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8.557807 - BARRIOS MANGORE: Guitar Music, Vol. 3
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Agustín Barrios Mangoré (1885–1944)
Gitarrenmusik, Folge 3

 

Agustín Pio Barrios (das Mangoré kam später hinzu) wurde 1885 in Paraguay geboren. Mit sieben Jahren begann er, auf der Gitarre seines Vaters zu spielen. In der Hauptstadt Asunción studierte er Gitarre und die Grundlagen der Musik. Als Mittzwanziger besuchte er Buenos Aires, und damit begannen seine ausgedehnten Reisen durch Lateinamerika. Er betrat die Welt nun allerdings nicht als voll und akademisch ausgebildeter Künstler; vielmehr arbeitete er viele Jahre als Musiker in Kinos, Theatern, Cafés und mit verschiedenen privaten Arbeiten – wie es Gitarristen auch heute noch tun, um einen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen.

Während Barrios zu Lebzeiten in ganz Lateinamerika berühmt wurde, fand er in Europa erst in den siebziger Jahren Anerkennung – eine Generation nach seinem Tode im Jahre 1944. Als er 1936 nach Belgien, Deutschland und Spanien gekommen war, brach gerade der spanische Bürgerkrieg aus: Es hätte keine ungünstigere Zeit zum Besuch dieses Landes geben können, das sonst der Gitarre so aufgeschlossen gegenüberstand. Da es für ihn keinerlei berufliche Aussichten gab und er zudem die wachsende Gefahr spürte, ging er nach Südamerika zurück, wo die Wurzeln seiner Kunst lagen und er sich zuhause fühlte.

Es hat womöglich keinen anderen Gitarristen seines Formats gegeben, der so wenig über die musikalischen Hauptströmungen der Zeit wusste wie er – oder besser: sie so sehr ignorierte. Die Musik, mit der sich Barrios während seiner Jugend beschäftigt hatte, endete mit der Romantik. Was darüber hinaus in der westlichen Musik geschah, hatte hauptsächlich mit der Harmonik zu tun, und dessen bedurfte er nicht: Für ihn war die traditionelle Musik seiner Heimat Paraguay und der andern südamerikanischen Länder mit ihrem starken rhythmischen Element eine enorme Schatzkammer. Seine überragende Fähigkeit, faszinierende Werke für die Gitarre zu schaffen, tat ein Übriges.

Man sollte daran erinnern, dass der Beruf des ausübenden Musikers für Barrios bedeutete, sein Publikum zu unterhalten, und das wiederum hieß, maxixe und milonga, pericón und polka, cueca und zamba und andere Tänze und Lieder aus dem reichen volksmusikalischen Erbe Südamerikas zu spielen. Von Anfang an bildeten seine eigenen Kompositionen einen großen Teil seines Konzertrepertoires, und er konnte feststellen, dass diese Stücke mit nichts als der aus der Tradition übernommenen Musik verzauberten und anrührten. Als er später mehr über die europäische Musik lernte, erweiterte er seine Programme noch einmal, und zwar sowohl um Originalwerke von Sor, Tárrega, Malats, Turina, Coste und Giuliani, als auch um Arrangements nach Bach, Mozart, Schumann, Schubert, Donizetti, Mendelssohn, Verdi und anderen.

In einer Phase seines Wirkens machte Barrios für sich Reklame, indem er sich als den „Paganini der Gitarre aus den Urwäldern Paraguays“ bezeichnete. Damals hängte er den Guaraní-Namen Mangoré seinem eigenen an. Ferner ging er dazu über, sich in der ersten Hälfte seiner Konzerte mit einem indianischen Kopfschmuck zu präsentieren, wohingegen er in der zweiten Hälfte einen europäisch geschnittenen Abendanzug trug. Nach den Worten eines Bekannten benutzte er 1936 weder den Guaraní-Kopfschmuck noch den Namen Mangoré.

