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8.557746 - CAVALLI: Arias and Duets from Didone, Egisto, Ormindo, Giasone and Calisto
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Francesco Cavalli (1602–1676)
Opernarien und -duette

Der vorliegende Überblick über die Musik von Francesco Cavalli zeichnet notwendigerweise ein gedrängtes, gleichwohl aussagekräftiges Bild der damaligen venezianischen Opernentwicklung und eines ganz spezifischen kompositorischen Talents. Natürlich war Cavalli von Monteverdi beeinflusst, doch er durchtränkte seine Musik mit einem individuellen Stil und besiegelte so die Kunst des späteren 17. Jahrhunderts.

Ganz besonders fällt an Cavallis Musik ihre Singbarkeit auf – eine vor allem in seinen Duetten evidente cantabilità, die jene Sinnlichkeit ausdrückt, die nach der Renaissance in der venezianischen Kunst und Literatur omnipräsent war. Die Oper war in den Accademie entstanden, in Foren künstlerischer und literarischer Debatten und Darbietungen, deren Mitglieder sich von den (mit beträchtlicher moralischer und historischer Freiheit behandelten) Erzählungen der alten römischen Welt und von der griechischen Mythologie inspirieren ließen, mit der man sich in einer Weise auseinandersetzte, die das venezianische Publikum anzog und angenehm erregte.

Die Geschichten, von denen diese frühen Opern erzählen, haben viel mit unseren Seifenopern gemein. Helden erleben die unwahrscheinlichsten Gefahren, werden in zügellose Liebesaffairen verstrickt, in den peinlichsten Situationen ertappt und so weiter – und das nur, damit sich alles flugs in einem eindeutigen Happy End auflöst, das das Publikum von allen Sorgen befreit (das System der Opernstars hatte sich damals noch nicht etabliert). Es gab so etwas wie eine Befreiung von den rein auralen Anspielungen des Madrigals und von den damit verbundenen Schwierigkeiten des Komponierens und der Aufführungspraxis; statt dessen wuchs das Interesse an den visuellen Effekten der Bühnenbilder und Kostüme, die bald schon an der Tagesordnung sein sollten. Die madrigalischen Quartette, Quintette und Sextette gerieten ins Abseits und wurden nur noch als Musik für eine ästhetische Elite betrachtet. An ihre Stelle traten die verständlicheren Duette.

Vielleicht ist das eine Analogie zu unserer Zeit, in der das gesprochene und geschriebene Wort von der Videokratie des Fernsehens ersetzt wurde, deren Kraft heute denselben Eindruck macht wie die Oper im 17. Jahrhundert. Cavalli aber wurde durch einen glücklichen Zufall genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren; sein Genie übertrug sich auf verworrene, verwickelte Liebesgeschichten, stürmische Leidenschaften und Rasereien, die zu vollkommenen ästhetischen und expressiven Symbiosen mit der Musik wurden und sich in meisterhaften Passacaglien ausdrückten.

Einen Aspekt seines Genies zeigt das Lamento, das sowohl als unabhängige kammermusikalische Gattung wie auch als wesentliches Element der Oper diente (vgl. Lamenti Barocchi, Vol. 1-3, Naxos 8.553318-20). Diese Art der Liebeslyrik, in der Schmachten und Wüten einander abwechseln und Reue unmittelbar auf Schmähungen folgt („Was habe ich gesagt? Welch unglückseliges Geschwätz ist dies?“) wurde von historischen Episoden inspiriert und entwickelte sich dann zur Selbstironie semi-seriöser Klagen - so etwa im Lamento des Kastraten mit seinen zwar äußerst unanständigen, historisch aber faszinierenden Details oder der Klage des impotenten Mannes.

All das gibt es in Cavallis Opern. Die Selbstironie findet ihren Ausdruck in eher heiteren Figuren: stotternden Dienern, ältlichen Jungfern im Liebesrausch, wollüstigen Dienerinnen, stets jagdbereiten Satyrn usw. Das Libretto zu Calisto ist in religiöser und sexueller Hinsicht besonders freizügig mit seinen offenkundig lesbischen Szenen zwischen Calisto und Jupiter (der Dianas Gestalt angenommen und sich dabei zugleich von einem Bass in einen Sopran verwandelt hat) oder den Reflexionen des Merkur, der zunächst Calisto ganz offen mit seinem Herrn verkuppelt hat und anschließend Jupiter die Schaffung des freien Willens zum Vorwurf macht.

