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8.557753 - ENGLISH STRING MINIATURES, Vol. 6
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Englische Miniaturen für Streicher, Folge 6

Gustav Holst (1874–1934) war in seiner Jugend professioneller Posaunist. Da lag es nahe, dass er gern für Blasinstrumente komponierte und Werke wie die beiden Bläsersuiten oder A Moorside Suite für Blechbläser schuf. In den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden viele der führenden britischen Komponisten wie Elgar gebeten, Musik für Blaskapelle zu schreiben, ohne dass sie über spezifische Kenntnisse im Umgang mit dieser Besetzung verfügt hätten. Sie dürften viele Stücke im Particell geschrieben haben, während die genaue Instrumentierung von fremder Hand vorgenommen wurde. Man darf also annehmen, dass Holst bei der Komposition dieser Suite nicht unbedingt Blechbläser im Sinn hatte. Und tatsächlich brachte er einige Jahre, nachdem das Werk bei den National Championships von 1928 vorgestellt worden war, eine Streicherfassung für das Jugendorchester der St. Paul’s Mädchenschule im Londoner Hammersmith heraus. Obwohl Holst für die jungen Musikerinnen einige virtuose Momente geglättet hatte, erwies sich auch die abgemilderte Version für sie als zu vertrackt, weshalb er ihnen die Brook Green Suite schrieb. Ich habe die vorliegende Fassung direkt nach der Blechbläser-Partitur hergestellt. Erst dann erfuhr ich, dass die Ecksätze in Holsts Bearbeitung existieren – das zentrale Nocturne wurde in den sechziger Jahren unter der Leitung seiner Tochter Imogen aufgenommen. Die vorliegende Fassung ist extravaganter und technisch anspruchsvoller als Holsts eigene Bearbeitung, hält sich aber genau an die originale Musik.

Henry Purcells (1659–1695) Chaconne in g-moll ist ein Klassiker ihrer Art, eine Folge von achtzehn Variationen über einen achttaktigen Grundbass mit wechselnden Rhythmen und Harmonien. Die Ursprünge des Werks sind nicht wirklich bekannt, man nimmt aber an, dass es für ein Theaterstück tragischen Inhalts entstanden ist. Benjamin Britten (1913–1976) mochte das Stück so sehr, dass er davon eine Fassung für Streichorchester herstellte, in der er – ohne den Notentext zu ändern – eine überzeugende dynamische Struktur sowie einen konsistenten Aufbau der punktierten Rhythmen und Stimmführungen fand.

Paul Lewis (geb. 1943) vermied die Formalitäten der Universität und der Musikschule, um bereits mit zwanzig Jahren für das Fernsehen zu arbeiten – zunächst im administrativen Bereich, dann als Komponist zahlreicher Sendungen wie Arthur of the Britons und den Kinder-Klassiker Woof!Als er die hier eingespielte Miniatur schrieb, um sich über den Abschied von einer geliebten Person hinwegzutrösten, ging in seinem Garten eine Blüte seiner Lieblingsrose auf – die einzige in jenem Jahr.

Den Namen Adam Carse (1878–1958) findet man auf Dutzenden von Streicherwerken für junge Musiker, die allesamt im Rahmen klar definierter technischer Voraussetzungen geschrieben und für die Spieler ebenso interessant sind wie für die Hörer – was nicht überrascht angesichts eines Komponisten, für den die Streichinstrumente beinahe so etwas wie die Erweiterung seiner selbst waren. Carse wurde in Newcastle geboren und studierte an der Royal Academy of Music in London sowie in Deutschland. Später wurde er Professor für Harmonielehre und Kontrapunkt an der Royal Academy, außerdem unterrichtete er am Winchester College. Der Name Winton im Titel der vorliegenden Suite bezieht sich auf die Kathedral-Stadt Winchester: Die Musik schaut bisweilen liebevoll auf die klaren Linien des Barock zurück, wobei verschiedene Satzüberschriften sogar auf die Tanzformen des 18. Jahrhunderts anspielen. Im vierten Satz, Song, gibt es konzertante Partien für Violine und Violoncello, die an die Form des Concerto grosso erinnern und deren quasi religioso-Charakter zweifellos durch die vielen Spaziergänge in der Umgebung der Kathedrale zustande kam.

