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8.557794 - KABALEVSKY: Piano Concerto No. 3 / RIMSKY-KORSAKOV: Piano Concerto
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Dmitrij Borisowitsch Kabalewsky (1904-1987)
Klavierkonzert Nr. 3 D-dur op. 50
Rhapsodie über das Thema des Liedes Schuljahre op. 75
Poem des Kampfes op. 12

Nikolai Andrejewitsch Rimsky-Korssakoff (1844-1908)
Klavierkonzert cis-moll op. 30

 

Der russische Komponist, Pianist Lehrer und Musikkritiker Dmitrij Borisowitsch Kabalewsky hat bedeutende Beiträge zur musikalischen Früherziehung geleistet. Viele seiner Lieder für Kinder wurden zu musikalischen Symbolen der Sowjetzeit. Mit dem 1952 entstandenen Klavierkonzert Nr. 3 D-dur op. 50 („der sowjetischen Jugend gewidmet“) vollendet sich nach dem Violinkonzert aus dem Jahre 1948 und dem Cellokonzert 1949 die Trilogie der Jugendkonzerte. Die Uraufführung fand 1953 im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums statt: Unter der Leitung des Komponisten spielten Vladimir Ashkenazy und die Moskauer Philharmoniker.

In diesem optimistischen, konfliktfreien Werk beschreibt Kabalewsky Szenen einer glücklichen Kindheit und Jugend unter der Sowjetherrschaft. Weil sich das Werk an junge Klavierspieler wendet, stellt es keine hohen technischen Ansprüche. Zudem ist seine musikalische Sprache stilistisch einfach, transparent und klar. Die verschiedenen melodischen Materialien reichen von liedhafter Lyrik bis zu stürmischen Marschthemen. Vieles ist nahe mit russischen Volksliedern verwandt, womit sich Kabalewsky in einigen Kreisen der sowjetischen Musikwissenschaft große Anerkennung erwarb.

Der erste Satz mit der Bezeichnung Allegro molto erinnert merklich an die prickelnde Ouvertüre zu der Oper Colas Breugnon, die Kabalewsky 1937 nach Romain Rolland geschrieben hatte. Dem quirlig-verspielten, optimistischen Hauptthema folgt ein Nebengedanke von lyrisch-gesanglichen Qualitäten – eine jener Weisen, die man schon nach dem ersten Hören nicht mehr vergisst. Die Durchführung wird ersetzt durch einen marschartigen Abschnitt, der deutlich einer entsprechenden Episode des Finales ähnelt und so zur Einheit des gesamten Werkes beiträgt. Der zweite Satz, Andante con moto, ist in seiner Stimmführung sparsam und transparent gehalten. Das erste Thema erinnert an ein ukrainisches Volkslied, und gegen Ende der ersten Hälfte exponiert der Komponist auf graziöse Weise als zweites Thema die Melodie seines Kinder- und Jugendliedes Unser Land, das als Lobgesang auf die glückliche, wolkenlose Kindheit russischer Bürger zu einem zentralen Stück der Sowjetzeit wurde. Das Finale beschreibt die fröhlich-enthusiastische Lebenseinstellung und optimistische Zukunftsperspektive der sowjetischen Jugendlichen in den fünfziger Jahren. Der Satz beginnt mit einem schäumenden und blitzenden Klavierpart, der so etwas wie ein Fest oder ein Spiel auf dem Jahrmarkt darstellen könnte. Die Marschrhythmen in dem die Durchführung vertretenden Mittelteil lassen an eine Jugendfeier, an fröhliche Kinderspiele und ein allgemeines Glücksgefühl denken.

Die Rhapsodie für Klavier und Orchester op. 75 entstand 1964 anlässlich eines Dmitrij Kabalewsky-Klavierwettbewerbs für junge Pianisten in Kuibishew. Das Stück ist den „jungen Musikern von Povolzh’ya gewidmet“ und überdies mit dem Epigraph versehen: „Nein, niemand wird je die Schuljahre vergessen.“ Es wurde am 29. März 1964 von den Wettbewerbsteilnehmern uraufgeführt. Der Komponist verwendet in dieser Rhapsodie, die aus Introduktion, zehn Variationen und Coda besteht, eine Melodie seines 1957 entstandenen Liedes Schuljahre, das seinerzeit zu den populärsten Sowjet-Liedern gehörte und die „goldene Kindheit sowjetischer Schüler“ besingt. Der Text mag zwar etwas idealisiert erscheinen, vermittelt aber keine eigentliche Sowjetideologie: Das Lied entstand nach Stalins Tod in der sogenannten „Tauwetter-Periode“.

Das Poem des Kampfes auf einen Text von A. Zharow war Kabalewskys erstes größeres Werk, wurde am 6. November 1931 uraufgeführt und vom All- Unions-Radio übertragen. In dieser Komposition zeichnet Kabalewsky die damals aktuelle Wirklichkeit nach. Die kraftvolle und energische Musik des einsätzigen Werkes präsentiert Fanfaren und Marschrhythmen und verlangt am Ende einen Chor, dessen Text von der Weltrevolution spricht:


Es ist ganz gleich: fünfundzwanzig oder zehn;
ob Gewitter toben im Oktober oder Mai;
es ist ganz gleich: bald werden wir
aus jedem Monat einen Oktober machen!
Heute tobt der Sturm,
im herbstlichen Kreis der Espenwälder,
ins aufgeregte und zornige Berlin.
Heute wird in Dresden Gewehrfeuer
von rostigen Hausdächern krachen, und morgen
stürmen wir nach Paris und Warschau.
Wir segeln von London nach New York
unter dem Banner der Stürme!
Doch dieser Kreis ist bald zu klein,
und wir werden uns nach Fernost wenden!
Wir wissen: bald wird jeder Monat
in einem andern Land Oktober werden!


