About this Recording
8.557729 - RYBA: 2 String Quartets / 2 Flute Quartets
English  German 

Jakub Jan Ryba (1765-1815)

Flötenquartette · Streichquartette

 

Im Gegensatz zu seinem Schaffen in anderen Gattungen sind von Jabuk Jan Rybas Instrumentalwerken nur relativ wenige erhalten. So sind die hier eingespielten vier Quartette denn auch die einzigen von ursprünglich 72 Werken dieses Kammermusikgenres aus seiner Feder. Ryba, der Sohn eines Kantors und Schulmeisters, folgte dem Vorbild des Vaters in einem Beruf, dem für den Stellenwert der Musik in der böhmischen Gesellschaft eine wichtige Funktion zukam. Geboren 1765 in Přeštice in der Nähe von Klatovy, erhielt er den ersten Klavierund Orgelunterricht von seinem Vater und besuchte von 1781 bis 1785 das Prager Piaristen-Gymnasium, bevor er nach Hause zurückkehrte, um dem Vater bei dessen beruflichen Pflichten zu assistieren. Neben den genannten Instrumenten spielte Ryba Violine und Cello und betätigte sich auch in vokaler Hinsicht. 1786 wurde er Hilfslehrer in Mnišek, eine Position, die er zwei Jahre später auch in Rožmitál bekleidete. Dort war er bis zu seinem Freitod am 8. April 1815 auch als Chorleiter tätig.

Rybas fruchtbares Schaffen in der Gattung der geistlichen Musik besteht aus nicht weniger als 90 Messen, sieben Requiem-Vertonungen und ca. 100 Gradualen, Motetten und anderen Werken und bildet damit den größten Teil seiner erhaltenen Kompositionen. Seine frühen Werke pflegte er fantasievoll-humoristische Titel wie Poisson, Peace, Ryballandini oder Rybaville zu geben. Für seine anspruchsvollen Arbeiten für die Pilsener Bartholomäuskirche wurde ihm 1805 die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen.

Rybas weltliche Musik besteht aus tschechischen Liedern und zahlreichen, mit wenigen Ausnahmen verschollenen Orchester- und Instrumentalkompositionen. Für das vom böhmischen Prämonstratenser-Gelehrten Bohumir Dlabač in Prag herausgegebene Allgemeine historische Künstler-Lexikon erstellte Ryba ein Verzeichnis seiner Werke, welches im instrumentalen Bereich über 650 Tänze, 130 Variationen, 87 Sonaten, 38 Konzerte, 35 Sinfonien und zahlreiche andere Kompositionen auflistet. Ryba zählt zu den wichtigsten Vertretern der von Schulmeistern seiner Zeit geprägten böhmischen Musiktradition und als Wegbereiter der tschechischen Sprache als musikalischem Ausdrucksmittel. Er galt als Befürworter der unter Joseph II. initiierten Schulreform. Seine erhaltene Instrumentalmusik zeigt den Einfluss von Zeitgenossen wie Vaňhal und Mysliveček, Joseph Haydn und Carl Philipp Emanuel Bach.

Die beiden hier vorgestellten Flötenquartette datieren aus dem Jahr 1811 und sind in der Rožmitáler Sammlung Regens Chori Schmelzer enthalten. Das Flötenquartett C-Dur beginnt mit einem durchsichtig gearbeiteten Sonatenatz. Nach der Vorstellung des Hauptthemas tritt das Violoncello beim Tonartwechsel zur Dominante des Nebenthemas in den Vordergrund. In der zentralen Durchführung und der Reprise treten alle vier Instrumente als gleichberechtigte Partner in Erscheinung. Im langsamen Satz, einem Andante poco adagio in F-Dur, übernimmt die Flöte das Hauptthema, begleitet von Pizzicato-Streichern. Es folgt ein kurzer, klanglich kontrastierender Zentralabschnitt. Ein abwechslungsreiches Rondo beschließt das Werk.

Das erste der beiden erhaltenen Streichquartette, das Streichquartett a-Moll aus dem Jahr 1801, wird von einem Andante poco adagio eröffnet, dessen Stimmen eng miteinander verflochten sind, wobei vielfach Gebrauch von Sequenzierung und kontrapunktischer Imitation gemacht wird. Während des gesamten Satzes bleibt die Eröffnungsfigur von Bedeutung. Das folgende Menuetto, ein Dur-Allegretto, fällt durch Synkopierungen auf und besitzt ein kontrastierendes Moll-Trio. Wie bereits im ersten Satz bedient sich Ryba im Allegro-Finale der kontrapunktischen Imitation.

Mit seinen zögerlichen Synkopierungen im eröffnenden Allegretto und dem Dialog zwischen der Flöte und den anderen Instrumenten lässt das Flötenquartett F-Dur an Vogellaute denken, wobei in der Durchführung Tonskalen und Figuren einander antworten. Der zweite Satz bedient sich der Form eines ungarischen Themas mit Variationen. In der ersten Variation dominiert die Violine, in der sykopischen zweiten die Flöte, in der dritten die Viola, wiederum die Flöte in der vierten, das Cello in der fünften und schließlich noch einmal die Flöte in der abschließenden sechsten Variation. Das fröhliche Hauptthema des finalen Presto bleibt im Satzverlauf von Bedeutung, indem es den Ausgangspunkt für kontrapunktische Aktivität bildet, während der Satz in die kleinen Überraschungen der Codetta mündet.

Das Streichquartett d-Moll ist auch als Kopie der 1801 niedergeschriebenen autographen Stimmen erhalten; sie befindet sich im Besitz der Famile Bohuslav von Kolovrat. Das Werk beginnt mit einem stimmungsvollen Adagio, das von der Eröffnungsfigur dominiert wird und in seinem Stimmengeflecht an Mozarts “Dissonanzenquartett” denken lässt. Der zweite Satz, ein Minuet, kommt als fröhlicher D-Dur-Kanon daher, angestimmt von der ersten Violine, der sich nacheinander die zweite Violine, Viola und Violoncello hinzugesellen. Eingebettet in den Satz ist ein d-Moll-Trio. Das abschließende Scherzo-Finale stellt das Hauptthema im Kanon vor, eingeführt von der zweiten Violine und in der Motivik an Mendelssohn gemahnend. Die gekonnte kontrapunktische Arbeit legt es hingegen auf den Ort und die Zeit der Entstehung fest.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Bernd Delfs

 


Close the window