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8.557768 - Salon Orchestra Favourites, Vol. 4: German Hit Songs of the 1930s
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Lieblingsstücke für Salonorchester, Folge 4
Sternstunden der Unterhaltungsmusik trotz schwieriger Zeiten

Die deutsche Geschichte der 1930er Jahre hat viele traurige und düstere Kapitel, von der Weltwirtschaftskrise zu Beginn bis hin zur Entfesselung des Zweiten Weltkriegs am Ende. Und doch: In einer solchen Zeit der Krisen und Katastrophen entstand Unterhaltungsmusik, die weltweite Geltung errang und bis heute bestehen kann. Besondere Glanzlichter setzten dabei Werner Richard Heymann, Peter Kreuder und Gerhard Winkler.

Letztlich war es Zufall, dass die Einführung des Tonfilms im Wesentlichen mit der Weltwirtschaftskrise zusammenfiel. Die damals noch relativ kleine Filmgesellschaft der Warner-Brüder hatte 1926/27 die ersten Tonfilme auf den Markt gebracht, um den drohenden Konkurs abzuwenden. Angesichts ihres Erfolgs musste die Konkurrenz nachziehen, ob sie wollte oder nicht. 1929 erschienen die ersten Tonfilme auch in Deutschland. Werner Richard Heymann eroberte sich als einer der ersten dieses neue Feld im Dienste der Ufa, des wichtgsten deutschen Filmkonzerns, und gleich als der Erfolgreichste dazu. Bereits 1930 schrieb Heymann seine wahrscheinlich berühmtesten Evergreens für Die Drei von der Tankstelle, darunter Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen. Dann folgten Schlager für Liebeswalzer, Der Kongress tanzt, Ein blonder Traum (1932, Irgendwo auf der Welt) und Der Sieger (1932, Es führt kein anderer Weg zur Seligkeit).

In schneller Folge entstand die Musik für 15 Filme, und fast immer lagen ihr Texte von Robert Gilbert (1899-1978) zugrunde, dem auch als Komponisten erfolgreichen Sohn Jean Gilberts. 1933 war in Deutschland jedoch kein Platz mehr für Heymann / Gilbert. Der nationalsozialistische Rassenwahn vertrieb das Erfolgsduo wegen seiner jüdischen Abstammung. Beide emigrierten und gelangten über Umwege nach Hollywood. Bis 1950 komponierte Heymann dort 44 Filmmusiken; am bekanntesten wurde sicherlich die zu Ernst Lubitschs Ninotschka (1939) mit Greta Garbo in der Titelrolle. 1950 kehrte Heymann nach Deutschland zurück. Mit seinen danach entstandenen Kompositionen konnte er jedoch nicht mehr an die alten Erfolge anknüpfen.

Eine der schillerndsten Gestalten des Genres ist sicherlich Peter Kreuder – Wunderkind, Komponist mit unerschöpflichem Einfallsreichtum und weltbekannter Pianist. Wohin man auch schaut in seiner Biographie: immer nur Herausragendes und Superlative. Schon mit sechs Jahren gab er sein erstes öffentliches Konzert im Gürzenich in Köln und mit 13 trat er seine erste Stelle als Korrepetitor am Hamburger Stadttheater an. Danach verlief sein Leben zweigleisig: Auf der einen Seite brillierte er in mehr als 4.000 Konzerten in 39 Ländern und hinterließ mehr als 2.000 Schallplatteneinspielungen; auf der anderen Seite schuf seine musikalische Kreativität eine Oper, mehrere Operetten und Musicals, die Untermalung von 188 Filmen sowie Hunderte von Schlagern.

Peter Kreuder lebte für seine Musik, auch wenn sie seit 1933 von den Nationalsozialisten in Dienst genommen wurde. Zumeist waren es recht harmlose Filmchen, denen seine Evergreens zu mehr Glanz verhalfen. Sag beim Abschied leise Servus beispielsweise entstammt dem 1936 uraufgeführten Film Burgtheater und Für eine Nacht voller Seligkeit war Teil des 1940 mit Marika Rökk gedrehten Streifens Kora Terry. Politisch festlegen ließ er sich nicht: 1935 schrieb er die Musik zu Leni Riefenstahls zweitem NSDAP-Parteitagsfilm Tag der Freiheit – Unsere Wehrmacht, 1937 nahm er dagegen in Paris Musik seiner geächteten jüdischen Komponisten-Kollegen Friedrich Hollaender und Hugo Hirsch auf. Seit Kriegsbeginn hielt er sich in Schweden auf, aber als ihn die Nationalsozialisten 1942 bei einer Zwischenlandung in Berlin in Deutschland zurückhielten, komponierte er weitere Filmmusiken für ihre Unterhaltungsproduktion.

1946 lernte er Evita Peron kennen und lieben und folgte ihr nach Argentinien. Nach ihrem Tod 1952 zog er nach Brasilien weiter, ununterbrochen eine fast unübersehbare Zahl von Filmmusiken komponierend. Nach Deutschland zurückgekehrt, verhalf er schließlich Zarah Leander, der bedeutendsten Schlagersängerin der Nationalsozialisten, mit zwei maßgeschneiderten Musicals zu ihrem Comeback.

Weniger spektakulär, aber deshalb insgesamt keineswegs erfolgloser verlief das Leben von Gerhard Winkler. Jahrelang arbeitete Winkler auf verschiedensten Feldern der Unterhaltungsmusik, dirigierte Kurorchester und Tanzkapellen, arrangierte für bekanntere Ensembles und komponierte in kürzester Frist die Musik zu Hunderten von Werbefilmen. Intensiv beschäftigte er sich auch mit den musikalischen Traditionen des Auslands, vor allem Italiens. In den Jahren 1936 bis 1940 verdichtete sich dies zu einer 15 Werke umfassenden Folge Klänge aus aller Welt, zu der unter anderem der Holländische Holzschuhtanz (1938) und der Portugiesische Fischertanz (1940) gehörten. Winkler pflegte jedoch nicht nur die orchestrale Unterhaltungsmusik, sondern auch den für das Tagesgeschäft zunehmend wichtigen Schlager. Zu seinen Interpreten zählte der Sänger Rudi Schuricke.

Die Kriegsjahre konnte Winkler als Organisator von Unterhaltungsprogrammen für die Wehrmacht hinter sich bringen. Als Komponist arbeitete er überwiegend mit dem Texter Ralph Maria Siegel zusammen, und es entstanden nicht nur die Capri- Fischer, Winklers wohl berühmtester Schlager, sondern auch das Casanova-Lied (Komm, Kasanova, küß mich, 1943), beide zunächst von Magda Hain interpretiert. Nach Kriegsende setzte Winkler seine Erfolgs-Kompositionen fort, unter anderem mit Skandal im Harem (1946/47). Zunehmend engagierte sich er sich auch in Fragen des musikalischen Urheberschutzes im Rahmen der dafür in Deutschland geschaffenen GEMA.

Konrad Dussel


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