Von all dem kommt etwas in den nachfolgenden Inhaltsangaben vor. Es ist ferner zu bemerken, dass in den Zusammenfassungen der Originallibretti besonders auf jene Ereignisse hingewiesen wird, die der eigentlichen Opernhandlung voraufgingen, wie man in der Synopsis des Egisto erkennen kann, die Faustini selbst verfasst hat und die ich für die vorliegende Edition übertragen habe.

Die Auszüge auf dieser CD sind fett markiert und mit den Tracknummern in Klammern angegeben.

DIDONE
Handschriftliche Partitur und Libretto in der Biblioteca Marciana, Venedig
Bibl.-Nr. der Partitur: It. IV 355 (=9879), Bibl.-Nr. des Librettos: Dramm. 908.4. Zwei Kopien des Librettos sind erhalten: eine enthält nur die Synopsis (1641, Pietro Miloco), die andere ist vollständig (1656, Andrea Giuliani)

Opera in musica von Giovanni Francesco Busenello, Uraufführung am Teatro San Cassiano, Venedig 1641.

Personen
Iris (Prolog)
Dido, Königin von Karthago / Aeneas, trojanischer Anführer / Anchises, Aeneas’ Vater / Ascanius, Aeneas’ Sohn / Kreusa, Aeneas’ Gemahlin / Jarbas, König von Gaetulien / Anna, Didos Schwester / Kassandra, trojanische Prinzessin / Sychaeus, Didos Gemahl (ein Geist) / Pyrrhos, ein griechischer Anführer / Coroebus, ein mygdonischer Prinz / Sinon, ein Grieche / Illionius, Aeneas’ Gesandter und Gefährte / Achates, Aeneas’ treuer Gefährte / Hekuba, ältliche Gattin des Königs Priamos / Jupiter / Juno / Merkur / Venus / Cupido / Neptun / Aeolus / Fortuna / Die Grazien / Chor karthagischer Mädchen / Chor der Jäger / Chor der Trojaner / Chor der Meernymphen

Der Inhalt
Im Prolog führt Junos Dienerin Iris aus, der Fall Trojas sei die gerechte Strafe für das beleidigende Verhalten des Paris gegenüber ihrer Herrin gewesen. Alsdann schildert der erste Akt das brennende Troja sowie die Flucht des Aeneas mit seinem Vater Anchises und seinem kleinen Sohn Ascanius. Der erste Akt endet, als das trojanische Heer Segel setzt [1].
Der zweite Akt beginnt in der Stadt Karthago, wo Jarbas der Königin Dido, die er leidenschaftlich liebt, einen Heiratsantrag macht. Sie aber weist ihn zurück, da in ihr noch immer die Erinnerung an ihren ersten Gatten Sychaeus glüht. Inzwischen bittet Juno Aeolus, einen Sturm zu entfachen, der die trojanische Flotte zerstören soll. Doch Neptun greift ein; er scheucht die Winde zurück und besänftigt die Elemente [2]. Die Flotte des Aeneas geht an der karthagischen Küste vor Anker, um die Sturmschäden zu beheben. Dido empfängt Illionius, den Gesandten, und Ascanius, den Sohn des Aeneas. Letzterer ist aber in Wirklichkeit Cupido, der mit Hilfe seiner Mutter Venus die Gestalt des Kindes angenommen hat. Sein Pfeil trifft die Königin, worauf diese sich in Aeneas verlieben wird, sobald sie seiner ansichtig wird. Am Ende des zweiten Aktes stürzt Jarbas, wahnsinnig vor Eifersucht, davon.
Zu Beginn des dritten Aktes gesteht Dido ihrer Schwester Anna, dass sie Aeneas liebt. Diese rät ihr, Sychaeus zu vergessen und eine „neue, kostbare Knospe in dem [ihrem] geheimen Garten aufgehen“ zu lassen (novo inesto peregrino / nel segreto tuo giardino). Zu diesem Ende bringt sie in Vorschlag, Dido solle eine Jagd veranstalten, während derer sie sich „mit Freude und Vergnügen / tief in einer Höhle / mit dem trojanischen Helden verwandeln“ könne (nel sen d’un cavo speco / con l’Heroe troiano teco / trasformar in gioie i guai). Derweil hoffen zwei Mädchen, die Didos Leidenschaft erkannt haben, selbst auf Cupidos Vergnügungen. Sie laden Jargas ein, mit ihnen in einer Grotte zu scherzen. Während der Jagd bricht ein Sturm los, vor dem sich Dido und Aeneas in eine Höhle flüchten. Jupiter schickt Merkur zu Aeneas, der Didos Liebhaber geworden ist, und fordert ihn auf, seiner höheren Bestimmung zu folgen. Aeneas ruft seine Leute zusammen und scheidet, nachdem er neben der schlafenden Dido eine Abschiedsklage gesungen hat [3]. Als Dido erwacht, erscheint ihr der Schatten des Sychaeus. Merkur hat Jarbas inzwischen von seinem Wahnsinn geheilt. In einer mächtigen Klage schickt sich Dido eben an, sich zu erstechen [4], als Jarbas eintritt und sie rettet. Als er sich dann seinerseits entleiben will, hält Dido ihn zurück. Endlich gibt sie seinem Liebeswerben nach. Die Oper endet mit einer Arie des Jarbas und einem Duett des neuen Paares [5]

