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8.557731 - HARTY: Comedy Overture (A) / Piano Concerto / Fantasy Scenes
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Hamilton Harty (1879–1941)
Piano Concerto • A Comedy Overture • Fantasy Scenes

Hamilton Harty wurde 1879 in der nordirischen Kleinstadt Hillsborough, gut zwölf Meilen südlich von Belfast geboren. Sein erster Lehrer war der Vater, Organist der örtlichen Pfarrkirche und ein recht vielseitiger Musiker. Jedenfalls sollte die Musik, die Harty in seiner Jugend hörte – gleich, ob es sich dabei um Händel oder um lokale Volksmusik handelte – nicht ohne Folgen für die Entwicklung seiner musikalischen Persönlichkeit bleiben.

Erste Anstellungen als Musiker fand Harty als Organist an verschiedenen Kirchen in Nordirland. Als er mit 16 dann nach Dublin übersiedelte, begegnete er dem italienischen Komponisten, Pianisten und Pädagogen Michele Esposito. Der Einfluss und die Förderung Espositos waren für Harty von großer Bedeutung – eine Tatsache, die auch darin ihren Widerklang findet, dass zwei der hier eingespielten Werke, A Comedy Overture und das Klavier Konzert, seinem Freund und Mentor Esposito gewidmet sind.

Allerdings verfügte Irland gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht über die nötige musikalische Infrastruktur, die eine professionelle Karriere auf höchstem Niveau ermöglicht hätte. So zog Harty 1900 nach London, wo er sich zunächst als Klavierbegleiter einen Namen machte, später dann auch als Dirigent des London Symphony Orchestra und des Hallé Orchestra in Manchester. Von 1920 bis 1933 war er Chefdirigent des Hallé Orchestra, und das besondere Verhältnis, das ihn mit diesem Orchester verband, kann man noch heute anhand der seinerzeit entstandenen Aufnahmen nachvollziehen. Harty förderte die Musik Berliozs zu einer Zeit, als man diesen Komponisten im allgemeinen noch nicht recht schätzte und stellte dem britischen Konzertpublikum immer wieder neue Werke vor, wie etwa 1930 Mahlers Neunte Sinfonie oder auch 1932 Schostakowitschs Erste. Nachdem er das Hallé Orchestra verlassen hatte, arbeitete er hauptsächlich mit Londoner Orchestern: bedeutende Aufführungen waren etwa die Uraufführungen von Waltons Erster (1934) und von Baxs Sechster Sinfonie (1935). 1925 wurde er zum Ritter geschlagen und 1934 erhielt er die Goldmedaille der Royal Philharmonic Society. Harty starb 1941.

Die Zeitspanne von 1900 bis 1920 zählt zu Hartys fruchtbarsten Jahren als Komponist. Mit zunehmendem Erfolg als Dirigent verblieb ihm allerdings auch weniger Zeit zum Komponieren. Finden sich unter seinen frühen Werken vor allem Lieder und Kammermusik, so wagte er sich angesichts der wachsenden Möglichkeiten zur Aufführung doch auch verstärkt an Orchesterwerke heran. Dabei sind viele seiner Werke von ausgesprochen irischem Charakter, mit Titeln und Programmen, die das Irische offen zur Schau tragen wie etwa die Irish Symphony (1904), With the Wild Geese (1910), Variations in Dublin Air (1912) oder The Children of Lir (1938). Doch selbst in Werken, die nicht ausdrücklich irisch sind, beispielsweise die Comedy Overture oder auch das Klavier Konzert, ist der Einfluss der irischen Volksmusik offensichtlich, was etwa Phrasierung, modale Harmonik und Tanzrhythmen angeht. Hartys kreativer Ansatz war im Wesentlichen ein romantischer, und so findet man natürlich Spuren der großen europäischen Komponisten wie Brahms, Dvofiák oder Tschaikowsky in seiner Musik wieder. Gerade der Einfluss von Tschaikowsky und Hartys Idol Berlioz prägt seinen ebenso farbigen wie phantasievollen Orchesterstil.

Die 1906 komponierte und in einem Queens Hall Promenade Concert dann 1907 erstmals aufgeführte Comedy Overture war eines jener Werke, die Harty auch als Komponisten einem größeren Kreis bekannt machte. Der Titel reflektiert dabei schlichtweg den lebhaften Charakter der Musik und steht in keinerlei Zusammenhang mit der Welt des Theaters. Man kann zwei Hauptthemen unterscheiden: das erste klingt in der Oboe nach der geschäftigen Einleitung an und durchdringt mit seinem beschwingten Rhythmus größere Teile des Werkes. Das zweite Thema ist ruhiger und erklingt erstmals in den Holzbläsern. Zwei Beispiele müssen genügen, um Hartys ebenso abwechslungsreiche wie phantasievolle Verwendung dieser Themen zu veranschaulichen. Das erste finden wir am Ende der Durchführung: das Piccolo hebt (über einem dudelsackähnlichen Brummen der Fagotte) mit einer Reprise des ersten Themas in der ‚falschen Tonart’ an. Erst wenn der Pauker die richtigen Töne angeschlagen hat, ist der Weg frei für die eigentliche Reprise, die nun in der Klarinette beginnt. Das zweite Beispiel findet man dann später, wenn die Celli das zweite Thema über einem äußerst subtil veränderten harmonischen Gerüst intonieren.

