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8.557782 - MUSIC FOR FLUTE AND PERCUSSION, Vol. 1 - PIAZZOLLA, A. / LYSIGHT, M. / WILDER, A. (Grauwels, Simard)
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Musik für Flöte und Perkussion
Piazzolla • Lysight • Wilder • Devreese • Abe • Young • Shankar

 

Nach zwanzig Jahren einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit Marie-Josée Simard, mit Tourneen in aller Welt, bin ich immer fester davon überzeugt, dass die eindrucksvollsten und überzeugendsten Stücke unseres Repertoires diejenigen sind, die uns gewidmet wurden oder die aus der Tradition der Volksmusik stammen. Wir laden Sie also zu einer musikalischen Entdeckungsreise ein, die mit Astor Piazzolla beginnt und mit Ravi Shankar endet.

Astor Piazzolla verbrachte seine Kindheit in New York, wo sein Vater Frisör war und wo er bei einem ungarischen Komponisten, der im gleichen Hause wohnte, Musikstunden bekam. Als Gegenleistung kochte Mutter Piazzolla für diesen mit. Astors musikalische Bildung hatte also zunächst nichts mit dem Tango zu tun. Seine Eltern zwangen ihn gegen seinen Willen, Bandoneon zu lernen. Er hätte lieber Harmonika gespielt. Später hat er provozierend bei Pressekonferenzen behauptet, er hasse den Tango. Wie dem auch sei, die Entdeckung des Tango verdankt er einem Konzert des Orchesters von Anibal Troilo, das er nach seiner Rückkehr nach Argentinien in Mar del Plata hört. Piazzolla gehört zu den ersten Komponisten, die einer im Verschwinden begriffenen Musikkategorie zu einer modernen Wiederbelebung verhalfen. Anfang der fünfziger Jahre kehrt er dem Tango als Tanz den Rücken und begibt sich nach Paris, um bei Nadia Boulanger Komposition zu studieren.

L’Histoire du Tango (die Geschichte des Tango), ursprünglich für Flöte und Gitarre geschrieben, wurde mir 1985 von Astor Piazzolla gewidmet. Die beiden Instrumente Flöte und Gitarre gehören untrennbar zu den Anfängen des Tango, der Ende des 19. Jahrhunderts zur Hintergrundmusik der Bordelle von Buones Aires geworden war. Als Piazzolla dieses Stück komponierte, hatten wir bereits gemeinsam überlegt, diese Komposition für Flöte und Marimba Vibraphon umzuschreiben. Piazzolla mochte beide Instrumente besonders gern. Er selbst hatte mit seinem Quintett und dem Vibraphonisten Gary Burton eine seiner insteressantesten Platteneinspielungen gemacht. Wir sind also besonders stolz, 20 Jahre später nun die Geschichte des Tango in einer Version für Flöte und Schlagwerk vorzustellen und damit vielleicht einen alten Traum Piazzollas zu verwirklichen.

L’Histoire du Tango beginnt mit Bordel 1900 : die ersten vier Noten werden von der Flöte ausgestossen und ahmen die Trillerpfeife der Polizei nach, auf der Razzia im Puff … Der Tangorhythmus ist angeregt und amüsant. Café 1930 spielt in einer anderen Zeit, wo man den Tango nicht mehr wie um die Jahrhundertwende tanzte, sondern ihn hörte. Der Tango gewinnt an Musikalität und wird romantischer. Night Club 1960 greift die Intensivierung der internationalen Beziehungen auf. Brasilien und Argentinien treffen in Buenos Aires aufeinander. In den Night Clubs wurden sowohl moderner Tango wie Bossa Nova gespielt. In Concert d’Aujourd’hui integriert die Komposition Piazollas zeitgenössische Musik. Wir finden hier Spuren der Musik Bartóks und Strawinskis, die die Moderne des 20. Jahrhunderts einleiteten.

Michel Lysight ist ein 1958 geborener, belgischkanadischer Komponist und Dirigent. Er ist Professor am Conservatoire Royal de Musique von Brüssel. Durch die Konfrontation mit der Musik Reichs, Adams’, Pärts und Góreckis entwickelt er seine eigene Musiksprache, er gilt als eine der Leitfiguren der belgischen postmodernen Strömung (« Nouvelle Musique Consonante »). Sein Werkverzeichnis umfasst etwa 50 Kompositionen.

Die zweisätzige Komposition Initiation für Flöte und Marimba wurde auf meine Veranlassung für das Duo geschrieben, das ich mit der kanadischen Schlagzeugerin Marie-Josée Simard gegründet habe. Die Variationen des ersten Satzes basieren auf einem harmonischen Ablauf von sieben Akkorden. Die Spannung steigt allmählich von einer Variation zur anderen, erst durch ein fast krankhaft langes Ostinato der Marimba, dann durch einen unglaublich dichten Kanon, der die ganze Virtuosität der Ausführenden erfordert. Während im zweiten Satz nur die C-Flöte verwendet wird, kommt für eine spannungsreiche klangliche Variationsbreite im ersten Satz auch die Alt-Flöte zum Einsatz. Der zweite Satz beginnt mit einem Ostinato von sieben Noten auf der Marimba, über dem die Flöte eine Melodie ausführt. Beide Elemente ziehen sich durch das ganze Stück, mit manchmal ganz plötzlichen Modulationen. Hier werden ausschliesslich Dreier-, Fünfer- und Siebener Takte verwendet. Beiden Sätzen ist gemeinsam, dass sie trotz eines sehr strengen Rhythmus sehr melodisch sind.