EGISTO
Handschriftliche Partitur und Libretto in der Biblioteca Marciana, Venedig
Bibl.-Nr. der Partitur: It. IV 411 (=9935), Bibl.-Nr. des Librettos: Dramm.911.5
(1641, Pietro Miloco)

Favola dramatica musicale von Giovanni Faustini, Uraufführung am Teatro San Cassiano, Venedig 1643. In einem Prolog und drei Akten

Personen
Prolog: Die Nacht bei Sonnenuntergang, die Morgendämmerung bei Tagesanbruch. Lidio, der Chloris liebt / Chloris, die Lidio liebt / Aegisthus, der Chloris gleichfalls liebt / Clymene, die Lidio liebt / Hipparchus, Clymenes Bruder / Die Wollust / Die Schönheit / Cupido / Venus / Semele / Phaedra / Dido / Hero / Cinea, Hipparchus’ Diener / Apollo / Vier Horen, Gehilfen des Apoll / Die Grazien / Chor der Cupiden, Gefolge der Venus (stumm) / Chor der Heldinnen, die aus Liebe starben / Chor der Diener des Hipparchus / Chor der Diener der Clymene Die Handlung spielt im Frühling auf der Insel Zakynthos im ionischen Meer.

Faustinis eigene Inhaltsangabe
Nacht und Dämmerung bestreiten den Prolog.
Aegisthus ward als Abkömmling des Apollo in Delos geboren. Er liebte Chloris und diese ihn wieder. Venus jedoch hat beide im Zuge eines Streites mit Apollo von Seeräubern fangen lassen. Bei Aufteilung der Beute fiel Chloris an Miciades und Aegisthus an Callia. Miciades verkaufte Chloris an Alchisthenes, einen Edlen von der Insel Zakynthos, während Callia Aegisthus als Sklaven hielt. Einmal auf Zakynthos angekommen, vergaß Chloris den früheren Geliebten und verliebte sich in Lidio, den Herrscher der Insel, der sie seinerseits mehr als sich selbst liebte. Ein Jahr darauf vermochte Aegisthus seinen Ketten zu entfliehen – gemeinsam mit Clymene, einer jungen Edlen von Zakynthos, die selbigen Tags wie er von den nämlichen Seeräubern ergriffen worden und dem Lidio zum Weibe bestimmt gewesen war. Mitleidig über so grausames Los verspricht Aegisthus, sie in ihre Heimat zu geleiten. So setzt er mit Clymene Segel nach Zakynthos, dessen Gestade man sicher erreicht. Hier muss nun Aegisthus feststellen, dass Chloris Lidio liebt [6], und Clymene findet, dass auch Lidio Chloris liebt. Chloris bezichtigt den Aegisthus des Wahnsinns, indessen Lidio Clymene schlicht von sich weist, die darob den ganzen Jammer ihrem Bruder Hipparchus ausschüttet. Dieser schwört Rache. Nachdem er Lidio mit seiner neuen Liebschaft überrascht, attackiert er denselben, bindet ihn an einen Baum und reicht Clymene ein Schwert, auf dass sie ihre Ehre räche. Drauf geht er ab.
