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8.557734 - WILLAN: In the Heavenly Kingdom
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Healey Willan (1880-1968)
Hymnen, Anthems und Motetten

 

Dass Healey Willan eine lebenslange Liebesbeziehung zur Singstimme unterhielt, ist eigentlich keine sonderliche Überraschung. Schließlich erhielt er seine ersten gründlichen Unterweisungen in der Musik als Chorknabe, und am Ende seines Lebens war er als Organist und Chorleiter tätig. Seine erste publizierte Komposition war im Jahre 1900 ein Sanctus, Benedictus und Agnus Dei Es-dur (B 234), und praktisch als letztes seiner Werke erschien 1967 sein Anthem* zur Hundertjahrfeier der Kanadischen Konföderation (B 611). Der Healey Willan Catalogue von 1972 listet 787 Werke auf, von denen die überwiegende Mehrzahl auf die eine oder andere Weise die Singstimme einbezieht. An einem Ende des Spektrums finden wir die abendfüllende Oper Deirdre (B 30), am anderen den eintaktigen Fauxbourdon auf die Worte And was incarnate (Und ist Fleisch geworden) in Merbeckes Vertonung des Credo (B 231a). Kaum jemandem wird wohl die handschriftliche Kollektion von immerhin dreißig Liedern bekannt sein, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Willan war sehr stolz auf diese Stücke und wünschte sich sehnlichst ihre Veröffentlichung und Aufführung. Damit soll nicht gesagt sein, dass anderes weniger bedeutend und schön wäre: die beiden Symphonien, das funkelnde Klavierkonzert c-moll, die Violinsonate e-moll und das Trio h-moll, dessen erstem Satz leider der Klavierpart fehlt (liegt er vielleicht irgendwo in einer Klavierbank?), ganz zu schweigen von einigen seiner Orgelwerke. Wenn man jedoch die zahlreichen Artikel und Dissertationen betrachtet, die über Willan geschrieben wurden, ist das dominierende Thema gleichwohl die geistliche Musik des Komponisten.

In Willans frühester Kirchenmusik zeigt sich der Einfluss der Werke, die er in seiner Jugend sang und spielte. I looked, and behold a white cloud (B 344) aus dem Jahre 1907 ist ein wunderbar dramatisches und melodisches Werk. Der „big tune“ , die krönende Melodie, erinnert an Parry und Stanford, und das Werk beginnt mit einem Rezitativ, das einen Platz in S.S. Wesleys The Wilderness verdiente. Wie sich’s fügte, war letzteres das Prüfungsstück, das Willan vortrug, um in die Chorschule aufgenommen zu werden.

Healey Willan wurde in England geboren und war hier zunächst an verschiedenen Kirchen als Organist tätig, bevor er 1913 nach Kanada ging und in Toronto Organist und Chorleiter der St. Paul’s Church wurde. Sein kompositorischer Stil ähnelte auch weiterhin der Sprache seines früheren Schaffens. Die Motette How they so softly rest (B 302) entstand 1917 für den Mendelssohn Choir von Toronto. Erst gegen Ende dieses Stückes spürt man einen neuen Einfluss – und zwar denjenigen der russischen Chormusik mit ihrer Massierung weiträumiger, blockhafter Harmonien. Mit der ebenfalls für den Mendelssohn Choir geschriebenen Apostrophe to the heavenly host markiert Willan diesbezüglich einen Höhepunkt. In the heavenly kingdom (B 380) trägt das Datum „Juli 1924“, blieb seinerzeit aber unvollendet. 1979 wurde das Stück von F.R.C. Clarke vollendet, der einfach ein 22-taktiges Alleluia anfügte. Die mächtigen Choreffekte, die Verwendung eines „mystischen Chores“ und einer Hymnenmelodie (Coelites plaudant) zur Vorbereitung der Klimax sind Elemente, die auf die Apostrophe (1921) zurückschauen. Neu ist, dass Willan Elemente der bewussten Hymnenmelodie auch an andern Stellen des Werkes benutzt; sie „reinigt“ mitunter die Harmonik dergestalt, dass die chromatischen Abschnitte einen noch stärkeren Eindruck machen.

1921 ging Willan an die Torontoer Kirche St. Maria Magdalena. Jetzt gewinnt seine Musik ein anderes Aussehen. Nicht länger geht es um die großen Effekte mit den extensiven Stimmteilungen und kühnen Orgelbegleitungen. Intimität und andächtige Kürze werden jetzt das Merkmal seiner a capella-Motetten. Die erste Kollektion in diesem neueren Stil bilden die Six Motets von 1924. O how glorious (B 304) ist ein typisches Beispiel. Zwar gibt es hier noch Anzeichen für die Suche nach einem neuen liturgischen Ausdruck; gleichzeitig aber ist zu sehen, dass jetzt die Worte die Musik antreiben und die klare Kontrapunktik nie die Bedeutung des Textes verschleiert. Das ist ein Palestrina oder besser noch: ein Giovanni Croce des 20. Jahrhunderts. Vier Jahre dauerte es, bis der Komponist von hier aus die nächste Ebene erreichte: Durch delikate Melismatik und eine reichere Harmonik erzeugt er jenes Gefühl des Mystischen und der stillen Ehrfurcht, das die elf sogenannten Liturgical Motets (1928 – 1937) kennzeichnet, deren erste – Preserve us, O Lord (B 310) – den neuen Stil hörbar macht. In O King all glorious (B 311) ist die genaue Übereinstimmung der melodischen Linie und der Textbedeutung sowie der kluge Kontrast kontrapunktischer und blockhaft harmonisierter Abschnitte zu erleben. Die Musik drängt einem Höhepunkt entgegen, auf den eine geheimnisvolle Schlusskadenz folgt. Zu Rise up my love (B 314) ist nur zu sagen, dass es berechtigtermaßen Willans populärstes Chorwerk ist: Die melodische Gestaltung, die sprachliche Akzentuierung, die der Aussage entsprechende Harmonik und der herrliche Schluss – alles ist hier an seinem richtigen Platz.

