt haben. Nach den schweren Jahren des Krieges wurde er dann 1948 zusammen mit Schostakowitsch und anderen Kollegen von offizieller Seite ausdrücklich verurteilt – jetzt unter besonderem Hinweis auf seine Oper Krieg und Frieden. Sergej Prokofieff starb am 5. März 1953, am selben Tag also wie Stalin. Die teilweise Lockerung der künstlerischen Vorschriften nach dem Tod des Diktators erlebte er also nicht mehr.

Die Kantate Alexander Newski stammt aus der Filmmusik, die Prokofieff 1938 zu Sergej Eisensteins gleichnamigem Streifen komponierte. Darin geht es um den Konflikt zwischen Russland und dem Orden der Deutschritter Mitte des 13. Jahrhunderts. Dieses Sujet erschien auch von aktueller Bedeutung, da Nazi-Deutschland für die Sowjetunion zu einer immer größeren Bedrohung wurde. Sowohl Eisenstein als auch Prokofieff hatten in Hollywood Erfahrungen gesammelt – letzterer im Jahre 1938. Prokofieff interessierte und begeisterte sich für das neue Medium, wie seine insgesamt acht Filmmusiken verraten. (Unter anderem arbeitete er seit 1942 ein weiteres Mal mit Eisenstein bei dessen Film Iwan der Schreckliche zusammen.) Schon bei der Entstehung des Alexander Newski kam es zu einer engen Kooperation: Mitunter entstanden Szenen nach schon ausgeführter Musik, dann wieder schrieb Prokofieff Stücke, nachdem er die ersten Probeaufnahmen gesehen hatte.

Die Kantate folgt weitgehend der filmischen Handlung. Sie zeigt zunächst Das alte Russland unter dem Mongolenjoch, die Grausamkeit der Unterdrücker im Gegensatz zu eher klagenden Elementen, die an die Leiden des Volkes denken lassen. Das Lied von Alexander Newski preist den Sieg des Großfürsten Alexander über die Schweden (1240) an den Ufern der Newa – daher sein Beiname „Newski“ – mit einer Musik, die die Entschlossenheit der Russen gegenüber ihren Feinden spiegelt. In der gesamten Komposition verzichtete Prokofieff auf Material, das aus der Zeit der historischen Ereignisse stammt, so auch in Die Deutschritter in Pskow, wo die Deutschritter allerdings einen kurzen lateinischen Text erhalten: Die harschen Blechbläserakkorde und hymnenartigen Anklänge, die sie symbolisieren, bilden einen Gegensatz zu den flehentlichen Bitten des Volkes. In Erhebt euch, ihr Russen folgt ein patriotischer Ruf zu den Waffen. Die Schlacht auf dem Eissee – eine ausgedehnte Szene des Films – beschwört zunächst die Kälte des russischen Winters. Man hört, wie sich die Deutschritter mit ihrem Choral Peregrinus, expectavi, pedes meos in cymbalis nähern. Mit einem Motiv aus Erhebt euch, ihr Russen stürmen die Verteidiger gegen die Feinde, und die Ar-meen treffen in einem tödlichen Gefecht aufeinander. Schließlich wird der verlustreiche Sieg der Russen in einem triumphalen Marsch gefeiert, der am Ende auf das Lied von Alexander Newski anspielt. Das Totenfeld zeigt, wie eine Frau nach ihrem Geliebten sucht; sie will den Mann küssen, der für Russland starb, will seine Tapferkeit, nicht seine Schönheit preisen. Die Kantate endet mit Alexanders Einzug in Pskow. Man hört das Lied zu seinem Lob, wobei vor dem abschließenden Triumph frühere Elemente des Werkes wieder auftauchen.

Die bekannte Musik zu dem Film Leutnant Kijé entstand 1933. Es war die erste erfolgreiche Arbeit dieser Art, die Prokofieff während der nächsten zehn Jahre schreiben sollte. Nach einer Erzählung von Juri Tynjanow drehte der Regisseur Alexander Fainzimmer den Streifen, in dem es um behördliche Dummheit und Blindgläubigkeit geht. Bei einem militärischen Bericht missversteht Zar Paul I. die Worte „Poruchiki zhe …“ („Den Leutnant jedoch …“) als „Poruchik Kizhe“ („Leutnant Kijé“). Und damit beginnt das Leben eines Soldaten, den es gar nicht gibt. Den Adjutanten scheint es allerdings recht opportun, das Missverständnis bestehen zu lassen. Ein fiktiver Leutnant bietet schließlich enorme Vorteile. Alles, was fortan bei Hofe schiefgeht, wird diesem Menschen in die Schuhe geschoben. Endlich verbannt ihn Väterchen Zar nach Sibirien, doch bei Hofe bleibt alles, wie es war: diplomatische Pannen, Intrigen, Gaunereien …

Der Zar erkennt, dass er wohl den Falschen nach Sibirien verbannt hat. Er lässt ihn zurückrufen. Kijé wird befördert und erweist sich als durch und durch pflichtbewusster Offizier des Herrschers. Dem gefällt das. Höchstselbst will er ihn ob seiner Verdienste zum General ernennen. Jetzt sind die Hofschranzen freilich in Bedrängnis. Wie sollen sie ihn, den es gar nicht gibt, vor den Thron bringen? Der Ausweg bedeutet Kijés Ende: Die Freude über die bevorstehende Gunst, so heißt es, habe den Offizier das Leben gekostet. Mit großem Prunk wird ein leerer Sarg zu Grabe getragen.

1934 arrangierte Sergej Prokofieff die symphonische Suite op. 60 nach seiner Musik zu Leutnant Kijé. Dazu war eine beträchtliche Überarbeitung der Originalmusik nötig, doch auch in der Konzertfassung bewahrt die Musik ihren melodischen Charme – besonders beim abschließenden Begräbnis des Kijé – und vor allem durch ihre Orchestrierung auch die Ironie, die im Mittelpunkt der Geschichte und des Films steht.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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