Clymene ist voller Wut auf den treulosen Lidio und will ihm das Schwert in die Brust stoßen. Doch ihre Liebe zu ihm überwiegt die Bitterkeit und hält sie zurück. Sie vermag ihm kein Leid zuzufügen und kann doch auch nicht ohne ihn leben, worauf sie in ihrer Verzweiflung sterben will. Venus hatte Cupido inzwischen in die Unterwelt geschickt, um Aegisthus Schaden zuzufügen. Dort aber hatte Apollo den Liebesgott in einem düsteren Myrthenhain aus großer Gefahr gerettet [aus den Fängen nämlich der Ovidischen Heldinnen Semele, Phaedra, Dido und Hero, die beschlossen hatten, sich an Cupido zu rächen]. Die Bedingung für die Rettung ist, dass Cupido feierlich schwört, Chloris und Aegisthus wieder zusammenzubringen. Cupido erreicht das Tageslicht, als Clymene eben ihren Tod bedenkt; er entfacht aufs Neue Lidios Liebe zu ihr, und dieser hindert das unglückliche Mädchen daran, sich zu erdolchen: Liebevoll gesteht er, wieder ganz der ihre zu sein. Aegisthus weiß sich von seiner Geliebten betrogen, fällt nach und nach in ein Delirium und wird schließlich verrückt [7]. Während dieser Raserei setzt Cupido seine Waffen des Mitleids bei Chloris ein, so dass deren Liebe zu Aegisthus wieder erwacht. Apollos Helferinnen, die Horen, bringen Aegisthus wieder zu Verstand und tragen die beiden Liebenden im Wagen der Morgendämmerung durch die Luft von Zakynthos nach Delos. Dergestalt triumphiert man über der Venus Wut..

ORMINDO
Handschriftliche Partitur und Libretto in der Biblioteca Marciana, Venedig
Bibl.-Nr. der Partitur: It. IV 368 (=9892), Bibl.-Nr. des Librettos: Dramm. 912.4
(1644, Francis Miloco)
Favola Regia per musica von Giovanni Faustini, Uraufführung am Teatro San Cassiano,
Venedig 1644.

Personen
Harmonie, die den Prolog ausführt / Ormindo, Hariadenos seit langem verschollener Sohn / Amida, Prinz von Tremisene / Nerillo, Amidas Page / (Verkleidet) Sicle, Prinzessin von Susio [Schottland]; Melide, ihre Aufwartefrau / Erice, ihre Amme / Erisbe, Gemahlin des Hariadeno / Mirinda, ihre Vertraute / Hariadeno, König von Marokko und Fez / Schicksal / Cupido / Fortuna / Die Winde / Osman, Hariadenos Hauptmann / Wache des Arsenals von Ansa / Bote / Chor der Soldaten von Ormindo / Chor der Soldaten von Amida / Chor der mauretanischen Soldaten / Chor von Erisbes Aufwartefrauen

