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8.557799 - CORELLI: Violin Sonatas Nos. 7-12, Op. 5
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Arcangelo Corelli (1653–1713)
Violinsonaten, op. 5, Nr. 7–12

 

„Es ist wunderbar zu beobachten, wie alle mit Corelli herumkratzen – alle mögen nur noch Corelli... Es verwundert nicht, dass der große Meister, nachdem er sein Instrument hatte sprechen lassen, als sei es die menschliche Stimme, seine Schüler fragte: Non udite lo parlare? [Hört ihr es nicht sprechen?].“ Das schrieb Roger North, ein Freund Purcells, passionierter Amateurmusiker und angesehener Musikschriftsteller, über die außerordentliche Popularität Corellis selbst im entlegenen England. Und keine von dessen zahlreichen Publikationen war so populär wie seine einzige Folge von Sonaten für Solovioline und Continuo. Dieses Opus wurde am 1. Januar 1700 der außergewöhnlich musikalischen Kurfürstin Sophie Charlotte von Brandenburg gewidmet; sie dirigierte Opern von zwei Mietke-Cembalos aus, die heute noch im Schloss Charlottenburg in Berlin erhalten sind.

Diese CD setzt Naxos 8.557165 mit den Sonaten op. 5, Nr. 1–6 und biographischen Anmerkungen von Keith Anderson fort. Die Sonaten 7 bis 12 unterscheiden sich stark von der ersten Folge; sie haben als Seconda Parte auch eine eigene Titelseite. Es handelt sich größtenteils um Sonate da camera, während die erste Gruppe Sonate da chiesa sind. Diese Kategorien Corellis, abstrakte Formen mit Fugen in letzterer und Tänzen in ersterer, beginnen in op. 5 allerdings bereits zu verschmelzen und lösen sich alsbald gänzlich auf. Die Preludii und Adagios unserer Sonaten sind von jenen der ersten Gruppe nicht zu unterscheiden und rufen nach der gleichen üppigen Ornamentierung, wie sie der Amsterdamer Verleger Roger in seinem Reprint der ersten sechs Sonaten von 1710 als Corellis eigene präsentierte. An dieser Behauptung sind Zweifel geäußert worden, doch räumte Roger sie aus, indem er Passanten aufforderte, an seinem Geschäft innezuhalten und das Manuskript des Komponisten in Augenschein zu nehmen.

François Fernandez' Ornamente orientieren sich folglich an Corelli wie auch an anderen Ornamentierungen der ersten sechs Sonaten aus dem 18. Jahrhundert. Für die Sonata IX in A-Dur indessen existiert eine komplette Folge von Ornamenten des Corelli-Schülers Francesco Geminiani (getauft 1687–1762) einschließlich ornamentierter – man könnte auch sagen neu komponierter – Wiederholungen für die zwei langsamen Sätze. Das erinnert an C. P. E. Bachs (1714–1788) Vorwort zu seinen Sonaten mit veränderten Reprisen : „Das verändern beym wiederholen ist heut zu Tage unentbehrlich. Man erwartet solches von jedem Ausführer … Man will beynahe jeden Gedanken in der Wiederholung verändert wissen.“ Das war 1760, und so fühlten wir uns berechtigt, bei den anderen langsamen Sätzen ebenso zu verfahren.

Hörer mögen sich fragen, warum kein Cello in der Basslinie mitspielt. Es gibt eine Kontroverse darüber, ob dies „authentisch“ ist oder nicht. Die Titelseite benennt für die Begleitung violone ò cimbalo – einige deuten das als entweder/oder, andere als sowohl/als auch. Ich zum Beispiel meine, dass es unverzeihlich wäre, mit einer reinen Cello-Begleitung auf Corellis hinreißende Harmonien zu verzichten. Cembalo und Cello zusammen stärken die Basslinie; Cembalo allein hat den Vorzug größerer Klarheit, insbesondere, wenn ein zweimanualiges Instrument benutzt wird. Hörern, die meiner Entscheidung für ein zweimanualiges flämisches anstelle eines traditionellen einmanualigen italienischen Cembalos widersprechen, würde ich sagen, dass die Italiener Cembali mit zwei Manualen bis 1700 bauten, Instrumente aus dem Norden in Rom jedoch nicht unbekannt waren. Schon in Girolamo Frescobaldis (1583–1643) Tagen wurde ein Cembalo aus Antwerpen „das Wunder der Stadt“ genannt. Das ganze Problem könnte aus den aufwändigen und kleinen Druckauflagen von Kupferstichen resultieren. Es war eben nicht praktikabel, einen separaten Bass-Part zu drucken, wie man es früher beim Typensatz-Druck gemacht hatte.