Die Fantasy Scenes (From an Eastern Romance) entstanden 1919 und wurden erstmals im darauffolgenden Jahr vom Hallé Orchestra aufgeführt. Gezeichnet wird das nicht zuletzt durch Rimskij- Korsakows Scheherazade populär gewordene Bild der ‚arabischen Nächte’ des Orients, das sich zu dieser Zeit einiger Beliebtheit erfreute. Die vier Sätze seines Werkes versah Harty mit einem Programm:

I. The Laughing Juggler [Der lachende Jongleur]. Der Sultan hat von den Fähigkeiten und dem Witz Mohammeds, des ‚lachenden Jongleurs’, gehört und diesen zu sich bestellt. Der Jongleur bietet seine brillantesten Kunststücke dar, wobei er zugleich ununterbrochen witzelt, bis sein Blick auf Zuleika, des Sultans Lieblingstänzerin fällt. Hingerissen von ihrer Schönheit, trachtet er danach, seinem Geplauder eine tiefere Bedeutung zu geben, die sie verstehen könne.

II. A Dancer’s Reverie [Träumerei einer Tänzerin]. Zuleika ruht beim Brunnen im Hofe. Es dämmert und sie ist allein. Fetzen von Tanzliedern vermischen in ihrem müden Geiste mit Gedanken an den schmucken Jongleur mit seinen andeutungsreichen Worten und Blicken.

III. Lonely in Moonlight [Allein im Mondlicht]. Der Jongleur wandelt im Mondlicht allein durch die Gärten des Palastes und besingt seine Liebe zu Zuleika.

IV. In the Slave Market [Auf dem Sklavenmarkt]. Der Sultan hat die Liebe von Zuleika und Mohammed entdeckt und diesen verbannt. Zuleika aber hat er dazu verurteilt, auf dem Sklavenmarkt verkauft zu werden. Es ist Mittag, und der Markt ist übervoll. Die Händler würdigen die Vorzüge Zuleikas, doch alle werden sie von einem Fremden überboten. Es ist der Jongleur, der als Kaufmann verkleidet ist. Er trägt Zuleika davon und so entkommen die Liebenden der Stadt.

Hartys Klavierkonzert in h-Moll entstand 1922 im italienischen Fiesole, als der Komponist dort bei den Espositos weilte. Bei der Uraufführung im darauffolgenden Jahr unter der Leitung von Beecham, übernahm Harty selbst den Solopart, was angesichts dessen virtuoser Ansprüche an die Fähigkeiten Hartys als Pianist gemahnt. Das Werk steht ganz in der romantischen Tradition, wobei die Chromatik, die betörenden Gegenstimmen und die Anklänge sehnsüchtiger Melancholie im Klavier- und Orchestersatz bisweilen an Rachmaninow erinnern. Das Hauptthema im ersten Satz wird vom Orchester vorgestellt, während das Klavier eine Toccata-ähnliche Begleitung beisteuert. Das zweite Thema erklingt zuerst in den Holzbläsern, ehe es dann vom Solisten übernommen wird. Die Durchführung mit ihrer an Chopin gemahnenden Filigranarbeit mündet in eine Kadenz, der sich die Reprise anschließt. Den zweiten Satz bestimmt eine ausgedehnte, nachdenkliche Melodie, die von orchestralen Zwischenspielen durchsetzt ist. Trompeten-Signale kündigen einen bestimmter auftretenden Mittelteil an, ehe das Hauptthema in einem neuen Gewand wiederkehrt, diesmal mit sanften Glockenschlägen und Solo-Violine und -Cello, die eine zauberhafte Stimmung zu erzeugen vermögen. Irische Einschläge stehen dann im robusten Finale wieder stärker im Vordergrund, nicht allein in den Jig-ähnlichen Rhythmen und dem modalen Charakter des Hauptthemas, sondern namentlich auch in den Anklängen an ‚The Wearing of the Green‘, einer irischen Melodie. Dieses Thema erscheint zuerst in Hörnern und gedämpften Trompeten in einem mysteriösen Mittelteil, ehe es später dann zu vollem Glanz sich aufschwingt.

David Greer
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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