Die Handlung
Im ersten Akt begegnen wir dem mauretanischen Krieger Ormindo und seinem Kameraden Amida. Beide lieben die junge Erisbe, die mit Hariadeno, dem deutlich älteren König von Marokko, vermählt ist. Die beiden Krieger beschließen, Erisbe nacheinander ihre Aufwartung zu machen und ihr die Wahl zu überlassen [8]. Diese ist von beider Worten erfreut, weiß sich aber nicht zwischen ihnen zu entscheiden [9]. Beide Freier nehmen von ihr Abschied [10]. Der Page Nerillo beklagt, dass Liebe aus Männern Narren macht. Auf der Suche nach ihrem Geliebten Amida erscheint Sicle, in Zigeunerkleider gewandet, in Gesellschaft ihrer Amme Erice. Die beiden bieten Nerillo an, ihm aus der Hand zu lesen. Erisbe beweint derweil ihr Los als Gattin eines alten Mannes, der ihr nichts als „fade Küsse“ (sciapiti baci) zu bieten hat. Ihre Aufwartefrau Mirinda meint, es gehöre sich nicht, „goldene Zöpfe und Silberlocken“ miteinander zu verbinden ([non] si conviene in vero/congiunger treccia d’oro a crin d’argento). Am Ende des Aufzugs gibt das Schicksal Cupido den Befehl, Amida und Sicle wieder miteinander zu vereinen.
Der zweite Akt beginnt mit einer Liebesszene zwischen Amida und Erisbe. Sicle, Erice und Melide erscheinen – noch immer in ihrer Verkleidung – und bieten den beiden vorigen an, ihnen die Zukunft zu prophezeien. Dann lesen sie erst Amida und dann Erisbe aus der Hand. Erice überredet Amida, sie in einer Höhle aufzusuchen, wo sie eine magische Weissagungszeremonie abhalten wolle. Inzwischen erklärt Ormindo, dass er abreisen werde, da er einen Brief erhalten habe, in dem seine Mutter ihn bittet, ihr gegen den König von Algerien beizustehen, der Tunis belagert. Erisbe beschließt, sich mit ihm davonzumachen. Darauf befiehlt Fortuna den Winden, das Schiff der flüchtigen Liebenden wieder an Land zu treiben.
Zu Beginn des dritten Aktes richten Sicle, Melide und Erice die Höhle für das magische Ritual her, das sie Amida versprochen haben. Dabei wollen sie ihre wirkliche Identität enthüllen. Während der Zeremonie tritt Sicle vor Amida hin und bittet ihn, sie zu berühren, damit er sehe, dass sie kein Geist, sondern ein wirklicher Mensch ist. Die beiden versöhnen sich. Inzwischen hat Hariadeno seinem Hauptmann Osman die Verfolgung Erisbes und Ormindos befohlen. Ein Bote bringt die Nachricht, dass die Flüchtigen gefangen seien. Mit stockender Stimme erklärt der König, dass die beiden vergiftet werden sollen. Osman wird mit der Aufgabe der Hinrichtung betraut, doch Mirinda verspricht, ihn zu heiraten, sollte er das Gift mit einem Schlaftrunk vertauschen. Ormindo und Erisbe trinken den Trank und fühlen, wie sie nach und nach der Schlaf überkommt [11]. Da erhält Hariadeno einen Brief, aus dem hervorgeht, dass Ormindo sein lange verschollener Sohn ist. Er wird von Reue gepackt, doch dann enthüllt ihm Osman, dass er beiden nur ein Schlafmittel verabreicht hat. Die beiden Liebenden erwachen. Ormindo bittet seinen Vater um Vergebung [12]. Schlussduett zwischen Ormindo und Erisbe [13]

GIASONE
Handschriftliche Partitur und Libretto in der Biblioteca Marciana, Venedig
Bibl.-Nr. der Partitur: It. IV 363 (=9887), Bibl.-Nr. des Librettos: Dramm. 916.3
(1649,50,54, Giacomo Batti)

Drama per musica von Giacinto Andrea Cicognini, Uraufführung am Teatro San Cassiano, Venedig 1649 und 1666. In drei Akten.

Personen
Jason, Führer der Argonauten / Herkules, einer der Argonauten / Bessus, Hauptmann von Jason / Hypsipyle, Königin von Lemnos / Orestes, ihr Vertrauter / Alinda, Aufwartefrau / Medea, Königin von Kolchis / Delpha, ihre Amme / Rosmina, ein Gärtner / Aegeus, König von Athen / Demos, ein Diener / Apollo / Cupido / Jupiter / Aeolus / Zephyr / Chor der Götter / Chor der Winde / Chor der Geister / Volpano, ein Höllengeist / Chor der Argonauten / Chor der Soldaten / Chor der Seeleute
Die Handlung spielt teils auf der Insel Kolchis, teils an der Küste des Schwarzen Meeres.

