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8.557761 - PICHL: Symphonies
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Wenzel Pichl (1741–1805)
Symphonien

 

Wenzel Pichl gehört zu dem kleinen, aber feinen Kreis von Komponisten des 18. Jahrhunderts, deren Ausbildung sich nicht auf den musikalischen Bereich beschränkte. Nachdem ihm Jan Pokorný, der Kantor seines Geburtsortes Bechin bei Tábor in Böhmen (Bechyně/Tschechien), seinen ersten Musikunterricht erteilt hatte, besuchte er zunächst das Jesuiten-Kolleg von Březnice, wo er sich als Sänger betätigte; später studierte er dann Philosophie, Theologie und Jura an der Universität von Prag. Über Pichls frühe Tätigkeit ist wenig bekannt; sein Name taucht allerdings 1760 in einem Choristen-Verzeichnis des Wiener Burgtheaters auf. Zwei Jahre später wurde er als erster Geiger an der Kirche von Týn angestellt, während er weiterhin Kontrapunktstudien bei dem Organisten Josef Ferdinand Seger (1716–1782) betrieb. Den wichtigsten Posten seiner frühen Jahre erhielt Pichl 1765: Carl Ditters (von Dittersdorf, 1773 geadelt), den er wohl während seiner Zeit als Sänger am Wiener Burgtheater kennen gelernt hatte, verpflichtete ihn als Geiger und stellvertretenden Leiter des Privatorchesters, das Bischof Adam Patachich in Großwardein (seinerzeit zu Ungarn, heute als Oradea zu Rumänien gehörig) unterhielt. Ditters und Pichl waren beinahe gleichaltrig, hatten ähnlich breit gefächerte Interessen und schlossen eine enge Freundschaft. Es ist kaum zu bezweifeln, dass Ditters auf Pichls kompositorische Entwicklung beträchtlichen Einfluss hatte. Nach Auflösung des Orchester im Jahre 1769 ging Pichl nach Prag, wo er als Musikdirektor unter Ludwig Graf Hartig diente. Im Jahr darauf wurde er als Erster Geiger ans Orchester des Wiener Kärntnertortheaters berufen, wie Dittersdorf in seiner Autobiographie berichtet:

Da nun glücklicherweise die erste Violinistenstelle bei dem deutschen Theater vakant wurde, so gab er sie ihm. Sie trug nur 450 Fl. ein, aber Pichel nahm sie in seiner Lage mit Freuden an. Sie beschäftigte ihn nur des Abends, und also hatte er den ganzen Tag frei und konnte Scholaren gut abwarten, und so hatte ich das Glück, meinen lieben Busenfreund mit einem Einkommen von sichern 1050 Gulden jährlich versorgt und hinlänglich geborgen zu wissen.

Pichl machte in Wien Eindruck. So wurde er 1777 auf Empfehlung der Kaiserin Maria Theresia Musikdirektor und Kammerdiener von Erzherzog Ferdinando d’Este, österreichischer Gouverneur in der Lombardei. Alsbald ging Pichl nach Italien, wo er bis 1796 blieb. Dann fielen die Franzosen in die Lombardei ein und zwangen ihn zur Rückkehr nach Wien. Während seines Aufenthalts in Italien bereiste er alle wichtigen Musikzentren. Kontakte unterhielt er unter anderem zu Padre Martini und Luigi Cherubini; er wurde Mitglied der Filarmonici von Mantua (1779) und Bologna (1782) und wirkte einige Zeit als Musikdirektor am Theater von Monza. Pichl könnte zudem, wie man vermutet, in Mailand als musikalischer Verwalter des Fürsten Nikolaus II. von Esterházy gearbeitet haben. In jedem Fall wurden seine eigenen Werke unter Haydns Direktion in Eszterháza gespielt. Seit 1706 war Pichl wieder in Wien, wo er weiterhin für den Erzherzog arbeitete. Als Geiger wirkte er buchstäblich bis zu seinem Tod: Am 23. Januar 1805 erlitt er einen tödlichen Schlaganfall, als er gerade im Palais des Fürsten Lobkowitz zu Wien ein Violinkonzert aufführte.

Pichls Bildung und weitreichende Interessen zeigen sich sowohl in seinen Kompositionen als auch in seinen Schriften. In Großwardein verfasste er während der sechziger Jahre lateinische Texte, die Ditters und er selbst in Musik setzten. Später stellte er in Italien eine Geschichte der böhmischen Musik zusammen. Außerdem übersetzte er Mozarts Zauberflöte ins Tschechische. Das detaillierte Werkverzeichnis, das Pichl für Dlabač’s Künstler-Lexikon (1802) erstellte, beläuft sich auf rund neunhundert Stücke, von denen die Mehrzahl erhalten, wenn auch noch nicht ausgewertet ist.