Wir haben uns für den Kammerton a' mit 400 Hz entschieden – fast einen ganzen Ton unter der modernen Tonlage. Das versetzt uns in den Stimmumfang der römischen Tonlage in Corellis Ära und scheint der Guarneri von François Fernandez kongenial zu sein. Unsere Stimmung ist die des Paduaner Theoretikers Valotti, leicht modifiziert für die zwei Sonaten in E.

Die Sonata VII in d-Moll beginnt ungewöhnlich mit einem Vivace-Preludio, einem wirklichen Dialog zwischen Solo und Bass. Eine lebhafte italienische Corrente, eine langsame Sarabanda, die zu ausgiebiger Ornamentierung einlädt, und eine teilweise brillante Giga vervollständigen diese typische Sonata da camera.

Die Sonata VIII in der schwermütigen Tonart e-Moll hat ein üblicheres langsames Preludio, wenn auch nur Largo und nicht Adagio, welch letzteres seinerzeit das langsamere von beiden war. Beide Hälften dieses 3/4-Satzes beginnen mit einem Canon zwischen Solo und Bass. Es folgen eine Allemanda, eine Sarabanda mit einem andante-typischen Bass und eine ziemlich traurige Giga.

Für die Sonata IX in A-Dur haben wir Geminianis Ornamentierung verwendet, wie oben dargelegt, einschließlich der vollständig veränderten Wiederholungen in den langsamen Sätzen. Die Tonart der Liebesduette in zeitgenössischen italienischen Opern vermittelt dieser Sonate etwas von deren Glut, nur kurz unterbrochen von einem Adagio im parallelen fis-Moll. Das Tempo di gavotte, ein brillantes Allegro alla breve, ist eine Mischform aus binärer und Rondo-Form.

Ein freundliches F-Dur, die Tonart der Sonata X, verleiht seine pastorale Fülle einem der schönsten Adagios von Corelli. Allemanda, Gavotta und Giga atmen ebenfalls den Geist ländlicher Heiterkeit. Die lichte, liebliche Sarabanda ist nur eine Pause zum Atemholen. Diese Sonate ist die einzige ohne einen Satz in einer Moll-Tonart.

Die Sonata XI erweitert die Grenzen von Corellis tonaler Welt durch ein harsches E-Dur; in den Figuren der Continuo-Spieler kommen Doppelkreuze zur Anwendung. Die einzige Hinwendung zur Sonata da camera erfolgt im Finalsatz – eine humorvolle Gavotta; alle anderen Sätze entspringen direkt der Sonata da chiesa, vor allen das vorletzte Vivace, ein dicht fugiertes kontrapunktisches Meisterstück.

Eine zwölfte Sonate gibt es nicht. Die Nummer XII ist überschrieben mit Follia – es handelt sich um eine Folge von 22 Variationen über die gleichnamige Tanzmelodie, die aus dem Portugal des 15. Jahrhunderts stammt und sich im gesamten Barock großer Beliebtheit erfreute. Die „Tollheit“, die der Titel impliziert, soll die wilde Stimmung der Tänzer widerspiegeln; Corelli führt noch ein Stück weiter in ein Stadium allgemeiner Umnachtung hinein. Geminiani bezeichnet Corellis Variationen in einer seiner Abhandlungen als das ultimative Werk der Violinliteratur und sagt: „Ich hatte das Vergnügen, mit ihm selbst über dieses Stück zu diskutieren, wobei er betonte, welche Befriedigung ihm das Komponieren verschafft habe und welchen Wert er ihm beimesse.“

Glen Wilson
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 


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