Das Schaffen von Peter Warlock (1894–1930) – unter diesem Namen komponierte der Musikwissenschaftler Philip Heseltine – besteht aus einigen bescheidenen Orchesterwerken, darunter die allgegenwärtige Capriol Suite, sowie vor allem aus Vokalwerken. Dazu gehören verschiedene Weihnachtslieder, die im Repertoire von Solisten und Chören einen festen Platz eingenommen haben. Ganz besonders ist hier Bethlehem Down zu nennen. Die Idee dazu kam Bruce Blunt, dem Verfasser des Textes, Ende 1927 bei einer Kneipentour, die ihn und Warlock vom Plough in Bishop’s Sutton bis zum Anchor in Ropley im Süden der Grafschaft Hampshire führte. Blunt schickte Warlock den Text, der ihn sogleich vertonte und nach einigen Tagen an den Daily Telegraph sandte, der das Carol in der Ausgabe vom Heiligen Abend nach dem Manuskript des Komponisten veröffentlichte. Das weitere Unternehmen wurde während der anschließenden Ferien verhandelt. Ich habe in meiner Streicherfassung die ursprünglichen vier Strophen auf fünf erweitert und mich dabei bemüht, das Stück für Streicher ebenso wirkungsvoll zu gestalten wie die originale Chorfassung. Innerhalb der Verse wurden keinerlei harmonische Änderungen vorgenommen – wenngleich die „Strophen“ 3 bis 5 die Tonart wechseln –, doch wurde natürlich aus strukturellen Gründen die Stimmführung geändert.

Paul Carr wurde in Cornwall als Sohn angloaustralischer Eltern geboren und studierte an der Guildhall School of Music and Drama, um anschließend als Opernintendant Karriere zu machen. Seit 1998 hat er diese Arbeit eingeschränkt, um sich auf das Komponieren zu konzentrieren: Es entstanden mehrere Film- und Fernsehmusiken sowie Werke für den Konzertsaal. A Very English Music ist ein Loblied auf England und seine Lebensart. Cuckmere Haven liegt an der Küste von Sussex; von hier aus sieht man Beachy Head und die Seven Sisters. In der Cornish Air erinnert sich der Komponist an seinen Geburtsort, während das Finale eine Jagd darstellt, die am 2. Weihnachtsfeiertag in Laycock, einem Dorf in Yorkshire, stattfindet: Man „sieht“ die Anhänger und Gegner, die Jäger – und vielleicht sogar den seltsamen Fuchs.

William Lloyd Webber (1914–1982) wurde in London geboren und studierte am Royal College of Music, wo er von Ralph Vaughan Williams im Fach Komposition unterwiesen wurde. Den größten Teil seines Lebens wirkte er als Kirchenmusiker, doch schrieb er auch eine Reihe nichtliturgischer Werke, von denen einige zumindest in stilistischer Hinsicht hart an der Grenze des Kommerziellen stehen. Der charmante Walzer e-moll ist ein Gefährte des Lento für Streicher aus demselben Jahr.

Lionel Sainsbury (geb. 1958) wurde in Wiltshire geboren und studierte bei Patric Standford an der Guildhall School. Seine Musik, in der Werke für Klavier und für Streicher dominieren, wird häufig gespielt. Beim Three Choirs Festival des Jahres 2002 erlebte sein Violinkonzert eine erfolgreiche Uraufführung. Die beiden Nocturnes sind sehr introvertiert: Die düster brütende Chromatik des ersten Satzes kontrastiert mit dem eher lyrischen Charakter des zweiten.

Malcolm Lipkin (geb. 1951) wurde in Liverpool geboren. Er studierte Klavier und Komposition – letzteres bei Bernard Stevens und Mátyás Seiber. Seine Ausbildung beendete er mit einem Doktorat der Londoner Universität. Er hat drei Symphonien, ein Oboenkonzert und viel Kammermusik geschrieben. Seine Suite From Across La Manche entstand im Auftrag des Primavera Chamber Orchestra und wurde zunächst in Nordfrankreich aufgeführt. Im wesentlichen handelt es sich dabei um eine Huldigung an Europa – ein spirituelles Treffen, in dem man die Symbole verschiedener musikalischer Kulturen hört. So ist die Overture fröhlich und von rhythmischer Kraft, während die nachfolgende Ballade nachdenklich beginnt, dann einen Höhepunkt erreicht und von diesem wieder zum Anfang zurückführt. Das Dance-Finale zitiert einen Takt aus Vivaldis Vier Jahreszeiten; der Rhythmus ist derjenige der polnischen Mazurka und liefert eine rhythmische Zelle, die den gesamten Satz durchzieht.

Philip Lane
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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