Barrios fand großen Gefallen an Schallplatten-aufnahmen, was dazu führte, dass er seine Kunst schon früh konservierte. Er war einer der ersten klassischen Gitarristen, die sich die raschen Verbesserungen der Aufnahmetechnik zunutze machten, und schon 1913 brachte er Platten auf den Labels Artigas und Atlanta heraus. Dabei handelte es sich um akustische Aufnahmen. Dieses frühe System konnte zwar zur menschlichen Stimme erstaunlich nett sein, hielt aber den Klang der Gitarre nicht eben naturgetreu fest. Die zahlreichen Odeon-Platten der späteren Jahre wurden elektrisch aufgenommen und sind viel besser. Alle Dokumente sind von enormem Wert – nicht nur, weil sie Einblicke in Barrios' Spiel geben, sondern auch, weil nicht jedes Stück in einer spielbaren Fassung veröffentlicht wurde. Das Problem besteht darin, dass Barrios dem Vernehmen nach kein Stück zweimal auf dieselbe Weise gespielt hat – womit der Begriff „definitiv“ noch weniger aussagt als sonst. Was wir besitzen, ist freilich mehr als genug, um uns zu verraten, wer Agustín Barrios war: ein einzigartiger, brillanter Gitarrist mit einem starken kreativen Antrieb, der aufgrund seiner großen Produktivität ein bezauberndes, äußerst poetisches OEuvre hinterließ. Das Spektrum und die Genauigkeit der modernen Aufnahmetechnik unterstreichen diese Qualitäten, und so hat Agustín Barrios Mangoré nie eine größere Reputation genossen als heute.

Sehr groß ist das kompositorische Spektrum, in dem sich Barrios bewegte. Immer konnte er darüber staunen, was sich auf der Gitarre realisieren ließ; allerdings hat er die naiven Experimente der frühen Jahren (wo er unter anderem versuchte, ein Violoncello zu imitieren) bald zugunsten überlegterer Arbeiten aufgegeben, in die er spanische, uruguayische und andere Nationalstile integrierte.

Eine beträchtliche Anzahl seiner Etüden dienten technischen Zwecken; gleichwohl enthalten sie oft einige Phrasen oder Passagen, deren Erfindung das jeweilige Stück über das Gewöhnliche erhebt. Viele Stücke entstanden als Tribut für Freunde und Kollegen – Fabiniana beispielsweise ist als eine „Improvisation in Erinnerung an Eduardo Fabini“ bezeichnet. Bewusster Fabini war ein berühmter Geiger und Komponist aus Uruguay, der mit Barrios gemeinsam auf dem Konzertpodium stand. Bei dem Medallon Antiguo (Altes Medaillon) handelt es sich um das Schmuckstück einer Opernsängerin aus Buenos Aires, in die sich Barrios verliebt hatte. Die ersten drei Töne sollen aus einem Lied von Pergolesi stammen, das sie sang. País de Abanico könnte „Land des Fächers“ bedeuten, doch das Wort país bezeichnet auch den Stoff eines Fächers. Der Tango Don Pérez Freire trägt den Namen des volkstümlichen chilenischen Komponisten Osmán Pérez Freire’.

Folkloristisches wie das unvergesslich schöne Caazapá nahm in Barrios' Repertoire einen großen, wichtigen Teil ein. Selbst wenn ein Stück auf einer traditionellen Melodie basiert, so erklären die Poesie und Emotion, die der Komponist in einigen wenigen Zeilen unterbrachte, weshalb ein Publikum, das sich auf die Ausdrucksmöglichkeiten der Gitarre eingestimmt hat, seine Musik so sehr bewundert. Was Agustín Barrios geschrieben hat, lässt sich auf andere Instrumente nicht übertragen, und so lange es fähige Gitarristen gibt, die seine Werke spielen, besteht auch kein ersichtlicher Grund dafür, warum man es versuchen sollte.

Einige seiner umfangreicheren Kompositionen (die auf diesem Album, wo das längste Stück kaum viereinhalb Minuten dauert, nicht berücksichtigt sind) zeigen Barrios von seiner tiefgründigeren Seite. Hier findet man eine persönliche Philosophie, ein Element des Mythischen und des Romantischen, ja sogar des Religiösen, das freilich nicht im offiziellen Sinne zu verstehen ist: Darin ging es um den Dienst an der Kunst, nicht um die Verehrung Gottes. Die kleineren Werke jedoch, selbst die Bearbeitung populärer Tänze und Lieder, verraten einen Anflug des Genialen, das die Kreationen über bloße Verzauberung und angenehme Unterhaltung erhebt. Diese einzigartige Qualität aber, die sich mit der meisterhaften Beherrschung des Instruments und der Fähigkeit verband, jeglichen technischen Aspekt zu erkunden – das ist es, was ihn in die erste Reihe der Komponisten stellt, die je für Gitarre geschrieben haben.

Colin Cooper

Biographische Informationen verdanke ich Richard D. Stovers Buch Six Silver Moonbeams. Es ist dies eine wichtige Lektüre für alle, die mehr über die faszinierende und komplexe Persönlichkeit Agustín Barrios Mangorés wissen wollen.

 

Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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