Willan schrieb auch weiterhin Musik für andere Kirchen als St. Mary. Bei dem 1940 veröffentlichten Christ hath a garden (B 352) handelt es sich wohl um ein Stück für den bescheidenen Chor einer Pfarrkirche: Eine schöne Melodie, eine einfache Orgelbegleitung und ein Hauch des „großen“ Willan in der Mitte (das Markenzeichen ist stets die chromatisch absteigende Bass-Stimme) sowie ein stilles, ruhiges Ende charakterisieren den Satz. Demgegenüber ist Sun of righteousness (B 438) ein Konzertstück für Berufschöre. Hier gibt es einen anspruchsvolleren Text, ausgedehnte divisi, weite Tessituren und eine schwer zu intonierende Chromatik. Diese Passagen erinnern an Frederick Delius, der Willan – wenngleich nicht so sehr in seiner Kirchenmusik – beeinflusst hat. Die Motette Who is she that ascendeth bildet diesbezüglich die berühmte Ausnahme.

Willan schrieb eine Menge recht einfacher Stücke für die lutherische Kirche, darunter etliche Lieder. Aus der späteren Zeit gibt es allerdings eine weit kühnere Sammlung, die dieses Genre ausführlicher erkundet. Die Hymn Anthems on “Ye watchers and ye holy ones” (B 403), Picardy (B 405) und O quanta qualia (B 394) gehorchen alle ungefähr derselben Form: Die Melodie wird auf einfache Weise dargestellt, worauf ein oder zwei Strophen mit kontrastierender Stimmverteilung sowie ein grandios harmonisierter Schlussvers folgen. Zumindest in zwei Fällen zeigen diese „variierten“ Harmonien, wie der Komponist die Schluss-Strophen dieser Lieder auf eigene Weise begleitete. Er schrieb auch ein Hymn Anthem über die Melodie St Osmund (B 449); hier aber erklingt sie ganz einfach zu den Worten „Lord enthroned in heavenly splendour“, für die sie 1927 geschrieben wurde. Es wurde Willans populärste Hymnenmelodie.

Für den 1963 in Toronto veranstalteten Anglikanischen Kongress kehrte Willan mit dem Anthem O praise the Lord (B377) zu seinem „grandiosen Stil“ zurück. Wie zuvor Wesley und Stainer wählte Willan seinen Text aus verschiedenen biblischen Quellen, womit er sich die Möglichkeit struktureller Vielfalt eröffnete. Für Abwechslung sorgen kräftige vierstimmige Chöre, cantus-artige Passagen, eine schöne Melodie der Soprane und ein fugiertes Finale, das auf das Material des Anfangs zurückgeht und sich zu einem schönen, jubilierenden Schluss steigert.

Damit kommen wir zu St Mary Magdalene zurück. Für die dortigen Gottesdienste schrieb Willan zwischen 1928 und 1963 vierzehn Missae breves. Wie der Komponist sagte, entstanden sie alle „mit der Stoppuhr in der Hand“, sind also nie so lang, dass sie den Fortgang der Messe behinderten. Die meisten sind in recht einfacher Vierstimmigkeit gehalten, doch zwei der Stücke gehen ein wenig darüber hinaus und wurden an größeren Festtagen verwendet, ohne die zeitlichen Grenzen, die sich Willan auferlegte, zu überschreiten. In der Missa Brevis Nr. XI (Missa Sancti Johannis Baptistae) (B 226) ist der Sopran weitgehend geteilt; darüber hinaus gibt es in dieser kompliziertesten aller „kurzen Messen“ auch andere divisi. Das Sanctus ist mit den Antworten des hohen und tiefen Quartetts der vielleicht bemerkenswerteste Abschnitt des Werkes. Viele Menschen sehen in diesen Missae breves das eigentliche Wesen der Willan’schen Kirchenmusik. In ihnen bewahrheiten sich auf wunderbare Weise die berühmten Worte, wonach „eine wahre Kirchenmusik schön passe und von passender Schönheit sei.“

Giles Bryant
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

* Anthem = Wechselgesang, Antiphon, Chorkomposition eines Bibeltextes zum Gebrauch im anglikanischen Gottesdienst. Unterschieden werden vor allem das meist a cappella ausgeführte Full Anthem und das Verse Anthem, bei dem die Chorabschnitte mit Versen eines oder mehrerer Solisten abwechseln.

 


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