Der Komponist und Lehrer Nikolai Andrejewitsch Rimsky-Korssakoff gehörte zu dem berühmten Mächtigen Häuflein. Berühmt wurde er vor allem durch seine Opern und symphonischen Werke sowie durch die Bearbeitung, Vervollständigung und Orchestrierung der Werke, die sein Freund und Kollege Modest Mussorgsky hinterlassen hatte. Sein eigenes Klavierkonzert cis-moll op. 30 aus dem Jahre 1882 ist insofern ungewöhnlich, als das pianistische Können des Komponisten nach Auffassung seiner Mitstreiter aus dem Mächtigen Häuflein nicht gerade brillant zu nennen war. Gleichwohl arbeitete Rimsky-Korssakoff an der Verbesserung seiner Technik und erreichte eine Fähigkeit auf dem Klavier, mit der seine Kollegen nicht gerechnet hätten – weshalb es für sie auch eine große Überraschung war, als er ein derart gelungenes Stück schuf, das einer seiner wichtigsten Beiträge zur Konzertgattung wurde. Das einsätzige Werk benutzt das Volkslied Sobiraytes’-ka, bratsï-rebyatyshki („Brüder, kommt zusammen“), den siebzehnten Titel aus Balakirews Vierzig russischen Volksliedern. Formal ähnelt es Balakirews Klavierfantasie Islamey und Liszts zweitem Klavierkonzert, enthält dabei aber auch die Charakteristika der Sonatenform und der freien symphonischen Variationen.

Nach Mussorgskys Tod im Jahre 1881 begann Rimsky-Korssakoff sogleich damit, dessen unvollen-dete Werke zu komplettieren und zu arrangieren. Während er im Sommer 1882 die Oper Chowanscht-schina instrumentierte, arbeitete er auch an seinem eigenen Klavierkonzert, das er im September seinem Mentor Mili Balakirew vorlegte, der sich sehr überrascht zeigte. Rimsky-Korssakoff schrieb in seiner Autobiographie, Balakirew habe mitnichten erwartet, „dass ich, der kein Pianist war, etwas so ganz und gar Pianistisches würde schreiben können.“ 1883 war die Partitur abgeschlossen, und am 27. Februar 1884 hob Balakirew das Konzert an der Freien Musikschule von St. Petersburg aus der Taufe. Am Klavier saß ein junger, talentierter und äußerst angesehener Pianist namens Nikolai Lawrow. In St. Petersburg galt das Werk „als exzellenter Versuch, den Geist der Volksmusik in diesen Repertoirebereich einzubringen, der am meisten von alter und müder Routine beeinträchtigt ist.“ Einer der Kritiker meinte, das Werk sei eine „symphonische Dichtung mit Klavier über Volksthemen.“ Für Rimsky-Korssakoffs Kollegen César Cui, ebenfalls ein Mitglied des Mächtigen Häufleins, war das Konzert „von Anfang bis Ende mitreißend.“ Er fühlte sich dabei an die „besten Stellen aus der Oper allem Chopin und Liszt und entdeckte die „Verschmelzung einer erstaunlichen Technik mit großer Begabung und sehr delikatem, feinen Geschmack.“ Demgegenüber war der angesehene Komponist, Pianist und Pädagoge Sergej Tanejew in Moskau beim ersten Hören nicht beeindruckt. Als der unerschütterliche Kontrapunktiker, der die altnieder-ländischen Komponisten und Mozart verehrte, jedoch herausfand, dass Rimsky-Korssakoff in dem Werk nur ein einziges Thema verwendet hatte, erwachte sein Interesse: Jetzt hörte er aufmerksam auf die kontrapunktischen Elemente und erklärte das Konzert zu einem „sehr talentvollen, interessanten Werk“. Tatsächlich hatte Rimsky- Korssakoff bei seiner Arbeit verschiedene kontrapunktische Techniken wie Fragmentierung, Umkehrung und Kanon benutzt.

Das Werk ist ein gelungener Versuch, die Gattung des Instrumentalkonzerts aus dem kreativen Blickwinkel des Mächtigen Häufleins zu sehen. Die Klarinette präsentiert das Originalthema in der langsamen Einleitung. Darauf folgt eine Reihe lebhafter polnischer und russischer Tänze, in denen sich das Hauptthema allmählich entwickelt. Das Andante in F-dur fungiert als zweites Thema oder Mittelteil der dreigliedrigen Komposition. Im Schlussabschnitt gibt es kontrastierende Episoden lyrischen bzw. rhythmischtanzhaften Charakters, und am Ende erinnert die Musik an die Coda aus Balakirews Orientalischer Fantasie. Das Ganze ist erfindungsreich und ausdrucksvoll gearbeitet, und das Klavier übernimmt oft die Rolle eines bildhaften Orchesterinstruments – wenn es etwa das Geläut von Kirchenglocken nachahmt oder in den psalterium-artigen Arpeggien des Andante spielt. Trotz dieses äußerst anschaulichen und ornamentalen Stils flüchtet sich der Komponist jedoch nirgends in eine Virtuosität, die nur dem technischen Schauspiel des Solisten diente.

Anastasia Belina
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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