Alec Wilder verquickt in seiner Musik in einzigartiger Weise musikalische Elemente aus Jazz und amerikanischer Volksmusik mit der klassischen Form und Technik europäischer Musik. Frank Sinatra war einer der ersten Bewunderer der Musik Wilders und überzeugte Columbia Records, verschiedene Stücke Wilders für Bläser und Streicher unter seiner eigenen Leitung aufzunehmen, die 1945 in einem Album erschienen. Wilder und Sinatra wurden Freunde und Sinatra nahm im Laufe der Zeit noch viele populäre Kompositionen von Wilder auf. Wilder seinerseits schrieb immer häufiger Konzertstücke für Ensembles und Solisten mit Orchesterbegleitung, so das hier vorgestellte Stück Flute and Bongos no 1. Seine Musik ist voller Frische, Kraft und Stimmung.

Frédéric Devreese, 1929 in Amsterdam geboren, ist Dirigent und Komponist. Er schreibt Theater-, Orchester-, Kammer- und Chormusik, aber auch Klavierkonzerte, von denen das 4. zum Pflichtstück des Königin Elisabeth-Wettbewerbs 1983 gewählt wurde. Wahrscheinlich ist sein Name aber vor allem auch bekannt durch seine Filmmusik für André Delvaux, so für die Filme L’Homme au crâne rasé , Un soir, un train…,Rendez-vous à Bray, Belle, Benvenuta und L’oeuvre au Noir. Frédéric Devreese war auch Dirigent des belgischen Rundfunkorchesters und anderer Orchester in der ganzen Welt. Neben zahlreichen Einspielungen für die Plattenfirmen Marco Polo und Naxos gab Frédéric Devreese eine Anthologie der flämischen Musik heraus, die ihn 1996 und 1997 zum kulturellen Botschafter Flanderns machte. Die entzückende Miniatur Butterfly, die ursprünglich eine Musik der Fernsehserie Romance war, wurde auf meine Veranlassung von dem Komponisten für Flöte und Vibraphon umgeschrieben. Als Devreese Butterfly komponierte, hatte er gerade Puccinis Oper Madame Butterfly dirigiert und man hört sofort bei seiner Komposition die berühmteste Melodie dieser Oper heraus.

Keiko Abe ist nach dreissigjähriger Karriere als Komponistin und Solistin der internationale Durchbruch gelungen. Wer immer sie zum ersten Mal hört, ist erstaunt über die unglaubliche Klangvielfalt und die Nuancierungsmöglichkeiten einer modernen Marimba. Ihr verdankt das Instrument seine heutige Stellung als vollwertiges Soloinstrument, nicht nur, weil sie für die Marimba geschrieben hat, sondern weil sie dieses Instrument technisch so perfekt beherrscht. Wind in the Bamboo Grove deutet auf die enge Beziehung der Komponistin zur Natur hin und ist unglaublich facettenreich. Keiko Abe stützt sich auf Dinge, die sie gehört hat und auf ihre eigenen Erinnerungen.

Neugierde und Mut charakterisieren den musikalischen Werdegang von Karen Young, der Sängerin mit der aussergewöhnlichen Stimme, die ihre Lieder selbst textet und komponiert. Zunächst wurde sie bekannt als eine der Leitfiguren des Jazz in Quebec, aber sie interessierte sich auch für viele andere Musikgebiete. 1993 veranstaltete sie einen echten Musikmarathon, indem sie fünf Abende hintereinander verschiedene Musikformen interpretierte : Klassik, Jazz, Weltmusik, Country und Rock. Ihre Vielseitigkeit und ihre perfekte Sachkenntnis in den verschiedenen Bereichen ermöglichen es ihr, das Publikum mit ihren Kreationen im mittelalterlichen Stil bis hin zum ganz modernen Jazz zu begeistern. Was man weniger weiss, ist die Tatsache, dass sie auch Film- und Theatermusik schreibt. Migrating Monarchs ist das Thema des ersten Satzes der Ode to Nature. Die Inspiration holte sie sich bei einer Bootsfahrt an einem schönen Septembertag. Sie war mitten auf dem See und plötzlich sah sie einen Monarchschmetterling über dem Wasser schweben, dann noch einen, dann ganze Schwärme, die über dem Wasser hinglitten, gen Süden schwebten, jeder für sich auf seiner einsamen Reise. Das 2004 komponierte Werk ist Marie-Josée Simard und mir gewidmet.

Ravi Shankar wurde am 7. April 1920 in Benares geboren. Mit seinem Vater und seinem Bruder gründete er ein Ensemble, das 1930 Indien verliess und sich zunächst in Paris niederliess, um sich mit der europäischen Kultur vertraut zu machen. Als er 1938 nach Indien zurückkam, wurde sein Name langsam ein Begriff und er gab Konzerte beim indischen Rundfunk All-India. Ravi Shankar hat als Musiker zwei Seiten: als Interpret ist er klassisch, ja fast puristisch, als Komponist sprengt er die Grenzen des Möglichen. 1966 war für ihn ein entscheidendes Jahr: damals wurde George Harrison, einer der Beatles, sein Schüler. Durch diese Begegnung wurde Ravi Shankar weltweit bekannt. Damals kam die indische Kultur und Musik wirklich in Kontakt mit der westlichen Welt und Shankar wurde nicht nur ein Idol für klassische Musiker, sondern auch für die Hippies von Woodstock. Unsere Reise endet also mit ein paar magischen Momenten: The Enchanted Morning wurde ursprünglich von Shankar für Jean-Pierre Rampal als Werk für Flöte und Harfe geschrieben. Es stellt eine beispielhafte Symbiose von östlicher und westlicher Musiktradition dar. Es basiert auf der Raga Todi, einer Raga für die Morgendämmerung, beginnt ganz verhalten, wird immer stärker und endet in einem virtuosen Rausch beider Musiker.

Gute Reise!

Marc Grauwels
Übersetzung: Christine Gaspar

 


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