Die Symphonien, die Pichl von der Mitte der sechziger Jahre bis kurz vor seinen Tode komponierte, ähneln in vieler Hinsicht denjenigen von Dittersdorf. Aufgrund ihrer stilistischen Ähnlichkeiten entstand sogar eine Parodie namens Sinfonia da Pichl als Ditters, für die der Verlag Breitkopf 1773 Reklame machte. Beide Komponisten teilten das Interesse an Themen aus der klassischen Mythologie für ihre Musik. Die bekanntesten Werke dieser Art sind Dittersdorfs „Ovid-Symphonien“, die er in den achtziger Jahren nach einem kunstvollen Plan komponierte und die ursprünglich mit den dazugehörigen Stichen veröffentlicht wurden. Die sechs erhaltenen Symphonien und die Arrangements der drei „verlorenen“ Werke für vierhändiges Klavier sind brillante Versuche des illustrativen Komponierens, und wir können uns doppelt glücklich schätzen, dass Dittersdorfs Kommentare und Programme zu diesen Werken überliefert sind. Pichls „klassischen“ Symphonien fehlen derlei Informationen, doch ist es höchst unwahrscheinlich, dass sie als programmatische Symphonien oder gar deskriptive Werke gedacht waren; sie wurden offenbar als absolute Musik konzipiert. Die Symphonien, die Pichl nach den Musen benannt hat, stammen aus seiner frühen Schaffenszeit. Terpsichore (veschollen), Euterpeund Urania entstanden bis 1764 und erschienen im Breitkopf-Katalog von 1769; Clio, Melpomene, Calliope, Thaliaund Polyhymnia datieren von etwa 1768/69, und etliche dieser Werke fanden ihren Weg in den Breitkopf-Katalog sowie in das problematische Quartbuch aus der Zeit um 1775. Erato wurde entweder nie komponiert – was bei dem Bezug dieser Muse zur Leier kaum anzunehmen ist –, oder ist nicht erhalten. In derselben Phase schuf Pichl außerdem Symphonien, die nach Diana, Apollo, Pallas, Flora, Saturn und Mars benannt sind.

Dass Pichl die neun Musen als Thema für eine Gruppe von Symphonien erkor, lag angesichts seiner Erziehung auf der Hand. Weniger erklärlich ist freilich die Tatsache, dass die Werke an sich kaum irgendwelche Verbindungen zu ihrem jeweiligen Gegenstand erkennen lassen. Die älteste und hervorragendste der neun ist Kalliope, die Mutter des Orpheus. Sie ist die Muse der Redekunst und der epischen oder heroischen Dichtung. Ihre Symphonie weist von allen „klassischen“ Werken Pichls die größte Besetzung auf: Nur Mars ist, wie nicht anders zu erwarten, mit Flöten, Oboen, Fagotten, Hörnern, Trompeten, Pauken und Streichern noch kraftvoller instrumentiert. Dem orchestralen Gewicht und der mächtigen langsamen Einleitung des Kopfsatzes – es ist die erste Symphonie, die Pichl so beginnen lässt – verdankt das Werk eine gewisse heroische Qualität. Die Symphonie, die Melpomene, der Muse der tragischen Dichtung, gewidmet ist, überzeugt als musikalisches Portrait noch weniger. Zwar besitzt das Werk ohne Frage einen gewissen kraftvollen Schwung; gleichwohl muss bezweifelt werden, ob es sich bei den einzelnen Sätzen um die musikalische Schilderung tragischer Vorkommnisse handelt. Dasselbe ließe sich von Clio sagen, der Muse der Geschichte – wobei der gelehrte Kontrapunkt des herrlichen kanonischen Andante wohl die Bilder der Vergangenheit beschwören sollte. Wie die nach den Musen benannten Symphonien, so ist auch Diana keinesweg illustrativ gemeint. Pichl hat auf sämtliche vordergründigen Kniffe – beispielsweise prominente Hornrufe oder Jagdsätze – verzichtet, um die jungfräuliche Göttin der Jagd zu schildern, und vielmehr Sorgfalt auf eine möglichst abstrakte Gestaltung des Werkes verwandt. Angesichts des seltsamen Mangels an programmatischen Dimensionen könnte man schließen, dass die Titel gar nicht vom Komponisten stammen. Da sie jedoch in verschiedenen Quellen überliefert sind und auch andere Hinweise dafür sprechen, ist wohl anzunehmen, dass sie authentisch sind; dann könnte die Antwort womöglich in dem ursprünglichen Zweck zu finden sein, für den die Werke geschrieben wurden – dieser jedoch ist wohl nicht mehr zu ermitteln.

Pichls Symphonien zeigen uns einen Komponisten, der sowohl mit einer exzellenten Technik als auch beträchtlichem dramatischen Instinkt gesegnet war. Die Ecksätze der Symphonien sind thematisch kühn, erfüllt von energischer Entschlossenheit und sehr wirkungsvoll in der Nutzung ihrer orchestralen Mittel. Die langsamen Sätze und Menuette sind gleichermaßen beeindruckend: Das kanonische Andante in Clio, das bereits erwähnt wurde, gehört in einer Symphonie der 1760er Jahre keineswegs zu den Standarderscheinungen. In seiner Autobiographie schreibt Adalbert Gyrowetz (1763–1850), dass Pichl als einer der hervorragendsten europäischen Komponisten seiner Zeit galt. Seine Symphonien sollten zweifellos neben denen von Vaňhal und Dittersdorf zu den gelungensten Werken ihrer Zeit gerechnet werden.

Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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