Der Inhalt
Prolog: Apollo und Cupido.
Zu Beginn des ersten Aktes beschreibt Jason die Freude und das Vergnügen, die er bei der nächtlichen Begegnung mit einer unbekannten Geliebten empfand [14]. Herkules rügt, dass er vergaß, was seine Aufgabe ist: das Goldene Vlies zu finden. Die Zauberin Medea weist die Avancen des Aegeus ab. Dieser geht niedergeschlagen davon. Orest erscheint. Hypsipyle hat ihn geschickt, für sie ihren Gemahl Jason, den Vater der gemeinsamen Zwillingssöhne, aufzuspüren. Der Diener Demos hält ihn auf und fordert ihn stotternd zum Zweikampf [15]. Es folgt ein Intermezzo der Delpha, Medeas nicht mehr ganz junger Dienerin, die davon träumt, einen Geliebten zu finden. Medea begegnet Jason und macht ihm weis, die heimliche Geliebte der Nacht sei Delpha gewesen. Dann gesteht sie allerdings, dass sie selbst die fragliche Frau gewesen sei. Hypsipyle erreicht die Küste von Kolchis. Der Aufzug endet mit einem Zauberspruch der Medea. Zu Beginn des zweiten Aktes nähert sich Orest Hypsipyle, die jetzt schläft und von Jasons Küssen träumt, nachdem sie eben mit ihrer Dienerin Alinda gelandet ist. Orest will diese Situation zu seinem Vorteil nutzen, doch Hypsipyle erwacht beizeiten. Inzwischen gibt Medea Jason einen Ring, der einen „kriegerischen Kobold“ (guerriero folletto) enthält. Dieser wird ihm helfen, den Stier zu überwinden, der das Goldene Vlies bewacht. Medea und Jason singen ein Liebesduett [16]. Jason kämpft gegen den Stier und kehrt als Sieger heim. Demos entdeckt Medeas und Jasons Intrige und erzählt Aegeus davon. Inzwischen unterrichtet Orestes Jason von Hypsipyles Ankunft, und Jason beschwichtigt die eifersüchtige Medea mit der Bemerkung, dass Hypsipyle eine Verrückte sei. Die beiden Frauen treffen aufeinander und streiten sich.
Der dritte Akt beginnt mit einem komischen Duett von Orestes und Delpha. Medea bittet Jason, Hypsipyle zu ermorden, und Bessus wird mit dieser Aufgabe betraut. Im Tale von Orseno trifft Bessus auf Medea, die er fälschlicherweise für Hypsipyle hält. Er bringt sie aber nicht selbst um, sondern wirft sie ins Meer, wo sie von ihrem abgewiesenen Freier Aegeus gerettet wird. Jason ist wütend auf Bessus, weil dieser versagt hat. Den schlafenden Jason will Aegeus töten, doch er wird von Hypsipyle daran gehindert. Jason nimmt freilich an, dass ihn seine Gattin ermorden wollte. Er schmäht sie, worauf sie ihrerseits ein Lamento singt, in dem sie sich zu opfern bereit ist [17]. Jason ist gerührt und versöhnt sich mit ihr, während auch Medea und Aegeus vereint werden. In einem abschließenden Duett wünschen Hypsipyle und Medea einander eine glückliche Zukunft. [18].

CALISTO
Handschriftliche Partitur und Libretto in der Biblioteca Marciana, Venedig
Bibl.-Nr. der Partitur: It. IV 353 (=9877), Bibl.-Nr. des Librettos: Dramm. 918.5
(Giuliani, Dem höchst berühmten Signor Marc’Angelo Corraro gewidmet)
Drama per musica von Giovanni Faustini, Favola Decima, Uraufführung am Teatro San Apollinare, Venedig 1651

Personen
Natur / Ewigkeit / Schicksal / Jupiter / Merkur / Calisto, eine Jungfrau der Diana, Tochter des Königs Lycaon von Pelasgia / Endymion, ein Schäfer, der Diana (den Mond) liebt / Diana, die Endymion liebt / Lymphea, eine aus Dianas Gefolge / Ein Satyr / Pan, Gott der Schäfer / Silvanus, Gott der Wälder / Juno / Die Furien / Chor der himmlischen Geister / Chor der Nymphen / Dianas Bogenschützen
Die Handlung spielt in Pelasgia auf dem Peloponnes, von Arcas, dem Sohn des Jupiter und der Calisto, später Arkadien benannt.

Der Inhalt
Der Prolog stellt Natur, Ewigkeit und Schicksal vor.
Zu Beginn des ersten Aktes sehen wir Jupiter und Merkur, die auf die Erde gekommen sind, um den Schaden in Augenschein zu nehmen, den das bei Phaetons Sturz ausgebrochene Feuer verursacht hat.
Jupiter sieht Calisto und ist von ihr betört, doch die Nymphe widersteht seinem Buhlen. Merkur empfiehlt, er solle die Gestalt seiner Tochter Diana annehmen (worauf aus dem Bass ein Sopran wird). Auf diese Weise kann er mit Calisto in einer Höhle im tiefen Wald verschwinden. Inzwischen durchstreifen Diana und Lymphea den Wald. Die Göttin bedauert, dass das von dem furchtbaren Feuer entsetzte Wild sich noch immer versteckt. Sie erblickt Endymion, der ihr gesteht, dass er verliebt sei. Bevor er aber ausführen kann, dass Diana selbst das Objekt seiner Begierde ist, wird er von Lymphea davongejagt – sehr zu Dianas Enttäuschung, die ihn wiederliebt. Calisto sieht Diana und bittet sie um weitere Küsse und Zärtlichkeiten, doch Diana, die ja nicht wissen kann, dass Jupiter ihre äußere Erscheinung angenommen hatte, schickt Calisto wütend davon [19], worauf diese ein Lamento singt [20]. Lymphea bleibt allein zurück und erklärt, sie wolle nicht als Jungfrau sterben, und ein Mann sei doch eine „süße Angelegenheit“ (l’huomo è una dolce cosa). Ein Satyr erscheint und bietet ihr seinen Trost an, doch Lymphea widersetzt sich und empfiehlt ihm, bei der Viehherde seine Liebe zu finden (ne le mandre ad amar va). Der Akt endet mit einem Trio von Satyrn: Pan beklagt, wie gleichgültig Diana ihm gegenüber sei, wird aber von Silvanus und dem andern Satyr getröstet, der verspricht, für ihn die Göttin auszuforschen. Es folgt ein Ballett für sechs Bären.
Im zweiten Akt finden wir Endymion auf dem Berg Lycaeum, wo er den aufgehenden Mond (Diana) betrachtet und eine Klage singt [21]. Plötzlich übermannt ihn der Schlaf. Diana hat ihn während ihrer Jagd beobachtet und tritt nun näher. Der schlafende Endymion umarmt sie, und sie verharrt bewegungslos, um ihn nicht aufzuwecken. Schließlich wacht er auf, und die beiden gestehen einander ihre Liebe. Der Satyr hat diese Szene beobachtet und stürzt davon, alles an Pan zu berichten. Inzwischen sucht Juno auf der Ebene von Erymanthus nach Jupiter. Dort läuft ihr Calisto über den Weg. Sie erzählt, wie sie von Diana davongejagt worden sei, nachdem diese sie zunächst geküsst und behandelt habe, als sei sie „der Buhle, der Gemahl“ (come se stata fossi il vago, il sposo). Juno will wissen, ob es außer den Küssen noch mehr gegeben habe, und Calisto erwidert, es sei da noch „so etwas Süßes gewesen, das nicht zu beschreiben ist“ (un certo dolce che dir non tel saprei). Juno erkennt sogleich, dass Jupiter sie betrogen hat, in dem er Calisto in Dianas Gestalt verführte. Sie tadelt Merkur. Dann tut sie so, als glaube sie, dass Jupiter wieder auf dem Olymp sei und sie die echte Diana vor sich habe. Sie geht ab, und Endymion tritt auf, der gleichermaßen von der falschen Diana zum Narren gehalten wird. Jetzt treten die Satyrn auf, und der eifersüchtige Pan greift Endymion an. Auch Lymphea erscheint, und die Satyrn wollen sie gefangen nehmen. Als sie um Hilfe schreit, tauchen zwei Nymphen auf, und der Akt endet mit einem Kampf zwischen Nymphen und Satyrn.
Der dritte Akt beginnt mit einer Klage der Calisto: Juno hat die Furien aufgefordert, die Nymphe in eine Bärin zu verwandeln. Jupiter tritt in seiner eigenen Gestalt mit Merkur auf. Zwar kann er Junos Tat nicht zurücknehmen, doch vermag er Calisto zu trösten: Er nimmt sie vor ihrer Transformation mit in den Himmel empor, damit sie die Schönheiten der Gefilde sehe, wo sie am Ende leben wird. Inzwischen befreit Diana Endymion, und beide singen ein Liebesduett [22]. Die Oper endet damit, dass Calisto wieder herabkommt, um unter dem Schutze Merkurs ihre irdische Strafe als Bärin abzuleisten, bis für sie die Zeit kommt, als Sternbild in den Himmel zurückzukehren [23].

Sergio Vartolo
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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